Weitgehend unbemerkt vollzog das KDE-Projekt in letzter Zeit einen Paradigmenwechsel, bei dem es die Entwicklung in drei unabhängige Bereiche aufteilte. Doch nicht nur dort schnitt das Projekt alte Zöpfe ab. KaOS veranschaulicht die Änderungen bereits.
Wenn Sie künftig jemand fragt, welche Desktopumgebung Sie benutzen, und Sie mit “KDE 5” antworten, so könnte es sein, dass Sie von Geeks fragende Blicke ernten. Das liegt daran, dass der Begriff KDE, gefolgt von einer Versionsnummer, durch die Dreiteilung der neuen Ausgabe der KDE Software Collection künftig keine genaue Positionsbestimmung mehr erlaubt und somit überholt ist. Lediglich als Bezeichnung für das Projekt ergibt KDE noch Sinn.
In Zukunft entwickelt das Projekt KDE Plasma 5, KDE Frameworks 5 und KDE Applications 5 unabhängig voneinander und veröffentlicht die Ergebnisse nicht mehr zu einem bestimmten Zeitpunkt zusammen. Es gibt also zukünftig keinen gemeinsamen Release-Termin mehr.
Gestatten: KaOS
Verschiedene Projekte und Distributionen veröffentlichen bereits seit geraumer Zeit Test-Images der neuen KDE-Generation. Besonders weit sind die Bemühungen um Aktualität beim KaOS-Projekt [1] gediehen, das traditionell den neuesten Entwicklungen bei KDE eng folgt. KaOS geht einen Schritt weiter als andere Distributionen, indem es bereits mehr als 150 Applikationen aus den KDE-Applications auf Qt5 umstellte und neu baute, während das offiziell erst bei einer Handvoll Programmen der Fall ist. Dazu zählen beispielsweise Dolphin, Digikam, Kipi-plugins, Kdenlive, Marble, Ark, Kmix, KDE-Telepathy, Kget, Quassel und Kompare. Die Grundlage bilden unter anderem Plasma 5.7 und Frameworks 5.2.1.
Die Grundkomponenten der als Rolling Release ausgelegten Distribution bilden der Kernel 3.18.7, Systemd 218, der Xorg-Server 1.16.4, Mesa 10.4.5, Glibc 2.20, GCC 4.9.2 und Python3 3.4.2. In Abweichung vom Standardthema Breeze setzt KaOS auf Midna in einer hellen und dunklen Variante. Bei Bedarf stellen Sie in den Systemeinstellungen (Abbildung 1) wieder auf Breeze um. KaOS bedient nur die 64-Bit-Plattform; es integriert zwar Anleihen bei Arch, etwa den Paketmanager Pacman, stellt aber ansonsten eine Neuentwicklung dar.

Abbildung 1: Neben dem Standard-Theme Midna stellt KaOS auch noch Breeze und Oxygen zur Auswahl bereit.
Plasma 5
Plasma 5, der seit 2011 entwickelte Nachfolger des KDE Plasma Workspaces 4, steht derzeit bei Version 5.2.1 und stellt den Desktop der fünften Generation des KDE-Projekts dar. Zwar blieb das Bedienkonzept von KDE SC 4 auch weitgehend erhalten, doch hat sich im Unterbau und beim visuellen Auftritt doch viel getan. Qt5 zeichnet die grafischen Elemente des Desktops, der mit einem neuen Theme namens Breeze frischen Wind in das Aussehen des Desktops bringt. Hier dominieren zurückgenommene Pastelltöne und ein unaufdringlich flaches Design der Bedienelemente.
Um die Möglichkeiten moderner Grafikchips besser auszureizen, nutzt der Fenstermanager Kwin im Unterbau durch das in Qt5 enthaltene QtQuick 2 nun Hardware-Beschleunigung per OpenGL. Darüber hinaus unterstützt diese Technik hochauflösende HiDPI-Displays [2] besser und produziert beim Skalieren des Desktop-Inhalts auch bei sehr hohen Auflösungen noch ein klares Bild. Plasma 5 ist außerdem bereits auf den kommenden Display-Manager Wayland und die Verwendung von Libinput vorbereitet.
An verschiedenen Stellen von KaOS kommen Funktionen von Systemd zum Einsatz (Abbildung 2). Das gilt insbesondere für das Anmelden am System und die Sitzungsverwaltung, wo Logind dafür sorgt, dass Plasma jederzeit über Art und Anzahl der laufenden Sitzungen informiert ist. Ebenso in die Domäne von Logind fällt das Handhaben von Geräteeingaben. Kwin setzt Tastatur-und Mauseingaben so ein, dass andere Applikationen diese Events nicht beeinflussen können. Das Einstellen und Überwachen von Datum und Zeit sowie der Wechsel von Zeitzonen obliegt künftig dem Systemd-Dämonen Timedated, der ein bisher dafür verwendetes KDE-Modul überflüssig macht.

Abbildung 2: Systemd spielt in der Live-Distribution eine zentrale Rolle. KaOS liefert dafür die passende Konfigurationsoberfläche mit.
Insgesamt sorgt Systemd hier für weniger Code und bessere Wartbarkeit. Eine weitere Verbesserung stellt die Converged Workspace Shell dar, die automatisch zwischen einzelnen Arbeitsplatzumgebungen für Netbooks, Tablets oder Desktops umschaltet – beispielsweise dann, wenn Sie an ein Tablet eine Maus oder Tastatur anschließen. Der Vorgänger der vierten Generation nutzte dafür noch getrennt zu installierende Shells.
Die Bedienelemente des Desktops befinden sich bei Plasma 5 dort, wo Sie sie erwarten. Die Leiste, die in der Grundeinstellung am unteren Bildschirmrand ihren Platz findet, bietet die gewohnte Aufteilung, lediglich die Optik der dort angesiedelten Icons passten die Designer ans Gesamtbild an. Das Anwendungsmenü links unten schalten Sie wie bisher per Rechtsklick in zwei Varianten um (Abbildung 3).

Abbildung 3: Wie von KDE 4 gewohnt, steht auch in der neuen Version das alternative Kicker-Menü zum Einsatz bereit.
Das ganz rechts unten sitzende, “Cashew” getaufte Bedienelement, dessen weitere Entsprechung Sie am oberen linken Bildschirm finden, bietet Optionen zum Desktop und für das Panel an. Das neu gestaltete Objekt weist in seiner umgestalteten Form als stilisierter Pfeil nun auch grafisch eher auf dahinterliegende Optionen hin.
Der Veröffentlichungszyklus von Plasma 5 sieht alle drei Monate eine Hauptversion vor, die auch neue Funktionen mitbringt. Dazwischen gibt es lediglich monatliche Releases mit Fehlerbehebungen.
Die Steuerzentrale
Als Nachfolger der KDE Platform 4 macht KDE Frameworks 5 (KF5) eine wesentlich schlankere Figur als der Vorgänger. Hier fanden auch die tiefgreifendsten Umstellungen der neuen Generation statt. Den größten Teil der Frameworks nehmen die Bibliotheken ein (ehemals: Kdelibs). Sie dienen zum Bau von Plasma und den Applikationen. Noch bei KDE SC 4 waren die über 60 Bibliotheken und Frameworks in einem großen, unhandlichen Paket untergebracht.
In den vergangenen drei Jahren dröselten die Entwickler dieses Bündel auf und gestalteten es modular. Einige Funktionen wurden direkt in Qt 5.2 aufgenommen; der Rest besteht aus einzelnen, oft plattformübergreifenden Paketen, die kaum Abhängigkeiten aufweisen und so für alle Qt-Programme zur Verfügung stehen. So nutzt der auf Qt aufbauende Desktop LXQt in seiner neuesten Ausgabe 0.9 gleich mehrere dieser Bibliotheken. Auch die Desktop-Umgebung Hawaii aus dem Maui-Projekt macht von dieser Möglichkeit Gebrauch. Selbst den Fenstermanager Kwin können andere Projekte jetzt auch ohne die Kdelibs nutzen.
Diese verschlankenden Maßnahmen tragen zudem dazu bei, dass die fünfte Generation des KDE-Desktops ressourcenschonender ausfällt als der Vorgänger. KDE Frameworks 5 liegt derzeit in Version 5.7 vor und wird monatlich aktualisiert.
KDE Applications
Die Programmsammlung KDE Applications steht derzeit bei Version 14.12.2, als Nachfolger der Version 4.14 aus dem vierten Zyklus von KDE. Die datumsbasierte Versionierung wählten die Entwickler, da zwar auf Qt4 basierende Applikationen noch vorherrschen, aber sich mit der Zeit immer mehr auf Qt5 bauende Apps dazugesellen. Das komplette Umstellen dauert nach Projektschätzungen etwa ein bis zwei Jahre.
Die Programmsammlung aktualisiert das Team alle vier Monate, für Mitte April plant es eine weitere Übergangsversion 15.4. Währenddessen sind die Entwickler und Paketbetreuer angehalten, ihre Software vor der Umstellung aufzuräumen und zu optimieren, größere Änderungen und neue Funktionen aber auf einen späteren Zeitpunkt zu legen. Diese Vorgehensweise soll eine problemlose Koexistenz von Qt4- und Qt5-Paketen ermöglichen.
Das doppelte KaOS
Seit fast einem Jahr fährt das Team von KaOS zweigleisig, veröffentlicht ISO-Abbilder mit KDE 4 und bildet gleichzeitig ein- bis zweimal monatlich den Entwicklungsstand des fünften KDE-Zyklus ab, ohne diese Images öffentlich anzukündigen. Im Januar änderte sich das mit der Vorstellung von KaOS KF5: Kurz darauf stand mit Kf5trans ein Werkzeug bereit, dass KaOS-Installationen mit KDE 4 auf KF5 umstellt. Am 23. Februar erschien mit KaOS 2015.02 das erste offizielle Abbild der neuen Generation, gleichzeitig schlossen die Entwickler die KDE-4-Repositories.
Calamares-Installer
Aber nicht nur die Desktop-Umgebung steckt im neuen Gewand, sondern auch der Installer, der dem Framework Calamares [3] entsprang. Dabei handelt es sich um ein Gemeinschaftsprojekt von Distributionen wie Kubuntu, Fedora, Manjaro, KaOS, Maui und BBQ Linux, das die Firma Blue Systems unterstützt.
Dank der Integration von Gummiboot [4] beherrscht der Calamares-Installer auch EFI-Installationen (Abbildung 4). Nach der grafisch geführten Installation starten Sie in ein System, das auf den ersten Blick zwar unverkennbar auf KDE basiert. Allerdings wirkt der Desktop, als habe jemand die Farben abgestellt und alle Linien zarter neu gezeichnet. Dazu trägt der Flat-Look bei, dem sich jetzt auch die KDE-Macher anschlossen. Die Opulenz vergangener Tage wich einer schlichten Eleganz, die den Blick auf das Wesentliche weniger verstellt.

Abbildung 4: Der Installer Calamares beherrscht dank der Integration von Gummiboot auch die Installation auf Rechnern mit EFI-Firmware.
Zurückgenommen
Das passt sehr gut zum Konzept, denn die Distribution selbst nimmt sich ebenfalls zurück. Es gibt keine Multiarch-Umgebung, um 32-Bit-Apps lauffähig zu machen. Somit bleiben Skype, Wine, Steam und andere 32-Bit-Apps außen vor. Sofern es keine gute Alternative im Bereich der Qt-Apps gibt, kommen auch GTK-Anwendungen zum Zug. So dient der noch nicht völlig ausentwickelte Qupzilla zwar als Standardbrowser, in den KaOS-Community-Packages [5] – einem von Anwendern gepflegten Paketarchiv – stehen aber auch Chrome, Firefox oder Vivaldi zur Verfügung.
Nach mehrwöchigem Testen fielen bezüglich der produktiven Nutzbarkeit nur einige Kleinigkeiten negativ auf. So funktioniert nach einem Neustart das Verteilen der Programme auf die verschiedenen Desktops, auf denen sie vor dem Herunterfahren liefen, noch nicht wieder. Es sind zudem bei Weitem noch nicht alle Plasmoids an Qt5 angepasst. Die Stabilität der KDE-Komponenten ist aber bereits erstaunlich gut, Programmabstürze kommen selten vor.
Ausblick
Der Umstieg auf die neue KDE-Generation von KDE ist nicht nur bei KaOS in vollem Gang, sondern auch bei vielen anderen großen Distributionen wie Kubuntu oder Manjaro. Bereits jetzt zeigt sich, dass dabei diesmal ein Chaos wie bei der Veröffentlichung von KDE 4 ausbleibt. Die Entwickler lernten aus dem Debakel mit dem anfangs ziemlich unbenutzbaren KDE 4. Der Split in drei verschiedene Bereich trägt zur weiteren Entzerrung bei. Somit können sich Anwender im Sommer ohne Bedenken auf ein modernes und elegantes KDE bei ihrer Stammdistribution freuen. Wer jetzt schon einen Blick riskieren oder gar umsteigen möchte, dem sei KaOS empfohlen.
Infos
[1] KaOS: http://kaosx.us/de/
[2] HiDPI: http://www.makeuseof.com/tag/linux-hidpi-support-for-gnome-kde-xfce-cinnamon-and-firefox/
[3] Calamares: http://calamares.github.io
[4] Gummiboot: http://freedesktop.org/wiki/Software/gummiboot/
[5] KaOS-Community-Packages: http://kaosx.us/kcp-guide/





