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© Thomas B., Fotolia

Bitwig Studio macht Linux zur Musikworkstation

Tuxstudio

Bitwig Studio ist die erste für Linux kommerziell angebotene, vollständige Musik-Workstation. Damit bietet sich nun endlich eine Linux-Alternative zu Steinberg Cubase, Magix Samplitude oder Abelton Live.

Neben dem frei lizenzierten Ardour und dessen etwas kleineren "Geschwistern" wie Qtractor und Muse können Musiker unter Linux auch zu einigen kostenpflichtigen, proprietären Musikproduktionssuiten greifen. Die meisten davon orientieren sich an den Bedürfnissen von Elektronica-Produzenten. Renoise und Traction sind nativ für Linux gebaut, bei Reaper handelt es sich um eine für den Betrieb mit Wine optimierte Windows-Software.

Die großen Platzhirsche für jede Art von Musikproduktion – Steinbergs Cubase, Magix' Samplitude, Avids Pro Tools oder Abelton Live laufen aber alle nicht unter Linux. So liest man immer wieder von Musikern, dass sie sehr gerne nur noch Linux benutzen würden, wenn es denn eine DAW für Linux gäbe, die so aussieht, wie sie es von großen Windows- oder Mac-Suiten her gewohnt sind.

Das Berliner Startup Bitwig [1] kündigte vor etwa zwei Jahren eine neue Suite dieser Liga auch für Linux an. Vor einem Jahr hatten wir Gelegenheit, eine Beta-Version von Bitwig Studio für Linux zu testen [2]. Im März 2014 schließlich löste das Unternehmen sein Versprechen vollends ein und veröffentlichte Bitwig Studio auch für Linux (Abbildung 1). In der Beta noch vorhandene Fehler haben die Entwickler vollständig beseitigt.

Abbildung 1: Bitwig Studio ist komplett ausgestattet, Audiospuren, Midi-Spuren, Plugins, Automatisierung. Und es ist echte Linux-Software, die sich in Desktops wie KDE reibungslos zu Hause fühlt.

Der Hersteller liefert das Programm als 64-Bit-DEB-Paket aus [3], sodass es sich unter jedem Debian-Derivat leicht installieren lässt. Ausdrücklich nennt Bitwig nur "Ubuntu 12.04 or later" als Systemvoraussetzung, doch berichteten Nutzer bereits von erfolgreichen Installationen unter Debian, Arch Linux, Fedora und anderen Distributionen. Die Voraussetzung stellt in allen Fällen ein 64-Bit-System dar, auf einem 32-Bit-Kernel läuft Bitwig Studio nicht.

Lizenzfragen

Im Test ließ sich die Suite reibungslos unter Kubuntu 13.04 einrichten und fragte beim ersten Start Nutzernamen und Passwort ab. Beides müssen Sie bereits bei der Registrierung auf Bitwig.com anlegen. Der registrierte Account dient auch zum Verwalten der Lizenzen – mit USB-Dongles und dergleichen behelligt Bitwig seine Nutzer erfreulicherweise nicht.

Für den Einsatz ohne Internetverbindung lässt sich eine Schlüsseldatei aus dem Nutzerbereich der Webseite herunterladen. Mit einer Standardlizenz dürfen Sie Bitwig Studio auf bis zu drei Rechnern gleichzeitig nutzen, dazu lassen sich für alle unterstützten Betriebssysteme Installationspakete ebenfalls aus dem Nutzerbereich herunterladen. Für erste Tests erhalten Sie auf diesem Weg auch ein kostenloses Demo-Paket, das allerdings nichts speichern kann.

Nach der Abwicklung der Anmeldezeremonie gilt es, eine EULA zu bestätigen, danach wird es interessant: Bitwig bietet etliche Sammlungen von Samples und MIDI-Vorlagen zum Download an, die sich als Grundlagen von Projekten und zum Entdecken der Möglichkeiten des Programms eignen. Die meisten davon stammen von Bitwig selbst, einige andere von Drittanbietern. Bei Letzteren handelt es sich allerdings meist nur um reduzierte Varianten größerer Pakete, die es anderweitig zu erwerben gilt.

Die Downloads landen unter ~/.BitwigStudio. Außerdem legt Bitwig auch noch ein Verzeichnis ~/Bitwig Studio an, in dem es Ihre Einstellungen und Projekte speichert.

Made for Linux

Nach dem verhältnismäßig langen Startvorgang fühlt sich Bitwig vollständig wie native Linux-Software an. Im Gegensatz zu manchen anderen Cross-platform-Programmen gibt es keinerlei Probleme mit dem Fenstermanagement, virtuellen Desktops oder anderen Linux-spezifischen Funktionen.

Das mag auch damit zusammenhängen, dass Bitwig seine eigene Java-Runtime an Bord hat, die für die in Java programmierte Oberfläche der Suite zuständig zeichnet. Alle Oberflächenelemente reagieren gefühlt ohne jede Verzögerung. Die eigentliche Signalverarbeitung – man merkt ihr an, dass sie sorgfältig für Linux optimiert wurde – übernimmt nicht etwa Java-Bytecode, sondern ein klassisches Binary.

Als Audio-Schnittstelle lassen sich Alsa, Jack und das anachronistische OSS auswählen. Wir nahmen alle Tests mit dem für Audio unter Linux als Quasi-Standard etablierten Jack vor. Ein Wechsel erlaubt, sofort die von der gewählten Schnittstelle angebotenen Ports als Input/Output auszuwählen. Die geänderten Einstellungen greifen aber erst nach dem Neustart von Bitwig.

Ganz kurz nach der Veröffentlichung von Version 1.0 funktionierte die Auswahl noch nicht korrekt: Es gab, wie in der Beta, eine hässliche Fehlermeldung von Portaudio. Schon zwei Tage später jedoch verschwand das Problem mit einem Upgrade von Bitwig spurlos. Verfügbare Aktualisierungen zeigt Bitwig beim Start an, der Download lässt sich automatisch starten. Danach installieren Sie das entsprechende Paket mit Dpkg oder einem Tool wie Gdebi. Nach der Installation müssen Sie dann wieder den vom ersten Start her bekannten Assistenten durchklicken, was bei den sieben Aktualisierungen im Testzeitraum stressfrei verlief.

Die im größten Teil des Tests laufende Version 1.0.7 zeigte so gut wie keine Aussetzer an den vorhandenen Funktionen. Jedes Modul und jede Funktion, die wir ausprobierten, funktionierte mit konstruktiven Ergebnissen. Auf den zweiten Blick waren allerdings ein paar Unzulänglichkeiten auszumachen: So funktionierte die Vorschau für Sound-Dateien im Browser nicht immer, VST-Module listete Bitwig nur im Dateibereich des Browsers, nicht aber in der dafür vorgesehenen Device-Liste. Einige Probleme mit der Erkennung von per USB angeschlossenen MIDI-Geräten waren im Test die einzigen Fehler, die wirklich eine Einschränkung von Funktionen bewirkten.

Unsere Versuche, Bitwig durch abenteuerliche Experimente mit komplexen, anspruchsvollen Aktionen zu Störgeräuschen oder gar Abstürzen zu bringen, parierte Bitwig tadellos (Abbildung 2). Bei 28 Audio-Kanälen plus 10 Midi-Spuren mit jeweils eigener Klangerzeugung traten einige Xruns im ALSA-Backend auf. Allerdings hatten diese keinerlei hörbare Auswirkung, und sie erschienen nur, wenn tatsächlich alle Kanäle gleichzeitig ein Signal ausgaben. Dabei war Jack so eingestellt, dass die maximale Verzögerung 8 Millisekunden nicht überschreiten konnte, was einen recht ambitionierten Wert für einen handelsüblichen Laptop darstellt.

Abbildung 2: Eine Aufnahme von Guitarix verdrahtet in Qjackctl (rechts) ein Projekt mit mehr als 20 Audio-Kanälen mit reichlich Effekten.

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