Editorial 01/2020

Aus LinuxUser 01/2020

Editorial 01/2020

Lieber keine Geschenke

Microsoft lockt die Schulen mit einem (noch) kostenlosen Angebot. Wer da allerdings zugreift, verspielt die Chancen der Schülerinnen und Schüler auf Vielfalt in der Ausbildung.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

im Mai 2019 gab es einen kleinen Hoffnungsschimmer, dass Deutschland doch nicht vollkommen zurückfallen würde in Bezug auf den Einsatz neuer, sprich digitaler Techniken im Bildungswesen: Mit dem Digitalpakt Deutschland sehen 5 Milliarden Euro für den Ausbau von Infrastruktur an Schulen und die Anschaffung neuer Geräte bereit. Da die Länder sowie die kommunalen und privaten Träger einen Eigenanteil einbringen müssen, wächst die Summe auf 5,55 Milliarden Euro – Geld, das über einen Zeitraum von fünf Jahren bereitsteht [1].

In den rund 40 000 Schulen in Deutschland fehlt es oft so ziehmlich an allem: Verkabelung, Access Points, aktuelle Hardware, zeitgemäße Software. Der große Geldtopf löst diese Probleme aber nicht automatisch. Vielmehr offenbart sich nun zusätzlich die Schwierigkeit, dass bereits die Bestandsaufnahme vielen Einrichtungen schwer fällt, weil es an qualifiziertem Personal fehlt, um den Bedarf sachkundig zu bewerten.

Neue Hardware braucht neue Software. Aber da Hardware naturgemäß am stärksten zu Buche schlägt, bleibt für den Bereich Software meist nur ein kleinerer Teil übrig. Gute Chancen also für freie Software, denn die Mittel aus dem Digitalpakt sollten ohnehin so eingesetzt werden, dass die zu beschaffende Infrastruktur technologieoffen, erweiterungsfähig und auf Interoperabilität ausgerichtet ist. Außerdem wäre gleichzeitig gewährleistet, dass die Schülerinnen und Schüler mit dem Blick über den Tellerrand Alternativen zum sonst oft vorinstallierten Software-Kanon kennenlernen.

Jetzt schlägt allerdings das Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung e.V. Alarm [2]: Mit seinem Bildungspaket Office 365 A1, dass Schulen kostenlos erhalten, versucht der amerikanische IT-Konzern hier seinen Fuß in die Tür zu bekommen – mit weitreichenden Folgen: Die meisten Applikationen sind webbasiert, Daten landen womöglich in der Cloud. Da stellt sich schnell die Frage, wie es um den Datenschutz bestellt ist, gerade wenn es sich bei den Betroffenen um Minderjährige handelt.

Alternativen sind vorhanden. Wer sich jetzt aus vermeintlichem Kostendruck wieder einem Monopolisten an die Brust wirft, verspielt die Chance auf Vielfalt in der Ausbildung, und begibt sich außerdem in die Gefahr, dass die bislang kostenfreien Angebote in Zukunft doch mal ein Preisschild erhalten. Darüber hinaus kann es nicht angehen, dass staatliche Bildungseinrichtungen für ein Unternehmen die Anwendungsschulung übernehmen.

Bleibt zu hoffen, dass die Verantwortlichen die besinnliche Zeit nutzen, um solche Entscheidungen noch einmal zu überdenken. Ihnen allen wünsche ich dagegen eine erholsame Zeit und freue mich darauf, Sie als Leser in 2020 wieder begrüßen zu dürfen.

Herzliche Grüße,

Andreas Bohle

Stellv. Chefredakteur

Infos

  1. Digitalpakt Schule: https://www.bmbf.de/de/wissenswertes-zum-digitalpakt-schule-6496.php
  2. FIfF-Pressemeldung zum Einsatz von Office 365 in Schulen: https://www.fiff.de/PM_Digitalisierung
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2 Kommentare
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kow48
6 Jahre her

Herr Bohle, aufwachen!
Der Traum “Bleibt zu hoffen, dass die Verantwortlichen die besinnliche Zeit nutzen, um solche Entscheidungen noch einmal zu überdenken.” wird ein solcher bleiben. Bis M$ den Sack zu macht, sind die, die jetzt dafür verantwortlich sind, nicht mehr greifbar, weil sich die Voraussetzungen dann mal wieder weiter entwickelt haben. Wie bei einem DAX-Unternehmen zählt auch hier nur das aktuelle Schuljahr, langfristige Ziele werden nicht verfolgt. Dann reden noch andere mit, die nichts anderes als M$ kennen.

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