Ubuntu bietet in der Version 16.10 durchaus Neues – wenngleich sich einiges davon noch nicht für den Produktiveinsatz eignet.
Die Ubuntu-Entwickler versorgen uns zweimal jährlich mit aufgefrischten Releases – in rund einem Dutzend Spielarten von der Standardfassung mit Unity-Desktop [1] über die KDE-Variante Kubuntu [2] und Ubuntu Gnome [3] bis hin zu Ubuntu Maté [4] mit revitalisiertem Gnome-2-Desktop (Abbildung 1), um nur einige zu nennen.

Abbildung 1: Das konservative Ubuntu Maté setzt mit Gnome 2 auf Tradition; es hat auch die Fenster-Buttons noch am rechten Fleck.
Speziell an Nutzer älterer Rechner richten sich die ressourcenschonenden Varianten Lubuntu [5] und Xubuntu [6] mit LXDE- und XFCE-Desktop. Ubuntu Studio [7] glänzt mit Software zur Musik-, Bild und Filmbearbeitung. Mit Kylin [8] gibt es sogar eine für China optimierte Fassung. Hinzu kommen eine minimalistische Server-Version [9] und eine auf Openstack basierende Cloud-Ausgabe [10].
Alles neu?
Canonical [11] gerät mit den angekündigten neuen Funktionen in letzter Zeit stärker in Verzug als je zuvor: Bereits für Ubuntu 15.04 war der von Grund auf neu gestaltete Standard-Desktop Unity 8 geplant. In der aktuellen Release ist er zwar bereits vorinstalliert, eignet sich aber immer noch nicht für den Produktiveinsatz. Mehr dazu lesen Sie im Schwerpunktartikel in dieser Ausgabe.
Noch mehr Aufmerksamkeit zog Ubuntu aber mit der Ankündigung des distributionsübergreifenden Paketformats Snappy auf sich: Es soll Entwicklern eines Programms gestatten, mit wenig Aufwand ein Paket für alle Distributionen bereitzustellen. Anwender profitieren davon durch unabhängig von Upgrades nachrüstbare topaktuelle Anwendungen.
Ursprünglich war geplant [12], die von Ubuntu genutzte Debian-Paketverwaltung komplett durch Snappy zu ersetzen – davon war in letzter Zeit allerdings nicht mehr die Rede. Doch das Software-Center unter Ubuntu 16.10 installiert inzwischen auch Snappy-Pakete. Parallel zu Snappy unterstützt Ubuntu auch das vom Gnome-Projekt stammende Flatpak-Paketformat, das Anwendungen ebenfalls distributionsübergreifend bereitstellt; bisher fehlt aber eine grafische Oberfläche [13].
Auch wenn der Standard-Ubuntu-Desktop einmal mehr der alte bleibt, so frischen die Ubuntu-Entwickler wie üblich die übrigen Systemkomponenten und Anwendungen auf (Tabelle “Neue Software”). An prominenter Stelle steht der Linux-Kernel: In der topaktuellen Version 4.8 bietet er bestmögliche Unterstützung neuer Hardware.
Neue Software
| Ubuntu 16.04 | Ubuntu 16.10 | |
|---|---|---|
| Kernel | 4.4 | 4.8 |
| Amarok | 2.8.0 | 2.8.0 |
| Ardour | 4.6 | 5.0 |
| Darktable | 2.0.1 | 2.0.5 |
| Digikam | 4.12.0 | 4.14.0 |
| Evolution | 3.18.5 | 3.22.1 |
| Gimp | 2.8.16 | 2.8.18 |
| Handbrake | 0.10.2 | 0.10.15 |
| Inkscape | 0.91 | 0.91-11 |
| K3b | 2.03 | 2.03 |
| Kdenlive | 15.12.1 | 16.04.3 |
| LibreOffice | 5.1.1 | 5.2.2 |
| Rhythmbox | 3.3 | 3.4.1 |
| VLC | 2.2.2 | 2.2.4 |
| Wine | 1.6.2 | 1.8.5 |
Viele Gnome-Anwendungen liegen ebenfalls in der frischen Version 3.22 vom 21. September 2016 bei. Der Standard Ubuntu-Desktop Unity trägt die Versionsnummer 7.5. Neue Funktionen bringt er im Vergleich zum Vorgänger zwar nicht mit, dafür über 30 Bugfixes, die unter anderem Anzeigeprobleme oder kleine Inkonsistenzen bei der Bedienung beheben.
Kubuntu
Kubuntu als KDE-Ausgabe von Ubuntu findet vor allem unter Einsteigern viele Anhänger – nicht zuletzt deswegen, weil das Desktop-Layout (Abbildung 2) mit Taskleiste am unteren Rand und konventionellem Startmenü an das von Windows erinnert. Gleichzeitig bringt KDE von allen Desktop-Umgebungen die meisten Funktionen und Konfigurationsmöglichkeiten mit.

Abbildung 2: Beim ersten Start wirken auch aktuelle KDE-Desktops relativ konventionell. Doch die Systemeinstellungen halten mehr Konfigurationsmöglichkeiten bereit als bei jedem anderen Desktop.
So existiert mit der Fensterleiste nur mit Symbolen eine fast eins zu eins ihrem Unity-Gegenstück nachempfundene Leiste, die ebenfalls Task-Umschalter und Programmstarter kombiniert. Neue Arbeitsflächendesigns lassen sich auf Knopfdruck aus einem von der Community bestückten Online-Katalog herunterladen, ebenso neue Symbol-Themen, Farbschemata oder Fensterdekorationen.
Die Plasmoids nutzen auf Wunsch die Desktop-Fläche zur Anzeige von Systeminformationen wie der Festplatten- oder Speicherbelegung und der CPU-Last. Ein besonderes Highlight bietet KDE-Connect (siehe Artikel im Schwerpunkt dieser Ausgabe), das Ladestand und Meldungen wie eingehende SMS-Nachrichten eines Android-Smartphones auf dem Desktop zeigt. Auch synchronisiert es auf Wunsch die Zwischenablage des Smartphones mit der des Desktops.
Die aktuelle Kubuntu-Version frischt den Kern-Desktop Plasma auf Version 5.7.5 auf, die KDE-Begleitanwendungen auf 16.04. Das sorgt für viele kleine, wenn auch unspektakuläre Verbesserungen. So symbolisiert nun die Taskbar den Fortschritt laufender Kopier- oder Verschiebeoperationen des Dateimanagers. Halten Sie den Mauszeiger über den Eintrag für einen Medienspieler, erscheint neben den Bedienschaltern jetzt auch das Cover des abgespielten Albums. Ein Rechtsklick auf einen Anwendungsstarter zeigt bei vielen Programmen nun die zuletzt geöffneten Dokumente, bei Firefox eine Chronik besuchter Seiten.
Ubuntu Gnome
Das Ubuntu-Gnome-Flavor (Abbildung 3) modernisiert die Gnome-Umgebung von Version 3.18 auf Version 3.20; allerdings pflegten die Entwickler viele Begleitprogramme erst in das Ende September erschienene Gnome 3.22 ein, womit sie in dieser Variante noch nicht zur Verfügung stehen.

Abbildung 3: Der Gnome-Desktop 3.20 unterscheidet sich aus der Vogelperspektive kaum von Version 3.18 der vorangegangenen LTS-Release.
Allzu augenfällige Neuerungen darf man bei einem Gnome-Minor-Versionsschritt erfahrungsgemäß nicht erwarten. Als hilfreich erweisen sich immerhin die Tastatur-Shortcut-Übersichten, die nun Gnome-Programme mitbringen. Der zentrale Gnome-Meldungsbereich zeigt nun bei Medienwiedergaben Abspielbuttons an. Das Gnome Software Center als Standardprogramm für die grafische Software-Installation unter Ubuntu nimmt Benutzerwertungen entgegen, die Systemeinstellungen für Maus und Touchpad gestalteten die Entwickler übersichtlicher.
Die Suchfunktion des Dateimanagers folgt nun dem Prinzip der Facettensuche, die Suchkriterien sukzessiv aufsummiert: Ein Klick auf das Lupensymbol in der Nautilus-Fensterleiste öffnet zunächst das Schlagwortfeld. Klicken Sie auf den Pfeil rechts in diesem Feld, dann erscheinen ein Datums- und Dateitypwahlfeld, mit denen Sie die Schlagwortsuche weiter einschränken.
Das Datum kann sich auf die Erstellung oder letzte Änderung der Dateien beziehen. Kleine Etiketten im Suchfeld symbolisieren gewählte Zeit- und Typeneinschänkungen. Ein Klick auf das Schließen-Symbol an einer dieser Etiketten entfernt einen Filter, falls die Suche unerwartet leer bleibt. Trifft ein Schlagwort dagegen auf zu viele Dateien zu, dann lässt sich nachträglich eine Zeit- oder Dateitypbeschränkung anfügen, ohne den Suchbegriff neu zu tippen.
Ubuntu Maté
Die Desktop-Umgebung Maté bedient als Gnome-2-Fork jene Anwender, die sich seit fünf Jahren mit der radikal neu gestalteten Nutzerführung von Gnome 3 nicht anfreunden können. Maté startet im klassischen Gnome-2-Layout mit zwei schmalen Leisten.
Dass das alte Gnome-2-Startmenü der Überarbeitung bedarf, erkannten die Maté-Entwickler bald: Schon lange gibt es das Erweiterte Startmenü (Abbildung 4), das in Sachen Optik und Funktionen beinah mit dem aktuellen KDE schritthält. Sie aktivieren es im Maté-Tweak-Tool, mit dessen Hilfe Sie mit wenigen Mausklicks auch Voreinstellungen für die Platzierung der Leisten auswählen. Nach wie vor öffnet [F3] im Dateimanager eine zweispaltige Ansicht.

Abbildung 4: Mit dem erweiterten Startmenü gibt es unter Maté einen zeitgemäßen Ersatz für das alte Gnome-2-Menü.
Für den Anwender sichtbare Neuerungen bietet Ubuntu Maté 16.10 im Vergleich zum Vorgänger praktisch nicht. Dafür bleibt das Maté-Flavor eine gute Wahl für betagte Computer: Es bietet bei rund 300 MByte RAM-Belegung eine konservative, aber keineswegs dürftige Arbeitsumgebung.
Leichtgewichte
Wer es noch schlanker möchte, nutzt Lubuntu mit dem LXDE-Desktop, das sogar mit rund 200 MByte RAM auskommt (Abbildung 5). Die enthaltene Version 0.99.1 beschränkt sich weitgehend auf Fehlerkorrekturen. Die Taskleiste enthält einen Umschalter für vier virtuelle Desktops, eine Netzwerkverwaltung, eine Lautstärkeregelung und eine Uhr.

Abbildung 5: Mit einem Platzverbrauch von nur etwa 200 MByte im Arbeitsspeicher bietet der Lubuntu-Desktop im Grunde alles, was ein durchschnittlicher Nutzer zum Arbeiten braucht.
Ein paar weitere Apps finden sich in den von der Bedienung her altbackenen Leisten-Einstellungen. Dort lassen sich auch die Schnellstarter-Icons rechts neben dem Startmenü konfigurieren sowie die Breite und Position der Leisten einstellen. Ein in die Desktop-Optik eingepasster Dateimanager rundet die Arbeitsumgebung ab.
Der Qt-basierte Nachfolger von LXDE heißt LXQt (siehe Schwerpunktartikel) und steht seit Ubuntu 16.04 als Paket zur Verfügung. Optisch wirkt er mit seinen KDE-ähnlich in Schwarz gehaltenen Bedienelementen moderner als LXDE, befindet sich bei Ubuntu aber noch im Prä-Alpha-Status [14].
Das dritte leichtgewichtige Ubuntu-Flavor Xubuntu setzt auf XFCE als Desktop-Umgebung und liegt mit einem Speicherverbrauch von etwa 300 MByte etwa gleichauf mit Maté. Es bringt ein umfangreiches Einstell-Center mit. Ähnlich wie bei Maté richtet der XFCE-Leistenschalter mit einem Klick aus anderen Betriebssystemen bekannte Desktop-Layouts ein, zum Beispiel ein nur bei Mauskontakt sichtbares Dock wie unter Mac OS (Abbildung 6).

Abbildung 6: Viele Einstellungen und vorkonfigurierte Leistenkonfigurationen: XFCE bietet etwa denselben Funktionsumfang wie Maté.
Auch die XFCE-Entwickler konzentrieren sich derzeit darauf, von der alten Version 2 des grafischen Toolkits GTK wegzukommen, sodass sich die Entwicklung auch hier an für den Benutzer nicht direkt sichtbaren Stellen abspielt. Die Release Notes nennen als Verbesserung einen Fix für den Crash des Dateimanagers bei Kopier- und Verschiebevorgängen. Die Ubuntu-Entwickler räumen aber ein, das Problem noch nicht endgültig gelöst zu haben.
Fazit
Ubuntu 16.10 zeichnet sich im Vergleich zum Vorgänger vor allem durch brandaktuelle Anwendungen aus. Der ebenfalls noch sehr frische Kernel 4.8 bietet auf neuer Hardware den bestmöglichen Support. Für alle Flavors gilt diesmal: Das Basissystem erhält zwar eine Reihe von Fehlerkorrekturen, aber vergleichsweise wenige neue Funktionen.
Infos
[1] Ubuntu: https://www.ubuntu.com
[2] Kubuntu: https://kubuntu.org/
[3] Ubuntu Gnome: https://ubuntugnome.org/
[4] Ubuntu Maté: https://ubuntu-mate.org
[5] Lubuntu: http://lubuntu.net
[6] Xubuntu: https://xubuntu.org
[7] Ubuntu Studio: https://ubuntustudio.org
[8] Ubuntu Kylin: https://www.ubuntu.com/desktop/ubuntu-kylin
[9] Ubuntu Server: https://www.ubuntu.com/server
[10] Ubuntu Cloud: https://www.ubuntu.com/cloud
[11] Canonical: http://www.canonical.com
[12] Snappy Ankündigung: http://www.markshuttleworth.com/archives/1434
[13] Flatpak und Snap: Ferdinand Thommes, “Frisch aus dem Ofen”, LU 08/2016, S. 74, https://www.linux-community.de/37028
[14] Lubuntu Next: https://launchpad.net/lubuntu-next





