Knoppix gilt als Mutter aller Linux-Live-Systeme. Das alternativ entwickelte Gnoppix ist nun nach längerer Pause wieder erhältlich und präsentiert einige Neuerungen.
Im Jahr 2000 stellte Klaus Knopper sein innovatives Live-System Knoppix erstmals der Öffentlichkeit vor. Es verwendete Debian als Grundlage, KDE als Arbeitsumgebung und verfügte über eine nahezu vollständige Softwareausstattung, die es als Allrounder auswies.
2003 erblickte Gnoppix [1] mit derselben Zielsetzung das Licht der Welt. Es basierte ebenfalls auf Debian, setzte jedoch auf den schlankeren Gnome-Desktop. Allerdings stellte das Projekt bereits im Jahr 2005 die Weiterentwicklung wieder ein. Grund dafür war der Wechsel des Hauptentwicklers Andreas Müller zu Canonical. Die Live-Funktionalität von Gnoppix übernahm daraufhin Ubuntu 4.10, was das ursprüngliche Debian-Derivat obsolet machte.
Doch 2021 wurde Gnoppix wieder zum Leben erweckt. Die inzwischen vorliegende Version GnoppixNG 24 wartet mit einer Reihe von Innovationen auf und verfolgt eine andere Ausrichtung als die Ursprungsversion: Es arbeitet zwar nach wie vor als Live-System, lässt sich jedoch auch problemlos via Calamares installieren.
GnoppixNG bietet mit KDE Plasma, Gnome und XFCE mehrere Arbeitsoberflächen an, was es auch für leistungsschwächere Rechner tauglich macht. Als Basis verwendet die Distribution nach wie vor Debian und legt damit den Fokus auf Stabilität und Systemsicherheit. Primär möchte das Team um Andreas Müller GnoppixNG als leichtgewichtigen und ressourcenschonenden Allrounder verstanden wissen, der sich bestens in bestehende heterogene Infrastrukturen integriert und ein breites Hardwarespektrum abdeckt.
GnoppixNG PRO
Neben der freien Community-Variante GnoppixNG Core gibt es noch die kostenpflichtige Variante GnoppixNG PRO mit einigen Zusatzfunktionen. Dazu zählen Bottles [3], eine ursprünglich für Elementary OS entwickelte Laufzeitumgebung für Windows-Software, sowie Gnoppix IPTV, eine Anwendung zum Streamen von Fernsehsendungen über das Internet. Gnoppix PRO schlägt mit 39,99 US-Dollar zu Buche, Schüler und Studenten erhalten es als PRO-Student-Paket zum ermäßigten Preis von 12,99 US-Dollar [4]. In jedem Fall mit dabei ist eine zweijährige Gnoppix Membership, die unter anderem beschleunigten Zugang zu Updates und Upgrades, schnellere Downloads und Entwickler-Support einschließt [5].
Grundlagen
Gnoppix steht auf Sourceforge in mehreren Versionen zum Herunterladen bereit [2]. Neben jeweils einem 64-Bit-ISO-Image mit KDE-Plasma-, Gnome- oder XFCE-Desktop gibt es auch Varianten mit der KDE-Plasma- und der XFCE-Oberfläche für 32-Bit-Hardware. Der Umfang der Abbilder liegt zwischen 2,5 und 5,3 GByte. Es handelt sich bei allen Varianten um Hybrid-Images, die sich sowohl von einem optischen Datenträger als auch von einem USB-Stick starten lassen.
Nach dem Start öffnet sich ein konventionelles Grub-Boot-Menü, in dem Sie das Live-System mit einer von vier Sprachen lokalisiert starten. Im Test ignorierte die KDE-Variante die Auswahl der deutschen Sprache und startete das System mit englischer Lokalisierung samt entsprechendem Tastaturlayout.
Als experimentelle Boot-Option steht das Einrichten eines persistenten Bereichs zur Verfügung. Je nach gewählter Arbeitsumgebung öffnet sich kurz nach dem Start eine stark modifizierte Oberfläche. Bei XFCE finden Sie am unteren Bildschirmrand eine horizontale Panel-Leiste, bei Gnome eine konventionelle Leiste inklusive ArcMenu-Extension am oberen Bildschirmrand. Der Desktop wirkt hier eher konservativ. Die Version mit KDE Plasma kommt dagegen mit einem sehr frisch wirkenden Theme.
Alle Varianten verwenden dasselbe Grundsystem. Den Unterbau stellen ein Kernel der 6.1.x-Reihe, Systemd 252.19 und die Glibc 2.36. Die grafische Oberfläche liefert der X11-Server 21.1.7, Wayland ist noch nicht implementiert. Mit an Bord sind außerdem die GNU Compiler Collection (GCC) in Version 12.2.0 sowie CUPS 2.4.2 und Mesa 22.3.6.
Softwareausstattung
Die größten Modifikationen im Vergleich zu früheren Gnoppix-Ausgaben finden sich im Softwarebestand. So weisen die Live-Systeme bereits einen erfreulich umfangreichen Fundus an Programmen auf. Neben den Standardanwendungen LibreOffice, Gimp und Firefox ESR haben sie den E-Mail-Client Thunderbird an Bord.
Daneben finden Sie in den Menüs die gängigen Desktop-spezifischen Anwendungen. Die in früheren Gnoppix-Versionen ab 2022 teils integrierten Microsoft-Anwendungen wie den Webbrowser Edge oder die Chat-Anwendung Teams entfernte das Projekt wieder. Dafür pflegten die Entwickler eine Reihe von Programmen und Diensten ein, die für ein Plus an Sicherheit sorgen. So findet sich in allen Versionen der VPN-Client Proton des gleichnamigen Anbieters aus der Schweiz. Bei Bedarf verschleiern Sie die IP-Adresse des Rechners mithilfe der distributionseigenen Terminalanwendung Gnoppixctl.
Mit Sweeper und Bleachbit finden sich außerdem zwei Anwendungen zum sicheren Löschen von lokalen Datenbeständen im Fundus. Die 64-Bit-Versionen mit XFCE und Gnome kommen darüber hinaus mit vorinstalliertem Tor Browser und Tuta Mail, einem per Ende-zu-Ende-Verschlüsselung abgesicherten E-Mail-Dienst. Die XFCE-Variante enthält darüber hinaus einen besonders sicheren Session-Messenger. Teilweise gilt es aber, diese Anwendungen über die entsprechenden Starter erst noch aus dem Internet zu laden, was mit den hinterlegten Skripten problemlos funktioniert.
Künstliche Intelligenz
Der Hype um KI-Anwendungen hat auch vor GnoppixNG nicht Halt gemacht: Das Debian-Derivat bringt mit GPT4All eine grafische Anwendung für die Nutzung von KI-gestützten Chatbots mit. Sie ist betriebsbereit vorkonfiguriert und gestattet per Mausklick die Auswahl eines Sprachmodells aus einer Liste. Die sichert das Tool lokal und steht dann zum Einsatz bereit. Der Umfang des Modells beträgt zwischen 4 und 8 GByte.
Für jedes Sprachmodell listet die Software vorab die Hardwareanforderungen auf, sodass Sie abschätzen können, ob sich die verwendete Hardware für den Einsatz eignet. Den Ressourcenbedarf gleicht GPT4All beim Start mit den im System vorhandenen Kapazitäten ab. Im Fall nicht erfüllter Hardwarevoraussetzungen zeigt die Applikation einen entsprechenden Warnhinweis an (Abbildung 1).
Installation
Die XFCE- und KDE-Plasma-Desktops bieten Starter zur Installation des Systems an. Dabei nutzen die Entwickler das ausgereifte grafische Frontend Calamares (Abbildung 2). Für Verwunderung sorgt allerdings der Hinweis Welcome to the Calamares installer for Gnoppix 23. Ein nochmaliger Blick auf das ISO-Image und die Ausgabe von /etc/issue bestätigen aber, dass es sich um die aktuelle Version 24 handelt.
Wie beim Booten ignoriert GnoppixNG in der KDE-Version allerdings auch bei der Installation die Wahl der deutschen Lokalisierung. Nach einem Restart verwendet es immer noch die englische Sprache. Um das zu ändern, starten Sie die System Settings und wechseln darin in die Rubrik Regional Settings. Klicken Sie neben dem Eintrag Language auf Modify… und ändern Sie den Eintrag von C auf Deutsch. Um die Änderungen zu übernehmen, melden Sie sich vom System ab und wieder an. Das abgefragte Passwort lautet gnoppix.
Allerdings ändert die Aktion lediglich die angezeigte Sprache, nicht aber das Tastaturlayout. Das gilt es in der Theorie unter Eingabemethode einzustellen – was im Test jedoch nicht funktionierte, weil entsprechende Templates fehlten.
Zusatzsoftware
Um zusätzliche Programme zu installieren, nutzen Sie die in den jeweiligen Arbeitsoberflächen vorhandenen App Stores. Dazu ist Gnome Software in der Version 43.5 verfügbar. Da GnoppixNG die APT-Paketverwaltung nutzt, können Sie die Software auch im Terminal verwalten. Sogar unter KDE Plasma kommt Gnome Software anstelle von Discover zum Einsatz. Einige Anwendungen lassen sich auf der 32-Bit-Variante des Systems nicht installieren, da sie für diese Architektur nicht mehr zur Verfügung stehen.
Zahlreiche Anwendungen gibt es nur als Flatpaks, darunter auch die Windows-Laufzeitumgebung Bottles. APT kann solche Applikationen nicht installieren, sodass Sie in diesen Fällen auf den App Store (Abbildung 3) zurückgreifen müssen. Sie können dem System jedoch durch manuelles Editieren der Datei /etc/apt/sources.list jederzeit zusätzliche DEB-Paket-Repositories hinzufügen.

Abbildung 3: Der App Store von GnoppixNG verwaltet neben den herkömmlichen APT-Archiven auch Flatpak-Pakete.
Ressourcen
Eines der von den Gnoppix-Entwicklern ausgewiesenen Entwicklungsziele betrifft den sparsamen Umgang mit Systemressourcen. Tatsächlich agiert GnoppixNG auch auf leistungsschwächeren Maschinen sehr effizient und flüssig. Der Bedarf an Arbeitsspeicher und die CPU-Auslastung fallen selbst beim Einsatz des schwergewichtigen KDE-Plasma-Desktops relativ moderat aus (Abbildung 4).
Damit macht GnoppixNG auch auf zehn Jahre alten PCs noch eine gute Figur und lässt sich bereits auf Maschinen mit lediglich 2 GByte RAM ohne Einschränkungen nutzen. Als CPU genügt ein Zweikern-Prozessor den Anforderungen völlig, der benötigte Plattenplatz für eine minimale Installation liegt bei deutlich unter 10 GByte.
Kritik
Zentraler Kritikpunkt an GnoppixNG ist der unterschiedliche Entwicklungsstand der einzelnen Varianten. So erweist sich beispielsweise die deutsche Lokalisierung als noch unvollständig.
Speziell die Version mit Gnome-Desktop vermittelt einen noch unfertigen Eindruck. Das liegt vor allem daran, dass bei diesem Abbild das Installationsprogramm nicht korrekt arbeitet und auch einige weitere Applikationen nicht einsatzbereit sind. Die Gnome-Variante eignet sich daher lediglich zum Kennenlernen des Systems im Live-Betrieb. Auch das Fehlen einiger 32-Bit-Applikationen macht sich schmerzhaft bemerkbar: So fehlt hier beispielsweise der Tor-Browser, obwohl es ihn noch als 32-Bit-Paket gibt.
Ähnliches gilt für die KDE-Version. Trotz Auswahl der deutschen Lokalisierung greift sowohl beim Booten des Live-Mediums als auch beim Start der installierten Variante lediglich die englische Variante. Das deutsche Tastaturlayout ließ sich im Test erst mit manueller Nacharbeit aktivieren.
Fazit
Die Gnoppix-Entwickler sollten die Lokalisierungen noch überarbeiten und darauf achten, unter allen Arbeitsumgebungen denselben Softwarebestand anzubieten. Insbesondere die Variante mit Gnome-Desktop benötigt erkennbar noch Pflege.
Insgesamt hinterlässt GnoppixNG dennoch einen positiven Eindruck. Das System arbeitet mit allen Arbeitsoberflächen stabil und ressourcenschonend. Dem Anspruch, ein sicheres System liefern zu wollen, werden die Entwickler mit der Softwareauswahl durchaus gerecht. Damit geht GnoppixNG durchaus als rundum solider, alltagstauglicher Allrounder durch (tle)
Infos
- Gnoppix: https://www.gnoppix.org
- Gnoppix herunterladen: https://sourceforge.net/projects/gnoppixng/files/releases/core/
- Bottles: https://usebottles.com
- Gnoppix-Online-Shop: https://ko-fi.com/gnoppix/shop
- Gnoppix Membership: https://gnoppix.atlassian.net/wiki/spaces/GDP/pages/1572987/Gnoppix+Member








