Über WSL, das Windows-Subsystem für Linux, entwickelt sich der Windows 10 zunehmend in Richtung eines Windows-Desktops mit Linux-Mitteln. Die Linux Foundation sollte dringend aufpassen, nicht zur ausgelagerten Windows-Entwicklungsabteilung zu verkommen, warnt Chefredakteur Jörg Luther.
Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
schon im Editorial der letzten Ausgabe [1] ging es um das Thema Microsoft und Linux, speziell um die zunehmenden Versuche des Konzerns, auf die Kernel-Entwicklung Einfluss zu nehmen. Ursprünglich schob der Marktdruck seitens der Kunden in Microsofts Cloud Azure das Unternehmen näher zu Linux: Dem Vernehmen nach laufen dort inzwischen mehr Linux- als Windows-Instanzen, Tendenz steigend.
Seit einiger Zeit offeriert Microsoft dort mit Azure Sphere OS ein hauseigenes Linux-basiertes Betriebssystem; Mitte September hat das Unternehmen obendrein einen Patch eingereicht, um Linux als Root-Partition auf dem Microsoft-Hypervisor laufen zu lassen [2]. Der bekannte IT-Blogger Felix von Leitner (Fefe) kommentierte das in gewohnt spitzzüngiger Manier als “Microsoft operiert Windows aus Azure raus: Die haben offensichtlich auch keinen Bock mehr, Windows an Stellen einsetzen zu müssen, wo was von abhängt.” [3]
Mittlerweile hat Microsoft an seiner zweiten Linux-Front nachgelegt, bei WSL. Das Windows-Subsystem für Linux erlaubt das Ausführen unveränderter Linux-Binaries unter Windows 10. Entstanden war es ursprünglich, weil Redmond das Entwickler-Klientel in Scharen abhanden kam. Inzwischen ist WSL aber so populär, dass Microsoft hier weiter nachlegt: Das aktuelle WSL2 bekommt zum einen die Fähigkeit, Nicht-Windows-Dateisysteme wie Ext4 direkt einzuhängen und damit zu arbeiten [4]. Zum anderen soll schon in naher Zukunft ein Wayland-Display-Server auch grafische Linux-Anwendungen nativ unter Windows ermöglichen [5].
Fefes unvermeidlicher Kommentar: “Microsoft operiert Windows aus Windows raus: Wenn ich [unter Windows] eine Linux-Partition mounte und davon Linux-Programme ausführe, wieso hab ich dann überhaupt noch Windows?” [6] Dieselbe Frage stellt sich offensichtlich auch Eric S. Raymond, Urgestein der Open-Source-Szene, Mitbegründer der Open Source Initiative und Autor der FOSS-Bibel “The Cathedral and the Bazaar”. Er interpretiert die aktuelle Entwicklung als “die letzte Phase des Desktop-Kriegs” [7].
Den habe Linux gewonnen, schlussfolgert Raymond. Nachdem Microsoft mittlerweile einen Großteil der Umsätze über Azure generiere, habe der Konzern wohl kaum noch großes Interesse, weiter viel Zeit und Geld in die Desktop-Entwicklung zu stecken. Brauche er aber auch nicht, dank WSL und Technologien wie Proton (mit dem man Windows-Games via Steam unter Linux zocken kann): Schon in absehbarer Zukunft werde “Windows” wohl nur noch aus einer Emulationsschicht für alte Windows-Software bestehen, die auf einem Linux-Kernel laufe. Die werde mit der Zeit dann zwangsläufig immer dünner, bis Microsoft sie schließlich irgendwann abkündige – Desktop-Krieg gewonnen.
Eric S. Raymond fände eine solche Entwicklung wohl positiv, dem Grundton seines Postings nach zu schließen. Dem kann ich mich nicht anschließen. Über eine Linux-Community als ausgelagerte Desktop-Entwicklungsabteilung von Microsoft würde sich bestenfalls der US-Konzern freuen, der Geld und Entwicklerkapazitäten in seine gewinnträchtige Azure-Cloud umleiten könnte. Die Linux Foundation sollte tunlichst darauf achten, das Microsoft nicht zu viel Einfluss auf die Linux-Entwicklung erhält – schon gar nicht solchen, der nur der Gewinnoptimierung der MS-Aktionäre dient.
Herzliche Grüße,
Jörg Luther
Chefredakteur
Infos
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Editorial: Jörg Luther, “Oops, they did it again”, LU 10/2020, S. 3, https://www.linux-community.de/45053
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“Introducing Linux root partition support for Microsoft Hypervisor”: https://lore.kernel.org/lkml/20200914112802.80611-1-wei.liu@kernel.org/T/
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Fefe zu Azure: https://blog.fefe.de/?ts=a19ebf42
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“Access Linux filesystems in Windows and WSL 2”: https://devblogs.microsoft.com/commandline/access-linux-filesystems-in-windows-and-wsl-2/
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Wayland-Server für WSL2: https://www.golem.de/news/windows-10-wsl2-soll-linux-guis-anzeigen-koennen-2010-151295.html
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Fefe zu
wsl --mount: https://blog.fefe.de/?ts=a19f3925 -
“Last phase of the desktop wars?”: http://esr.ibiblio.org/?p=8764



