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Ubuntu 11

Editorial

20.11.2009

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

in den letzten fünf Jahren hat sich Ubuntu von einem kaum bekannten Newcomer zu der Linux-Desktop-Distribution schlechthin entwickelt. Für viele Nicht-Linux-Anwender sind die beiden Begriffe inzwischen praktisch deckungsgleich, und bei Google wird nach "Ubuntu" um ein Vielfaches häufiger gesucht als nach jeder anderen Linux-Variante [1]. Insofern besetzt Canonicals Distribution unzweifelhaft die Position des Aushängeschilds für den Linux-Desktop, und jedes neue Release wird mit Spannung von einem breiten Publikum erwartet. Ganz besonders gilt dies für Ubuntu 9.10 "Karmic Koala": Nur wenige Tage nach dem lang im voraus gehypten Windows 7 erschienen, wurde es schon vorab kräftig als potenzieller "Windows-Killer" gefeiert.

Diese Jubelarien scheinen bei Mark Shuttleworth und seinen Mannen denn auch einen gehörigen Leidensdruck hervorgerufen und zu ungebremster Featuritis geführt zu haben. Anders lässt sich kaum erklären, was Canonical da am 29. November in die freie Wildlaufbahn entließ: die am wenigsten rückwärtskompatible und am schlechtesten funktionierende Ubuntu-Version bisher. Wie eine Umfrage bei Ubuntuforums.org zeigt [2], waren bis 5. November nur ein Drittel all derer uneingeschränkt erfolgreich, die versuchten "Karmic" neu zu installieren oder von einer Vorversion zu aktualisieren. Ein weiteres Drittel berichtete von Problemen, die sich aber schließlich lösen ließen. Ein volles Drittel all jener, die "Karmic" zu installieren oder auf dem Upgrade-Weg einzurichten versuchten, scheiterte völlig.

Daran trägt nicht zuletzt die Schuld, dass die Entwickler "Karmic" mit den neuesten Features vollgestopft haben, und das oft ohne Sinn und Not. Ein Paradebeispiel in dieser Hinsicht stellt der Bootmanager Grub2 dar, der nicht nur eine völlig neue (aber in sich inkonsequente) Device-Nummerierung einführt, sondern auch die schlichte menu.lst durch ein unglaublich kompliziertes, SysV-Init-ähnliches Konfigurationssystem ersetzt (einen kleinen Eindruck vermittelt [3]). Selbst, wenn die Installation des Systems gelingt, überrascht "Karmic" mit Fehlern (allein die Release Notes [4] nennen Dutzende "Known Bugs") und bislang nicht gekannten Unarten. So nervt das System mit ständigen Passwortabfragen und merkt sich das Passwort nicht mehr, gemountete Festplatten ohne Disk-Label erscheinen unter Media statt mit einem symbolischen Namen wie disk-1 mit der ellenlangen UUID – ein großer Spaß bei der Eingabe von Pfaden auf der Kommandozeile.

Fast könnte man den Verdacht haben, die Entwickler bei Canonical hätten Ubuntu 9.10 noch schnell mit allen erreichbaren neuen Gimmicks vollgestopft, um es die nächsten sechs Monate in Bananen-Manier beim Anwender reifen zu lassen, sodass dann bei dem im April als Long-Term-Support-Variante fälligen Ubuntu 10.04 "Lucid Lynx" auch alles funktioniert. Böse Zungen vergleichen denn "Karmic" sogar schon mit Windows Vista: So wie Windows 7 quasi nur das "Service Pack 2" des Flop-Windows sei, würde "Lucid" dann wohl die funktionierende Variante von "Karmic". Tatsächlich fällt bei den ersten Tests des neuen Ubuntu-Release in unserem Hardware-Labor auf, dass "Karmic" insbesondere auf allerneuester Notebook-Hardware tadellos läuft und dort auch einige Vorteile bringt, wie deutlich längere Akkulaufzeiten oder problemlos funktionierende Soundausgabe. Auf älteren Systemen halten sich die Vorzüge in engen Grenzen, oder es gibt sogar Probleme.

Das alles wäre kaum ein Thema, handelte es sich bei Ubuntu nicht um die inzwischen am weitesten verbreitete und gerade von Linux-Einsteigern bevorzugte Desktop-Distribution. In diesem Szenario ist es einfach unverantwortlich, ein Release derart mit Neuigkeiten zuzupflastern, dass selbst erfahrene Anwender in Schwierigkeiten geraten und Einsteiger nicht die geringste Chance haben, mit den auftretenden Problemen fertigzuwerden. With great power comes great responsibility, möchte man wie sudo den Canonical-Entwicklern zurufen. Pikanterweise gehört gerade Ubuntu zu den Distributionen, bei denen das Super-User-Do diesen Hinweis beim Aufruf unterschlägt …

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

Infos

[1] Google Insights – Distributionen: http://tinyurl.com/lu0912-insights

[2] Umfrage bei Ubuntuforums.org: http://ubuntuforums.org/showthread.php?t=1305924

[3] Grub2: https://wiki.ubuntu.com/Grub2

[4] Release Notes zu "Karmic": http://www.ubuntu.com/getubuntu/releasenotes/910

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Kommentare
Störrischer Koala
Jürgen Bartels, Sonntag, 22. November 2009 14:09:31
Ein/Ausklappen

Den Eindruck, dass Ubuntus "Carmic Koala" einen eher unreifen Eindruck macht, kann ich nur bestätigen. Die Einrichtung der neuen Distribution verlief bei mir bei weitem nicht so reibungslos, wie ich es noch unter 8.04 bis 9.04 gewohnt war. Während die eigentliche Installationsroutine noch wie gewohnt ablief, kamen die Probleme beim ersten Neustart. Der Bootvorgang blieb kommentarlos hängen. Da im Splash-Screen der Bootfortschritt nicht angezeigt wurde, konnte man nicht erkennen, was der Grund des Abbruchs war. Erst nach einigen Hardware-Resets war der Bootvorgang erfolgreich.
Die Ursachen dafür habe ich nicht herausfinden können.
Des weiteren waren zu Beginn beim Starten der Sound-Umgebung unangenehm laute Knackgeräusche zu vernehmen. Auch tauchten diese Geräusche während des Betriebs auf, wenn z.B. ein Radio-Lifestream über den Totem Video-Player oder ein MP3-File über Rythmbox ab gespielt wurde.
Mein über das Heim-Netzwerk angeschlossener Scanner-Drucker (HP Photosmart S5180) wurde in den Vorgänger Distributionen ohne Probleme erkannt und eingerichtet. Beim Aufruf von XSane wurde der Scanner nun nicht mehr erkannt. Erst durch manuelles Aufrufen in der Konsole durch:
xsane hpaio:/net/Photosmart_C5100_series?ip=192.168.XXX.XX (XXX.XX IP der Druckers) konnte ich den Scanner zur Mitarbeit bewegen.
Da mittlerweile einige Update-Zyklen über das System gelaufen sind, haben sich die meisten Probleme relativiert, zumindest was das Booten und die Probleme mit der Soundkarte angeht.
Mein Fazit über Carmic Koala fällt daher eher ernüchternd aus. Ich kann verstehen, wenn Linux-Neulinge, die sich mit Ubuntu-Linux bei einer Anfänger freundlichen Distribution wähnen, nach der Installation frustriert wieder von Linux abwenden.
Denen sei aber gesagt, Ubuntu kann auch anders, wie nach meiner Erfahrung die Distributionen 8.04 bis 9.04 beweisen! Es bleibt zu hoffen, dass mit dem kommendem Release die Schwerpunkte wieder auf Stabilität und Benutzerfreundlichkeit gesetzt werden.

Grüße


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Das tu ich mir nicht an
catweasle (unangemeldet), Samstag, 21. November 2009 18:13:05
Ein/Ausklappen

Ich habe eine recht normale Hardware auf einem knapp 2 Jahre alten Rechner, die ich mit Mühe und viel Zeit beim Vorgänger zum Mitmachen überredet hatte und auf einige Komponenten hatte ich bereitwillig verzichtet.
Jetzt beim koala funktionierts nicht mehr, selbst mein Drucker tuts selbst als gdi über Netzwerk nicht mehr.
Nun, das tu ich mir echt nicht an!
Bin wieder auf Win xp umgestiegen, mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Auf meinem älteren Zweirechner für wichige Sachen
läuft fedora 11 und ein alter Laserjet, für alles andere nehm ich wieder Windows und es macht Spaß.


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Infos zum Autor

Jörg Luther

Jörg Luther

Jörg Luther arbeitet seit 1995 als IT-Journalist. Seine Vorliebe für das freie Betriebssystem lebt er privat in der LUG Erding und beruflich seit 2004 als Chefredakteur des LinuxUser aus.

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