Angesichts der immer größeren Linux-Affinität von Microsoft in der Cloud und zunehmend verkorksterer Windows-10-Updates sehen manche Kommentatoren schon “Microsoft Linux” im Anmarsch. Das wird nicht passieren, ist sich Chefredakteur Jörg Luther sicher.
Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
wer sich gelegentlich auch in englischsprachigen Medien über Linux und quelloffene Software informiert, der kennt unvermeidlich das Kürzel sjvn: Steven J. Vaughan-Nichols liefert seit Jahrzehnten technische Hintergrundinformationen und spitzzüngige Meinungsstücke über das Open-Source-Umfeld. Wo sein Name auftaucht, lese auch ich immer gern einmal hinein, auch wenn ich durchaus nicht immer derselben Meinung mit ihm bin.
In seinem jüngsten Kommentar für den Branchendienst Zdnet.com orakelte svjn Mitte Dezember, er halte es durchaus für möglich, dass Microsoft schon in absehbarer Zeit ein “Lindows” oder “MS Linux” vorstellen könnte, also einen Desktop auf Linux-Basis [1]. Für diese auf den ersten Blick recht steile These trägt er in seinem Kommentar eine ganze Reihe von Argumenten vor, die durchaus Hand und Fuß haben.
Dazu zählen nicht zuletzt die Erfahrungen von Microsoft mit seiner Cloud-Computing-Plattform Azure. Darauf laufen inzwischen mehr Linux- als Windows-Instanzen, Tendenz steigend. Mit Azure Sphere und Azure Cloud Switch gibt es dafür auch schon zwei Linux-basierte Microsoft-“Distributionen”. Schon vor Langem hat Redmond seinen SQL-Server auf Linux portiert, und mit dem Windows Subsystem for Linux (WSL) unterstützt der Software-Gigant mittlerweile offiziell das Ausführen von Linux-Distributionen unter Windows. Seit Oktober gehört Microsoft dem Open Invention Network an, und sichert damit zu, keine Patentansprüche mehr gegen Linux oder damit in Verbindung stehende Software geltend zu machen.
Auf der anderen Seite, so argumentiert Vaughan-Nichols, hat Microsoft mit Windows 10 nichts als Schwierigkeiten: Dessen Weiterentwicklung koste Microsoft zwar noch immer Milliarden, das Produkt bringe aber immer weniger Umsatz. Hinzu kämen völlig verkorkste Update-Releases wie das vom Oktober 2018. Wenn Microsoft jetzt schon seinen Webbrowser Edge über die Klinge springen lasse, um ihn gegen Chromium zu ersetzen [2], was solle es dann daran hindern, den sperrigen und teuren eigenen Betriebssystemkern durch Linux zu ersetzen? Die darauf aufsetzende Software stelle jedenfalls kein Hindernis dar, denn schließlich mache in der einen Richtung WSL und in der anderen Wine/Crossover vor, was mit API-Mapping alles möglich sei.
Wird 2019 also das Jahr des Lindows-Desktops? Wieder einmal goutiere ich zwar durchaus Steven Vaughan-Nichols’ Argumente, erlaube mir aber trotzdem, anderer Meinung zu sein: Es gibt schlicht keinen Use Case dafür. Dass Microsoft in der Cloud nicht um Linux herumkommt, steht außer Frage. Wer aber einen Linux-Desktop haben will, der kann ihn schon seit mehr als 20 Jahren nutzen, wie Sie und ich bestens wissen. Wer immer noch mit Windows herumlaboriert, der ist ohnehin so leidensfähig, dass ihn weder vermurkste Software [3] noch das laufende Abgreifen [4] von Daten [5] noch abschrecken können. Ein MS Linux dürfte uns also erspart bleiben – sowohl 2019 als auch darüber hinaus.
Herzliche Grüße,
Jörg Luther
Chefredakteur
Infos
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“Could Microsoft release a desktop Linux?”: https://www.zdnet.com/article/ms-linux-lindows-could-microsoft-release-a-desktop-linux/
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“Edge bekommt Chromium-Herz”: https://www.golem.de/news/microsoft-browser-edge-bekommt-chromium-herz-1812-138125.html
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“Ursache für Datenverluste durch Update gefunden”: https://www.golem.de/news/windows-10-ursache-fuer-datenverluste-durch-update-gefunden-1810-137030.html
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“SiSyPHuS Win10: Analyse der Telemetriekomponenten in Windows 10”: https://www.bsi.bund.de/DE/Themen/Cyber-Sicherheit/Empfehlungen/SiSyPHuS_Win10/AP4/SiSyPHuS_AP4_node.html
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“Microsoft sammelt bis zu 25.000 Ereignistypen bei Office”: https://www.golem.de/news/datenschutz-aerger-microsoft-sammelt-bis-zu-25-000-ereignistypen-bei-office-1811-137815.html




“Ein MS Linux dürfte uns also erspart bleiben – sowohl 2019 als auch darüber hinaus.”
Dein Wort in Gottes Gehörgang! :-) Ich halte Redmond für absolut skrupellos. Die lachen sich doch seit Jahrzehnten krumm über das hundertmillionenfach blöde Volk, das ihren Schrott kauft. Wenn die eine Chance sehen, wieder so richtig fett Kohle zu machen – was dann Milliarden bedeutet -, dann tun die das auch. Aber wie gesagt: Dein Wort in Gottes Gehörgang! ;-)