Neue und alte KDE-4-Programme

Aus EasyLinux 02/2008

Neue und alte KDE-4-Programme

Auf halbem Weg

Bis KDE 4 die bewährte 3.5.x-Serie komplett ersetzen kann, müssen die Entwickler noch einige Steine bewegen. Doch viele Programme sind bereits fertig. Dieser Artikel stellt Ihnen die wichtigsten darunter vor und zeigt, was sich gegenüber KDE 3 geändert hat.

Um das Wichtigste vorwegzunehmen: Für die tägliche Arbeit eignet sich KDE 4.0 noch nicht. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass eine der wichtigsten Komponenten – die KDE-PIM-Suite Kontact – noch nicht auf KDE 4 portiert ist (siehe Kasten “KMail & Co.”). Mit Version 4.0.1 steht aber erstmals eine brauchbare Testumgebung des neuen KDE-Desktops bereit, die auch weniger erfahrene Benutzer problemlos ausprobieren können.

KMail & Co.

Für KDE 4 haben sich die Entwickler von Kontact, der Personal Information Management Suite von KDE 4, sehr viel vorgenommen. Nicht nur die einzelnen Anwendungen sollen überarbeitet und auf Qt 4 portiert werden, sondern ein gemeinsames Backend – Akonadi – soll dafür sorgen, dass KMail, KOrganizer, das KDE-Adressbuch und viele weitere PIM-Anwendungen auf dieselbe Datenbasis zugreifen. Aus Stabilitätsgründen und weil noch viele Funktionen ausstehen, fehlen all diese Anwendungen in der aktuellen KDE-Version 4.0.1. Zurzeit planen die Entwickler, mit KDE 4.1 ein erstes Release zu veröffentlichen, allerdings noch ohne das Akonadi-Backend. Halbwegs fertig ist lediglich KMail. Die instabile Version des Mail-Clients zu installieren, lohnt sich allerdings nicht, da sie abgesehen von den Oxygen-Symbolen genau gleich aussieht wie KMail unter KDE 3.5.x und keine neuen Features mitbringt.

Der kleine Unterschied

Sieht man von der neuen Plasma-Oberfläche ab, wirken die meisten Anwendungen weitgehend unverändert. Doch die KDE-4-Entwickler haben sich beim Umschreiben auf Qt 4 Zeit genommen, um die Benutzeroberfläche anzupassen und besser zu gestalten.

Durch die neuen Widgets von Qt 4 und das Iconset Oxygen sehen sämtliche KDE-Programme etwas moderner aus. Es gibt jedoch noch weitere Neuerungen im Design: So zeigen KDE-4-Programme in der Werkzeugleiste nicht nur ein Symbol, sondern auch eine Beschriftung an. Dies erleichtert die Bedienung bei Programmen mit vielen ähnlichen oder wenig aussagekräftigen Icons. Bei Ark unter KDE 3 (Abbildung 1, links) ist der Unterschied zwischen Datei hinzufügen und Verzeichnis hinzufügen mit bloßem Auge nicht zu erkennen. Die besseren Symbole und die zusätzliche Beschriftung lösen dieses Problem im neuen Ark. Die zwei Menüeinträge Bearbeiten und Aktion sind nun in einem zusammengefasst (der allerdings noch nicht übersetzt ist). Zudem zeigt das neue Ark irrelevante Informationen wie die Komprimierungsmethode (Defl:N) nicht mehr an.

Abbildung 1: Beim alten Ark (links) erkennt man am Symbol nicht unbedingt, welche Funktion gemeint ist. Die KDE-4-Version lässt sich dank zusätzlicher Beschriftung und eindeutigerer Symbole einfacher bedienen.

Abbildung 1: Beim alten Ark (links) erkennt man am Symbol nicht unbedingt, welche Funktion gemeint ist. Die KDE-4-Version lässt sich dank zusätzlicher Beschriftung und eindeutigerer Symbole einfacher bedienen.

Die Werkzeugleiste enthält bei den meisten Programmen weniger Einträge, wodurch die Anwendungen übersichtlicher wirken. Wo nötig, sind neue Beschriftungen hinzugekommen. So steht im neuen Speichern-Dialog vor der Auswahlliste für die Zeichenkodierung der Eintrag Kodierung. Die entsprechende Aufklappliste wanderte zudem von der oberen rechten Fensterecke nach unten in die Mitte (Abbildung 2). Sämtliche Eingabefelder lassen sich über das Symbol mit dem schwarzen Fünfeck und dem weißen Kreuz leeren.

Abbildung 2: Beim neuen Speicherdialog von Kate (unten) erkennt man, dass es sich bei UTF-8 um die Kodierung handelt.

Abbildung 2: Beim neuen Speicherdialog von Kate (unten) erkennt man, dass es sich bei UTF-8 um die Kodierung handelt.

Einige KDE-3-Programme weigern sich, das Fenster unter eine gewisse Größe zu verkleinern. Dazu gehört auch Kaudiocreator zum Auslesen und Kodieren von Audio-CDs. Obwohl das KDE-4-Fenster des Programms praktisch wie die KDE-3-Version aussieht, bringt die neue Variante drei wichtige Vorteile mit (Abbildung 3):

  • Die Auswahl für das Laufwerk zeigt nicht nur den Namen der Gerätedatei an, sondern auch den Namen des Laufwerks.
  • In der Spalte für das Auslesen einzelner Dateien sind die Checkboxen zu erkennen.
  • Das Fenster lässt sich deutlich besser verkleinern.
Abbildung 3: Die neue Version von Kaudiocreator (unten) ist zwar noch nicht ins Deutsche übersetzt, sie lässt sich aber intuitiver bedienen.

Abbildung 3: Die neue Version von Kaudiocreator (unten) ist zwar noch nicht ins Deutsche übersetzt, sie lässt sich aber intuitiver bedienen.

Auch die Konsole hat deutliche Verbesserungen erfahren. Reiter verfügen über eine gewisse Intelligenz und zeigen auf dem Tab automatisch eine zum aktuellen Prozess passende Beschriftung an. Die einzelnen Menüs wurden gekürzt und überarbeitet, für den Verlaufsspeicher steht nun ein separater Menüpunkt bereit. Das Programmfenster lässt sich senkrecht oder waagerecht unterteilen. (Es öffnet sich keine neue Shell, die Konsole stellt die Inhalte doppelt dar.) Diese Funktion ist vor allem dann praktisch, wenn Sie zwei Reiter geöffnet haben und gleichzeitig beide Fensterinhalte verfolgen möchten. Anstatt den einen Reiter unabhängig zu machen und manuell die zweite Konsole unter/neben die erste zu stellen (KDE-3-Weg), wählen Sie nun einfach Ansicht / Ansicht teilen.

Ab- und Zugänge

Die meisten Programme, die Sie von KDE 3 kennen, haben ihren Weg in die neue Version gefunden. Es gibt jedoch auch einige Neuzugänge, zum Beispiel den Mediaplayer Dragon (Abbildung 4). Er spielt normale Videofilme sowie DVDs und Video-CDs ab. Das Besondere an Dragon Player ist sein minimalistisches Design. Beim Start fragt Sie das Programm, ob Sie eine Datei oder eine Disc abspielen möchten. Entscheiden Sie sich für eine DVD, startet Dragon automatisch die Wiedergabe, bei Datei erscheint der übliche Dateibrowser-Dialog. Die Liste der von Dragon unterstützten Video- und Audioformate hängt vom KDE-4-Multimedia-Framework Phonon ab. in KDE 4.0.1 setzt Phonon das Xine-Backend ein. Das bedeutet, dass jedes Programm, das Phonon benutzt, sämtliche von der Xine-Bibliothek unterstützten Dateien abspielen kann. Mit installierten Windows-Codecs und der libdvdcss sind das praktisch alle aktuellen Medienformate inklusive MP3, Windows Media und Realmedia.

Abbildung 4: Klein aber fein: Der neue KDE-4-Mediaplayer Dragon.

Abbildung 4: Klein aber fein: Der neue KDE-4-Mediaplayer Dragon.

Vom Multimedia-Framework Phonon profitiert auch die KDE-4-Jukebox Juk, die weiterhin der Standard-Audioplayer von KDE ist. Noatun-Fans müssen sich vom KDE-3-Mediaplayer verabschieden. Amarok und Kaffeine sind noch nicht in KDE 4 integriert (siehe unten).

Wer unter KDE PDF- oder Postscript-Dateien lesen will, nutzt dazu Kpdf oder Kghostview. Diese zwei Programme gibt es unter KDE 4 nicht mehr. An ihrer Stelle verrichtet der neue Dokumentenbetrachter Okular seinen Dienst (Abbildung 5). Er dient aber nicht nur als bloßer Ersatz für die zwei erwähnten Programme (das Programm baut teilweise auf den Code von Kpdf auf), sondern das neue Tool unterstützt deutlich mehr Dateiformate und zeigt zum Beispiel auch mit Gimp erstellte Bilder, OpenOffice-Textdokumente und sogar Windows-Hilfeseiten an. Okular ist zudem mehr als nur ein Dokumentenbetrachter: Mit dem KDE-4-Tool können Sie jedem Dokument auch Notizen hinzufügen oder mit einem Stift frei zeichnen, um zum Beispiel einen Bereich zu markieren. Dazu drücken Sie [F6] und wählen dann die gewünschte Funktion aus. Die Anmerkungen speichert Okular nicht im Dokument selbst, sondern als Zusatz. Das Programm hält auch fest, welcher Benutzer welche Änderungen vorgenommen hat. Da Okular am Original selbst keine Änderungen vornimmt, lassen sich die Bemerkungen nicht per Mail verschicken. Für die persönlichen Notizen oder zum Drucken eignet sich das Feature aber sehr gut.

Abbildung 5: Der neue Dokumentenbetrachter Okular unterstützt nicht nur sehr viele Dateiformate, sondern ermöglicht auch den kreativen Umgang mit diesen.

Abbildung 5: Der neue Dokumentenbetrachter Okular unterstützt nicht nur sehr viele Dateiformate, sondern ermöglicht auch den kreativen Umgang mit diesen.

Kopete

Im Chatprogramm Kopete hat sich einiges geändert. Starten Sie das Programm zum ersten Mal, erscheint kein Assistent mehr, sondern nur das leerer Kopete-Fenster. Unglücklicherweise stellt KDE 4 das Fenster so klein dar, dass der Menüeintrag Einstellungen, den Sie benötigen um einen neuen Account einzurichten, nicht sichtbar ist. Sie müssen deshalb das Fenster in die Breite ziehen, um die volle Menüleiste zu sehen (Abbildung 6).

Abbildung 6: Das neue Kopete (rechts) startet mit der gleichen Fenstergröße wie der Vorgänger. Dadurch fehlen einige Menüpunkte und ein Teil der Werkzeugleiste.

Abbildung 6: Das neue Kopete (rechts) startet mit der gleichen Fenstergröße wie der Vorgänger. Dadurch fehlen einige Menüpunkte und ein Teil der Werkzeugleiste.

Um einen neuen Account einzurichten, wählen Sie Einstellungen / Einrichten und klicken auf Zugang hinzufügen. Im Vergleich zur KDE-3-Version fällt auf, dass die Kopete-Entwickler die Dialoge für Zugänge und Identitäten zusammengefasst haben, was durchaus sinnvoll ist. Ein zusätzlicher Menüeintrag hilft Ihnen beim Verwalten der Kontakte (Abbildung 7).

Abbildung 7: Der neue Setup-Dialog von Kopete. Der grün markierte Rahmen zeigt die alten Einstellungen.

Abbildung 7: Der neue Setup-Dialog von Kopete. Der grün markierte Rahmen zeigt die alten Einstellungen.

Die Liste der unterstützten Protokolle hat sich leicht geändert. Kopete beherrscht in der neuen Version das IRC-Protokoll nicht mehr. Für IRC-Verbindungen nutzen Sie am besten Konversation, das es allerdings noch nicht als KDE-4-Version gibt. Auch Meanwhile-Verbindungen für Lotus Sametime bietet die neue Kopete-Version nicht mehr an. Dafür bringt das Chatprogramm nun Unterstützung für das chinesische Instant-Messenger-System QQ mit.

Die wichtigste Neuerung von Kopete finden Sie unter Einstellungen / Einrichten / Module. Hier gestaltet Ihnen ein Dutzend Plug-ins das Chatten mit Kopete noch angenehmer (Abbildung 8). Das Modul Im Hintergrund läuft zeigt zum Beispiel auf Wunsch in der Statusleiste des Chatprogramms an, welche Musik Sie gerade hören. Dabei spielt es keine Rolle, ob Sie als Musikplayer Juk, Kaffeine oder Amarok nutzen.

Abbildung 8: Die neuen Plug-ins von Kopete machen das Chatten noch attraktiver.

Abbildung 8: Die neuen Plug-ins von Kopete machen das Chatten noch attraktiver.

Sie möchten mit jemandem auf Japanisch chatten, sprechen aber selbst die Sprache nicht? Kein Problem: Das Übersetzer-Modul hilft Ihnen dabei und übersetzt Ihre ausgehenden und die eingehenden Meldungen automatisch in die gewählte Sprache. Kopete unterstützt dazu alle Sprachen des kostenlosen Google-Übersetzungsdienstes.

Farbenfrohe Texte und Sätze in gemischter Groß- und Kleinschreibung ermöglicht das Plug-in Texteffekte. Über das Modul Privatsphäre bietet das neue Kopete auch eine Art Jugendschutzfilter an: So können Sie das Programm anweisen, nur Nachrichten von bekannten Kontakten zuzulassen. Über eine frei erweiterbare Liste kann Kopete zudem Nachrichten mit anstößigen Wörtern automatisch entfernen. Für Schreibfaule bietet sich das neue Ersetzungsmodul an. Es setzt auf Wunsch automatisch einen Punkt nach jeder Zeile und schreibt den ersten Buchstaben als Großbuchstaben. Zudem lassen sich beliebig viele Abkürzungen definieren, die Kopete dann im Textfenster automatisch ersetzt, zum Beispiel “lic” für “Linux ist cool!”.

Unterhaltung

Die Spieleentwickler von KDE gehörten zu den ersten, die ihre Programme auf Qt 4 umschrieben. So bringt OpenSuse 10.3 zum Beispiel bereits eine Auswahl an KDE-4-Spielen mit. Sämtliche Spiele geben sich in einem einheitlichen Look & Feel. Auch die Lernprogramme haben alle den Weg in KDE 4.0 geschafft und arbeiten unter dem neuen Desktop problemlos. Besondere Erwähnung verdienen der Desktopglobus Marble, das Brettspiel Kmahjongg und das Chemie-Programm Kalzium: Alle drei bestechen durch eine besondere Optik und Liebe zum Detail. Nicht neu, aber überarbeitet und unter neuem Namen präsentiert sich das Vokabellernprogramm Parley alias Kvoctrain.

In Entwicklung

Nicht alle Programmierer haben ihre Programme rechtzeitig zum KDE-4-Release fertiggestellt. Das hängt vor allem damit zusammen, dass Version 4.0 nicht für Otto Normalverbraucher gedacht ist, sondern den Entwicklern eine KDE-Version anbieten soll, die es erlaubt, die eigenen Programme ohne Probleme auf KDE 4 zu portieren.

Neben der KDE-PIM-Suite, die Teil der KDE-Hauptprogramme sind, fehlen drei Bekannte Zusatzprogramme aus dem Multimediabereich: Amarok, Digikam und Kaffeine. Amarok 2.0 steht bereits in den Startlöchern (Abbildung 9), und die Entwickler veröffentlichen regelmäßig Testversionen [1]. Diese sind aber nicht für Endbenutzer gedacht, sondern für alle, die beim Fehlersuchen und Weiterentwickeln mithelfen möchten. Mit einer ersten brauchbaren Version ist zum Erscheinen von KDE 4.1 zu rechnen.

Abbildung 9: Die Alpha-Version von Amarok 2.0 erlaubt bereits einen Blick auf das Design. Der freie Bereich in der Mitte ist für Plasma-Applets gedacht.

Abbildung 9: Die Alpha-Version von Amarok 2.0 erlaubt bereits einen Blick auf das Design. Der freie Bereich in der Mitte ist für Plasma-Applets gedacht.

Etwas länger warten müssen Sie auf das KDE-Fotoverwaltungstool Digikam und auf den Media- und DVB-Player Kaffeine. Für Digikam planen die Entwickler, Version 0.10 Ende August 2008 zu veröffentlichen [2], bei Kaffeine ist Version 0.8.6 offiziell die letzte für KDE 3.x, auch hier arbeiten die Entwickler an einer neuen Version, die auf Phonon basieren aber auch viele Zusatzfeatures mitbringen soll, welche die Fähigkeiten von Phonon überschreiten [3]. Wann das neue Kaffeine erscheint, steht noch nicht fest.

Fazit

KDE 4 zu installieren und auszuprobieren, bereitet unter Kubuntu und OpenSuse keine Probleme. Die Desktopumgebung bringt allerdings noch nicht alle Programme mit, an die man von KDE 3.x gewöhnt ist, für einen Umstieg ist es deshalb noch zu früh. Generell lassen sich KDE-4-Anwendungen durch die zusätzlichen Beschriftungen und die Oxygen-Symbole einfacher bedienen, und die Einstellungsdialoge sind übersichtlicher. Spätestens dann, wenn auch die PIM-Programme sowie Amarok, Kaffeine und Digikam in einer KDE-4-Version vorliegen, lohnt sich der Umstieg auf den neuen Desktop definitiv.

Glossar

Widgets

Widget bedeutet auf Deutsch ungefähr Dingsbums und bezeichnet sämtliche grafischen Elemente, die auf einem Desktop vorkommen, wie Knöpfe, Checkboxen, Trenner, Reiter, Schaltflächen usw. Widget-Sets erleichtern die Programmierarbeit.

Infos

[1] Amarok2-Testversion: http://amarok.kde.org/de/node/393

[2] Digikam-Release-Plan: http://www.digikam.org/?q=about/releaseplan

[3] Kaffeine für KDE 4: http://kaffeine.kde.org/?q=node/20

[] Software zum Artikel auf CD: KDE 4.0.1 für Ubuntu und OpenSuse

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