OpenSuse Leap 15.4 im Überblick

Aus LinuxUser 07/2022

OpenSuse Leap 15.4 im Überblick

© Aleksandar Mijatovic / 123RF.com

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Beim Update auf Version 15.4 liefert OpenSuse Leap aktuelle Desktop-Umgebungen und auch aufgefrischte Versionen vieler Anwendungen mit.

Viele Benutzer von OpenSuse Leap [1] haben sich für diese Spielart der Nürnberger Distribution entschieden, weil ihnen der jährliche Release-Zyklus zusagt. Ein Distributions-Upgrade pro Jahr mit einem halbjährlichen Fenster bis zum Versiegen der Fehlerkorrekturen stresst sie weniger als halbjährliche Updates bei Ubuntu mit lediglich dreimonatiger Übergangsfrist. Zwei Jahre (Ubuntu LTS) oder “solang wie es eben dauert” (Debian) möchten viele dann doch nicht auf eine Auffrischung warten.

Das letzte Release 15.3 hat allerdings viele Anwender bezüglich der Updates der enthaltenen Software enttäuscht: Es tat sich kaum etwas (siehe Tabelle “Versionsvergleich”). Der Kernel, und damit die Hardwareunterstützung, verblieb bei der aus der Enterprise-Variante SLES [2] geerbten Version 5.3.18 von 2019, wenngleich Backports von Treibern aus neueren Kernel-Versionen die fehlende Unterstützung für neuere Hardware etwas abmilderten.

KDE blieb auch nach dem Update in Version 5.18.5, veröffentlicht im Mai 2020, Gnome in Version 3.34.2 von November 2019. Dass diese Versionen älter ausfielen als im fünf Monate früher erschienenen Debian 11 sorgte für einigen Spott. Für den Update-Stau war vor allem eine Neuausrichtung des Leap-Zweigs verantwortlich: Ab Version 15.3 übernimmt Leap die Pakete für das Grundsystem nicht mehr als Paketquellen, sondern in installationsfertiger Binärform von der Enterprise-Variante SLES [3]. Diese Umstellung des Entstehungsprozesses hat offenbar die üblichen Versionsaktualisierungen blockiert.

Für Leap 15.4 gab es keinen solchen Umstellungsprozess: Die in Version 15.3 etablierte Praxis mit einem Grundstock (etwa 4000 Pakete) direkt aus den Repositories der kommerziellen Variante SLES plus zusätzlichen OpenSuse-Paketen lief unverändert weiter. Entsprechend groß sind die Erwartungen, dass OpenSuse nun endlich die Paketversionen auffrischt.

Komponente

Leap 15.2

Leap 15.3

Leap 15.4

Tumbleweed

Upstream

System

Kernel

5.3.18

5.3.18

5.14.21

5.17.4

5.17.6

GTK 3

3.24.20

3.24.20

3.24.31

3.24.33

3.24.33

Qt5

5.12.7

5.12.7

5.15.2

5.15.2

5.15.3

Python3

3.6.12

3.6.15

3.6.15

3.9.12

3.10.4

Desktop

Cinnamon

4.6.2

4.6.7

4.6.7

5.2.7

5.2.7

Enlightenment

0.24.2

0.24.2

0.25.3

0.25.3

0.25.3

Gnome

3.34.2

3.34.2

41.3

42.0

42.1

KDE

5.18.5

5.18.5

5.24.4

5.24.5

5.24.5

LXQt-Desktop

0.16

0.16.1

1.1.0

1.1.0

1.1.0

Mate

1.24

1.24

1.26.0

1.26.0

1.26.0

Anwendungen

Audacity

2.2.2

2.2.2

2.2.2

3.1.3

3.1.3

Blender

2.82a

2.82a

2.82a

3.1.2

3.1.2

Calibre

3.48.0

3.48.0

3.48.0

5.42.0

5.42.0

Cura

3.6.0

3.6.0

4.13.1

4.13.1

4.13.1

Darktable

3.4.1

3.4.1

3.6.1

3.8.1

3.8.1

Deluge

1.3.15

2.0.3

2.0.3

2.0.5

2.0.5

Digikam

7.1.0

7.1.0

7.2.0

7.6.0

7.6.0

DVDStyler

3.1.2

3.1.2

3.1.2

3.1.2

3.2.1

Firefox

78.11

1.8.11

91.9.0

100

100 / ESR: 91.9.0

FreeCAD

0.18.4

0.18.4

0.19.4

0.19.4

0.19.4

Gimp

2.10.12

2.10.12

2.10.30

2.10.30

2.10.30

Gnucash

3.9

3.9

4.8

4.10

4.10

Hibiscus

2.6.20

2.6.20

2.6.20

2.10.4

2.10.5

Hugin

2019.2

2019.2

2021.0

2021.0

2021.0rc1

Inkscape

1.0

1.0.1

1.0.1

1.1.2

1.1.2

Kdenlive

20.04

20.04

21.12.3

22.04.0

22.04.0

KeePassXC

2.6.6

2.6.6

2.6.6

2.7.1

2.7.1

Krita

4.2.9

4.4.2

5.0.2

5.0.6

5.0.6

LibreOffice

7.1.3.2

7.1.3.2

7.2.5.1

7.3.3.2

7.3.3

Liferea

1.12.6

1.13.6

1.13.6

1.13.6

1.13.8

Mumble

1.3.4

1.3.4

1.4.230

1.4.230

1.4.230

OpenSCAD

2019.05

2021.01

2021.01

2021.01

2021.01

OpenShot

2.4.1

2.4.1

2.6.1

2.6.1

2.6.1

Owncloud-Client

2.7.5

2.7.5

2.9.2

2.10.1

2.10.1

Pinta

1.6

1.6

1.7

1.7.1

2.0.2

Rawtherapee

5.8

5.8

5.8

5.8

5.8

Rednotebook

2.3

2.3

2.22

2.22

2.24

Rosegarden

19.06

19.06

21.06.1

21.12

21.12

Scribus

1.5.6.1

1.5.6.1

1.5.7

1.5.8

1.5.8

Shotcut

20.04.12

21.03.21

22.01.30

22.01.30

22.04

Tesseract

3.05.01

3.05.01

4.1.1

4.1.1

5.0.1

TeXStudio

2.12.10

3.0.4

4.1.1

4.2.3

4.2.3

Thunderbird

78.10

78.10.2

91.8.0

91.9.0

91.9.0

Virt-Manager

2.2.1

3.2.0

4.0.0

4.0.0

4.0.0

VirtualBox

6.1.30

6.1.32

6.1.32

6.1.34

6.1.34

VLC

3.0.16

3.17.3

3.17.3

3.17.4

3.17.4

Geliefert

Tatsächlich unterscheiden sich die KDE- und Gnome-Desktops der neuen Ausgabe schon optisch deutlich vom Vorgänger. Bei den Desktops liefert Leap 15.4 nun KDE Plasma 5.24.4 (Abbildung 1) und Gnome 41.3 (Abbildung 2) aus, die weit weniger hinter den neuesten verfügbaren Fassungen (KDE 5.24.5 und Gnome 42.1) zurückliegen.

Abbildung 1: KDE hat in Leap 15.4 ein neues Startmenü erhalten. Viele optische Details fallen nun kompakter aus.

Abbildung 1: KDE hat in Leap 15.4 ein neues Startmenü erhalten. Viele optische Details fallen nun kompakter aus.


Abbildung 2: Auch die Gnome Shell mutet jetzt gefälliger an. Unter anderem die Drehung um 90 Grad vereinfacht die Bedienung mit grobmotorischen Zeigegeräten.

Abbildung 2: Auch die Gnome Shell mutet jetzt gefälliger an. Unter anderem die Drehung um 90 Grad vereinfacht die Bedienung mit grobmotorischen Zeigegeräten.

In fünf KDE-Releases kamen so viele Neuerungen zusammen, dass sie sich hier nicht alle aufzählen lassen. Darunter fallen viele Kleinigkeiten: So hebt nun ein orangefarbener Rand kritische Systemnachrichten hervor und die Taskleiste erscheint transparent oder opak, je nachdem, ob ein Fenster direkt an ihr anliegt oder nicht (Abbildung 3).

Abbildung 3: Wenn das Plasma-Theme es unterst&uuml;tzt, wie hier das KDE-Standard-Theme Breeze, kennen die KDE-Leisten nun die Deckkrafteinstellung <span class="ui-element">Adaptiv</span>, die ihre Transparenz bei direkt anliegenden Programmfenstern zur&uuml;ckf&auml;hrt.

Abbildung 3: Wenn das Plasma-Theme es unterstützt, wie hier das KDE-Standard-Theme Breeze, kennen die KDE-Leisten nun die Deckkrafteinstellung Adaptiv, die ihre Transparenz bei direkt anliegenden Programmfenstern zurückfährt.

Die Tooltipps mit Thumbnails des Anwendungsfensters, die beim Darüberhalten des Mauszeigers erscheinen, öffnen sich nun ohne nervige Verzögerung und enthalten einen Lautstärkeregler für Anwendungen, die Ton wiedergeben. In der Standardeinstellung zeigt die Taskleiste nun nur noch quadratische Icons ohne Anwendungsnamen (Abbildung 1). Ist mehr als ein Fenster einer Anwendung offen, dann zappt ein mehrfacher Klick auf das Taskleistenicon durch diese Instanzen – eine spürbare Erleichterung für Anwender, die zum Beispiel häufig mehrere Firefox-Fenster nutzen.

Die dünnen Fensterrahmen zu treffen, um die Fenstergröße zu verändern, kann besonders Anwender von Touchpads in die Verzweiflung treiben. KDE kannte daher schon immer ein Tastaturkürzel, um Fenster mit der linken Maustaste zu verschieben und mit der rechten zu skalieren. Bisher war dies in der Standardeinstellung [Alt]+, das allerdings auch dazu dient, das Anwendungsmenü zu aktivieren. Nun ist die Möglichkeit hinzugekommen, hierfür [Super] zu wählen, und das ist auch die neue Voreinstellung.

Der Nicht-Stören-Modus der KDE-Systembenachrichtigungen schaltet sich nun automatisch ein, sobald Sie einen zweiten Monitor anschließen, wie bei Präsentationen. Daneben feilten die Entwickler auch an der Optik, sprich am Default-Style Breeze und dem zugehörigen Farbschema.

Der KDE-Window-Manager Kwin stand in der Kritik, durch eine unsaubere Timer-Programmierung unnötige Verzögerungen bei der Reaktion auf Benutzereingaben zu verursachen. Es entstand sogar ein Fork [4], der sich dieses Problems annimmt. Inzwischen haben die Kwin-Entwickler nachgebessert: Es gibt jetzt eine Einstellung, die den Fenstermanager entweder auf zügige Reaktion oder auf maximale Gleichmäßigkeit der Animationen trimmt (Abbildung 4). Der Unterschied ist subtil, aber auf langsamen Rechnern oder bei hoher Systemlast zu spüren.

Abbildung 4: Der KDE-Window-Manager Kwin arbeitet nun schneller und kennt die in den Systemeinstellungen unter <span class="ui-element">Anzeige</span>&nbsp;| <span class="ui-element">Compositor</span> zug&auml;ngliche Einstellung <span class="ui-element">Latenz</span>.

Abbildung 4: Der KDE-Window-Manager Kwin arbeitet nun schneller und kennt die in den Systemeinstellungen unter Anzeige | Compositor zugängliche Einstellung Latenz.

Wer sich einen zügig und zugleich völlig ruckelfrei reagierenden Desktop wünscht, wird sich freuen, dass mit der KDE-Version von OpenSuse 15.4 nun endlich – weit später als bei Gnome – die groben Probleme beim Betrieb mit Wayland ausgeräumt sind (Abbildung 5). Das zeigt sich unter anderem darin, dass die Programmstartanzeige nun auch hier funktioniert, sprich: der hüpfende Cursor und die Animation des Leistensymbols, während eine Anwendung startet. KDE unter Wayland sollte inzwischen mit Intel-, AMD- und Nvidia-Grafikkarten klarkommen.

Abbildung 5: Die Wayland-Unterst&uuml;tzung von KDE hinkt der von Gnome immer noch hinterher. Inzwischen ist sie aber so gut, dass der eine oder andere Anwender im Anmeldebildschirm <span class="ui-element">Plasma (Wayland)</span> statt <span class="ui-element">Plasma (X11)</span> w&auml;hlen k&ouml;nnte.

Abbildung 5: Die Wayland-Unterstützung von KDE hinkt der von Gnome immer noch hinterher. Inzwischen ist sie aber so gut, dass der eine oder andere Anwender im Anmeldebildschirm Plasma (Wayland) statt Plasma (X11) wählen könnte.

Nicht zwergenhaft

Gnome liegt Leap 15.4 noch nicht in der Ende März erschienenen Version 42 bei, sondern in der Vorgängerausgabe 41. Doch da die aktuelle Gnome-Version erstmals teilweise auf GTK 4 aufsetzt, was insbesondere beim Zusammenspiel mit anderen Desktop-Umgebungen zu Unstimmigkeiten führen kann, ist es verständlich, dass das auf Stabilität ausgerichtete Leap hiervon noch die Finger lässt. Insgesamt hat sich durch die Auffrischung von Gnome (bisher Version 3.34) doch einiges verändert. Gnome wechselte in dieser Zeitspanne das Versionsschema, die seit Gnome 3.36 erschienenen Releases heißen 3.38, 40, 41 und 42.

Allem voran wurde das per [Super] aufgerufene Gnome-Dock neu gestaltet: Die Schnellstarterpalette liegt nun unten, die Thumbnails für die virtuellen Arbeitsflächen oben. Sie sind nun permanent zu sehen, nicht erst nach Kontakt mit dem Mauszeiger wie unter Gnome 3.34. Um Anwendungen auf eine andere Arbeitsfläche zu verschieben, ziehen Sie sie nun nach rechts oder links auf die dort ansatzweise eingeblendete vorige oder folgende Arbeitsfläche. Das gelingt bei Touchpads oder -screens deutlich leichter, doch es kostet nun mehr Aufwand, eine Anwendung über mehrere Arbeitsflächen zu verschieben.

Hilfreich ist, dass die Thumbnails der Fenster nun das Anwendungssymbol als Overlay zeigen, denn so lässt sich schneller erkennen, um welches Programm es sich handelt. Außerdem wechseln Sie nun direkt in der normalen Desktop-Ansicht mit [Super] plus Drehen des Mausrads durch die virtuellen Arbeitsflächen und müssen dazu nicht mehr zwingend das Dock öffnen. Auch die Gnome-Systemnachrichten haben einen Nicht-Stören-Modus erhalten. Das unter KDE schon lange existierende Augensymbol in Passwortdialogen, das den Klartext einblendet, gibt es nun auch unter Gnome.

Auch der Vollbildanwendungsstarter, den das mit [Super] aktivierte Dock wie schon immer unter Gnome 3 nach Tippen einiger Anfangsbuchstaben eines Programms einblendet, wurde optisch interessanter und übersichtlicher gestaltet (Abbildung 6). Ein Klick auf das letzte Symbol der Favoritenpalette öffnet immer noch eine Übersicht aller installierten Programme. Dass Sie nun deren Reihenfolge per Drag & Drop dauerhaft verändern können, macht die bisher strikt alphabetische Anzeige eigentlich erst zu einem sinnvoll zu nutzenden Werkzeug.

Abbildung 6: Auch der Vollbildanwendungsstarter von Gnome wirkt in Leap&nbsp;15.4 optisch gef&auml;lliger und klarer strukturiert.

Abbildung 6: Auch der Vollbildanwendungsstarter von Gnome wirkt in Leap 15.4 optisch gefälliger und klarer strukturiert.

Nicht direkt auf dem Desktop sichtbar ist die vielleicht wichtigste Neuerung: Die Entwickler haben endlich die Gnome-Anwendungshandbücher aktualisiert, die, wie sie es selbst formulieren, “grob veraltet” waren.

Eine Ausnahme bei der erfreulichen Aktualität der Desktop-Umgebungen unter Leap 15.4 bildet der von Linux Mint geschaffene Cinnamon-Desktop, der auf der Basis aktueller Gnome-Technologie eine an der Gnome-2-Optik angelehnte Arbeitsumgebung mit schmaler unterer Taskleiste bietet: Hier hat Leap 15.4 immer noch die 4.6er-Reihe an Bord, obwohl die Cinnamon-Entwickler schon im Juni 2021 Version 5.0.0 freigegeben haben.

Etwas abgestanden

Während Leap 15.4 in Sachen Desktop-Aktualität glänzt, präsentiert sich die Update-Situation bei den Anwendungen deutlich durchwachsener. Die Tabelle “Versionsvergleich” zeigt die Versionsentwicklung einiger Pakete von OpenSuse Leap 15.2 (vom Juli 2020) bis zur aktuellen Ausgabe. Zum Vergleich sind auch die Versionen der Rolling-Release-Spielart Tumbleweed und die Upstream-Versionen zu sehen, sprich die von den Entwicklern der Software selbst freigegebenen Fassungen. Ein kennzeichnet Pakete, die mehr als zwei Versionen in der zweiten Stelle der Versionsnummer hinter dem Upstream zurückliegen.

Rund ein Drittel der herausgegriffenen Programme liegt in der zweiten Stelle der Versionsnummer mehr als zwei Versionen hinter dem Upstream zurück, etwa die Hälfte sogar um eine Major-Version (erste Stelle der Versionsnummer). Da üblicherweise jeder Sprung in der zweiten Stelle greifbare neue Funktionen mit sich bringt und ein Sprung in der Major-Version eine grundlegende Runderneuerung signalisiert, entgeht Leap-Anwendern einiges.

In wenigen Fällen behielt Leap die im Vergleich zu Tumbleweed älteren Versionen bewusst bei: So enthält es bei Firefox und LibreOffice die von den Entwicklern für Unternehmen empfohlenen konservativeren Ausgaben. Bei Audacity ließe sich ein Zurückhalten der Major-Version 3 mit vom neuen Entwicklerteam eingebauten Telemetriefunktionen rechtfertigen, doch selbst dann könnte Leap 15.4 wenigstens auf Version 2.4 updaten.

Auch die 3D-Software Blender liegt mit Version 2.82a vom März 2020 in einer hoffnungslos veralteten Fassung vor. Dies liegt daran, dass sich das Paket mit der Python-Version 3.6.15 von Leap nicht mehr kompilieren lässt. Hier geht das Konzept nicht auf, einen stabilen, im Enterprise-Bereich bewährten Systemkern mit aktuellen Anwendungen zu kombinieren. Allerdings können sich Blender-Anwender einfach das generische TAR-Archiv [5] für Linux herunterladen und nach dem Entpacken das Programm ohne Installation in der neuesten Version starten.

Dass OpenSuse durchaus Anwendungen kurz nach dem Erscheinen bereitstellen kann, beweist ein Vergleich der Upstream- und Tumbleweed-Versionen in der Tabelle “Versionsvergleich”: Sie liegen selten weit auseinander. Teilweise zeigt dann ein Blick in den OpenSuse Build Service sogar, dass Pakete für Leap 15.4 in neuerer Version bereits vorliegen und nur noch in die Distribution integriert werden müssen (Abbildung 7). An den veralteten Bibliotheken in Leap liegt es dann also nicht. Vielmehr fehlt dem Projekt offenbar die Manpower, die bereits vorliegenden Pakete zu testen oder bestehende Probleme auszuräumen. Das betrifft etwa Inkscape [6], die Homebanking-Anwendung Hibiscus [7] und den kompletten Cinnamon-Desktop [8].

Abbildung 7: Bei etlichen Paketen, die OpenSuse Leap&nbsp;15.4 in veralteter Version mitbringt (hier Inkscape), ist die Hauptarbeit &ndash; n&auml;mlich der Bau eines Pakets in aktueller Version &ndash; eigentlich schon erledigt.

Abbildung 7: Bei etlichen Paketen, die OpenSuse Leap 15.4 in veralteter Version mitbringt (hier Inkscape), ist die Hauptarbeit – nämlich der Bau eines Pakets in aktueller Version – eigentlich schon erledigt.

Energieknappheit

Der Mangel an Entwicklerressourcen dürfte der Grund gewesen sein, warum die gewinnorientierte Firma Suse sich entschlossen hat, die bisher zahlenden Kunden vorbehaltenen Bugfixes für ihr Enterprise-Linux mit OpenSuse freizugeben, um dessen Release-Team Arbeit zu ersparen. Die Beliebtheit einer Distribution steht und fällt damit, wie schnell und zugleich fehlerfrei sie neu erscheinende Software integrieren kann. Seit Leap 42.1 übernimmt OpenSuse dazu die Paketquellen der Enterprise-Distribution SLES für den Kernbereich, mit Leap 15.3 direkt die fertigen Pakete. Letzteres spart noch einmal Entwicklerkapazitäten für den Paketnachbau.

Der Vorteil für die Firma Suse: Ein Umstieg auf das kostenpflichtige SLES gelingt nun mit geringem Aufwand [9], es gibt sogar ein eigenes YaST-Modul dafür. OpenSuse Leap dient also quasi als Aushängeschild für Suse Linux mit kommerziellem Support. Auch ist es offensichtlich, dass Suse sein Enterprise-Linux nicht ohne die breite Benutzerbasis von Leap und Tumbleweed anbieten könnte.

Als Beta-Tester für das kostenpflichtige SLES müssen sich Leap-Anwender dennoch nicht fühlen. Diese Rolle kommt eher den Tumbleweed-Benutzern zu: Dort schlagen neue Paketversionen direkt nach einem automatisierten Test mit OpenQA auf, der lediglich Kernfunktionen prüfen kann. Doch auch andere Rolling-Release-Distributionen wie Arch Linux verzichten zugunsten der Aktualität auf eine längere Testphase. Dennoch funktionieren sie in aller Regel weitgehend störungsfrei. Nur weil die Distributoren eine Software vor Veröffentlichung einer neuen Paketversion nicht intensiv testen, heißt das ja nicht, dass die eigentlichen Entwickler der Software dies nicht getan hätten – und die kennen sich mit ihrem Werk ja am besten aus.

Es spricht also einiges für die in Sachen Updates taufrische Rolling-Release-Spielart Tumbleweed. Wer ein neues System installiert, sollte seine Prioritäten abwägen: Wer sich für Leap entscheidet, muss in vielen Fällen schon von Beginn an mit veralteten Programmen arbeiten. Dass eingespielte Updates nun für ein Jahr nur in Ausnahmefällen neue Versionen liefern, etwa bei Webbrowsern, kann man sowohl als Nach- wie auch als Vorteil empfinden: Die Versionskonstanz verspricht Kontinuität beim Arbeiten, wenngleich mit zunehmend veralteten Programmen.

Herausgepickt

Wer unter Leap bloß wenige Programme in aufgefrischter Version benötigt, kann sich beim OpenSuse Build Service bedienen, statt gleich zu Tumbleweed zu wechseln: Die OpenSuse-Tipps in LinuxUser 05/2022 [10] haben dazu das Kommandozeilenwerkzeug OPI vorgestellt (OBS Package Installer, Paket opi). Der Aufruf sudo opi Programm genügt, um für das eigene System passende Pakete zu finden und zu installieren. Grüne Repository-Namen deuten dabei auf vom OpenSuse-Team gepflegte Pakete hin, rote auf von externen Benutzern erstellte.

Wer in der Webschnittstelle des Build Service [11] mithilfe des Suchfelds rechts oben recherchiert, findet anhand des Repository- oder Projektnamens aus Opi die Quelldateien. Kundige Anwender können hier prüfen, wie das Paket aufgebaut ist, und potenzielle Schadsoftware erkennen: Jedermann kann einen Build-Service-Account beantragen und Pakete erstellen, die Opi findet und installiert. Jeder muss selbst entscheiden, ob er die in Opi rot gekennzeichneten, von Externen erstellten Pakete installieren möchte, obwohl er sie als Durchschnittsanwender kaum selbst auf eine schädliche Wirkung untersuchen kann.

Es empfiehlt sich daher, die vom Build Service installierten Pakete zu notieren: Vor einem Upgrade der Distribution sollten Sie sie entfernen. Falls ein Update unter Leap jedoch ausnahmsweise eine neue Version einer Abhängigkeit eines solchen Pakets einspielt, versucht der Build Service, eine neue Version des Pakets zu bauen. Das sorgt meist automatisch für das nötige Update des eigentlichen Programms, da Opi ja das entsprechende Build-Service-Repo dauerhaft eingebunden hat.

TIPP

Auch im Appimage- und Flatpak-Format ausgelieferte Programme lassen sich unter OpenSuse installieren und nutzen.

Fazit und Ausblick

Ein Upgrade auf OpenSuse Leap 15.4 lohnt sich: Die Version hievt alle Desktop-Umgebungen und viele, wenn auch nicht alle Anwendungen auf einen weitgehend aktuellen Stand [12]. Nach wie vor empfiehlt sich die Rolling-Release-Spielart Tumbleweed für Anwender, die mit den neuesten Programmversionen arbeiten möchten und dabei gelegentliche, meist vorübergehende Problemchen nicht fürchten.

Ein Grund, der bisher Besitzer von Nvidia-Grafikkarten von Tumbleweed abhielt, fällt indes in Zukunft weg. Bisher musste man den passenden Grafiktreiber bei jedem der recht häufigen Kernel-Updates neu kompilieren, ein Erfolg war bei den brandaktuellen Tumbleweed-Kerneln nicht immer garantiert. Seit 11. Mai ist nun tatsächlich die Hölle zugefroren: Nvidia hat sein bisher proprietäres Kernel-Modul als Open Source freigegeben. Bislang liegt es für Desktop-Grafikkarten zwar nur in Alpha-Qualität vor, doch die Entwickler visieren eine Ablösung des proprietären Moduls an. Das wird eine viel weitergehende Pflege von außen gestatten und sehr wahrscheinlich ein besseres Zusammenspiel mit frisch erschienenen Kernel-Versionen nach sich ziehen.

Auch Suse selbst vermeldet Pläne für bahnbrechende Neuerungen. So soll die Enterprise-Distribution SLES (und im Gefolge auch Leap) in Zukunft auf einer zweigeteilten Architektur beruhen. Ein konservativer Kernunterbau soll das Basissystem für aktuelle Anwendungssoftware bilden, nun allerdings klar durch Container- und Virtualisierungstechnologie abgetrennt und darum bezüglich der Paket-Dependencies unabhängig. Konkreter wurde Stefan Behlert, Produktmanager von SLES. dabei in seiner Ankündigung [13] vom 13. April noch nicht.

Auf OpenSuse 15.5 im nächsten Jahr hat das noch keine Auswirkungen – abgesehen vermutlich von einer erneuten Ressourcenknappheit beim Aktualisieren von Leap, wie es Lubos Kocman, Release-Manager von Leap, in seiner Nachricht [14] vom 14. April andeutet. (cla)

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