EIOffice

Chinesisches EI

Die Volksrepublik China beschreitet oft eigene Wege. Neben der DVD-Alternative EVD wird im Land des Lächelns ein umfangreiches Office-Paket entwickelt. In einem Test musste die Büro-Software zeigen, was sie kann.

Unter dem Namen Evermore Integrated Office, kurz EIOffice, schnürt die chinesische Firma Wuxi Evermore [1] ein Büropaket, das den Quasistandard Microsoft Office vollständig ersetzen soll. Die zum Redaktionsschuss aktuelle Version 2003 gibt es nur in englischen und chinesischen Varianten für die Betriebssysteme Linux und Windows. Als einzige Bezugsquelle für deutsche Interessenten dient derzeit die Homepage des Herstellers. Langfristig hat Evermore aber auch den europäischen Markt im Visier, eine deutschsprachige Variante ist laut Homepage in Entwicklung, die neue Version 2004 "erwartete" der Hersteller für Mai. Sollte Evermore diese Erwartungen erfüllen, liefern wir in einer der nächsten Ausgaben einen kurzen Überblick über die Änderungen nach.

Das Paket selbst besteht aus der obligatorischen Textverarbeitung (Word Processor), einer Tabellenkalkulation (Spreadsheet) und einem Präsentationsprogramm (Presentation Graphics).

Installation

Die Installation des 250 MByte großen Pakets erfolgt komfortabel über ein eigenes Setup-Programm (Abbildung 1). Letzteres erlaubt kaum Einstellungen und fräst sich quer durch das gesamte Linux-System. Sogar im Root-Verzeichnis hinterlässt es Spuren: Der dortige Ordner EIOBinders dient als Standardspeicherort für alle lokalen Benutzer. Ungeachtet aller Rechtevergaben kann so jeder die Dokumente der anderen öffnen und einsehen. Nach der Installation hinterlässt das Setup-Programm nur ein einsames Startsymbol auf dem Desktop – obwohl die Hilfe über die Integration in KDE etwas mehr verspricht. Lediglich ein Schnellstarter wird auf Wunsch in die Startleiste integriert (Abbildung 2). Eine spätere Deinstallation erfolgt übrigens auf der Kommandozeile per uninstalleio.

Abbildung 1: Wer die auf 100 Starts limitierte Demoversion installiert, sollte bei der Angabe des Installationsverzeichnisses vorsichtig sein: Es beherbergt nur einen Teil der gesamten Installation und muss für alle Nutzer sichtbar sein.
Abbildung 2: Die Installationsroutine richtet bei Bedarf ein kleines Hilfsprogramm (Quickstarter) in der Kontrollleiste ein.

Genau wie das enttäuschende ThinkFree Office [2], basiert EIOffice vollständig auf Java. Den Vorteil einer hohen Portabilität erkauft man sich hierbei generell mit schlechteren Ausführungszeiten. Dies spürt man auch unter EIOffice: Auf einem Pentium 4 2,0 GHz bemerkten wir im Arbeitsfluss ab und an ein unangenehmes Stocken – trotzdem ist als Mindestanforderung nur ein Pentium II mit 500 MHz angegeben.

Gut geklaut

Die Benutzeroberfläche von EIOffice ist sichtlich von Microsoft Office inspiriert. Nach dem Start erwartet Windows-Umsteiger daher ein vertrautes Bild (Abbildung 5). Gleiches gilt für den Aufbau der Online-Hilfe (Abbildung 3).

Abbildung 3: Obwohl die Hilfe unter dem Strich nur als Referenz taugt, ist sie ausführlich und enthält viele Schritt-für-Schritt Anleitungen.

Auf einen nervenden Karl-Klammer-Verschnitt verzichtet EIOffice zum Glück; Assistenten sind in EIOffice generell rar gesät. Das Hauptmenü der Kernanwendungen enthält stets sämtliche Funktionen aller Einzelkomponenten und verbirgt gerade unpassende oder selten benutzte Befehle. Analog zu MS Office gibt ein Klick auf einen Pfeil alle versteckten Menüpunkte preis. Die in der Werbung versprochenen, austauschbaren "Look-and-Feels" bestehen aus fest vorgegebenen Farbschemata.

Abbildung 4: Über ein kleines, frei schwebendes Fenster hat man stets Zugriff auf die drei Komponenten des Office-Pakets.

Das Pendant zu Microsofts Arbeitsmappen heißt hier "Binder". In Bindern werden zusammen gehörende Dokumente abgelegt (Abbildung 5).

Abbildung 5: Mit dem Navigator, einer Leiste am linken Bildschirmrand, behält man den Überblick über alle Dokumente der vorhandenen Binder.

Ansonsten ist es mit der Integration nicht weit her: Ein Textdokument kann automatisch in eine Präsentation und umgekehrt gewandelt, sowie eine Spreadsheet-Tabelle in ein Textdokument, bzw. eine Präsentation eingefügt werden. Wer schnell einen Text in das aktuelle Dokument übernehmen möchte, muss dazu die Quelle öffnen und den Text umständlich per Copy & Paste kopieren. Interessant: Der "Board Room", eine Art eingebauter Instant Messenger, ermöglicht die gemeinsame Arbeit über ein Netzwerk.

Dokumente können aus EIOffice heraus verschlüsselt und signiert werden. Letzteres erfolgt über öffentliche und private Schlüssel (Public-Key-Kryptographie). Direkt unterstützt werden die Schlüssel der Firma Verisign.

Textverarbeitung

Der Funktionsumfang des gesamten Pakets braucht sich keineswegs hinter der Konkurrenz zu verstecken. Leider stößt man immer wieder auf kleine Unzulänglichkeiten oder Designfehler: So sind in der Textverarbeitung die Bildbearbeitungsmöglichkeiten auf Größe, Kontrast und Helligkeit sowie marginale Änderungen des Farbraums limitiert. Immerhin kann man eine Farbe als transparent bestimmen. Des Weiteren vermissen wir eine Silbentrennung, die in Programmen dieser Kategorie Standard sein sollte. (Allerdings würden deutschsprachige Anwender davon ohnehin nicht profitieren, solange es keine deutsche Version gibt.) Ein Rätsel bleibt, warum der Fließtext ausschließlich Bilder auf verschiedene Arten umfließen kann: Andere Kästen schweben stets über ihm.

Dafür erstellt man Serienbriefe in wenigen Schritten flexibel per Assistent. Dabei müssen alle Datensätze zwingend aus einer EIOffice-Spreadsheet-Tabelle stammen – ein spezielles Adressbuch führt EIOffice nicht. Beim Versuch, Adressen aus einer Datei mit Komma-separierten Werten einzuladen, erlebten wir eine Überraschung: Zum einen erkennt EIOffice diese nur, wenn ihre Endung .TXT lautet, und zum anderen verpuffte ein Klick auf den Finish-Knopf im Importassistent ohne Wirkung. Es blieb somit beim Importversuch.

Sehr interessant wäre die Funktion "AutoSummarize": Damit erstellt die Textverarbeitung automatisch eine Zusammenfassung des gesamten Dokuments. Was gut gemeint ist, schlug in der Praxis jedoch fehl – EIOffice erzeugte bei unseren Tests ausschließlich Texte ohne Sinn.

Ein echtes Highlight ist der Formel-Editor. Mit ihm klickt man nicht nur schnell mathematische Formeln zusammen, er unterstützt auch elektronische und chemische Symbole (Abbildung 6). Wer jetzt hofft, damit schnell einen ganzen Schaltkreis zusammensetzen zu können, wird enttäuscht: In diesem Bereich fügt EIOffice lediglich Symbole ein, die man noch nicht mal rotieren kann.

Abbildung 6: Der Formeleditor behandelt und bearbeitet chemische Symbole nach dem gleichen Prinzip wie mathematische Formeln.

Tabula rasa

Die Menüstrukturen der Tabellenkalkulation orientieren sich an denen der Textverarbeitung, was teilweise zu einem etwas unlogischen Aufbau führt: So wird zum Beispiel die Hintergrundfarbe einer Zelle über einen separaten Menüpunkt geregelt, und an das oft gebrauchte "Autofit" – die Anpassung der Zellengröße an ihren Inhalt – gelangt man nur über mehrere Untermenüs.

Abbildung 7: Die Tabellenkalkulation bietet auch bei den Diagrammen vielfätige Darstellungsmöglichkeiten.

Der Funktionsumfang bietet hingegen kaum Anlass zur Kritik: Er entspricht in etwa dem von Open- bzw. StarOffice. Zusätzlich existieren mit den "Time Series" eine Reihe von Werkzeugen, die den Umgang mit Zeitperioden erleichtern. Per "Allocation" verteilt man einen Wert, zum Beispiel einen Geldbetrag, nach bestimmten Schlüsseln, wie etwa der Dauer der Anstellung. Externe Datenbanken kann man nur per JDBC einbinden. Ein Zugriff auf Aktienkurse aus dem Internet ist somit nicht ohne Umweg möglich.

Präsentieren

Das Präsentationsprogramm orientiert sich stark an PowerPoint 97. Die Vorlagen sind teilweise etwas bunt, aber vielfältig und brauchbar. Die vorhandenen Animationen und Überblendungen bieten Standardkost. Interessant ist die Timing-Funktion: Eine Uhr in der Bildschirmecke gibt die verstrichene Zeit pro Folie an. Die Dauer wird protokolliert und anschließend den Folien zugewiesen. Bei der nächsten Vorführung läuft die Präsentation dann automatisch in der aufgezeichneten Zeit ab.

Im- und Export

EIOffice erkennt nur Dokumente aus der Zeit vor Office XP, diese aber erstaunlich gut. Selbst die Vektorgrafiken unserer Testdokumente, an denen sich Filter anderer Programme gerne verschlucken, waren einwandfrei (Abbildung 8).

Abbildung 8: Beim Import eines Word-Dokuments verrutschte durch mangelnde Ersatzschriften das Layout, und die Umlaute wurden verschluckt.

Makros werden allerdings ohne Kommentar ignoriert und entfernt. Etwas komplexere PowerPoint-97-Präsentationen konnte EIOffice nur mit einer Warnung importieren – die anschließenden Ergebnisse waren ohne Nachbearbeitung nicht brauchbar (Abbildung 9).

Abbildung 9: Beim recht verkorksten Import einer PowerPoint97-Präsentation gingen immerhin keine Texte verloren.

Extrem negativ ist der HTML-Export zu bewerten. Dieser beschränkt sich auf das gerade nötigste, wobei Vektorgrafiken grundsätzlich verschluckt werden. Die weit verbreiteten OpenOffice-Formate kennt EIOffice nicht.

Fazit

Das eigentlich gute Bild von EIOffice wurde während des Tests immer wieder durch kleinere Fehler getrübt. So verweigerte der Hilfe-Index die Anzeige der von ihm selbst angebotenen Stichwörter, und die Auswahl einiger (Kontext-) Menüeinträge blieb ohne Wirkung. Beim Anlegen von Spalten in der Textverarbeitung stellte sich EIOffice sogar selbst ein Bein (Abbildung 10).

Abbildung 10: Einer der kleinen Fehler in EIOffice: Wählt man eine vorgegebene Spaltenanzahl, gibt EIOffice Werte vor, die es selbst als ungültig bemängelt.

Des Weiteren stören in der Praxis Details im Aufbau der Oberfläche und der Menüs. Die Arbeit mit dem Stylist fördert dies am deutlichsten zu Tage: Dort hangelt der Benutzer sich durch mehrere Dialogfenster, bis er endlich die gewünschte Vorlage beisammen hat. An anderen Stellen wurden Funktionen ungünstig versteckt oder dort platziert, wo man sie nicht vermuten würde.

Abgesehen von diesen Problemen liegt mit EIOffice ein interessantes und solides Büropaket vor, das hoffentlich bald den Weg nach Europa findet.

Glossar

Public-Key-Kryptographie

Bei dieser Verschlüsselungsmethode, die auch beispielsweise GnuPG und SSH verwenden, wird ein Schlüsselpaar (öffentlicher und privater Schlüssel) erstellt. Der öffentliche Schlüssel wird, passend zum Namen, veröffentlicht. Anwender verschlüsseln eine Nachricht (oder ein Dokument) mit ihrem privaten, geheimen Schlüssel und geben es weiter. Der Empfänger kann über den öffentlichen Schlüssel des Senders die Nachricht entschlüsseln, ohne den privaten Schlüssel zu benötigen. Auf ähnliche Weise kann man ein Dokument auch signieren und die Signatur später prüfen: Damit verifiziert man, dass das Dokument unverändert ist und vom vorgeblichen Autor stammt.

Infos

[1] EIOffice (Wuxi Evermore): http://www.evermoresw.com

[2] Tim Schürmann: ThinkFree Office 2.1, LinuxUser 05/2003, Seite 24

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