Es ist das alte Lied, das immer noch die Beziehung der Linux-Community zu Microsoft prägt: Redmond verhindert, bremst aus, weigert sich, zusammenzuarbeiten. Heute geschieht das immer noch – nur subtiler, wie Redakteurin Carina Schipper findet.
Azure Linux – zwei Worte, die in meinem Kopf auf Anhieb nicht recht zueinanderfinden wollen. Seit dem 23. Mai steht die Redmonder Linux-Distro allen Azure-Kubernetes-Service-Kunden zur Verfügung. Selbstverständlich weiß ich (genauso wie Microsoft) schon lange genau, woraus Clouds gemacht sind: aus Linux [1].
Microsofts Verhältnis zu Linux erinnert mich durchaus an eine Borderline-Persönlichkeit: Vor 22 Jahren bezeichnete der damalige Microsoft-CEO Steve Ballmer das Open-Source-OS noch als Krebsgeschwür. Jim Perrin, leitender Programmmanager für Microsoft Azure Linux, sieht die Sache heute anders: “Those quotes and that animosity are old enough to drink now – but a lot of the sentiment still lingers today, so part of the reason that we did not choose to start with a distribution and fork it for our needs is we didn’t want to be seen as doing the embrace-and-extend thing again. We didn’t want to wake any of that up.” [2] Microsoft will also eben nicht alten Wein in neuen Schläuchen verkaufen. Soso.
Perrin räumt ein, dass Microsoft und Linux eine gewisse Geschichte miteinander teilen, die mein Kollege Jörg Luther teilweise [3] dokumentiert hat [4]. Seit der Konzern vehement versucht, seine Schäfchen ins Trockene (sprich: in die eigene Cloud) zu bringen, kommen die Redmonder zumindest unter der Haube eindeutig nicht mehr um Linux herum. Befrage ich meine Community zum Thema, bekomme ich Sätze zu hören wie: “Na ja, schau mal, was sie mit Edge gemacht haben: Die haben ihren eigenen Browser in die ewigen Jagdgründe geschickt und stattdessen Chromium geforkt.”
Dass Microsoft irgendwann das schon so häufig prophezeite goldene Zeitalter von Linux auf dem Desktop einläutet, denke ich nicht. Ich denke aber, dass der Konzern sicher nicht Unmengen an Ressourcen in sein OS investieren wird. Schließlich ist es inzwischen nicht mehr als ein Vehikel, um die Nutzer in die Azure Cloud zu bringen. Genau die verkörpert ja Microsofts Cash Cow. Unternehmen sind bekanntermaßen letztlich Gewinnmaximierer. Dafür gibt es zwei Stellschrauben:
- 1. Den Umsatz erhöhen, also zum Beispiel immer mehr Dienste in die Azure Cloud ziehen, für die die Kunden dauerhaft bezahlen.
- 2. Kosten senken, konkret Windows-Lizenzen abschaffen, für die die Kunden nur einmal zahlen, die allerdings schmerzhaft wie dauerhaft Kosten verursachen.
Zurück zu Azure Linux und dem Grund, warum daraus keine Desktop-Version entstehen wird: Mit der hauseigenen Distro betreibt Microsoft im Wesentlichen seine eigenen Services. Der Konzern verfolgt dabei ähnliche Ziele wie Alpine Linux: minimaler Ressourcenverbrauch und minimale Angriffsoberfläche. Rufe ich mir die Geschichte um Edge und Chromium noch einmal in Erinnerung, komme ich zu einer simplen Frage: Forkt jemand in Sachen Browser Chromium, könnte er doch beim Betriebssystem ebenfalls auf die Idee kommen und sich mit Chrome OS in ein ähnlich gemachtes Nest setzen, oder? Nachdem das Thema sicher nicht übermorgen abgehandelt sein dürfte, lade ich Sie herzlich dazu ein, Ihren Tipp dazu abzugeben, wohin die Reise geht.
Herzliche Grüße,
Carina Schipper
Redakteurin
Infos
-
“Daddy, what are clouds made of?”: https://www.reddit.com/r/linuxmemes/comments/cqpm9m/daddy_what_are_clouds_made_of/
-
“Microsoft has made Azure Linux generally available. Repeat, Azure Linux”: https://www.theregister.com/2023/05/26/microsoft_azure_linux_container/
-
Editorial: Jörg Luther, “Lindows?”, LU 02/2019, S. 3, https://www.linux-community.de/40442
-
Editorial: Jörg Luther, “Lindows? Windux?”, LU 11/2020, S. 3, https://www.linux-community.de/45064



