Tracktion Waveform 11 im Überblick

Aus LinuxUser 02/2021

Tracktion Waveform 11 im Überblick

© Batuhan Toker, 123RF

Sinnvoll ausgebaut

Audio-Editing, Soundtracks bearbeiten, Musikstücke aufwendig arrangieren – mit der DAW Waveform 11 bewältigen Sie diese Projekte unter Linux.

Wer unter Linux ernsthaft Musik machen oder Hörspiele und Soundtracks produzieren will, hat die Wahl zwischen drei großen, vollständig ausgestatteten Digital Audio Workstations (DAW): dem freien Ardour und den proprietären Verwandten Bitwig Studio und Tracktion Waveform. Alle drei bieten neben einer ähnlichen Grundausstattung sehr eigenständige Konzepte. Wir haben uns das in diesem Jahr neu erschienene Waveform 11 (W11) von Tracktion (Abbildung 1) angesehen.

Abbildung 1: Waveform 11 mit Audio- und MIDI-Spuren, unzähligen mitgelieferten Presets und Samples sowie Support für das freie Carla-Plugin, das unter anderem Effekte bereitstellt, die Software selbst nicht unterstützt.

Abbildung 1: Waveform 11 mit Audio- und MIDI-Spuren, unzähligen mitgelieferten Presets und Samples sowie Support für das freie Carla-Plugin, das unter anderem Effekte bereitstellt, die Software selbst nicht unterstützt.

Installation

Das Unternehmen stellt ein Debian-Paket des Installers über den Download-Bereich [1] des Nutzeraccounts bereit. So integrieren Sie diesen mit den üblichen Tools ins System. Das grafische Paketwerkzeug von KDE verweigerte allerdings die Aktion wegen der fehlenden Signatur der Quelle – diesen Hinweis dürfen Sie getrost ignorieren. Verwenden Sie zur Installation ein anderes Tool oder Dpkg im Terminal, klappt in der Regel alles. Einmal installiert, bietet der Helfer den Download der Pakete an, die Sie für Ihren vorher auf der Webseite erstellten Account registriert haben. So kommt dann das eigentliche Debian-Paket für Waveform 11 auf den Rechner.

Die Software fragt beim ersten Start eine Liste von Aktionen ab, die Sie allerdings nicht zwingend abzuarbeiten brauchen – bis auf die Registrierung bei Tracktion, ansonsten läuft die Software nur im eingeschränkten Demo-Modus. Das Registrieren verläuft stressfrei: Es genügt, die registrierte E-Mail-Adresse und das Passwort einzugeben; nach etwa zwei Sekunden meldet Waveform 11 Erfolg und fragt anschließend nie wieder nach (Abbildung 2).

Abbildung 2: Statt nerviger Rituale mit USB-Dongles und Rückfragen per E-Mail bietet Tracktion für seine Bezahlsoftware eine für den Benutzer einfache Online-Anmeldung an.

Abbildung 2: Statt nerviger Rituale mit USB-Dongles und Rückfragen per E-Mail bietet Tracktion für seine Bezahlsoftware eine für den Benutzer einfache Online-Anmeldung an.

Als etwas umständlicher erweist es sich, die Anwendung für den reinen Offline-Betrieb freizuschalten. Dazu benötigen Sie eine Schlüsseldatei, die Sie für Waveform 10 noch ohne Weiteres im Account beantragen und herunterladen konnten. Nun führt ein Link auf eine spartanisch gestaltete Seite mit der absurd klingenden Überschrift Delete Account. Eine E-Mail an die dort angegebene Adresse beantwortete das Team umgehend, allerdings mit einem pauschalen Hinweis auf pandemiebedingte Kurzarbeit und der Bitte um Geduld. Im Test funktionierte Waveform 11 nach dem einmaligen Freischalten via Internet dann später trotz fehlendem Zugang zum Netz als normale Vollversion.

Tracktion bietet die Applikation in verschiedenen Bundles an, die alle neben der Kernanwendung zusätzliche Plugins (siehe Kasten “Effektvoll”) sowie vorgefertigte Inhalte wie Samples und Synthesizer-Presets (siehe Kasten “Instrumente”) enthalten. Die Installation ist aber bei allen eine ähnlich umständliche Operation.

Effektvoll

Die in der Pro-Variante von Waveform enthaltenen Plugins von Melodyne und Antares stehen unter Linux nicht bereit; ansonsten funktionierten die sehr reichhaltigen Dreingaben im Test tadellos. Die Software bietet eingebaute Module für die am häufigsten benutzten Funktionen. Diese bilden einen Teil der zentralen Suite und geben sich deshalb in Sachen Ressourcenbedarf besonders sparsam.

Gefallen Ihnen die generischen Bedienelemente nicht, verwenden Sie für diese und andere Plugins ohne eigene Oberfläche sogenannte Faceplates. Für diese frei konfigurierbaren Oberflächen bietet das Programm Elemente an, die sich an den Look der Drehregler von klassischen Synthesizern anlehnt. Dabei ist es möglich, solche Fronten für selbst zusammengestellte modulare Plugin-Racks zu gestalten. So erhalten Sie statt der komplexen Modulansicht eine einfache Oberfläche für die wirklich häufig benötigten Parameter.

Ebenfalls schlank, aber eher für ganz spezielle Anwendungen entwickelt, sind die Artisan-Plugins, die bereits sehr einfache grafische Oberflächen mitbringen. Benötigen Sie einen besonders warmen Verzerrer auf einem Leadsynth oder eine subtile Anhebung einer Stimme im Mix, finden Sie hier sorgfältig gestaltete Spezialwerkzeuge.

Etwas anspruchsvoller, aber auch vielseitiger und flexibler, geben sich die DAW Essentials Plugins. Dahinter verbirgt sich eine Liste der üblichen Standardfunktionen von Dynamikprozessoren, vom Equalizer über Flange- und Chorus-Effekte bis hin zu Hall/Echo-Geräten. Allerdings erlauben sie mehr Präzision als die anderen Sammlungen und benutzen deutlich komplexere Algorithmen. Das führt dazu, dass bestimmte Parameteränderungen am Reverb kurze Aussetzer verursachen. Richtig angewandt, klingt das Ergebnis aber deutlich spektakulärer als beim einfachen eingebauten Hallgerät.

Daneben stehen auch unabhängig installierte Plugins in W11 bereit. Die vielen Hundert bewährten LADSPA-Module funktionieren tadellos, und es gibt immer mehr Effekte und Instrumente im nativen VST-Format LxVST, für das W11 bereits eine grundsätzliche Unterstützung im Format VST3 anbietet.

Instrumente

Die Plugins zur Klangerzeugung im Pro-Bundle bieten alles, was in diesem Bereich bisher entwickelt wurde. Es gibt sowohl simple Geräte als auch komplexe Luxus-Synths. Einfach und schlank ist etwa 4OSC, das – wie der Name andeutet – vier Oszillatoren sowie die wichtigsten Wellenformen und Einstellungen bietet. In den mitgelieferten Presets sieht man häufig die Animation von Parametern, die W11 grundsätzlich für jedes Plugin ermöglicht.

Ebenfalls schlank und simpel fallen die unter Waveform Plugins | Instrumente angebotenen Sampler aus. Sie bieten die Möglichkeit, Daten direkt aufzunehmen. Deutlich gewichtiger und vielseitiger ist Subtractive, der die vier Oszillatoren durch diverse Filter, Effekte und einen Arpeggiator erweitert (Abbildung 3).

Der sehr komplexe Sample-Player Collective rundet die Grundausstattung ab. Zusammen mit mehr als einem Gigabyte vorgefertigtem Material deckt Collective alle üblichen Sound-Wünsche auf hohem Niveau ab. Besonders die Drumsets klingen erstklassig und reagieren subtil auf die Anschlagdynamik angeschlossener MIDI-Drumkits.

Was Wünsche jenseits der Standards angeht, schlägt BioTek2 jeden einzelnen Software-Synthesizer unter Linux. Das Software-Instrument dürfte Sie viele Nächte lang beschäftigen, ohne dass Langeweile aufkäme. Die von Koryphäen wie Richard Devine, Mike Wall und Taiho Yamada programmierten Presets bauen komplexe Soundscapes auf, die sich in jeder Hinsicht anpassen und mit einem eigenwillig gestalteten X/Y-Regler zu immer wieder überraschenden Änderungen bewegen lassen (Abbildung 4). Viele der Presets von BioTek2 sind weniger klassische Instrumente als vielmehr Soundscapes und Cluster, die unter anderem von Hans Zimmers gelegentlichem Mitarbeiter Christian Halten programmiert wurden.

Abbildung 3: Wer sich durch die vielen Einstellungsmöglichkeiten von Subtractive überfordert fühlt oder Inspiration sucht, greift auf Hunderte mitgelieferte Presets zurück.

Abbildung 3: Wer sich durch die vielen Einstellungsmöglichkeiten von Subtractive überfordert fühlt oder Inspiration sucht, greift auf Hunderte mitgelieferte Presets zurück.


Abbildung 4: BioTek2 produziert mit seinem <span class="ui-element">Racer Lead Preset</span> herrlich durchdringend kreischende Ger&auml;usche. Schie&szlig;en Sie beim Einsatz der X/Y-Regler &uuml;ber das Ziel hinaus, f&auml;ngt Sie der gute alte LADSPA Lookahead Limiter (links) wieder ein.

Abbildung 4: BioTek2 produziert mit seinem Racer Lead Preset herrlich durchdringend kreischende Geräusche. Schießen Sie beim Einsatz der X/Y-Regler über das Ziel hinaus, fängt Sie der gute alte LADSPA Lookahead Limiter (links) wieder ein.

Der Downloader erlaubt eine einfache Übersicht und das Herunterladen der Pakete. Auf diesem Weg kam schon die Kernanwendung auf die Testsysteme. Allerdings liegt nur Waveform 11 selbst als Debian-Paket vor; bei den Inhalten und Plugins handelt es sich um Archivdateien, die Sie von Hand auspacken und an einem geeigneten Ort ablegen.

Zwar richtet Waveform 11 einen Unterordner unter $HOME/.config/ ein, legt aber keine Standardverzeichnisse an, die die Anwendung automatisch scannt. Zum Glück gibt es einen einfachen Workaround: Legen Sie im Home-Verzeichnis einen neuen Ordner namens Tracktion/ an, und packen Sie die Downloads in diesen Ordner aus. Anschließend erkannte das Programm im Test die Pakete problemlos selbst in Unterverzeichnissen.

Klappt das nicht, öffnen Sie im Programm in den Einstellungen den Bereich File Locations. Dort wählen Sie jeweils das passende Verzeichnis mit den ausgepackten Daten für die Bereiche Presets, Loop Datenbank und Plugins aus (Abbildung 5). Die so installierten Plugins, wie etwa Collective und die DAW Essentials, müssen Sie beim ersten Start mit derselben Prozedur wie Waveform 11 freischalten. Nach einem Neustart stehen dann alle Funktionen bereit. Damit die Software neue Preset-Instrumente erkennt, ist es nötig, die Datenbank aufzufrischen.

Abbildung 5: Das komplexe Plugin-Instrument BioTek2 erscheint im Plugin-Bereich der Einstellungen, sobald Sie f&uuml;r ein registriertes Verzeichnis auf <span class="ui-element">Scannen und Sortieren</span> klicken.

Abbildung 5: Das komplexe Plugin-Instrument BioTek2 erscheint im Plugin-Bereich der Einstellungen, sobald Sie für ein registriertes Verzeichnis auf Scannen und Sortieren klicken.

In den mitgelieferten modularen Plugin-Racks finden sich einige Module, die ebenfalls ein Freischalten erfordern, sonst geben sie alle paar Minuten eine störende Ansage aus. Hören Sie also so etwas wie This Plugin is currently in demo mode, dann öffnen Sie das Plugin-Rack. Darin wählen Sie die grafische Oberfläche des verwendeten Plugins durch einen Doppelklick auf das Symbol in der Verbindungsübersicht aus. Rechts oben finden Sie einen Schalter, auf dem unlock steht. Über ihn rufen Sie die Registrierung auf (Abbildung 6).

Abbildung 6: Der Tracktion Flanger geh&ouml;rt zu den DAW Essentials, die Sie ebenfalls freischalten m&uuml;ssen.

Abbildung 6: Der Tracktion Flanger gehört zu den DAW Essentials, die Sie ebenfalls freischalten müssen.

Beim Auffrischen der Plugin-Liste greift ein Test, bei dem es in älteren Versionen noch zu Problemen kam, wenn ein Modul ihn nicht bestand. In der aktuellen Version verlief er bei einigen Hundert Plugins trotz diverser inkompatibler Elemente schnell und ohne Aussetzer.

Zu den nachinstallierbaren Extras gehört unter anderem die deutsche Lokalisierung der Oberfläche. Die installieren Sie jedoch nicht über den Downloader, sondern laden sie direkt über Einstellungen | Appearance herunter. Ein Link führt zu einem Wiki, über das Sie an der Übersetzung mitarbeiten dürfen. Einige neue Elemente in der Software-Suite erkennen Sie daran, dass sie noch nicht übersetzt sind.

Neuer ist besser

Waveform 11 ließ sich im Test unter Ubuntu Studio 18.04 installieren und stellte sich brav neben seine beiden Vorgänger, die ebenfalls weiter aktiv blieben. Zu empfehlen ist diese Vorgehensweise jedoch nicht: Die aktuelle Version zeigte diverse, teils schwere Probleme, die sich entweder auf die installierten alten Versionen und deren Einstellungen und Plugins oder auf das veraltete Grundsystem zurückführen ließen.

Schon die automatische Verbindung des Audioausgangs zum Jack-Server schlug fehl. Die Plugin-Fenster froren dauernd ein, und einige Aktionen verursachten Abstürze. Zwar bewirkt die vorbildlich konsequente Trennung von Oberfläche und Audio-Engine, dass die Musik weiterspielte; wirklich zu gebrauchen war das Programm aber trotzdem nicht.

Das sieht in einer frischen Installation unter Ubuntu Studio 20.04 völlig anders aus: Hier verschwanden praktisch alle Macken, die in Ubuntu Studio 18.04 in der Parallelinstallation mit den alten Varianten auftauchten. Lediglich beim Beenden des Programms trat einmal ein Problem mit Jack auf, das einen Neustart des Servers erforderte.

Ansonsten spielt Waveform 11 alle von der Software bekannten Vorteile aus: Die Juce-Oberfläche reagiert blitzschnell und passt sich selbst kleinen Displays perfekt an (siehe Kasten “Welcome to the Jungle”). Dass das Plugin-Fenster sich radikal im Vordergrund hält, mag gewöhnungsbedürftig sein, stellt sich aber schnell als sinnvolles Feature heraus.

Welcome to the Jungle

Ins Linux-Ökosystem bindet sich Waveform über die Juce-Bibliothek [2] ein, die Julian Strorer von Anfang an auch für Linux entwickelt hat. Sie stellt alle Elemente der Oberfläche bereit und regelt den Signalaustausch mit Jack und dem Linux-MIDI-System.

Als Plugin-Host unterstützt Juce die sehr simplen LADSPA-Module tadellos, und es bringt Unterstützung für native LxVST-Module mit. Obwohl weitgehend quelloffen, bleibt der VST-Standard aber Eigentum von Steinberg. Besonders das SDK, mit dem Sie bei Bedarf neue Klangerzeuger und Effekte entwickeln, ist noch nicht ganz in Linux angekommen. Dabei arbeitet Steinberg durchaus in diese Richtung und veröffentlichte das SDK 2017 unter der GPLv3. Ein wichtiger Grund dafür dürfte sein, dass immer mehr Hersteller von Musik-Hardware auf Linux setzen.

Da gerade Instrumentenbauer für ihre Firmware ein Audiosystem mit harter Echtzeit benötigen, ist klar, dass Juce problemlos mit dem Audioserver Jack zusammenarbeiten muss. Hinzu kommen Techniken wie OSC und 14-Bit-MIDI für Steuersignale. All das steht für Linux in gut ausgebauten Basisbibliotheken bereit, von denen außer Juce auch Ardour, Bitwig Studio und einige andere professionelle Audioprojekte Gebrauch machen.

Eine Fehlstelle bleibt aber in Juce – und damit in Waveform: die freie Plugin-Schnittstelle LV2. Obwohl der als falkTX bekannte freie Entwickler Filipe Coelho [3] bereits 2015 einen Wrapper für Juce vorstellte, zählt diese Erweiterung immer noch nicht zu den offiziellen Bestandteilen von Juce. Weil Waveform proprietär ist, gibt es für Anwender auch keinen Weg, eine LV2-fähige Variante aus dem Quellcode zu bauen, die den Code von Coelho einbezieht.

Julian Strorer kennt das Problem, und er hat mehrfach erklärt, dass er LV2 gern in Juce sehen würde. Allerdings verweist er auf das Henne-Ei-Problem: Da die Kundschaft von Tracktion.com selten nach LV2 fragt, möchte die Firma keine Arbeit in die Integration des Wrappers investieren. 2019 haben aber noch einmal Entwickler von Roli den Wunsch nach LV2-Support deutlich gemacht. Sollten andere Hardware-Hersteller hinzukommen (oder mehr Linux-Anwender Waveform kaufen), könnte sich die Situation ändern. Einstweilen erlaubt die LxVST-Variante von Filipe Coelhos großartigem Plugin-Host Carla (siehe Kasten “Carla – die fremde Freundin”), die Fehlstelle zu umgehen.

Carla – die fremde Freundin

Der Plugin-Host Carla von Filipe Coelho alias falkTX spiegelt den Stand der Technik in Sachen Sound unter Linux wider. Die aktuelle Version unterstützt praktisch alle für Linux relevanten Plugin-Formate, einschließlich VST3, das Carla schon vollständiger beherrscht als W11. Als makellos und vollständig erweist sich auch die Unterstützung für den Soundserver Jack. Sobald die Standalone-Anwendung startet, finden sich im Karteireiter Patchbay sämtliche momentan in Jack angemeldeten Ein- und Ausgänge. Das gilt auch für die Audiokanäle von W11 (Abbildung 7). So verbinden Sie in Carla den Ausgang eines gerade laufenden Programms, das für W11 unsichtbar ist, mit dem Eingang für Aufnahmen auf Spuren in W11.

Abbildung 7: Verbinden Sie die Audioeing&auml;nge von Waveform mit dem in Carla eingebauten Plugin AudioGain, haben Sie Zugriff auf das Signal eines komplexen Gitarrenverst&auml;rkers auf Basis der Guitarix-LV2-Module.

Abbildung 7: Verbinden Sie die Audioeingänge von Waveform mit dem in Carla eingebauten Plugin AudioGain, haben Sie Zugriff auf das Signal eines komplexen Gitarrenverstärkers auf Basis der Guitarix-LV2-Module.

Das Öffnen oder Schließen des Fensters hat keine Auswirkung auf den Status des Plugins. Ein geschlossenes Fenster gleicht eher einer minimierten Ansicht. Ein Klick auf das Symbol des Plugins im Kanal des Projekts öffnet das Fenster. Steht es offen, bleibt es im Vordergrund, sodass man das Laufwerk und andere Funktionen des Hauptfensters verwenden kann, ohne dass das Plugin hinter dem Hauptfenster verschwindet. Über Einstellungen | Plugins schalten Sie das Verhalten bei Bedarf ab. Ansonsten schließen Sie das Fenster mit einem Klick auf das X-Symbol links oben.

Ein Klick auf das Auge-Symbol ganz rechts oben öffnet eine Layoutansicht, in der Sie Elemente der Oberfläche ein- oder ausblenden (Abbildung 8). Der schmalere Querbalken unten öffnet einen Umschalter für verschiedene Ansichten der Oberfläche. So wechseln Sie mit einem Klick in ein spartanisches Layout, das den Spuren im Editor den gesamten Platz bereitstellt (Abbildung 9).

Abbildung 8: W11 passt sich an sehr kleine Bildschirme an. Haben Sie gen&uuml;gend Platz, lohnt es sich aber, die Vielzahl an Bedienelementen &uuml;ber ein passendes Layout einzublenden.

Abbildung 8: W11 passt sich an sehr kleine Bildschirme an. Haben Sie genügend Platz, lohnt es sich aber, die Vielzahl an Bedienelementen über ein passendes Layout einzublenden.


Abbildung 9: Wer eine komplette Audio-Workstation mit Mixer und Editor neben einem Terminal und Ubuntu Studios Controls im Blick haben will, schafft das mit W11 &uuml;ber ein passendes Layout.

Abbildung 9: Wer eine komplette Audio-Workstation mit Mixer und Editor neben einem Terminal und Ubuntu Studios Controls im Blick haben will, schafft das mit W11 über ein passendes Layout.

Bewegen Sie den Mauszeiger in die Nähe der Ränder, blendet die Software Elemente wie den Browser links oder das Eigenschaftenwerkzeug unten automatisch ein. Diese Bereiche ziehen sich nach etwa zwei Sekunden wieder zurück, wenn es keine Aktivität gibt.

Bei den Animationen waren keinerlei Auswirkungen auf die laufende Audio-Engine zu bemerken. Einen Aussetzer gab es im Test beim Öffnen größerer Plugins, wie etwa Collective oder dem DAW Essentials Reverb. Nach etwa zwei Sekunden setzte aber der Ton wieder ein, ohne dass weitere Probleme auftraten.

Die Fülle leben

Während des Tests zeigten sich immer mehr nützliche und interessante Details. Besonders für Electronica-Produktione gibt es diverse neue und verbesserte Werkzeuge. Dazu zählen etwa ein Generator für MIDI-Akkord-Pattern, ein Chord Companion genanntes Tool, mit dem Sie einzelne MIDI-Noten in eine Folge komplexer Akkorde umwandeln, sowie ein Groovedoctor genanntes Werkzeug, das Audioaufnahmen in einzelne Noten zerlegt, die Sie in Tempo und Rhythmus bearbeiten dürfen.

Die neue Metaspur Arranger erlaubt es, Sektionen aus Musikstücken komplett auszuschneiden oder zu kopieren. Durch das Verschieben der Arranger-Streifen an eine andere Stelle im Zeitablauf bringen Sie selbst komplexe Elemente von Stücken leicht in eine neue Reihenfolge.

Es gibt nun eine einfache Methode, um Plugins in Kanäle einzufügen: Dazu ziehen Sie das Plus-Symbol rechts oben an die gewünschte Stelle. Es öffnet sich eine Baumstruktur, in der Sie das gewünschte Modul auswählen. Ein Rechtsklick auf das Symbol öffnet eine Gesamtübersicht aller Plugins. Die Ansicht sieht wegen der vielen gleichartigen Icons und Fragezeichen etwas seltsam aus, außerdem ist die Liste recht lang. Sie bietet aber eine Suche nach Namen. Ziehen Sie das gewünschte Plugin mit gehaltenem Linksklick auf die gewünschte Stelle im Editor.

Die Aufteilung in einfache, schlanke Spezialwerkzeuge und anspruchsvollere Plugins ist sinnvoll. Auf einem RasPi dürfte kaum mehr als eine Instanz des DAW Essentials Reverb laufen, aber selbst dort sorgt das bewährte LADSPA Zitaverb für sehr schöne Raumeindrücke.

In den Vorgängerversionen existierte ein Menüpunkt Filme ohne ersichtliche Funktion. In der aktuellen Version ergibt der Knopf endlich einen Sinn: Fügen Sie Videos hinzu, bindet die Software sie, ähnlich wie in Ardour, mit Jadeo synchron zur Musik ein. Zwar fehlt noch die aus Ardour bekannte Videospur mit Thumbnails, aber klassische Postproduktion von Video-Soundtracks gelingt mit dem synchronen Jadeo-Fenster (Abbildung 10). Da viele mitgelieferte Synthesizer-Presets den Bereich Cinematic bedienen, empfiehlt sich W11 nun endlich als Soundtrack-Schmiede.

Abbildung 10: F&uuml;r die Arbeit an Soundtracks empfiehlt es sich, das Jadeo-Fenster auf einen eigenen Bildschirm zu legen. Es bleibt genauso konsequent im Vordergrund wie die Plugin-Fenster.

Abbildung 10: Für die Arbeit an Soundtracks empfiehlt es sich, das Jadeo-Fenster auf einen eigenen Bildschirm zu legen. Es bleibt genauso konsequent im Vordergrund wie die Plugin-Fenster.

Tipps und Tricks

Eingehenden Signalen kann man nicht direkt in den grafischen Oberflächen Parameter zuweisen. Die Lösung ist etwas umständlich, funktioniert aber ordentlich: Alle Regler in einer GUI lassen sich im Instrumentenpanel unten mittig der Liste der Parameter zuordnen. Dort klappt das Zuweisen im MIDI-Learn-Modus dann schnell und intuitiv.

Einige Plugin-Fenster verloren im Test die Leiste mit der Schaltfläche zum Schließen links oben. Da die Fenster immer im Vordergrund bleiben, war das einigermaßen nervig. Abhilfe schaffen Sie, indem Sie das Fenster mit dem Ecken-Symbol rechts unten größer oder kleiner ziehen: Dann erscheint die Leiste mit den Schaltflächen wieder (Abbildung 11).

Unter Einstellungen | Bedienoberflächen finden Sie eine Liste von Hardware, deren Signale Sie über W11 fernsteuern können. Da Tracktion zum renommierten Hardware-Hersteller Mackie gehört, sind dessen Mixer mit dieser Fähigkeit hier schon aufgeführt und normalerweise automatisch mit der Software verbunden. Für weitere Geräte erstellen Sie Konfigurationsdateien, um sie einzurichten (Abbildung 12).

Genügen die voreingestellten Aktionen nicht Ihren Ansprüchen, stellen Sie selbst eigene Kombinationen von Befehlen und Abläufen in Waveform in Skripten zusammen. Die von Tracktion als Macros bezeichneten Miniprogramme basieren auf einer reichhaltigen Javascript-API, deren Dokumentation Waveform als als HTML-Datei mitbringt. Viele praktische Tipps und diverse fertige Skripte finden Sie im Waveform-Forum [4].

Abbildung 11: Hier ist die Fensterdeko von Essentials Reverb arg verrutscht. Ein leichtes Vergr&ouml;&szlig;ern des Fensters mit gehaltenem Linksklick links unten behebt das Problem.

Abbildung 11: Hier ist die Fensterdeko von Essentials Reverb arg verrutscht. Ein leichtes Vergrößern des Fensters mit gehaltenem Linksklick links unten behebt das Problem.


Abbildung 12: Die Einstellungen f&uuml;r fernbedienbare Hardware unterst&uuml;tzen klassische MIDI-Ger&auml;te und modernere OSC-Signale.

Abbildung 12: Die Einstellungen für fernbedienbare Hardware unterstützen klassische MIDI-Geräte und modernere OSC-Signale.

Fazit

Die neuen Möglichkeiten von Waveform 11 umfassen mitgelieferte, erweiterbare Skripte in einem Javascript-Dialekt, erstklassiges Time-Stretching, speicherbare Layouts für die Oberfläche, ganze Mehrspur-Edits als einzelne Spuren in anderen Projekten sowie speicherbare Zustände von Spuren.

Wie schon bei den Vorgängern gibt es auch eine kostenlose W11-Version. Sie hat zwar keine Beschränkungen, bringt aber nur wenige Möglichkeiten mit, was Plugins und Oberflächenelemente angeht. Die Vollversion inklusive aller hier beschriebenen Features, den DAW Essential Plugins, Collective und vielem mehr kostet akzeptable 69 US-Dollar. Wir haben ein “Pro Bundle” getestet, das für 129 US-Dollar neben W11 Pro den Synthesizer BioTek2 und einige Gigabytes an Samples mitbringt.

Waveform 11 bringt eine weiter optimierte Oberfläche, die die Ressourcen schont und sich perfekt an kleine Bildschirme anpasst – das ist im Linux-Bereich einzigartig. Tracktion macht seiner DAW also ein weiteres interessantes Angebot für alle, die unter Linux ernsthaft mit Musik arbeiten möchten. (agr)

Der Autor

Hartmut Noack arbeitet in Celle und Hannover als Dozent, Autor und Musiker und findet schon immer, dass freie Software und selbst gemachte Musik prima zusammenpassen. Sitzt er nicht gerade vor seiner Linux-DAW, treibt er sich auf Webservern herum und programmiert Landkarten-Software. Unter http://lapoc.de finden Sie einige CC-lizenzierte Ergebnisse seiner Arbeit mit freier Musik-Software.

Glossar

DAW

Eine DAW setzt alle Funktionen eines Musikstudios in einer Anwendung um. Ursprünglich erforderte das kostspielige Spezialmaschinen. Heute meint DAW fast immer eine Software-Suite, die auf einem PC läuft.

Infos

  1. Tracktion: http://tracktion.com

  2. Juce-Bibliothek: https://juce.com

  3. FalkTX: https://falktx.com

  4. Thread zu Tracktion-Software unter Linux: https://www.kvraudio.com/forum/viewtopic.php?f=22&t=420917&start=210

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