Fedora 22 erscheint zwar mit einer Woche Verspätung, glänzt dafür aber mit Gnome 3.16 und dem neuen Paketmanager DNF. Lediglich der Installer Anaconda könnte Neueinsteigern Kopfschmerzen bereiten.
Fedora dient nicht nur als Testlabor für die Business-Distributionen von Red Hat, sondern liefert auch ständig neue Impulse und Entwicklungen für Linux insgesamt – damit nimmt es eine gewisse Sonderstellung in der Linux-Welt ein. Aus Red Hats Portokasse stammt unter anderem der Lohn einer Reihe von Gnome-Entwicklern, und auch die Macher von Systemd beziehen von dort ihr Geld.
Fedora erfindet sich ständig neu und ließ sich zwischen den Versionen 20 und 21 ein ganzes Jahr Zeit, um im Rahmen des Projekts Fedora.next [1] die Gewichtung neu zu setzen und künftig drei Editionen zu veröffentlichen anstatt nur einer. Um für die Zukunft gerüstet zu sein und aktuelle Entwicklungen in einem nativen Umfeld gedeihen zu lassen, teilt sich die Distribution nun in Spielarten für Workstation, Cloud und Server auf, wobei Workstation die Variante für den Desktop-Anwender darstellt.
Gnome als Standard
Mit Fedora 22 [2] steht die erste Veröffentlichung im regulären halbjährlichen Zyklus nach dem neuen Schema bereit. Den gemeinsamen Unterbau der drei Sparten bilden die Grundkomponenten Kernel 4.0, GCC 5.0, Systemd 219, das Installationsprogramm Anaconda und der neue Paketmanager DNF, der das bewährte Yum ablöst. Die Workstation-Variante nutzt nach wie vor Gnome als Desktop-Umgebung, mit der Version 3.16 setzt Fedora auf die neueste Ausgabe (Abbildung 1). Daneben gibt es erstmals noch eine Reihe von sogenannten Spins, die andere Desktopumgebungen wie KDE, XFCE, LXDE oder Maté mitbringen oder sich gezielt an spezielle Anwender wie Musiker, Elektronikbastler, Penetrationstester oder andere Spezialisten richten [3]. Die Spins bringen, wie von Fedora nicht anders zu erwarten, die jeweils neueste stabile Version des entsprechenden Desktops mit. Im Rahmen des Artikels konzentrieren wir uns jedoch auf den Standard-Desktop der neuen Fedora-Ausgabe.

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Abbildung 1: Gnome setzt nach wie vor auf die AnwendungsübersichtAktivitäten und verzichtet auf ein klassisches Anwendungsmenü.Gnome 3.16 beinhaltet viele für Anwender sichtbare und einige unsichtbare Neuerungen. In die Entwicklung flossen binnen sechs Monaten über 33?000 Änderungen ein. Dabei sticht besonders das neue Benachrichtigungssystem der Gnome Shell als augenfälligste Änderung hervor (Abbildung 2). Die Nachrichten erscheinen anstatt in einer eigenen Leiste am unteren Bildschirmrand nun im Kalender-Widget, das bei einem Klick auf das mittig angezeigte Datum in der Kopfleiste auftaucht.

Abbildung 2: Die Benachrichtungen der Gnome Shell wandern mit Gnome 3.16 nun von einer eigenen Fußleiste in das Kalender-Widget in den Kopfbereich.
Als weitere Neuerung blenden sich GTK3-Anwendungen wie Gedit oder Nautilus Bildlaufleisten nur noch dann ein, wenn Sie mit der Maus in dem Fenster aktiv sind. Die Icons von im Hintergrund aktiven Anwendungen wie etwa Dropbox oder Skype finden jetzt endlich in der einfahrbaren Statusleiste ein ordentliches Zuhause (Abbildung 3). Insgesamt floss viel Arbeit in das Aufräumen des Desktops und die Politur der Gnome-Anwendungen ein, wie der Wetter-App (Abbildung 4), um Störungen und überflüssige Elemente weit möglichst vom Anwender fernzuhalten.

Abbildung 3: Im Hintergrund aktive Anwendungen wie Dropbox oder Skype finden in Gnome 3.16 nun in der neu gestalteten Statusleiste ein Zuhause.

Abbildung 4: Die Gnome-Anwendungen, wie hier die Wetter-App, überzeugen mit guter Funktionalität und chickem Aussehen.
In der neuesten Ausgabe des Gnome-Desktops fanden auch noch einige in der Entwicklung befindliche Programme als technische Vorschau einen Platz. Es handelt sich dabei um den E-Book-Reader Books, die Zeichentabelle Zeichen und eine neue Kalender-App gleichen Namens. Eher an Entwickler richtet sich der über Indiegogo finanzierte Gnome-IDE Builder [4].
Fedora verzichtet darauf, die Vorschau-Anwendungen von Haus aus zu installieren, über die Software-Verwaltung gelingt dies allerdings mit wenigen Klicks (Abbildung 5). Hier findet sich auch die neueste Version von Cockpit, dem Server-Administrationswerkzeug, das der Server-Edition entstammt. Das Frontend für die Paketverwaltung, Gnome Software, bekam neue Funktionen spendiert und erlaubt nun zum Beispiel auch das Installieren von Codecs. Als Bürosuite dient LibreOffice 4.3.2, Firefox steht bei Version 37.0.2.

Abbildung 5: Gnome-Software setzt mithilfe von PackageKit auf die Paketverwaltung von Fedora auf und erlaubt das Installieren von Software per Mausklick.
DNF statt Yum
Fedora 22 macht beim Paketmanager den Schwenk von Yum hin zu DNF, der sich bereits seit Fedora 18 als Alternative installieren lässt. DNF steht für Dandified Yum und soll schneller als das Original arbeiten; am RPM-Paketformat ändert sich dabei nichts. DNF bringt auch einen neuen Resolver namens Libsolf mit, der Abhängigkeiten schneller und besser auflösen soll. Zudem bietet DNF eine Schnittstelle, um es funktionell zu erweitern.
Die Bedienung fällt Fedora-Kennern nicht weiter schwer: In der Regel müssen Sie bei entsprechenden Kommandos lediglich das yum gegen ein dnf tauschen. Ein sudo dnf install Paket installiert ein Paket, sudo dnf distro-sync aktualisiert das komplette System (Abbildung 6). Ein simples dnf listet alle Optionen auf. Eine grafische Oberfläche steht ebenfalls zur Verfügung. Dazu passten die Entwickler den bisherige Yum Extender an DNF an. Das Ergebnis nennt sich yumex-dnf (Abbildung 7). Ein einfaches sudo dnf install yumex-dnf richtet das Paket ein.

Abbildung 6: Fedora-Kenner müssen sich mit Fedora 22 kaum umstellen: Die Syntax von DNF-Kommandos ist zu jener von Yum identisch.

Abbildung 7: Als Alternative zu Gnome Software bietet sich Yum Extender als grafisches Frontend für die Paketverwaltung an.
Partitionierung
Der größte Kritikpunkt an Fedora war und bleibt der Installer Anaconda. Er nutzt nun standardmäßig DNF-Code, doch dieser Schritt hilft Einsteigern bei der nur schwer zu durchschauenden Nutzerführung des Programms nicht weiter. Vor allem das Partitionieren gestaltet sich durch die Verschachtelung der Optionen nach wie vor recht undurchsichtig, obwohl hier in den letzten Versionen erläuternde Texte hinzukamen.
Am einfachsten gelingt die Variante, Fedora die ganze Festplatte übernehmen zu lassen. Eine weitere Option, die bei einem vorinstallierten Windows lediglich den vorhandenen freien Plattenplatz nutzt oder vorhandene Linux-Partitionen überschreibt, überzeugt ebenfalls durch eine schlanke Benutzerführung. Die benutzerdefinierte Variante bedarf allerdings eines erfahrenen Nutzers – oder Zeit für die Einarbeitung per Versuch und Irrtum. Im Automatikmodus erstellt Fedora standardmäßig eine Bootpartition und installiert LVM.
Wayland als Login-Session
Die Installation unter Verwendung der gesamten Festplatte dauert auf einem Notebook mit herkömmlicher HDD-Festplatte rund zehn Minuten. Der Login bietet die Wahl zwischen Gnome, Gnome Classic und dem neuen Standard Gnome Wayland [5] als Sitzung. Kommt das System nicht mit Wayland zurecht, fällt Gnome automatisch auf X-Wayland zurück. Sowohl Wayland als auch der Fallback X-Wayland arbeiten mit der Bibliothek Libinput [6] zusammen, wenn es um das Erkennen und Einbinden von Eingabegeräten geht.
Der erste Reboot fragt noch einmal die Lokalisierung ab, danach wählen Sie bei Bedarf das WLAN aus und geben das entsprechende Passwort ein. Vorbildlich fragt Fedora anschließend die Einstellungen zum Datenschutz ab. Ortungsdienste und automatische Problemberichterstattung sind zwar von Haus aus aktiv, lassen sich hier aber mit zwei Mausklicks abstellen. Daraufhin bietet Fedora das Einrichten weiterer Online-Konten an, darunter Facebook, Google, Windows Live und Owncloud. Überspringen Sie diesen Schritt, lassen sich solche Konten auch noch nachträglich in den Einstellungen hinzufügen.
Das System läuft auch mit Wayland stabil, allerdings ließ sich ein Absturz gezielt reproduzieren: Der Routenplaner der Karten-App (Abbildung 8) sorgte nach Eingabe von Start und Ziel für einen Neustart der grafischen Umgebung. In einer herkömmlichen X-Sitzung blieb das System beim selben Vorgang stabil. Bei Fedora 23 soll Wayland den X.org-Server als Standard ablösen – das lässt noch ein halbes Jahr Zeit, Unebenheiten auszubügeln.

Abbildung 8: Bei der Karten-App zeigt sich, dass Wayland noch nicht ganz rund läuft. Eine Wayland-Sitzung stürzt beim Anzeigen der Route ab.
Systemd in der neuesten Version 219 fällt nicht unangenehm auf. Ein beherztes journalctl -xb zur Abfrage des Bootlogs in einem Terminal als einfacher User zeigte wie gewünscht das Log. Im Gegensatz zu Debian hat Fedora seine Hausaufgaben gemacht und erschließt die Systemd-Funktionen auch dem normalen Anwender, Root-Befugnisse braucht es nicht für jeden Vorgang. Auch das Versetzen in den Standby (Suspend to RAM) durch Schließen des Notebook-Deckels sowie das Aufwachen daraus funktionierte auf dem Testgerät einwandfrei und zügig.
Server und Cloud
Auch die Editionen für Server und Cloud kamen in den Genuss neuer Entwicklungen. Die Server-Edition enthält nun eine neue Server-Rolle [7], die eine Umgebung für PostgreSQL installiert. Die sogenannten RoleKits verpacken eine Server-Rolle so, dass die Installation mit nur einem Mausklick abläuft. Dazu stellt das RoleKit eine stabile D-Bus-Schnittstelle zur Verfügung, um nach der Installation die automatische und dialoggesteuerte Konfiguration der Komponenten zu gewährleisten. Bei jeder Veröffentlichung von Fedora-Server sollen weitere Rollen folgen. Während der Partitionierung des Systems gibt die Server-Edition nun XFS als Dateisystem vor, das besser skaliert und höhere Speicherkapazitäten bietet. Die Installationsroutine bietet alternativ aber weiterhin Ext4 und andere Dateisysteme zur Wahl an.
Fedora Cloud beinhaltet die neuesten Versionen von RPM-OSTree sowie RPM-OSTree-Toolbox [8] und verzahnt diese noch enger mit Red Hats Atomic Host. So lassen sich aus Fedora Cloud heraus mit der RPM-OSTree-Toolbox nun eigene Docker-Container für Atomic Hosts [9] mit einem individuellen Satz an Paketen erstellen. Dazu übernimmt Fedora Cloud den Atomic-Befehlssatz für die Kommandozeile. Somit steuern Sie auch aus Fedora Cloud heraus die Container eines Atomic Host und aktualisieren diese atomar.
Fazit
Fedora 22 konsolidiert die Ergebnisse aus den Umstellungen des Projekts Fedora.next zu Fedora 21 und bringt zudem mit Gnome 3.16 einen weiter aufpolierten Standard-Desktop mit. Das Konzept dieser Umstellung beschreibt Gnome-Entwickler Christian Schaller in seinem Blog [10] als den Weg von “bleeding edge” zu “leading edge” recht treffend.
Fedora selbst wirkt mit Workstation 22 durch die Aufteilung in drei Kernkompetenzen stabiler als zu Zeiten vor der Trennung. Damals schien Fedora in erster Linie die Entwicklungs- und Experimentierumgebung für Red Hat Enterprise Linux zu sein; Stabilität stand dabei erkennbar an zweiter Stelle. Hier beginnt eine fühlbare Verschiebung der Paradigmen zu greifen, die Fedora als Distribution für neue Anwenderschichten erschließen soll. Auch an der Zuverlässigkeit der Veröffentlichung hat Red Hat gearbeitet, Fedora 22 kam mit “nur” einer Woche Verspätung auf den Markt.
Zu diesem positiven Ausblick passt allerdings die Installationsroutine Anaconda nicht so recht. Alles andere als die Installation auf die gesamte Festplatte gestaltet sich für unerfahrene Anwender zum Geduldsspiel – das schränkt den potenziellen Nutzerkreis unnötig ein. Ansonsten treibt Fedora 22 die Einführung von Wayland weiter voran. In dem in sechs Monaten anstehenden Fedora 23 soll der neue Display-Server zum Standard avancieren. Bei Gnome 3.16 fällt auf, dass die Bedienung per Tastatur immer mehr in den Fokus der Entwickler rückt, die Steuerung per Maus erscheint nicht ganz so flüssig.
Ausblick
Fedora 22 ließ bereits anklingen, dass sich die Workstation-Variante künftig mehr zum produktiven Desktop-Einsatz eignet. Das bedeutet allerdings keineswegs Stillstand, denn der Umbau geht mit Fedora 23 zügig weiter. Der verstärkte Einsatz von OSTree soll künftig über die gesamte Lebensdauer einer Fedora-Installation eine bessere Unterstützung gewährleisten [11]. Ein weiterer Fokus von Fedora 23, das nach dem derzeitigen Stand am 27. Oktober erscheint, liegt auf Sandboxed Applications [12], die – ähnlich einem Container – Anwendungen gegeneinander abschotten. Als neue Oberfläche könnte ein Spin mit Cinnamon hinzukommen. Rund um Fedora bleibt es somit weiterhin spannend.
Glossar
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Atomic Host
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Das Project Atomic hat das Ziel, ein möglichst leichtgewichtiges Host-System für Container-Anwendungen bereitzustellen. Der Name bezieht sich auf die Aktualisierung des Hosts, die “atomar” erfolgt. Das soll heißen, dass Sie jeden Bestandteil einzeln aktualisieren können, indem Sie ein aktualisiertes System in einem komplett anderen Verzeichnis installieren. Möglich macht das RPM-OSTree, das beim Verwalten der Systeme einen neuen Ansatz verfolgt.
Infos
[1] Fedora.next: https://fedoraproject.org/wiki/Fedora.next
[2] Fedora 22: https://getfedora.org/de/workstation/prerelease
[3] Fedora-Spins: https://spins.fedoraproject.org
[4] Gnome Builder: https://www.indiegogo.com/projects/builder-an-ide-of-our-gnome
[5] Wayland: http://de.wikipedia.org/wiki/Wayland_%28Protokoll%29
[6] Libinput: http://de.wikipedia.org/wiki/Libinput
[7] Server-Rolle: http://www.computerbase.de/2014-08/erster-blick-auf-die-konzepte-von-fedora-server
[8] RPM-OSTree: https://fedoraproject.org/wiki/Changes/RpmOstree
[9] Project Atomic: http://www.projectatomic.io
[10] Leading Edge: https://blogs.gnome.org/uraeus/2015/04/20/fedora-workstation-more-than-the-sum-of-its-parts/
[11] Ausblick auf Fedora 23: http://paul.frields.org/2015/04/02/fedora-under-construction
[12] Sandboxed Applications: https://blogs.gnome.org/alexl/2015/02/17/first-fully-sandboxed-linux-desktop-app





