Als Ermittler im Orwell-Programm werten Sie Spuren aus und geben Informationen an Vollstreckungsbeamte weiter. Dabei könnten die Konsequenzen aber weitreichend sein.
Die Videokamera schwenkt langsam über den nett gestalteten Freiheitsplatz mitten in der Stadt. Vor einem Denkmal sitzt ein turtelndes Pärchen, Passanten schlendern vorbei, während eine Frau mit blauen Haaren noch schnell ihren Bus erreichen möchte.
Kurze Zeit später zeigen die Bilder eine riesige Rauchwolke, das Denkmal liegt in Schutt und Asche. Drei Menschen verlieren bei der Explosion ihr Leben, es gibt Verletzte. Im Strategiespiel Orwell helfen Sie mit bei der Aufklärung des Verbrechens – und das auf eine etwas ungewöhnliche, aber fesselnde Art und Weise.
Aktenlage
Zunächst erhalten Sie Zugang zum neuen Orwell-Programm, das dazu dient, den Terrorismus gezielt zu bekämpfen. Den Anfang macht der Anschlag auf das Denkmal. Sie übernehmen dabei die Rolle eines Ermittlers. Als solcher suchen und sammeln Sie relevante Informationen, die Sie wiederum ins Orwell-System einspeisen. Auf diese Weise entstehen nach und nach Profile der verdächtigen Personen.
Die Ergebnisse (Abbildung 1) bekommt wiederum ein Ansprechpartner namens Symes im Orwell-Büro zu sehen. Dieser sogenannte Anleiter zieht aus den Daten die passenden Schlüsse und leitet, falls notwendig, weitere Maßnahmen ein. Im besten Fall genügen die Informationen für eine Verhaftung.

Abbildung 1: Aus dem mitgehörten Telefongespräch geht hervor, dass Juliet Kerrington für einen gewissen Viktor Rhosen arbeitet. Durch derartige Informationen vervollständigt sich das Profil auf der linken Seite. Nur die dortigen Informationen sieht der Anleiter.
Beim Beschaffen der Daten hilft zeitgemäß die moderne Informationstechnik: Auf den Videos der Überwachungskameras vom Freiheitsplatz war eine recht hastig zur Bahn rennende Frau zu sehen. Wie die Gesichtserkennung verrät, geriet die junge Dame in der Vergangenheit schon einmal mit dem Gesetz in Konflikt.
Die Polizeiakte dazu findet sich schnell, ist aber nicht sehr ergiebig: eine Verhaftung während einer Demonstration gegen das neue Sicherheitsgesetz. Die Frau hatte angeblich einen Polizeibeamten angegriffen. Der Vater zweier Kinder kam anschließend mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus.
Aus Mangel an Beweisen kam die Frau zwar frei. Ein entsprechender Artikel in den Nachrichten aus dieser Zeit legt jedoch den Verdacht nahe, dass ihre wohlhabenden Eltern dabei nachgeholfen haben (Abbildung 2). Vielleicht lohnt es sich, den Freundeskreis und das Elternhaus näher unter die Lupe nehmen?

Abbildung 2: Die beiden gelb markierten Informationen schließen sich gegenseitig aus: Entweder ist Cassandra unschuldig oder aber ihre Eltern haben den Ausgang des Verfahrens beeinflusst. Nur eine der beiden Informationen dürfen Sie weitergeben.
Lauschangriff
Liegen genügend Verdachtsmomente vor, erlaubt Orwell das Abhören von Telefongesprächen und das Mitschneiden von Messenger-Nachrichten (Abbildung 3). Das setzt aber voraus, dass Sie zunächst irgendwo die Nummer beziehungsweise die entsprechenden Kontaktadressen gefunden haben.

Abbildung 3: Das Diagramm links unten schlüsselt die Beziehungen der Personen untereinander auf. Der Reader auf der rechten Seite sammelt alle in irgendeiner Form relevanten Zeitungsartikel und Internet-Seiten.
Im späteren Verlauf dürfen Sie zudem in die Computer und Mobilgeräte der Verdächtigen einbrechen und dort nach Spuren suchen (Abbildung 4). Auf diese Weise vervollständigt sich nach und nach das Profil einer Person. Durch das Auswerten der Kommunikation und der zugänglichen Informationsquellen entsteht außerdem mit der Zeit ein Bild der Geschehnisse – sofern Sie selbst die richtigen Schlüsse ziehen.

Abbildung 4: Sofern genügend Informationen vorliegen, dürfen Sie in die Rechner der Verdächtigen einbrechen und erhalten dort, wie hier im zweiten Teil bei Raban Vhart, unter anderem Zugriff auf Fotos und andere wichtige Dokumente.
Im Gespräch mit ihrem Freund gesteht die verdächtige Dame mit einem Augenzwinkern, dass sie ihm die Kreditkarte entwendet hat, um damit später eine Flasche Wein für den gemeinsamen romantischen Abend zu kaufen. Reichen Sie nur die Information über die gestohlene Kreditkarte an Symes weiter, geht dieser von einem echten Diebstahl aus und sperrt die Karte umgehend.
Gleichzeitig verstärkt sich so das Bild einer kriminellen Frau, die aber vielleicht nur zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort war. Das Bild, das Symes von den Personen erhält, hängt also maßgeblich von den ausgewählten und übermittelten Informationen ab. Mehr noch: Der Kontext verändert den Ablauf der Geschichte. Durch die gesperrte Kreditkarte kann die Dame etwa keinen Wein kaufen, was wiederum zum Streit mit ihrem Freund führt.
Während dieser Eingriff noch relativ harmlose Folgen hat, führen an anderer Stelle falsche Informationen zu einer voreiligen Verhaftung. Es gilt daher, genau abzuwägen, welche Daten Sie wann an Orwell weiterleiten. Das fällt umso schwerer, je weniger Informationen über eine Person vorliegen. Obendrein ist es nicht möglich, einmal weitergereichte Daten wieder zu löschen oder zurückzunehmen. Symes beeinflusst den Spieler zudem immer wieder leicht mit seinen subjektiven Kommentaren (Abbildung 5).

Abbildung 5: Die Anleiter, wie hier Symes im ersten Teil des Spiels, haben jeweils eine eigene Meinung und versuchen so, den Spieler in seinen Handlungen zu beeinflussen.
Nachschub
“Orwell” erschien bereits 2016, zwei Jahre später folgte dann unter dem Titel “Orwell: Ignorance is Strength” der zweite Teil. Der erzählt einen neuen Fall, der allerdings zeitgleich zu den Geschehnissen im ersten Teil verläuft. Diesmal ist es die Aufgabe des Spielers, einen verschwundenen Offizier zu finden, der als Agent im Nachbarstaat Parges aktiv war.
Parallel verschärft sich die politische Krise zwischen Parges und dem eigenen Land “The Nation” (Abbildung 6). Im Gegensatz zum ersten Teil liegt der zweite derzeit ausschließlich in englischer Sprache vor. Sie brauchen den ersten Teil zwar nicht gespielt zu haben, um der Geschichte zu folgen, das empfiehlt sich aufgrund der vielen Anspielungen und einer stark verkürzten Einleitung aber dennoch.

Abbildung 6: Auch in “Orwell: Ignorance is Strength” markiert das Spiel mögliche Daten (die sogenannten Datachunks), die Sie dann einfach per Drag & Drop an die passende Stelle ziehen. Hier startet die Suche in der Agent Database, sobald Sie einen der markierten Begriffe ins Suchfeld gezogen haben.
Des Weiteren führt “Orwell: Ignorance is Strength” einige neue Elemente in das Spiel ein. So kostet jede Information, die Sie dem Profil einer Person hinzufügen, etwas Zeit. Dadurch verpassen Sie im Verlauf der Handlung unter Umständen wichtige Ereignisse oder können nur noch verspätet darauf reagieren.
Folglich ist es noch wichtiger, genau abzuwägen, welche Daten Sie an Orwell weitergeben. Im späteren Verlauf erlaubt es das Spiel außerdem, Informationen gezielt zu manipulieren, um so wiederum die Ereignisse in eine ganz bestimmte Richtung zu lenken.
Aufnahmebeitrag
“Orwell” und “Orwell: Ignorance is Strength” stammen vom kleinen Hamburger Entwicklungsstudio Osmotic Studios [1]. Beide Spiele stehen für jeweils 10 Euro auf der Plattform Steam [2],[3] im Online-Shop Gog [4],[5] und im Humble Store [6],[7] zum Kauf bereit.
Im Gegensatz zu Steam halten Gog und der Humble Store kopierschutzfreie Fassungen bereit. Der Kauf bei Steam setzt zudem den entsprechenden Client voraus. Der Humble Store spendet einen Teil der Einnahmen an eine gemeinnützige Organisation. Obendrein gibt es dort einen Key, mit dem Sie bei Bedarf das beziehungsweise die Spiele zusätzlich auf der anderen Plattform freischalten.
Wer in einem der Online-Shops nach “Orwell” sucht, stolpert automatisch über zahlreiche Einträge und Varianten. Neben den beiden Spielen ist separat der Soundtrack im Angebot (die entsprechenden Produkte tragen ein “OST” im Namen). Wer das Spiel und den Soundtrack gleichzeitig erwerben möchte, sollte nach den De-luxe-Versionen der Spiele Ausschau halten. Gegenüber dem separaten Kauf von Spiel und Soundtrack sparen Sie etwas Geld.
Schließlich gibt es noch ein Paket mit der Bezeichnung Seasons Complete, das beide Spiele enthält, nicht aber die Soundtracks. Die von “Orwell: Ignorance is Strength” erzählte Geschichte haben die Entwickler zudem ursprünglich in Episoden veröffentlicht. Die entsprechenden Angaben in den Online-Shops sind jedoch veraltet: Wer das Spiel kauft, erhält automatisch die komplette Geschichte.
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Entwickler |
Osmotic Studios GmbH |
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Lizenz |
kommerziell |
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Preis |
jeweils 10 Euro |
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Voraussetzungen |
ab dem Jahr 2016 erschienene Distribution, Prozessor mit 2 GHz oder besser, mindestens 4 GByte Hauptspeicher, Grafikkarte kompatibel zum Standard OpenGL 3.2 |
Gewissensfrage
Orwell erzählt mit einfachen Mitteln eine äußerst spannende Geschichte. Beim sukzessiven Sammeln und Suchen von Informationen kommt tatsächlich das Gefühl auf, selbst einen Anschlag aufzuklären.
Dabei fordert das Spiel unablässig das Gewissen heraus: Geben Sie eine Information aus einem privaten Telefonat weiter oder behalten Sie sie doch erst einmal für sich? Diese Frage stellt sich spätestens dann, wenn sich eine verhaftete Person im Nachhinein als unschuldig erweist. Möchten Sie aber wissen, wie die Geschichte weitergeht, bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als im wahrsten Sinne des Wortes mitzuspielen.
“Orwell: Ignorance is Strength” behält zwar das Grundprinzip bei, knetet allerdings das Gewissen weit weniger intensiv als der erste Teil: Dazu sind zu viele zwielichtige Personen involviert. Die Geschichte rund um einen Agenten vermag außerdem nicht ganz so zu fesseln wie das Attentat.
Von den behutsamen Neuerungen schlägt der Einfluss der vergehenden Zeit auf den Verlauf besonders deutlich durch. Das setzt zusätzlich unter Druck. In beiden Spielen kämpfen Sie sich zwangsläufig durch zahlreiche Textwüsten. Zudem ist in der Regel eindeutig, welche Aktion als Nächstes ansteht. Die Grafik zeigt sich in einem passenden Comic-Look aus Polygonen.
Fazit
Wer für regnerische Tage einen gut erzählten Cyber-Thriller sucht und nicht vor dem Lesen größerer Textmengen zurückschreckt, der sollte Orwell unbedingt anspielen. “Orwell: Ignorance is Strength” empfiehlt sich vor allem für Fans des ersten Teils.
Infos
- Projekt-Homepage: https://www.orwell-game.com
- “Orwell” auf Steam: https://store.steampowered.com/app/491950/Orwell_Keeping_an_Eye_On_You/
- “Orwell: Ignorance is Strength” auf Steam: https://store.steampowered.com/app/491950/Orwell_Keeping_an_Eye_On_You/
- “Orwell” bei Gog.com: https://www.gog.com/game/orwell
- “Orwell: Ignorance is Strength” bei Gog: https://store.steampowered.com/app/633060/Orwell_Ignorance_is_Strength/
- “Orwell” im Humble Store: https://www.humblebundle.com/store/orwell
- “Orwell: Ignorance is Strength” im Humble Store: https://www.humblebundle.com/store/orwell-ignorance-is-strength






Solche Spiele, welche unter Anderem auch Folter als legitimes Mittel zur Informationsbeschaffung darstellen bzw. zumindest überhaupt eine Entscheidung dafür zulassen, sollten verboten werden.
Der Autor des Berichtes kann versuchen, dies zu versachlichen und somit den Emotionen zu entziehen; das ändert aber nichts an der Unsäglichkeit solcher Szenarien.