Über 200 Millionen Euro Lizenzkosten zahlte die Bundesregierung 2024 an Microsoft. Der IStGH nutzt künftig den OpenDesk des ZenDiS und befreit sich so aus der Abhängigkeit. Für Deutschland läge darin (Spar-)Potenzial.
Im Mai 2025 nahm die Beziehung zwischen Microsoft und dem Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) durch das Sperren eines Outlook-Accounts einen nicht wiedergutzumachenden Schaden [1]. Konkret ging es um das Konto von Karim Khan, dem Chefankläger des IStGH. So hoch die medialen Wellen damals schlugen, so schnell ebbten sie wieder ab.
Ende Oktober stolperte ich bei Netzpolitik.org [2] über eine Schlagzeile: “Internationaler Strafgerichtshof kickt Microsoft aus seiner Verwaltung.” Nur konsequent, dachte ich, und war bereits im Begriff, die Meldung mental ins Archiv zu verschieben. Auf den zweiten Blick, beim Lesen des Vorspanns, verschluckte ich mich fast an meinem Kaffee. Der IStGH will Microsofts Produkte durch OpenDesk ersetzen, die Open-Source-Lösung des deutschen Zentrums für Digitale Souveränität (ZenDiS). Nun ist die Geschichte von OpenDesk inklusive seiner Verbreitung in Deutschland bisher nicht gerade eine Erfolgsstory.
Die Entscheidung des IStGH wirkt nicht nur folgerichtig, sondern besitzt Tragweite. Sie beweist, welche Rolle Technik im 21. Jahrhundert auf der politischen Weltbühne spielt. Abhängigkeiten von Tech-Giganten wachsen sich mehr und mehr zum Problem für Wirtschaft und Politik aus, da Technik schlussendlich als Druckmittel dient. Das zu begreifen, ist freilich noch keine Kunst – sich aus der Abhängigkeit zu lösen, dagegen offensichtlich schon. Warum?
Mit rund 1800 Arbeitsplätzen ist der IStGH eine vergleichsweise kleine Organisation. Dort ist man sich der Herausforderungen wohl bewusst. Osvaldo Zavala Giler verantwortet die IT des IStGH und bringt sie dem Handelsblatt gegenüber auf den Punkt: “Angesichts der Umstände müssen wir Abhängigkeiten reduzieren und die technologische Autonomie des Gerichtshofs stärken – auch wenn das kurzfristig teuer, ineffizient und unbequem ist” [3].
Die beiden letzten Fallstricke – vorübergehende Ineffizienz und anfängliche Unbequemlichkeit – lasse ich gelten. Bei “teuer” bin ich allerdings versucht, zu widersprechen. Lassen Sie es mich kurz an einem deutschen Beispiel überschlagen: Allein 2024 flossen aus dem Bundeshaushalt 204,5 Millionen Euro [4] nach Redmond. Das Auftragsvolumen des ZenDiS – die GmbH des Bundes entwickelt OpenDesk – liegt laut Sonja Lemke, Sprecherin für Digitale Verwaltung und Open Government der Bundestagsfraktion Die Linke, im einstelligen Millionenbereich.
Ohne wirklich ernsthaft hinzuschauen, sehe ich ein hunderte Millionen Euro schweres Sparpotenzial. Mit dem Einsatz der deutschen Open-Source-Software müsste es sich doch heben lassen. Beispiele, wie man sie einführt, gibt es genug. Womöglich habe ich aber auch einfach keine Ahnung vom Rechnen – oder von Politik? Der rot-schwarzen Regierung scheint es ja offenbar eine viel, viel bessere Idee zu sein, doch beim Bürgergeld zu kürzen, statt die Beziehung zu Microsoft zu beschädigen.
Herzliche Grüße,

Carina Schipper
Stellv. Chefredakteurin, Strategy & Operations
Infos
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Editorial: Carina Schipper, “Des Besserwissens müde”, LU 07/2025, S. 3, https://www.linux-community.de/52003
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“Internationaler Strafgerichtshof kickt Microsoft aus seiner Verwaltung”: https://netzpolitik.org/2025/sorge-vor-us-sanktionen-internationaler-strafgerichtshof-kickt-microsoft-aus-seiner-verwaltung/
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“Strafgerichtshof ersetzt Microsoft durch deutsche Lösung”: https://www.handelsblatt.com/technik/it-internet/software-strafgerichtshof-ersetzt-microsoft-durch-deutsche-loesung/100166382.html
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“Exklusiv: Erneut Rekord-Ausgaben des Bundes für Software-Lizenzen – US-Techkonzerne profitieren”: https://www.fr.de/wirtschaft/bundesregierung-gibt-mehr-als-eine-milliarde-fuer-software-aus-93586564.html




