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Gesetzestreu schauen

LinDVD darf CSS

01.01.2007 Das kommerzielle Programm LinDVD bringt Lizenzen mit, die es Ihnen erlauben, Ihre gekauften DVDs legal anzuschauen.

Die Lage ist absurd: Wollen Sie eine im Laden gekaufte DVD unter Linux anschauen, begeben Sie sich in die Illegalität. Warum? Die Inhalte auf den DVDs sind über CSS (Content Scrambling System) verschlüsselt. Wollen Sie diese Verschlüsselung umgehen, benötigen Sie die Bibliothek Libdvdcss. Die verstößt in Deutschland und anderen Ländern gegen geltendes Recht, weil sie einen "wirksamen Kopierschutz" umgeht und darf nicht zum Download angeboten werden.

Aber unter Windows gibt es doch legale Programme, um DVDs anzuschauen, werden Sie einwenden. Richtig, die Entwickler zahlen auch ordentlich dafür. Die DVD CCA (»DVD Copy Control Association«) [1] vergibt Lizenzen an Hersteller von DVD-Laufwerken und Abspiel-Software. Weiterverkäufer (Reseller) zahlen für diese Lizenzen jährlich 5200 US-Dollar. Dafür erhalten sie von der CCA offiziell Schlüssel, um die Inhalte der DVDs freizuschalten.

Verständlich, dass ein Open-Source-Projekt sich diesen teuren Spaß nicht leisten kann. Doch selbst geschenkt kollidieren die Lizenzen der CCA mit Open-Source-Software: Die Organisation besteht darauf, die Technologie und die etwa 400 Schlüssel geheim zu halten, was aber den Statuten der GPL widerspricht.

Geschlossene Gesellschaft

Die Lösung des legalen Problems kann also zur Zeit nur in einer kommerziellen Closed-Source-Software bestehen. Die Firma hinter LinDVD (Abbildung 1) heißt Intervideo [2]. Sie zahlt die Gebühren an die CCA vermutlich für ihr bekannteres Produkt – die Software Win-DVD, ein Windows-Programm.

Nun reißt sich Intervideo aber nicht gerade um die Linux-Anwender: Man verkauft das Produkt lediglich als OEM-Software. Reseller dürfen also LinDVD nur zusammen mit Hardware anbieten, die Software soll in Settop-Boxen und anderen Geräten laufen. Vermutlicher Hintergrund: Erlaubt Intervideo die Software nur als OEM, übernimmt der Reseller den Support für das Produkt. Mandriva Linux 2007 bringt LinDVD mit, weil die Distribution angeblich durch einen Kernel-Patch sicherstellt, dass Sie mit Macrovision geschützte DVDs nicht auf einem Fernseher sehen können.

Abbildung 1: Das Interface von LinDVD: Mit der kommerziellen Software spielen Sie DVDs ab, ohne geltendes Recht zu verletzen.

Um das Dilemma zu lösen und auch privaten Anwendern die Möglichkeit zu bieten, legal DVDs anzusehen, greift der Reseller Pseudonym.org [3] auf einen Trick zurück: Er bietet die Software zusammen mit einer als "defekt" bezeichneten Billiggrafikkarte (mit 1 bis 2 MByte RAM) für 39 Euro an.

CSS, was ist das?

Was aber macht die CSS-Verschlüsselung genau und wieso gibt es die illegale Libdvdcss? CSS verschlüsselt die Inhalte auf einer DVD nach dem Zwiebelprinzip: Die äußeren Schlüssel öffnen die inneren. Nach einer anfänglichen Authentifizierung öffnet der Descrambler den Player Key, von dem es etwa 400 Varianten weltweit gibt. Der Player Key wiederum bricht den Disc Key, der einzelne Kapitel verschlüsselt. Der Disc Key dekodiert schließlich den Title Key, der die Inhalte auf der DVD kodiert.

Nach der Veröffentlichung von CSS bezeichneten Kryptoanalytiker den 40-Bit-Algorithmus recht einhellig als schwach und verwiesen auf Design-Fehler. Zwei Hacker-Gruppen mit den Namen DoD (»Drink or die«) und MoRE (»Masters of Reverse Engineering«) knackten die Schlüssel und stellten den Algorithmus als Bibliothek mit dem Namen DeCSS unter der GPL der Internet-Gemeinde zur Verfügung. Der 15-jährige Norweger Jon Lech Johanson aka »DVD-Jon«, dem die Presse später den Coup zuschrieb, gehörte zwar zu MoRE, sein tatsächlicher Anteil am Brechen des Codes bleibt jedoch umstritten [4]. Zwar verklagte ihn die »Motion Picture Association of America« (MPAA) in Norwegen, er wurde aber freigesprochen.

Als libdvdcss2 existiert diese Bibliothek nach wie vor, gilt aber in Deutschland als illegal, weil sie den Kopierschutz umgeht. Diesen Vorwurf hat bisher noch kein Gericht bestätigt und es gibt einleuchtende Argumente dagegen. Tatsächlich kopieren Sie auch CSS-geschützte DVDs ohne Probleme. Einen Kopierschutz im klassischen Sinne bietet die Verschlüsselung also nicht. Sie können die Kopie allerdings nicht ansehen. Es handelt sich demnach bei CSS um einen Abspielschutz, nicht um einen Kopierschutz. Ob diese Argumentation allerdings vor einem Gericht besteht, bleibt abzuwarten.

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Infos zum Autor

Kristian Kißling

Kristian Kißling

Wenn Kristian Kißling nicht gerade für die LinuxCommunity schreibt, arbeitet er als Redakteur bei der Zeitschrift EasyLinux und als Chefredakteur für den Ubuntu User. Am liebsten beschäftigt er sich mit Multimedia- und Unterhaltungssoftware im weiteren Sinne und mit neuer Open-Source-Software, die überraschende Fähigkeiten zeigt.

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