Der Remote-Desktop-Riese Teamviewer unterstützt nun Wayland

Aus LinuxUser 09/2022

Der Remote-Desktop-Riese Teamviewer unterstützt nun Wayland

© Ruslan Sitarchuk / 123RF.com

Ferngesteuert

Bei vielen Distributionen ist ein Wayland-Desktop inzwischen Standard. Teamviewer beherrscht das neue Desktop-Protokoll, doch stufen die Entwickler den Support noch als experimentell ein.

Einhörner gibt es wirklich: Als “Unicorn” bezeichnet die Finanzwelt Start-up-Unternehmen mit einer Marktbewertung von über einer Milliarde US-Dollar [1]. Zu dieser Kategorie gehör(t)en illustre Namen wie Uber, Airbnb oder SpaceX. In Deutschland durften sich zum Beispiel Zalando und Delivery Hero mit dem Titel schmücken. Aktuell gilt das rund um Fußball aktive Medienunternehmen OneFootball als das jüngste aus Deutschland stammende Einhorn. Eine weitere Erfolgsgeschichte startete im Vorland der Schwäbischen Alb: Teamviewer aus dem beschaulichen Örtchen Göppingen entwickelte sich zum Marktführer unter den Fernwartungslösungen.

Teamviewer ermöglicht es, den Desktop eines Rechners über das Internet zu steuern. Port-Weiterleitungen oder spezielle Konfigurationen am Router sind dabei nicht nötig. Das proprietäre Programm gräbt sich sogar durch restriktive Firmen-Firewalls. Die Kommunikation erfolgt dabei Ende-zu-Ende-verschlüsselt auf Basis von RSA (4096 Bit) und AES (256 Bit). Zum Verbindungsaufbau benötigt man die statische ID des zu steuernden Rechners sowie ein immer wieder neu generiertes Passwort. Bei Bedarf lässt sich Teamviewer allerdings auch so konfigurieren, dass das Programm als Dienst im Hintergrund läuft und den Desktop ohne Interaktion freigibt.

Stetiger Wandel

Das alles ist nicht neu, eine Linux-Variante von Teamviewer gibt es bereits seit geraumer Zeit. Zuletzt haben wir uns in LU 02/2018 mit der Anwendung beschäftigt [2]. Damals bauten die Entwickler das Programm von Grund auf neu. Teamviewer 13 war erstmals ein natives Linux-Programm. Zuvor kombinierten die Programmierer nur die Windows-Version geschickt mit der Laufzeitumgebung Wine in einem Paket. Die Umstellung verlief anfangs ein wenig holprig, die native Teamviewer-Version läuft inzwischen jedoch rund und in der Regel ohne Komplikationen. Pakete gibt es im DEB-Format für Ubuntu und Debian sowie als RPM für Red Hat, CentOS, Fedora und OpenSuse [3]. Zudem bietet das Unternehmen eine an den Raspberry Pi angepasste Variante an.

Linux wäre aber nicht Linux, wenn es nicht immer wieder grundlegende Änderungen des Unterbaus gäbe. Dateisysteme etwa kommen und gehen. Systemd hat das Init-System revolutioniert, und auch der X-Server, der die grafische Darstellung von Desktop-Umgebungen und Anwendungen übernimmt, unterliegt dem Wandel der Zeit. Seit 2008 läuft die Arbeit an einem Nachfolger: Inzwischen ist Wayland bei vielen Linux-Distributionen Standard. Bei Ubuntu hat man sich lang gegen die Umstellung gesträubt und versucht, in Form von Mir eine eigene Lösung zu etablieren. Doch seit Ubuntu 22.04 läuft der Desktop in der Standardkonfiguration nun unter Wayland.

Wayland-Unterstützung

Wayland stellt besonders Remote-Desktop-Lösungen vor Herausforderungen. Konnten unter X.Org Anwendungen noch direkt miteinander kommunizieren, laufen nun gleichzeitig aktive Programme abgeschottet voneinander. Als Nutzer spürt man das schon beim Erstellen von Screenshots oder Abfilmen des Desktops. Screenshot-Tools und Screencast-Apps müssen Wayland explizit unterstützen, was einst beliebten Programmen wie Shutter bis heute nicht gelungen ist. Auch Teamviewer hat sich lange mit der Unterstützung des Wayland-Protokolls schwergetan. Mitte April meldeten die Entwickler allerdings den Durchbruch [4]. Experimentierfreudige können seitdem aktuelle Linux-Desktops auch über Teamviewer steuern.

Unser erster Blick auf die neue Wayland-Version hinterließ allerdings einen durchwachsenen Eindruck. Der Verbindungsaufbau gelang zwar, doch nach wenigen Klicks ließ sich der entfernte Desktop nicht mehr steuern. Wir hatten uns daher entschieden, über die neue Version noch nicht zu berichten und uns erst später ein Urteil zu bilden, sobald sich der Wayland-Support stabilisiert hat. Mit der Version 15.32.3 bezeichnet Teamviewer die Unterstützung zwar nach wie vor als experimentell, doch im Test traten die Kinderkrankheiten nicht mehr auf [5]. Wir werfen daher einen genaueren Blick auf das aktuelle Release 15.32.3 (Abbildung 1).

Abbildung 1: Unter Gnome 42.3 und Wayland gestartet, warnt Teamviewer weiterhin, dass die Unterstützung des Wayland-Protokolls nur experimentell ist.

Abbildung 1: Unter Gnome 42.3 und Wayland gestartet, warnt Teamviewer weiterhin, dass die Unterstützung des Wayland-Protokolls nur experimentell ist.

Weiter experimentell

Beim Start von Teamviewer unter einem Wayland-Desktop meldet das Programm Wayland erkannt und verweist per Link auf den experimentellen Charakter der Funktion. Für einen reibungslosen Betrieb empfiehlt die Software nach wie vor eine herkömmliche X-Server-Sitzung zu starten. Die meisten Display-Manager erlauben dies beim Einloggen des Benutzers. Eine Umstellung ohne Ausloggen klappt nicht. Zeigt der Teamviewer-Client beim Start einer Remote-Desktop-Sitzung weder ID noch Passwort an, dann ist das Programm auf Ihrem Rechner nicht auf einem aktuellen Stand.

Beim Verbindungsaufbau meldet sich auf dem entfernten Rechner zuerst Wayland und fragt den Nutzer, ob er die Remote-Desktop-Verbindung erlauben möchte. Der Dialog bietet Optionen, um das Display zu wählen, und fragt nach, ob der Admin am anderen Ende den Desktop nur sehen oder auch steuern darf (Abbildung 2). Mit einem Klick auf Freigeben startet die Sitzung. Ein orangefarbenes Icon im Systemmenü rechts oben in der Kopfleiste des Desktops signalisiert fortlaufend, dass der Rechner aus der Ferne gesteuert wird. Über den Menüeintrag lässt sich die Verbindung auch wieder deaktivieren, falls man das nicht über die Teamviewer-Anwendung selbst erledigen möchte.

Abbildung 2: Beim Start einer Remote-Desktop-Verbindung über Teamviewer meldet Gnome, dass ein Programm die Kontrolle über den Desktop übernehmen möchte.

Abbildung 2: Beim Start einer Remote-Desktop-Verbindung über Teamviewer meldet Gnome, dass ein Programm die Kontrolle über den Desktop übernehmen möchte.

Auf der Client-Seite zeigt Teamviewer auch in der Wayland-Variante ein Steuermenü, über das sich zum Beispiel die Darstellung skalieren oder die Qualität der Anzeige optimieren lässt. Auf diese Weise funktioniert eine Remote-Desktop-Verbindung auch über das Mobilfunknetz (Abbildung 3). Über eine schnelle DSL- oder Glasfaserleitung klappte im Test sogar das Abspielen eines Videos auf dem Host-System. Auf dem Client kam das im Vollbild abgespielte Video leicht verzögert, aber praktisch ruckelfrei und mit Ton an, obwohl auf dieser Seite der Verbindung nur eine dünne Leitung mit 1 Mbit/s zur Verfügung stand.

Abbildung 3: Das orangefarbene Icon rechts oben in der Systemleiste signalisiert, dass der Gnome-Desktop aktuell über Teamviewer gesteuert wird.

Abbildung 3: Das orangefarbene Icon rechts oben in der Systemleiste signalisiert, dass der Gnome-Desktop aktuell über Teamviewer gesteuert wird.

Fazit

Mit der Unterstützung von Wayland machen die Teamviewer-Entwickler das Programm fit für die Zukunft. Keine der großen Distributionen und keiner der großen Desktops verzichtet noch auf Wayland. Auch bei den besonders für Unternehmen relevanten Long-Term-Support-Releases wie etwa Ubuntu 22.04 LTS ist Wayland inzwischen Standard, was den Wayland-Support von Remote-Desktop-Tools wie eben Teamviewer unabdingbar macht. Ohne die Möglichkeit für Remote-Desktop-Support wählt kein Unternehmen Linux als Arbeitsplattform für seine Mitarbeiter aus.

In unserem Test wusste Teamviewer unter Gnome 42 und Arch Linux sowie unter Ubuntu 22.04 mit dem Unity-Desktop (der ja selbst auf Gnome aufsetzt) gut mit Wayland umzugehen. Bei eigenen Tests sollten Sie darauf achten, dass Ihr System auf einem aktuellen Stand ist. Das Paket xdg-desktop-portal muss mindestens in Version 1.12.4 oder 1.14.3 vorliegen, sonst nimmt Teamviewer nach kurzer Zeit keine Tastatureingaben mehr entgegen, da das Modul abstürzt.

Besonders unter KDE Plasma gibt es jedoch noch arge Probleme: Prüfen Sie hier, ob das Paket xdg-desktop-portal-kde installiert ist. Tastatureingaben gelingen auf dem KDE-Desktop aufgrund eines Bugs aktuell generell überhaupt nicht [6]. Im Test konnten wir die Thematik auf einem aktuellen Manjaro-System mit KDE Plasma 5.24.6 nachvollziehen. Es braucht daher noch ein wenig Arbeit, bis Teamviewer und die Wayland-Desktops so richtig zusammenfinden. (cla)

Infos

  1. Einhorn (Finanzen): https://de.wikipedia.org/wiki/Einhorn_(Finanzen)
  2. Teamviewer 13: Christoph Langner, “Baustelle”, LU 02/2018, S. 62, https://www.linux-community.de/40557
  3. Teamviewer für Linux: https://www.teamviewer.com/de/download/linux
  4. “TeamViewer Support on Wayland”: https://community.teamviewer.com/English/discussion/122410
  5. “Wayland support is still experimental”: https://community.teamviewer.com/English/discussion/123957/linux-v15-31-5
  6. “No remote keyboard input” unter KDE: https://bugs.kde.org/show_bug.cgi?id=456025
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