Plasma und die Plasmoiden – was wie ein Bandname aus den 50er Jahren klingt, sorgt auf dem KDE-Desktop für neuen Schwung. Die Desktop-Bewohner bringen teils nützliche, teils hübsche Spielereien mit. Sie holen Daten aus dem Internet, aber auch vom lokalen Rechner, und präsentieren diese grafisch aufgehübscht in halbtransparenten Widgets (Abbildung 1). Dabei kann es sich ebenso um die Auslastung der CPU handeln, wie um die aktuelle Wettervorhersage von einer einschlägigen Webseite.
Diese so genannten Plasmoids, die unter KDE 4 den Desktop bevölkern, stammen nicht aus dem leeren Raum. Superkaramba hieß unter KDE 3 ein Versuch, dem geneigten Nutzer mit visuellen Spielereien den Desktop schmackhaft zu machen. Das gelang nur halb. Die Applets von Superkaramba (Abbildung 2) brachten Transparenz mit, verpackten ebenfalls Daten in einer hübschen Hülle und legten sie auf dem Desktop ab. Doch in der Praxis erwiesen sich die kleinen Racker meist als recht träge: Einige von ihnen starteten einfach nicht, andere verabschiedeten sich regelmäßig und rissen den Desktop im schlimmsten Fall mit in den Abgrund.
Doch die Idee war gut. Also nahmen die Entwickler mit KDE 4 einen neuen Anlauf, den Desktop optisch aufzuwerten. Die grafischen Effekte sind Hingucker und verschaffen dem Desktop die gewünschte Aufmerksamkeit.
Die visuellen Effekte setzen bei KDE 4 allerdings auf ein neues Konzept – auf Plasma. Die gleichnamige Bibliothek kontrolliert sämtliche Komponenten des Desktops – das Hintergrundbild, die Leisten, das Startmenü und die Icons. Die einzelnen Komponenten, die Plasma zusammenhält, heißen Plasmoids. Letztlich besteht der KDE-4-Desktop also aus einer handvoll Plasmoids – Plasma verwaltet diese bunte Truppe. Alternativ nennen Entwickler die Plasmoids gern auch Widgets (in Anlehnung an die Dashboard Widgets von Mac OS X), eine eindeutige Terminologie fehlt offenbar noch.
Nach dem Start von KDE 4 sieht der Plasma-Desktop so aus, wie Sie es gewohnt sind. Er bringt eine Fußleiste, Desktop-Icons und ein klassisches Startmenü mit. Nun können Sie ihn verändern, neue Plasmoids hinzufügen und vorhandene den eigenen Bedürfnissen anpassen.
In Version 4.0.1 von KDE erledigen die Plasmoids noch recht simple Aufgaben. Sie zeigen Bilder aus einem bestimmten Verzeichnis an, prüfen den Ladezustand der Laptop-Batterie und laden aktuelle Comicstrips auf den Desktop. Doch ab KDE 4.1 laufen voraussichtlich auch Komponenten von komplexeren Anwendungen wie Amarok 2 in den Plasmoids (Abbildung 3).
Plasmoids lassen sich manipulieren. Das ist nichts Neues – Icons lassen sich auch unter KDE 3 über den Desktop schieben. Plasmoids können Sie jedoch auch vergrößern – ohne am Ende pixelige Riesen-Icons zu erhalten. Die integrierten Grafiken nutzen das Vektorgrafikformat.svg – solche Bilder lassen sich ohne Qualitätseinbußen beliebig vergrößern und verkleinern. Zudem ist es möglich, die Icons und sämtliche anderen Widgets zu drehen. Der auf dem Desktop angezeigte RSS-Feed kann also auch von links oben nach rechts unten laufen (Abbildung 4). Plasmoids können auch miteinander interagieren. So ist es möglich, ein Bild aus dem Dateimanager Dolphin per Drag & Drop auf den Desktop zu ziehen. Plasma bettet das Bild dann automatisch in ein Plasmoid ein. Alternativ schieben Sie dieses Plasmoid von der Auswahlliste in die Taskleiste oder von dort auf den Hintergrund.
Noch befinden sich die Plasmoids "under heavy development" – in heftiger Entwicklung – doch bereits jetzt lassen sich Plasmas Vorboten in Aktion erleben. Sie erscheinen gleich nach dem Start: Die Icons auf dem Desktop sind Plasmoids einfachster Sorte, die jeweils ein schwarzer abgerundeter Rand umgibt (Abbildung 5). Berühren Sie die Icons mit der Maus, kristallisiert sich ein transparenter Rand heraus, der das jeweilige Plasmoid vom Hintergrund abhebt. Gewöhnlich erscheinen dabei auch vier verschiedene Icons. Ein rotes Kreuz, um das Icon vom Desktop zu entfernen, ein Schraubenschlüssel, über den Sie die Einstellungen für das Icon ändern, ein weißes Fadenkreuz, um das Icon zu vergrößern und schließlich ein blauer Pfeil, über den Sie das Icon drehen.
Um die Effekte anzuwenden, drücken Sie jeweils auf das entsprechende Symbol und bewegen die Maus, wobei Sie die linke Maustaste gedrückt halten. Lassen Sie die Taste los, erstarrt die Figur in der gewählten Position. Um ein Plasmoid zu bewegen, genügt es, mit der linken Maustaste auf das Icon zu klicken und es über den Desktop zu schieben. Ein Rechtsklick auf das Symbol ruft hingegen ein Kontextmenü auf den Plan. Über das erreichen Sie die Einstellungen ebenfalls, allerdings können Sie es darüber nicht drehen und vergrößern. Das Kontextmenü kennen Sie in dieser Form bereits von KDE 3, es zeigt die Eigenschaften einer Datei an. Dazu gehören die Zugriffsrechte, der Name, der Pfad zur Datei, wann sie geändert wurde und der letzte Zugriff darauf.
Haben Sie die Plasmoids gerade hübsch arrangiert, wollen Sie sicherlich nicht, dass die kleinen Racker durch unbedachte Mausklicks wieder verrutschen. Um das zu verhindern, klicken Sie auf eine freie Stelle auf dem Desktop und wählen aus dem sich öffnenden Kontextmenü den Eintrag Miniprogramme sperren. Berühren Sie die Icons nun mit der Maus, lassen sie sich nicht mehr verschieben. Zudem erscheinen auch die oben erwähnten Knöpfe zum Verschieben und Rotieren nicht mehr.
Die Fußleiste – die unter KDE 4.0.1 auf englisch Panel heißt – verändern Sie auf andere Weise. Zwar handelt es sich bei dieser ebenso um ein Plasmoid, das reagiert aber nicht so, wie die anderen Desktop-Bewohner. Sie können es nicht rotieren, verschieben oder vergrößern – jedenfalls nicht mit gedrückter Maustaste. Klicken Sie indes mit der rechten Maustaste auf den schwarzen Balken und wählen Configure Panel, öffnet sich ein Fenster (Abbildung 6), über das Sie die Fußleiste verändern. Die Auswahlmöglichkeiten bezüglich der Größe tauchen leider nur in englischer Sprache auf – von Large (Groß) bis Tiny(Klein). Insgesamt herrscht auf dem KDE-4-Desktop zum Teil noch ein wirres Gemisch aus Englisch und Deutsch. Über einen Schieberegler passen Sie die Breite der Leiste auch manuell an. Über den Punkt Adresse docken Sie die Leiste auf Wunsch in einer anderen Himmelsrichtung des Desktops an, also oben, rechts oder links .
Auch wenn noch keine vollwertigen Anwendungen in den Plasmoids laufen, die bereits vorhandenen Helfer erleichtern dem Anwender bereits jetzt das Leben – wir stellen ein paar von ihnen vor. Vorher müssen Sie aber noch wissen, wie Sie die Plasmoids auf den Desktop zaubern.
Erscheint das Widget auf dem Desktop, erhält es in der Auswahlliste zugleich ein rotes Minuszeichen. Klicken Sie auf dieses, verschwindet das Plasmoid wieder.
Schieben Sie die Helfer auf dem Desktop herum, werden Sie mitunter ein Ruckeln feststellen: Damit sich die grafisch recht aufwändigen Widgets flüssig über den Desktop bewegen, aktivieren Sie zusätzlich die 3D-Beschleunigung für Ihre Grafikkarte (siehe Kasten 3D-Beschleunigung aktivieren).
3D-Beschleunigung aktivieren
Der Artikel bietet leider nicht den Platz, um ausführlich zu erklären, wie Sie die 3D-Beschleunigung aktivieren, das erledigen jedoch andere Artikel, etwa hier [1] und hier [2]. Zudem können Sie ohne Weiteres überprüfen, ob Ihre Grafikkarte bereits mit der Beschleunigung läuft. Dafür öffnen Sie mit [Alt]+[F2] ein Schnellstartfenster, geben konsole und dann den Befehl glxinfo | grep render. Steht in der Ausgabe direct rendering: Yes, läuft Ihre Grafikkarte bereits 3D-beschleunigt.
Zu den nützlichen Widgets gehört unter anderem ein Batteriemonitor, der als Battery Monitor in der Widget-Liste auftaucht. So ein Monitor ist sinnvoll, wenn Sie ein Notebook einsetzen. In den Einstellungen legen Sie fest, ob Sie den Hintergrund des Plasmoids immer sehen wollen. Entfernen Sie das Häkchen Hintergrund immer anzeigen, klebt nur ein Blitz auf dem Desktop, der die Lebensdauer der Batterie in Prozent anzeigt. Zudem können Sie zwischen zwei verschiedenen Designs wählen: Oxygen (das sind die neuen Icons von KDE 4) oder Klassisches Design.
Bei KGet handelt es sich um den Downloadmanager von KDE, der Ihnen insbesondere beim Herunterladen großer Dateien hilft. Bricht der Download ab, setzen Sie ihn dank des Tools später fort. Liegt das KGet-Icon auf dem Desktop, prüft es, ob KGet bereits läuft. Andernfalls klicken Sie auf den Knopf Launch KGet, um den Manager zu starten, der im Hintergrund seinen Dienst verrichtet. Erstens erscheint nun ein Fenster mit der Oberfläche von KGet, zusätzlich "fällt" ein kleines Icon von der Oberseite des Desktops und pendelt einige Male rauf und runter, bis es zur Ruhe kommt.
Rufen Sie nun im Konqueror eine Webseite auf, ziehen Sie beliebige Download-Links per Drag & Drop auf das Icon, um den Download zu starten. Ein auf Hochglanz poliertes KGet-Widget zeigt Ihnen, wie es um den Download steht (Abbildung 9). Abbrechen oder anhalten können Sie das Herunterladen allerdings nur, wenn Sie wieder auf das kleine Icon mit der Festplatte klicken und so die konventionelle KGet-Oberfläche aufrufen. Wählen Sie den entsprechenden Download und klicken Sie auf Anhalten.
Neuigkeiten aus der gesamten Welt: Das News Ticker Plasmoid (Abbildung 4) bringt Sie direkt auf den KDE-4-Desktop. Um einzustellen, von welchen Seiten Sie RSS-Feeds abonnieren möchten, bewegen Sie die Maus über das Icon und klicken auf den Schraubenschlüssel. Ein kleines Fenster mit zwei Reitern öffnet sich, über das Sie Ihre Neuigkeitenmaschine einrichten. Im Register Erscheinungsbild stellen Sie Schriftgröße, -farbe und -art ein sowie die Richtung, in der sich der Text innerhalb des Ticker-Feldes bewegt. Im Register Nachrichtenquellen-Zugang wählen Sie aus, von welchen Webseiten Sie zukünftig Nachrichten beziehen wollen und wie oft der Ticker den Server der Webseite nach Neuigkeiten fragt. Wählen Sie den Intervall zu kurz, belastet das eventuell Ihr Netzwerk unnötig, eine Taktfrequenz von 30 Minuten genügt gewöhnlich.
Wer gern seine Küchenmöbel mit gelben Notizzetteln malträtiert, wird auch diese Erfindung lieben: Das Notizen-Plasmoid (Abbildung 10) ist gelb und klebt wie ein Notizzettel auf dem Desktop. Darauf tippen Sie Nachrichten und kurze Gedanken. Starten Sie den Rechner neu, tauchen auch die kleinen Helfer wieder auf. Die Möglichkeiten der Konfiguration sind recht begrenzt. Schriftfarbe, Schriftart und die Größe des Notizzettels lassen sich auswählen – mehr Luxus muss nicht sein.
In eine ähnlich einfache Kerbe haut das Plasmoid Picture Frame (Bilderrahmen). Es bietet einen Rahmen für Fotos an, in das Sie Bilder von der Festplatte anzeigen lassen (Abbildung 4). Entweder wählen Sie einzelne Fotos aus, oder veranstalten mit einer Fotosammlung eine Diashow. Die Größe des Rahmens bestimmen Sie selbst – automatisch passt das Plasmoid lediglich die Seitenverhältnisse an. Auch die Wechselfrequenz legen Sie fest.
Last but not least helfen Ihnen Wörterbücher, den mit fremdsprachlichen Vokabeln gespickten Alltag zu meistern. In das Wörterbuch-Plasmoid geben Sie einfach ein Wort ein, etwa Haus und drücken [Eingabe]. Das Applet durchforstet nun Datenbanken nach passenden Treffern. Standardmäßig sucht das Applet noch nach englischen Begriffen und erklärt sie in englischer Sprache. Das lässt sich momentan nicht ändern, in Zukunft dürfte es sicher auch in anderen Sprachen funktionieren.
Plasmoids treten nicht die Nachfolge von Superkaramba an, sondern sie lösen diese ab. Sie werten den Desktop dabei nicht nur optisch, sondern auch funktional auf. Beachten Sie aber auch hier: Die Technologie steckt noch in den Kinderschuhen. Nicht alle Plasmoids bringen bereits den vollen Funktionsumfang mit. Auch der Desktop wird wohl erst in der Version KDE 4.1 dem entsprechen, was sich die KDE-Entwickler ursprünglich vorgestellt haben. Die Integration von Anwendungen in Plasmoids stellt die ganze Technologie dann qualitativ noch einmal auf eine neue Stufe. So ließ sich etwa auf der Cebit ein Vokabeltrainer-Plasmoid bewundern, über das Sie während der Bildschirmarbeit Vokabeln trainieren können. Es bleibt also spannend.
Glossar
Vektorgrafikformat
Sämtliche Elemente der Grafiken lassen sich dabei mit Hilfe mathematischer Vektoren darstellen. Im Gegensatz zu Pixelbildern lassen sich diese Grafiken beliebig vergrößern und verkleinern. Sie ändern dabei einfach die zugrunde liegenden mathematischen Formel ein wenig.
RSS-Feeds
Um Neuigkeiten von einer Webseite abzuholen, muss man diese nicht unbedingt im Browser aufrufen – vorausgesetzt die Seite bietet einen RSS-Feed an. In diesem Fall verpackt sie die Schlagzeilen der News in einer kleinen Datei zusammen mit einem Link zum kompletten Text. Ein Feed-Reader lädt diese RSS-Feeds von diversen News-Seiten herunter, wenn sie neue Einträge enthalten. So erfahren Sie schnell und einfach von Updates auf einer Webseite.
[1] 3D-Beschleunigung aktivieren: Mirko Dölle: Drei mal drei, EasyLinux 12/04, S. 76ff., http://www.easylinux.de/2004/12/076-3d
[2] Älterer Artikel in der Schwesternzeitschrift LinuxUser: Mirko Dölle: Eins, zwei, drei!, LinuxUser 06/01, S. 46ff., http://www.linux-user.de/ausgabe/2001/06/046-3d-karten/3d-karten.html