Bitwig Studio ist die erste für Linux kommerziell angebotene, vollständige Musik-Workstation. Damit bietet sich nun endlich eine Linux-Alternative zu Steinberg Cubase, Magix Samplitude oder Abelton Live.
Neben dem frei lizenzierten Ardour und dessen etwas kleineren “Geschwistern” wie Qtractor und Muse können Musiker unter Linux auch zu einigen kostenpflichtigen, proprietären Musikproduktionssuiten greifen. Die meisten davon orientieren sich an den Bedürfnissen von Elektronica-Produzenten. Renoise und Traction sind nativ für Linux gebaut, bei Reaper handelt es sich um eine für den Betrieb mit Wine optimierte Windows-Software.
Die großen Platzhirsche für jede Art von Musikproduktion – Steinbergs Cubase, Magix’ Samplitude, Avids Pro Tools oder Abelton Live laufen aber alle nicht unter Linux. So liest man immer wieder von Musikern, dass sie sehr gerne nur noch Linux benutzen würden, wenn es denn eine DAW für Linux gäbe, die so aussieht, wie sie es von großen Windows- oder Mac-Suiten her gewohnt sind.
Das Berliner Startup Bitwig [1] kündigte vor etwa zwei Jahren eine neue Suite dieser Liga auch für Linux an. Vor einem Jahr hatten wir Gelegenheit, eine Beta-Version von Bitwig Studio für Linux zu testen [2]. Im März 2014 schließlich löste das Unternehmen sein Versprechen vollends ein und veröffentlichte Bitwig Studio auch für Linux (Abbildung 1). In der Beta noch vorhandene Fehler haben die Entwickler vollständig beseitigt.

Abbildung 1: Bitwig Studio ist komplett ausgestattet, Audiospuren, Midi-Spuren, Plugins, Automatisierung. Und es ist echte Linux-Software, die sich in Desktops wie KDE reibungslos zu Hause fühlt.
Der Hersteller liefert das Programm als 64-Bit-DEB-Paket aus [3], sodass es sich unter jedem Debian-Derivat leicht installieren lässt. Ausdrücklich nennt Bitwig nur “Ubuntu 12.04 or later” als Systemvoraussetzung, doch berichteten Nutzer bereits von erfolgreichen Installationen unter Debian, Arch Linux, Fedora und anderen Distributionen. Die Voraussetzung stellt in allen Fällen ein 64-Bit-System dar, auf einem 32-Bit-Kernel läuft Bitwig Studio nicht.
Lizenzfragen
Im Test ließ sich die Suite reibungslos unter Kubuntu 13.04 einrichten und fragte beim ersten Start Nutzernamen und Passwort ab. Beides müssen Sie bereits bei der Registrierung auf Bitwig.com anlegen. Der registrierte Account dient auch zum Verwalten der Lizenzen – mit USB-Dongles und dergleichen behelligt Bitwig seine Nutzer erfreulicherweise nicht.
Für den Einsatz ohne Internetverbindung lässt sich eine Schlüsseldatei aus dem Nutzerbereich der Webseite herunterladen. Mit einer Standardlizenz dürfen Sie Bitwig Studio auf bis zu drei Rechnern gleichzeitig nutzen, dazu lassen sich für alle unterstützten Betriebssysteme Installationspakete ebenfalls aus dem Nutzerbereich herunterladen. Für erste Tests erhalten Sie auf diesem Weg auch ein kostenloses Demo-Paket, das allerdings nichts speichern kann.
Nach der Abwicklung der Anmeldezeremonie gilt es, eine EULA zu bestätigen, danach wird es interessant: Bitwig bietet etliche Sammlungen von Samples und MIDI-Vorlagen zum Download an, die sich als Grundlagen von Projekten und zum Entdecken der Möglichkeiten des Programms eignen. Die meisten davon stammen von Bitwig selbst, einige andere von Drittanbietern. Bei Letzteren handelt es sich allerdings meist nur um reduzierte Varianten größerer Pakete, die es anderweitig zu erwerben gilt.
Die Downloads landen unter ~/.BitwigStudio. Außerdem legt Bitwig auch noch ein Verzeichnis ~/Bitwig Studio an, in dem es Ihre Einstellungen und Projekte speichert.
Made for Linux
Nach dem verhältnismäßig langen Startvorgang fühlt sich Bitwig vollständig wie native Linux-Software an. Im Gegensatz zu manchen anderen Cross-platform-Programmen gibt es keinerlei Probleme mit dem Fenstermanagement, virtuellen Desktops oder anderen Linux-spezifischen Funktionen.
Das mag auch damit zusammenhängen, dass Bitwig seine eigene Java-Runtime an Bord hat, die für die in Java programmierte Oberfläche der Suite zuständig zeichnet. Alle Oberflächenelemente reagieren gefühlt ohne jede Verzögerung. Die eigentliche Signalverarbeitung – man merkt ihr an, dass sie sorgfältig für Linux optimiert wurde – übernimmt nicht etwa Java-Bytecode, sondern ein klassisches Binary.
Als Audio-Schnittstelle lassen sich Alsa, Jack und das anachronistische OSS auswählen. Wir nahmen alle Tests mit dem für Audio unter Linux als Quasi-Standard etablierten Jack vor. Ein Wechsel erlaubt, sofort die von der gewählten Schnittstelle angebotenen Ports als Input/Output auszuwählen. Die geänderten Einstellungen greifen aber erst nach dem Neustart von Bitwig.
Ganz kurz nach der Veröffentlichung von Version 1.0 funktionierte die Auswahl noch nicht korrekt: Es gab, wie in der Beta, eine hässliche Fehlermeldung von Portaudio. Schon zwei Tage später jedoch verschwand das Problem mit einem Upgrade von Bitwig spurlos. Verfügbare Aktualisierungen zeigt Bitwig beim Start an, der Download lässt sich automatisch starten. Danach installieren Sie das entsprechende Paket mit Dpkg oder einem Tool wie Gdebi. Nach der Installation müssen Sie dann wieder den vom ersten Start her bekannten Assistenten durchklicken, was bei den sieben Aktualisierungen im Testzeitraum stressfrei verlief.
Die im größten Teil des Tests laufende Version 1.0.7 zeigte so gut wie keine Aussetzer an den vorhandenen Funktionen. Jedes Modul und jede Funktion, die wir ausprobierten, funktionierte mit konstruktiven Ergebnissen. Auf den zweiten Blick waren allerdings ein paar Unzulänglichkeiten auszumachen: So funktionierte die Vorschau für Sound-Dateien im Browser nicht immer, VST-Module listete Bitwig nur im Dateibereich des Browsers, nicht aber in der dafür vorgesehenen Device-Liste. Einige Probleme mit der Erkennung von per USB angeschlossenen MIDI-Geräten waren im Test die einzigen Fehler, die wirklich eine Einschränkung von Funktionen bewirkten.
Unsere Versuche, Bitwig durch abenteuerliche Experimente mit komplexen, anspruchsvollen Aktionen zu Störgeräuschen oder gar Abstürzen zu bringen, parierte Bitwig tadellos (Abbildung 2). Bei 28 Audio-Kanälen plus 10 Midi-Spuren mit jeweils eigener Klangerzeugung traten einige Xruns im ALSA-Backend auf. Allerdings hatten diese keinerlei hörbare Auswirkung, und sie erschienen nur, wenn tatsächlich alle Kanäle gleichzeitig ein Signal ausgaben. Dabei war Jack so eingestellt, dass die maximale Verzögerung 8 Millisekunden nicht überschreiten konnte, was einen recht ambitionierten Wert für einen handelsüblichen Laptop darstellt.

Abbildung 2: Eine Aufnahme von Guitarix verdrahtet in Qjackctl (rechts) ein Projekt mit mehr als 20 Audio-Kanälen mit reichlich Effekten.
Kompakte Vielfalt
Bei Bitwig Studio handelt es sich um ein komplexes Programm mit sehr vielen Funktionen. Das führt unweigerlich auch zu einer komplexen Oberfläche, die aber bei sorgfältiger Planung dennoch übersichtlich bleiben kann. Das Konzept, das die Bitwig-Designer dazu verfolgen, baut auf eine Kombination von relativ simplen Menüs ohne Untermenüs plus Reaktionen der Oberfläche auf Nutzerbefehle auf, die das Programmfenster automatisch umkonfigurieren.
So verwandelt sich Bitwig – je nach vom Nutzer aufgerufener Funktion – immer wieder in ein “neues” Programm, das dann in sich so übersichtlich wie möglich bleibt. Mit Ausnahme einiger weniger Konfigurationsmodule spielt sich all das in den vier Sektionen des Hauptfensters ab, nur eigenständige Plugin-Oberflächen dürfen darüber hinaus eigene Fenster öffnen.
Die Hauptmodi Arrange, Mix und Edit schalten Sie per Linksklick links unten um. Diese Modi bestehen aus Zusammenstellungen von Kästen, die Bitwig “Panels” nennt. Rechts daneben lassen sich einzelne Panels für den Hauptwerkzeugkasten (unten mittig) auswählen. Der horizontale Kasten links zeigt Informationen und Werkzeuge für die beiden Arbeitsbereiche in der Mitte an und folgt dazu automatisch gerade aktivierten Programmelementen, wie etwa Spuren im Arranger oder Soundclips im Editor-Kasten.
Dieses Konzept erweist sich als wohl durchdacht: Fast alle im Test von uns ausprobierten Zusammenstellungen erschienen verständlich und ließen sich vernünftig bedienen. Wie alle Automatismen lässt jedoch auch dieser zuweilen den Wunsch aufkommen, etwas mehr per Hand machen zu können. Im Menü View finden sich dafür einige einfache Schalter, mit denen Sie bei Bedarf Panel-Kästen ein- oder ausblenden. In diesem Menü lassen sich auch Panels aktivieren, die in den automatischen Zusammenstellungen nicht auftauchen. Benutzen Sie mehr als einen Monitor, so finden Sie hier auch Schalter, die für Multimonitor-Betrieb optimierte Setups von Bitwig aktivieren.
Die Spuren im Arranger lassen sich lediglich auf klein oder sehr klein einstellen. Für präzise Schnitte empfiehlt sich daher das Umschalten auf den Clip-Editor. Er übernimmt auf einen Doppelklick hin den Kasten unten auf einen Clip im Arranger und stellt sich dabei automatisch auf dessen Format ein: Midi-Clips öffnen sich in einem Pianoroll-Editor, Sounds in einem Wave-Editor.
Links oben in diesen Werkzeugen finden Sie einige kleine Schalter, durch die sich die simplen Standardeditoren erheblich interessanter gestalten lassen. So können Sie Material in einer Layer-Ansicht bearbeiten, die alle Spuren wahlweise wie oben im Arranger gestapelt anzeigt oder auch direkt übereinander legt. In der klassischen Spurenansicht dürfen Sie Tracks nach Bedarf vergrößern, sodass Sie Noten und Sound-Graphen genau inspizieren und bearbeiten können.
Die folienartige Layer-Ansicht erlaubt es unter anderem, Audio-Material so zu strecken respektive zu stauchen, dass es präzise auf quantisierte Midi-Noten auf einer anderen Spur passt (Abbildung 3). Die Qualität von Bitwigs Werkzeugen zum Strecken und Stauchen von Audio-Material erweist sich dabei als hervorragend. Alles funktioniert in Echtzeit und erscheint sofort in der Grafik, eine klangliche Veränderung lässt sich erst bei extremen Einstellungen wahrnehmen.

Abbildung 3: In der Layer-Ansicht des Editors lassen sich MIDI-Noten auf dem Hintergrund eines gleichzeitig auf der Zeitleiste liegenden Audio-Clips bearbeiten.
Eng verbunden mit Arranger und Editor sind die vielfältigen Automatisierungsfunktionen. Eine umfassende Darstellung aller diesbezüglichen Möglichkeiten würde den Umfang dieses Beitrags bei Weitem sprengen. Alle Parameter der mit einer Spur verbundenen Regler und Plugins lassen sich mit Linien fernsteuern, die Sie per Hand oder durch Bewegen der Regler zeichnen. Auf die Linien wenden Sie bei Bedarf Kurvenfunktionen an, die Automatisierung kann sowohl an die Zeitlinie im Projekt als auch an einen Clip gebunden sein.
Bitwig Studio verwendet intern ein eigenes Datenformat für Noten und Kontrollbefehle, die es an Klangerzeuger und Effekte schickt. Im Gegensatz zum klassischen Midi unterstützt dieses Format präzisere Einstellungen sowie das Senden von Kontrollsignalen an einzelne Noten in einem Clip. So lässt sich innerhalb eines Akkords ein einzelner Ton mit einer Linie manipulieren, die die Tonhöhe steuert.
Versteckte Tricks
Die grafische Oberfläche von Bitwig Studio lässt sich intuitiv bedienen und zeigt sich für alle üblichen Aktionen gut ausgestattet. Viele Aktionen lassen sich jedoch auch direkt über die Tastatur ausführen und viele Maus-Aktionen mit gleichzeitig gedrückten Tasten sinnvoll erweitern.
Die Tastaturkommandos finden Sie überall im Programm mit einem Druck auf [Strg]+[Eingabe] heraus. Rechts unten im Fenster zeigt ein kleines animiertes Maus-Symbol gerade verfügbare Aktionen mit den Sondertasten der Maus an. Zoomen in der Arranger-Ansicht klappt beispielsweise am einfachsten durch einfaches Auf- und Abschieben der Maus bei gleichzeitig gedrückter mittlerer Maustaste (Mausrad).
Bei den Tasten, die Maus-Aktionen erweitern, hält sich Bitwig an die von ähnlichen Programmen bekannten Konventionen. So klonen Sie einen Soundclip, indem Sie ihn bei gedrücktem [Strg] mit der linken Maustaste auf der Spur antippen und verschieben.
Kreislaufwirtschaft
Bitwig kommt aus der Electronica-Szene – daher bietet es neben allen üblichen Funktionen zum klassischen Aufnehmen von per Hand gespielter Musik vielfältige Möglichkeiten für den Umgang mit Loops.
Das Programm bietet die üblichen Loop-Funktionen wie Analysewerkzeuge zum Finden von einzelnen Tönen in Sound-Samples und zum Ermitteln der wahrscheinlichen Spielgeschwindigkeit von Samples. Die Samples lassen sich ohne Änderung der Tonhöhe an die Projektgeschwindigkeit anpassen, in den Spuren dürfen Sie am rechten Rand der Soundclips Loops mit dem Mauszeiger aufziehen.
Darüber hinaus verfügt Bitwig Studio aber auch über eine spezielle, vollständig an Loops orientierte Projektansicht. Die Clip Launcher genannte Matrix folgt vertikal den Spuren, bildet jedoch horizontal beliebig viele Säulen – Bitwig nennt das “Scenes” (Abbildung 4).

Abbildung 4: Die Clip-Matrix von Bitwig in der Arranger-Ansicht. In dieser Konfiguration lässt sich die von den Clips gespielte Musik direkt in die klassischen linearen Spuren des Projekts aufnehmen.
In den Scenes-Säulen sitzen Kästen, die Midi- oder Audio-Loops aufnehmen können. Dabei schneidet Bitwig Studio die Clips nicht auf eine gemeinsame Länge, sondern spielt ihren jeweiligen Inhalt komplett in einer Schleife ab. Das Signal geht an den Ausgang jener Spur, welche die jeweilige Ebene in der Scene bildet, und lässt sich damit im Mixer genauso bearbeiten wie auf den normalen Spuren des Arrangers aufgenommene Klänge. Leere Kästen schalten Sie per Mausklick für Aufnahmen von der Soundkarte scharf, sofern die Aufnahme für die zuständige Spur aktiviert ist.
Auf diese Weise legen Sie etwa auf eine Spur eine achttaktige Schlagzeugfigur, nehmen dann zwölf Takte Bass in einem anderen Kasten auf, und platzieren anschließend nach Herzenslust Gitarrensolos in weitere Kästen. Bitwig achtet darauf, dass die Einsätze zumindest zu Beginn der Aufnahme synchron auf der 1 liegen, und es wiederholt das Material aller aktiven Clips, solange Sie wollen. Dazu müssen die Clips keineswegs in der gleichen Scenes-Säule liegen. Auch mehrere Clips auf der gleichen Spur spielt das Programm gleichzeitig.
Die einzige ähnlich leicht bedienbare Anwendung für Linux, die etwas Ähnliches erlaubt, ist Seq24 [4]. Das Programm kommt allerdings als reiner MIDI-Sequencer ohne eigene Klangerzeugung daher und kann auch nicht mit Audio-Aufnahmen dienen.
Solides Teamwork
Für das Erzeugen und Bearbeiten von Klängen zeichnen in moderner Musiksoftware Plugins verantwortlich. Bitwig Studio unterstützt unter Linux ausschließlich nativ für Linux kompilierte VST-Plugins. Mit LADSPA und LV2 kann es nichts anfangen, unter Linux installierte VST-Effekte im Windows-DLL-Format tauchen ebenfalls nicht in der Plugin-Liste auf.
Als native Linux-Bibliotheken kompilierte VST-Plugins listete Bitwig Studio im Test erst auf, nachdem wir die Verzeichnisse /usr/local/lib/vst und /usr/lib/vst im Device-Browser von Bitwig als Library Folder hinzufügten. Sowohl Synths als auch Effekte von MDA, LinuxDSP und Loomer funktionierten dann aber genauso tadellos wie die eingebauten Module. Eine gute Übersicht der nativ für Linux verfügbaren VST-Software finden Sie auf LinuxVST [5]. Obwohl Bitwig Studio für 64-Bit Systeme gebaut wurde, kann es neben 64-Bit-Plugins auch 32-Bit-Erweiterungen nutzen.
Die Plugin-Schnittstelle von Bitwig Studio erlaubt das Zusammenschalten mehrerer Plugins zu neuen, komplexeren Modulen, die sich intern wie zusammenhängende Module verhalten. Dieses sogenannte Nesting (Abbildung 5) stellt einen ersten Schritt in Richtung eines vollständig modularen Baukastens dar. Diese Plugin-Schnittstelle mit der Flexibilität eines Modularsynthesizers soll dann in Bitwig Studio 2 zum Einsatz kommen. Wir hatten Gelegenheit, eine bereits funktionstüchtige Experimentalversion davon in Aktion zu sehen.

Abbildung 5: Diese drei Effekte sind in Wirklichkeit einer: Das LFO-Modul steuert den Filter Ladder sowie Bitwigs Stereo-Delay. Das ganze Set lässt sich als neues Plugin-Preset speichern.
Um Probleme mit Plugins von Drittanbietern in Grenzen zu halten, verarbeitet Bitwig Studio die Erweiterungen getrennt von seiner eigenen Audio-Engine. Unter Options | Preferences | Plug-in-Management wählen Sie aus, ob dazu alle Plugins in einem gemeinsamen Container laufen sollen oder einzelne Module eigene Container bekommen. So bleibt die Audio-Verarbeitung von Bitwig beim Absturz eines Plugins voll handlungsfähig, das abgestürzte Modul lässt sich mit einem Klick neu starten (Abbildung 6).

Abbildung 6: Der etwas angejahrte VST-Sampler Highlife fühlt sich gar nicht wohl. Dennoch spielt Bitwig Studio ungerührt weiter, weil das Plugin in einem getrennten Prozess läuft.
Der automatische Plugin-Scan funktioniert im Test rein technisch gesehen problemlos. Das Plugin-Management zeigt alles an und findet Probleme in einem installierten Modul automatisch. Allerdings tauchten die auf unserem Testrechner installierten Linux-VST-Module nicht in der Plugin-Sektion des Browsers auf. In der Files-Sektion weiter rechts war aber alles zu finden und von dort ließen sich auch alle virtuellen Geräte problemlos in das Projekt ziehen.
Tricks und Kniffe online
Zum Lieferumfang von Bitwig Studio gehört ein dreihundertseitiges, gut verständliches PDF-Handbuch in englischer Sprache. Bitwig selbst und die wachsende Fan-Gemeinde stellen darüber hinaus Dokumentation und Anleitungen ins Internet.
Im Youtube-Kanal von Bitwig [6] finden Sie eine große Auswahl von Video-Anleitungen. Diese zeichnen sich nicht nur durch Kompetenz aus erster Hand aus, sondern auch durch angenehme Kürze und Konzentration auf das Wesentliche.
Eine inoffizielle Sammlung von Anleitungen für Bitwig bietet die Seite Bitwig Tutorials [7]. Die Seite Traktor Bible [8], die diverse Hilfen für die Benutzung des Sequencers Traktor anbietet, hat für die Zukunft ein ähnliches Projekt für Bitwig angekündigt.
Fazit
Bitwig Studio präsentiert sich als professionell durchdachte und gebaute Komplettsoftware für Musiker. Besonders für Komposition und Live-Auftritte bietet seine Clip-Launcher-Matrix Möglichkeiten, die in dieser Form unter Linux neu sind. Als sehr hoch entwickelt erweisen sich auch die Automatisierungsfunktionen. Der modulare Aufbau der Plugin-Sektion erlaubt eine Flexibilität, die auch andere Bezahlprogramme nur selten bieten.
Der Preis von knapp 300 Euro erscheint erträglich, wenn man bedenkt, dass die komplexe Technik von Bitwig Studio unter Linux perfekt und stabil funktioniert, dabei effizient mit der Rechenleistung umgeht und sich auch sonst in jeder Hinsicht so verhält, wie man dies bei jeder nativen Linux-Anwendung gerne sähe.
Falls Sie also Ihre speziellen Wünsche und Vorstellungen in einem der klassischen Studioprogramme für Linux wie Ardour oder Qtractor nicht befriedigt sehen, könnten Sie mit Bitwig Studio das finden, was Sie schon immer gesucht haben.
Der Autor
Hartmut Noack arbeitet in Berlin als Dozent, Autor und Musiker. Er fand schon immer, dass freie Software und selbst gemachte Musik prima zusammenpassen. Sitzt er nicht gerade vor seiner Linux-Audio-Workstation, dann treibt er sich auf Webservern herum. Auf seinem eigenen (http://lapoc.de) stehen einige CC-lizenzierte klingende Ergebnisse seiner Arbeit mit freier Musiksoftware zum Download bereit.
Glossar
-
DAW
-
Digital Audio Workstation nennt man eine Software, die alle Aufgaben einer Musikproduktion (Komposition, Klangerzeugung, Aufnahme, Schnitt, Mix) unter einem Dach anbietet.
-
Cross-platform
-
Für mehrere Betriebssystemplattformen identisch programmierte Software nutzt meist spezielle Systembibliotheken, die für die Kommunikation des Programms mit der Außenwelt sorgen und mit wenigen Anpassungen auf verschiedenen Systemen gleich funktionieren.
-
Xruns
-
Das X steht für eine Kreuzung aus Leerlaufen und Überlaufen eines Speicher-Puffers. Beides führt dazu, dass Jack oder ALSA ein Datenpaket verwerfen muss. Beim Abspielen von Material können bei vielen Xruns hässliche Störgeräusche und kurze Aussetzer auftreten.
-
Loops
-
Loops – manchmal auch Pattern (Muster) genannt – sind Audio- oder Midi-Schnipsel, die während eines Musikstücks als Schleife laufen. Idealerweise passt das Ende mit dem Anfang des Loops so zusammen, dass sich ein nahtloses Klangbild ergibt.
-
Plugins
-
von engl. “to plug in”, einen Stecker einstecken. Bei Plugins handelt es sich meist um Programmbibliotheken, die sich in einer “Host” genannten Software aufrufen und in deren Datenverarbeitung integrieren lassen.
Infos
[1] Bitwig: http://www.bitwig.com
[2] Bitwig Studio im Test: Hartmut Noack, “Neue Töne”, LU 01/2013, S. 68, https://www.linux-community.de/27711
[3] Download: http://www.shareit.com/product.html?productid=300623384
[4] Seq24: http://www.filter24.org/seq24/
[5] VST für Linux: http://www.linux-vst.com/
[6] Bitwig auf Youtube: https://www.youtube.com/user/bitwig
[7] Bitwig-Tutorials: http://bitwigtutorials.net
[8] Traktor Bible: http://www.traktorbible.com/de/





