Die Digital Audio Workstation Bitwig Studio 1.3.5 im Test

Aus LinuxUser 02/2016

Die Digital Audio Workstation Bitwig Studio 1.3.5 im Test

© Alexey Laputin, 123RF

Unerhört

Linux-Rechner dienen zwar als Arbeitsplatz oder Spiele-Kiste, doch als Multimedia-System kommt bei Tonkünstlern eher ein Mac auf das Mischpult. Mit der professionellen Software DAW Bitwig Studio 1.3.5 können Sie den Apfel in Rente schicken.

Das Startup Bitwig [1] versprach vor drei Jahren, eine DAW in der Größenordnung proprietärer Platzhirsche wie Abelton Live oder Steinberg Cubase auch für Linux zu schaffen. Mit Version 1.3 der Musikproduktionssuite Bitwig Studio liefern die Berliner, was sie versprochen haben. Wir haben die seit Ende November 2015 verfügbare Version 1.3.4 getestet und eine erwachsen gewordene Anwendung mit bemerkenswert reibungsloser Linux-Integration erlebt.

Bitwig Studio wendet sich mit der Version 1.3 noch konsequenter an Komponisten und Produzenten looporientierter elektronischer Musik. Schon die jetzt mitgelieferten Demo-Songs decken verschiedene Stile in diesem Bereich ab, von Techno bis eher anspruchsvoller Popmusik.

Die Installation von Bitwig Studio setzt eine Registrierung auf der Webseite des Herstellers [2] voraus, die Sie auch zur Bestätigung der Lizenz brauchen. Das Debian-Paket eignet sich offiziell für 64-Bit-Ubuntu, lässt sich aber auch unter der Mutterdistribution und deren anderen Derivaten einrichten. Mit einem Tool wie Alien bereiten Sie die Datei für RPM-Distributionen wie OpenSuse oder Fedora auf. Updates innerhalb einer Programmgeneration gelingen mit dem DEB ebenfalls reibungslos. Eine 32-Bit-Version gibt es nicht.

Bitwig verschont seine Kundschaft von USB-Dongles, auch das Prüfen der Lizenz per Online-Login lässt sich im Kundenprofil auf der Bitwig-Website durch eine Offline-Registrierung von bis zu drei Rechnern leicht ausschalten. Beim ersten Start nach der Installation oder dem Upgrade verlangt der Hersteller ein erneutes Bestätigen der Lizenzbestimmungen. Danach öffnet sich ein Assistent, über den Sie diverse Zusatzpakete (darunter gigabyteweise Samples) automatisch herunterladen und installieren.

An diesem Punkt erscheint auch die Audio/Midi-Konfiguration, in der Sie bei Bedarf virtuelle Ports anlegen, die Bitwig als Audio-Anschlüsse in Jack anzeigt. Einen aktiven Jack-Server erkennt Studio automatisch und bindet auch aktive Software-Ports als Ein/Ausgänge ein. Im Test stellte sich jedoch heraus, dass Jack-Midi immer noch nicht funktioniert. Starten Sie Jack ohne Midi-Funktion, arbeitet Bitwig aber mit dem Midi-System von Alsa zusammen (siehe Kasten “Midi”).

Midi

Betreiben Sie Bitwig Studio unter Linux mit Jack, stellen Sie fest, dass Bitwig den in Jack eingebauten Midi-Sequencer nicht unterstützt. Da Bitwig mit Alsa-Midi durchaus gerne zusammenarbeitet, wäre das nicht weiter problematisch. Dummerweise nimmt Bitwig aber keinerlei Signale mehr von Alsa-Midi entgegen, sobald der Jack-Midi-Server läuft.

Jack-Nutzer müssen daher beim Start des Sound-Servers dessen Midi-Funktion deaktivieren, soll Bitwig in derselben Sitzung Signale von einer Midi-Tastatur verarbeiten. Qjackctl besitzt dazu rechts unten im Fenster Einstellungen einen Schalter, in dem Sie für Midi-Sequencer keiner auswählen. Die entsprechenden Flags Xseq oder Xraw für den Start von Jack auf der Kommandozeile lassen Sie dann einfach weg (Listing 1).

Mit diesen Einstellungen funktioniert Bitwig auch mit Jack unter Linux als Midi-Empfänger. Im Test klappte das mit per USB angeschlossenen Keyboards von Edirol und Behringer tadellos. Bei einem Alesis-Drumpad am Midi-Port der Soundkarte sah es dagegen weniger gut aus: Bitwig empfing nur jede dritte bis vierte gespielte Note. Das Drumpad funktionierte in allen anderen Software-Schlagzeugen wie Hydrogen oder Fluidsynth tadellos, in Bitwig blieb es unbrauchbar.

Studio benutzt das Midi-System von Alsa nur auf eine vergleichsweise primitive Weise: Während mit dem Alsa-Midi-Sequencer problemlos mehrere Programme auf dem gleichen Port lauschen könnten, verlangt Bitwig exklusiven Zugriff. So versagen alle angeschlossenen Geräte in Studio ihren Dienst, sobald beispielsweise das sehr nützliche Werkzeug Aseqdump läuft.

Listing 1

$ /usr/bin/jackd  -t1000 -dalsa -dhw:M2496 -r48000 -p128 -n2

Multitouch

Die wichtigsten Funktionen für Steuerung, Mix und Komposition lassen sich in Bitwig Studio 1.3 direkt auf dem kapazitiven Touch-Display eines Tablet-PCs bedienen. Das Touch-Interface (Abbildung 1) gibt sich unter Linux und Windows vollständig, unter Mac OS X stehen hingegen nur rudimentäre Funktionen bereit. Als Referenzgerät nutzt Bitwig ein Microsoft Surface Pro, das auch unter Linux sehr gut funktioniert. Varianten von Bitwig für Android oder Apples iOS gibt es nicht, womit sich die Frage nach einer Nutzung des Touch-Interfaces auf solchen Geräten erübrigt.

Abbildung 1: Die Tablet-Ansicht bringt auch große, komplexe Projekte aus dem Studio auf das kleine Touchdisplay für unterwegs.

Abbildung 1: Die Tablet-Ansicht bringt auch große, komplexe Projekte aus dem Studio auf das kleine Touchdisplay für unterwegs.

Das Spezial-Interface aktivieren Sie aus dem Menü heraus unter Preferences  | Display | Tablet Display Profile. Grundsätzlich lassen sich auf Touch-Bildschirmen alle Elemente der Oberfläche durch Antippen bedienen, Studio nimmt jedoch auch Eingaben von mehreren Fingern gleichzeitig entgegen. Das Programm bietet in diesem Profil ein zusätzliches Overlay, das vor allem Funktionen schön groß in die Mitte des Schirms legt, die ansonsten zu klein wären, um sie sinnvoll mit dem Finger zu bedienen.

Arrangiert

Als Hauptwerkzeug in Studio fungiert der Arranger, ein klassischer Spuren-Editor, in dem Sie beliebig viele Audio- und Midi-Tracks arrangieren. Dabei dürfen Sie Spurtypen mischen, etwa Midi-Regionen auf Audio-Spuren legen. In solch einer Spur eingefügte Midi-Instrumente lassen Signale aus Audio-Regionen unbearbeitet passieren, Effekte können Sie hingegen von beiden Quelltypen gemeinsam oder über die Device-FX-Schnittstellen auch getrennt regeln (Abbildung 2).

Abbildung 2: Eine Midi-Region spielt ein Drumkit im Sampler, danach ein paar von Hand gespielte Trommeln – beide friedlich vereint in der gleichen Spur.

Abbildung 2: Eine Midi-Region spielt ein Drumkit im Sampler, danach ein paar von Hand gespielte Trommeln – beide friedlich vereint in der gleichen Spur.

Der Mixer von Studio erweist sich als sehr übersichtlich. Ein aktivierter Kanal im Panel links zeigt diverse zusätzliche Bedienelemente, die man sonst auf den ersten Blick in den einzelnen Kanalzügen vermisst. Mit geeigneten Mini-Controllern steuern Sie die Regler einfacher als mit der Maus (siehe Kasten “Bitwig und Controller”). Für Gruppenkanäle und Sends müssen Sie entsprechende Spuren anlegen, deren Eingänge automatisch in der Mixerübersicht erscheinen.

Bitwig und Controller

Alle Parameter in Bitwig Studio selbst und auch alle Parameter von geladenen Drittanbieter-Plugins lassen sich von Midi-Geräten aus fernsteuern. Für die Zuweisung eines Reglers am Controller zu einem Parameter in einem Plugin via Midi-Learn benutzt Studio (wie auch Carla oder Ardour) eine eigene, generische Plugin-Oberfläche in Form einer filterbaren Liste von Drehreglern.

Ein Rechtsklick auf einen Regler öffnet ein Menü mit dem Eintrag Map to Controller or Key. Eine kleine Animation auf dem gewählten Regler zeigt bei Anwahl dieser Option an, dass Studio auf ein Signal von einem angeschlossenen Controller wartet. Sobald Sie am Midi-Gerät eine Taste drücken oder einen Regler bedienen, verbindet Bitwig den gewählten Parameter mit dem gerade benutzten Regler (Abbildung 3).

Das funktioniert nur für fest eingefügte Plugins. Solange der Auswahlbrowser für Plugins offensteht, läuft das Modul lediglich in einem Testmodus, in dem Sie keine Controller zuweisen können. Es genügt jedoch ein Klick auf OK im Auswahlbrowser, um das Plugin fest einzufügen und damit auch die Controllerzuweisung einzuschalten. Bitwig erlaubt auch das Fernbedienen von Laufwerksfunktionen, inklusive des Geschwindigkeitsreglers.

Abbildung 3: Das LXVST-Plugin VEX bietet drei Synthesizer in einem. Die Suchzeile in seiner generischen Oberfläche hilft dabei, alle Cutoff-Regler der drei Filter zu finden. Es lassen sich mehrere Regler dem gleichen Parameter zuordnen und umgekehrt.

Abbildung 3: Das LXVST-Plugin VEX bietet drei Synthesizer in einem. Die Suchzeile in seiner generischen Oberfläche hilft dabei, alle Cutoff-Regler der drei Filter zu finden. Es lassen sich mehrere Regler dem gleichen Parameter zuordnen und umgekehrt.

Zwischen dem Mixer und dem Arranger liegt das unter Linux einzigartige Matrixkonzept des Clip-Launchers (siehe Kasten “Clip-Launcher-Matrix”). Damit spielen Sie auf jeder Spur Clips in Schleifen ab, die Sie wiederum in den Scenes genannten Spalten organisieren. Der Clip-Launcher lässt sich sowohl im Fenster des Mixers über den Kanalzügen einblenden als auch im Arranger links von den Spuren.

Clip-Launcher-Matrix

Da Clip-Launcher und Arranger zwei unterschiedliche Konzepte für den zeitlichen Ablauf eines Musikstücks umsetzen, kann pro Spur nur eine der beiden Varianten Signale senden und empfangen. Aktivieren Sie den Launcher, indem Sie einfach einen Clip in eine der Scenes legen und starten, wechselt das komplette Playback automatisch auf diesen; der Arranger schaltet auf stumm. Die nicht unbedingt intuitive, aber logische Lösung dazu von Bitwig stellen kleine Schaltflächen dar, die im Mixer direkt über dem Regler und im Launcher im Hauptfenster ganz rechts im Launcher-Bereich liegen, also genau zwischen der Arrangement-Ansicht rechts und der letzten Scene links.

Das besondere am Clip-Launcher: Jeder Clip fungiert als beliebig langer Loop. So kombinieren Sie kurze Rhythmusphrasen sehr intuitiv mit langen Instrumentalsolos oder Gesangslinien und wechseln die Bestandteile sehr schnell und bequem aus, um verschiedene Kombinationen auszuprobieren. Mit konventionellen, linearen Tonspuren klappt das nur mit mehr Vorbereitung und bei geringerer Flexibilität. Mit dem Launcher nähert man sich dagegen dem spontanen Musikmachen an.

In diesem komplexen Rahmen ergänzen Sie Aufnahmen mit Effekten und Plugins (siehe Kasten “Bitwig-Plugins”) für Instrumente und Effekte. Von Letzteren enthält Bitwig Studio bereits ab Werk einige Hundert, die meisten davon entsprechen allerdings Voreinstellungen für ein Basisset von etwa 20 Instrumenten und Effekten. Alles lässt sich mit allem kombinieren: Effekte und Instrumente besitzen an ihrem rechten Rand ein Plus-Symbol, über das sich andere Module direkt anschließen lassen. Bitwig erlaubt, solche Kombinationen mitsamt Voreinstellungen als neues “Device” zu speichern.

Bitwig-Plugins

Bitwig liefert mit Studio einen vollständigen Satz von Software zur Klangerzeugung und Bearbeitung. Hinzu kommen diverse Kombinationen der Basismodule sowie voreingestellte Instrumente und Effekte auf Basis der Grundausstattung. Sampler, FM4 und Polysynth dienen als Standard-Klangerzeuger. Die Presets der Synths decken ein breites Interessenspektrum ab. Zwar dürften die auf dem Sampler basierenden “Hammondorgeln” von Studio erfahrene Organisten nicht vollends überzeugen, und der Polysynth lässt sich nicht so detailliert einstellen wie große eigenständige Synthesizer. Die umfassenden Möglichkeiten zur Modulation von Parametern und der Einsatz der Effekte erlauben jedoch durchaus kreative Klangerzeugung auf Profi-Niveau.

Soundfonts dürfen Sie in Bitwig auch als Multisample verwenden. Ziehen Sie einen davon auf eine Spur, setzt Bitwig ihn automatisch in einen Sampler um. So bearbeiten Sie die an sich starren Soundfonts direkt im Projekt. Ähnlich wie die Synths gestalten sich auch die Effekte eher simpel. Ringmodulator, Rotary, Flanger und Chorus klingen eher stark als subtil, lassen sich aber auch zurückhaltender einstellen. Blur erweist sich eher als Spielerei. Die Filter Comb, Filter und Ladder gehören zum Modularsynthkonzept von Bitwig (Abbildung 4). Grundsätzlich lassen sich aus solchen Modulen auch neue Synthesizer bauen. Anstelle eines klassischen Oszillators verwendet man dabei einen der kompletten Synthesizer.

Im Test enttäuschte von den Effekten einzig der Reverb. Ein derart simpel gestaltetes Hallgerät sollte schon etwas besser klingen. Ein Faltungshall könnte hier leicht Abhilfe schaffen, fehlt allerdings in der Grundausstattung. Hier erweist es sich als Nachteil, dass Studio den Plugin-Standard LV2 nicht unterstützt: Als LV2 gibt es nicht nur einen sehr brauchbaren Faltungshall-Convolver, sondern auch die in Bitwig ebenfalls fehlenden Gitarrenverstärker. Für die zweite Generation von Studio planen die Entwickler aber wohl nativen LV2-Support ein.

Sehr brauchbare Equalizer und Dynamikmodule runden das Angebot ab. Dabei glänzt der Peak-Limiter durch eine Echtzeitdarstellung seiner Arbeit an einer anschaulichen Wellendarstellung des Signals. Die Equalizer bieten ebenfalls Kurvendarstellungen und arbeiten parametrisch.

Abbildung 4: Alle Samples und virtuellen Geräte lassen sich mit gehaltener Maustaste aus dem Browser rechts auf jeden Ort ziehen, an den sie passen – hier auch auf das Fenster des Effektcontainers FXlayer, in dem Sie modular eigene Effekte und Instrumente aufbauen.

Abbildung 4: Alle Samples und virtuellen Geräte lassen sich mit gehaltener Maustaste aus dem Browser rechts auf jeden Ort ziehen, an den sie passen – hier auch auf das Fenster des Effektcontainers FXlayer, in dem Sie modular eigene Effekte und Instrumente aufbauen.

Den größten Teil der mehrere GByte großen Bitwig-Installation nehmen mitgelieferte Samples ein. Benötigen Sie diese nicht, deinstallieren Sie sie beim ersten Start einfach. Alternativ spielen Sie bei der ersten Konfiguration diverse zusätzliche Sample-Sammlungen ein. Bitwig bietet dazu einige Varianten aus dem eigenen Labor sowie diverse Pakete populärer kommerzieller Anbieter. Letzte lassen sich auch kostenlos einrichten, dann aber nur in abgespeckter Form (Abbildung 5).

Abbildung 5: Die als "Teaser" deklarierten Sample-Sammlungen lassen sich trotz geringeren Umfangs genauso nutzen wie die Vollversionen.

Abbildung 5: Die als “Teaser” deklarierten Sample-Sammlungen lassen sich trotz geringeren Umfangs genauso nutzen wie die Vollversionen.

Loopsamples

Bei der Arbeit mit Loopsamples schöpft Bitwig aus dem Vollen – nur LMMS bietet unter Linux ebenfalls Sammlungen von Samples und Presets an, allerdings mit deutlich weniger Möglichkeiten. Ähnliches gilt für die Arbeit mit auf Audio-Spuren aufgenommener und von Hand eingespielter Musik. So lassen sich beispielsweise einzelne Klangereignisse in einer Aufnahme mit einer intuitiven Methode zeitlich verzerren, um Timingfehler von Musikern auszugleichen oder Takes aus verschieden schnell gespielten Sessions aneinander anzupassen.

Prinzipiell klappt das auch in Ardour oder Qtractor, dort aber vergleichsweise umständlicher. Dennoch dürften viele klassisch orientierte Musikproduzenten eher Ardour oder Tracktion bevorzugen. In Studio lassen sich einzelne Spuren nur in zwei Stufen vertikal vergrößern, was präzise Schnitte erschwert. Wer den Umgang mit Regionen direkt in der Spur in Ardour oder Tracktion kennt, dem fällt wahrscheinlich auch der Umstieg auf den separaten Editor von Studio schwer.

Die spezielle Vorlage Audio Editing im Menü File | New from Template ändert nicht viel daran, dass Studio nicht unbedingt für die Bearbeitung von klassischen Audio-Aufnahmen gebaut ist. Selbst einfache Funktionen wie Normalisieren oder Umkehren sucht man vergeblich. Dafür arbeiten alle Werkzeuge in Echtzeit – auch das ganz hervorragende Stretch-Werkzeug, mit dem sich ohne hörbaren Qualitätsverlust und ohne Änderung der Tonhöhe Musik strecken und stauchen lässt.

Gewöhnungsbedürftig wirkt die Idee, dass das Gitter, auf das Schnitte und geschobene Regionen einrasten, sich nur am Zoomfaktor orientiert. Aufnahmen von per Hand eingespielter Musik machen es jedoch oft nötig, auf das einzelne Sample genau zu schneiden. In die Nähe dieser Präzision kommen Sie in Studio nur bei sehr starkem Vergrößern der Darstellung. Standardmäßig markieren schon bei Sechzehntel-Noten die Grenze der Genauigkeit.

Automatisch

Andererseits lässt es sich in Studio sehr leicht und schnell zoomen, indem Sie bei gedrücktem Mausrad den Cursor nach oben oder unten bewegen. Das Schneiden geht flott von der Hand, wenn man die Rastergenauigkeit nicht dauernd per Hand anpassen muss. In der rechten unteren Ecke des Arrangers lässt sich das Einrastverhalten detailliert einstellen. Möchten Sie allerdings einen anderen Wert als die Sechzehntel-Voreinstellung nutzen, fällt das automatische Reagieren des adaptiven Rasters auf die Zoomeinstellung flach.

Alle von Bitwig mitgelieferten Samples passt Studio mit geradezu gespenstischer Sicherheit an das Tempo des gerade laufenden Songs an. Das klappte im Test auch mit vielen vom Autor selbst aufgenommenen und geschnittenen Loopsamples. Ob die Kombinationen von Loops verschiedener Geschwindigkeiten tatsächlich der Intention des Künstlers entsprechen, sei dahingestellt, Studio lässt jedenfalls alles gut und passend klingen. Dank dieser Automatik und weiterer Funktionen (siehe Kasten “Extrem manipulierbar”) ändern Sie problemlos jederzeit das Tempo eines Stücks. Per Hand eingespielte Aufnahmen passen ihr Tempo automatisch an. Dabei ändert sich weder die Tonhöhe, noch lässt sich selbst bei starken Änderungen ein Qualitätsverlust heraushören.

Extrem manipulierbar

Einer der Vorteile von Musikproduktion mit Software liegt darin, dass sich mit dem zeitlichen Ablauf der Musik auch Eingriffe in die Wiedergabe hineinprogrammieren lassen. Solche Automation genannten Manipulationen entwickelten die Hersteller der entsprechenden Programme vor allem für den Mixer: Lautstärke und Stereopanorama einzelner Spuren lassen sich an bestimmten Stellen im Stück nach Bedarf verändern. Moderne DAWs weiten diese Möglichkeiten mindestens auf die Parameter von eingebundenen Effekten und Instrumenten aus.

Bitwig geht auf diesem Gebiet weiter als die meisten Mitbewerber. Zum einen automatisieren Sie mit dem Programm nicht nur die Parameter eines Instruments in einer Midi-Spur, sondern bearbeiten auch innerhalb der Spurmanipulationen einzelne Noten (Abbildung 6). Zum anderen dürfen Sie neben der klassischen Methode, in der eine Kurve den Verlauf eines Parameters im Stück bestimmt, diverse kurvenartige Ereignisse im Musikstück als Automation für einen Parameter nutzen. So lässt sich zum Beispiel der Lautstärkeverlauf einer Bassdrum von einer Spur auf den Filter eines Synthesizers auf eine andere Spur übertragen.

Von Bitwig als Makro bezeichnete Funktionen erlauben es außerdem, Kurven für mehrere Parameter gleichzeitig anzulegen. Viele der mitgelieferten Presets enthalten raffinierte Anwendungen der Makrotechnik. Für das Manipulieren von Noten nach vorgegebenen Mustern bringt Studio einige Midi-Plugins mit. Neben den üblichen Arpeggiator-Funktionen weiß besonders der diatonische Transposer zu gefallen, der eingehende Noten nicht nur auf Dur und Moll trimmt, sondern auch auf anspruchsvollere Kirchentonarten.

Abbildung 6: Auf Midi-Spuren lassen sich Kurven für Parameter (wie hier die Tonhöhe) für jede einzelne Note einzeichnen, im Layer-Modus auch auf verschiedenen Spuren gleichzeitig.

Abbildung 6: Auf Midi-Spuren lassen sich Kurven für Parameter (wie hier die Tonhöhe) für jede einzelne Note einzeichnen, im Layer-Modus auch auf verschiedenen Spuren gleichzeitig.

Felsenfest

Bitwig 1.3 braucht zum Start nicht länger als Ardour auf demselben Rechner und reagiert anschließend genauso schnell – kein schlechtes Resultat für eine Software, die Java für ihre Oberfläche verwendet. Das Programm muss wie jede komplexe Audio-Software die Herausforderung bewältigen, mit weniger als 10 Millisekunden Verzögerung zu reagieren und dabei Daten und Plugins zu verarbeiten, die aus den obskursten Quellen stammen. Unter diesen Umständen scheint es daher schwierig, einen reibungslosen Betrieb zu gewährleisten: Plugins und Audio-Dateien können Fehler enthalten, Exportfunktionen dritter Programme erzeugen nicht standardkonforme Dateien. In Bitwig fiel es im Test jedoch recht schwer, ein Versagen des Programms zu provozieren.

Fehlerhafte Plugins bringen Bitwig Studio in der Regel nicht aus dem Tritt, die Probleme wirken sich nur auf den Betrieb des Plugins selbst aus. Das an sich sehr nützliche Carla-VSTX-Plugin jedoch schafft es tatsächlich, auch Bitwig selbst Schwierigkeiten zu bereiten. Schon einfache Aktionen bringen das Plugin zum Einfrieren und erzeugen hörbare Probleme im jeweiligen Kanal. Sobald Sie das Plugin wieder entfernen, läuft jedoch alles wieder, wie es soll. Erst eine auf heimtückische Weise absichtlich beschädigte WAV-Datei lässt den Play-Cursor von Bitwig komplett einfrieren und die Sound-Ausgabe verstummen.

Der Schalter mit dem Bitwig-Logo oben links im Fenster bringt die Audio-Engine nach dem Absturz mit dem gleichen Projekt an der gleichen Stelle wieder in Gang. Hier bewährt sich die konsequente Trennung der eigentlichen Audio-Engine von der GUI und dem operativen Teil des Programms.

Fazit

Bitwig Studio erweist sich als gut durchdachtes Komplettpaket für Produzenten moderner Popmusik und kreative Elektrokomponisten. Die ausführliche Dokumentation erleichtert Ein- und Umsteigern den Einstieg (siehe Kasten “Dokumentation und Hilfe”). Für den Einsatz als Live-Instrument steht es unter Linux praktisch einzigartig da. Abgesehen von der noch nicht vollständigen Unterstützung für den aktuellen Stand von Midi unter Linux erweist sich die Bitwig-DAW als gut integriert und vorbildlich stabil.

Dass Bitwig Studio als proprietäre Anwendung von Vollzeitentwicklern vorangetrieben wird, zeigt sich nicht nur an der Qualität der Software und der mitgebrachten Samples, sondern auch an der Entwicklungsgeschwindigkeit: Einen Tag vor Redaktionsschluss stellte Bitwig bereits die Version 1.3.5 von Studio zur Verfügung, die neben Fehlerkorrekturen auch etliche Detailverbesserungen mitbringt.

Dokumentation und Hilfe

Wie man es von kommerzieller Software erwarten darf, investiert Bitwig nicht nur viel Arbeit in die Entwicklung des Programms, sondern auch in Hilfe und Dokumentation. Dazu gehören neben einem in verständlichem Englisch geschriebenen Handbuch vor allem Videos und Demo-Songs sowie einige Schritt-für-Schritt-Anleitungen. Eine Übersicht dazu finden Sie direkt auf der Webseite von Bitwig Studio [2]. Im Community-Bereich [3] gibt es neben weiterführenden Informationen auch zahlreiche Tipps und Tricks. Für Programmierer bietet Bitwig eine API [4] für die Controller-Schnittstelle von Studio.

Der Autor

Hartmut Noack arbeitet in Celle und Hannover als Dozent, Autor und Musiker und er findet schon immer, dass freie Software und selbst gemachte Musik prima zusammenpassen. Auf seinem Webserver unter http://lapoc.de können Sie einige klingende Ergebnisse seiner Arbeit mit freier Musiksoftware herunterladen.

Glossar

DAW
: Eine Digital Audio Workstation setzt alle Funktionen eines Musikstudios in einer Anwendung um. Ursprünglich ging das nur auf kostspieligen Spezialmaschinen. Heute meint DAW fast immer eine Software-Suite, die auf einem herkömmlichen Rechner läuft.
Faltungshall
Um den Hallanteil eines beliebigen Raums, die “Impulsantwort”, auf ein anderes Signal abzubilden, sodass es sich anhört, als würde das Signal in diesem Raum erklingen, vermischen sogenannte Impuls-Convolver auf eine mathematisch komplexe Weise zwei Audio-Signale. Impulsantworten im herkömmlichen WAV-Format gibt es von allen großen Konzerthallen, Kirchen und Parkhäusern sowie von beliebten, teuren Effektgeräten.

Infos

[1] Bitwig: http://bitwig.com

[2] Feature-Übersicht zu Studio: https://www.bitwig.com/en/bitwig-studio.html

[3] Community-Portal von Bitwig: https://www.bitwig.com/en/community/learning.html

[4] Controller-Scripts: https://www.bitwig.com/en/community/control_scripts.html

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