Mit einem gründlich überarbeiteten Desktop will Ubuntu 10.04 die Gunst der Anwender gewinnen – und mit neuen Cloud-Diensten Geld in die Kassen Canonicals spülen.
README
Obwohl sich die Entwickler bei den LTS-Versionen von Ubuntu vor allem auf Stabilität konzentrieren, bringt Ubuntu 10.04 eine beachtliche Anzahl neuer Features mit.
Ubuntu erscheint in einem festen Release-Zyklus: Alle sechs Monate bringen Canonical und die Ubuntu-Community [1] eine neue Version der Distribution auf den Markt. Aber nur alle zwei Jahre erscheint eine sogenannte LTS-Version. Die Abkürzung steht für Long Term Support: Nutzer dieser Variante müssen ihr System nicht mehr halbjährlich auf den neuesten Stand hieven, sondern wechseln erst nach zwei Jahren direkt zur nächsten LTS-Version.
Die Langzeitversionen sollen ihren Job vor allem zuverlässig erledigen. Kritische Funktionen und Neuerungen führt das Projekt daher meist schon in den vorhergehenden Releases ein. So fallen die gröbsten Fehlerquellen bereits im Vorfeld auf. Canonical versorgt die Desktop-Variante der LTS-Versionen offiziell drei Jahre lang mit Sicherheitsaktualisierungen und Fehlerkorrekturen, die Server-Variante erhält sogar fünf Jahre Support. Das betrifft allerdings nicht alle Ubuntu-Derivate, sondern aktuell lediglich Ubuntu und Kubuntu – die Netbook Edition darf das LTS-Kürzel beispielsweise nicht tragen. Der Support bezieht sich zudem auf eine fest definierte Gruppe von Paketen aus Ubuntus gesamten Softwarefundus.
Da sich in den zwei Jahren bis zur nächsten LTS-Version hardwaremäßig einiges tut, liefert das Ubuntu-Projekt zusätzlich in den sogenannten Point-Releases (10.04.1, 10.04.2, etc.) Treiber für neue Hardware sowie die bis dahin angefallenen Fehlerkorrekturen aus. Das erste Point Release erscheint drei Monate nach der Veröffentlichung des fertigen 10.04, neue Versionen folgen dann alle sechs Monate.
Wo isser nu?
Das Aussehen von Ubuntu 10.04 wurde komplett überarbeitet, wobei insbesondere die verschobenen Knöpfchen in der Fensterleiste für einigen Wirbel sorgten: Die Schalter zum Schließen, Verkleinern und Vergrößern eines Fensters residieren nun in der linken oberen Ecke der Fensterleiste statt wie bisher rechts (Abbildung 1). Das mochten nicht alle Anwender goutieren.

Abbildung 1: Kleine Änderung, großer Wirbel: Das Verschieben der Schalter in der Fensterleiste führte zu angeregten Debatten in der Ubuntu-Community.
Bei Bedarf verfrachten Sie die Schalter ganz einfach wieder an den alten Platz, beispielsweise mit dem Befehl aus Listing 1. Alternativ erledigen Sie den Schritt mit Hilfe des GConf-Editor: Starten Sie via [Alt]+[F2] den gconf-editor, manövrieren Sie dort zum Eintrag apps | metacity | general und öffnen Sie den Eintrag button_layout Doppelklick. Dort tragen Sie menu:maximize,minimize,close ein.
Listing 1
Knöpferücken
$ gconftool -s /apps/metacity/general/button_layout -t string menu:minimize,maximize,close
Optisch aufgepeppt
Für die Darstellung der Boot-Grafik sorgt nun nicht mehr Usplash, sondern Plymouth [2]: Das schafft nicht nur einen fließenden Übergang zur grafischen Oberfläche, sondern unterstützt auch Kernel Mode Setting und mehrere angeschlossene Monitore.
Kernel Mode Setting: Sorgt dafür, dass der Kernel beim Booten die Bildschirmauflösung festlegt. Dadurch fällt das Flackern weg und es sind schnellere Benutzerwechsel möglich. Zudem verbessert KMS den Umgang mit mehreren Monitoren.
Die Farbe des Themes wechselt in “Lucid Lynx” zu einem dezenten Violett, dazu gibt es komplett renovierte Icons und Fensterverzierungen. Gefällt Ihnen der dunkle Look des Standard-Themes Ambiance nicht, wechseln Sie über System | Einstellungen | Erscheinungsbild auf das hellere Radiance.
In Gnomes Panel steckt mit dem so genannten Me-Menü eine weitere Neuerung. Dabei handelt es sich um das stilisierte Sprechblasen-Icon mit dem angeschlossenen Usernamen (Abbildung 2). Darin vereint Ubuntu die Nachrichten- und Chatdienste Gwibber und Empathy sowie den Online-Dienst Ubuntu One unter einem Dach.

Abbildung 2: Über das Me-Menü gewährt Ubuntu einen schnellen Zugriff auf verschiedenste Online-Dienste.
Die Verbesserungen am Grafik-Stack des Kernels dürften Betreiber von ATI- und Nvidia-Grafikkarten erfreuen. So unterstützt der freie Radeon-Treiber nun Kernel Mode Setting und einige 3D-Funktionen. Dank eines aktuellen X-Servers bietet Ubuntu nun auch Multitouch-Support an – allerdings haben nur wenige Nutzer die nötigen Geräte, um davon zu profitieren.
Software: Hin und weg
Diesmal landet nicht nur neue Software in Ubuntu, es gibt auch Anwendungen, die verschwinden. Gimp beispielsweise fliegt von der Ubuntu-CD, weil es zu viel Platz verbraucht. Als “Alternative” kommt das wesentlich schlankere F-Spot zum Einsatz, das jedoch nur äußerst rudimentäre Bildbearbeitungsroutinen mitbringt.
Brandneu an Bord sind der Video-Editor PiTiVi sowie das Scan-Programm Simple Scan, das im Vergleich zu anderen Lösungen mit einer sehr überschaubaren grafischen Oberfläche glänzt. Andere Software stellt Ubuntu 10.04 in neuen Versionen bereit. Firefox klettert auf Version 3.6, neu in den Paketquellen ist auch Thunderbird 3. Die in den Paketquellen ausgelieferte Version 3.0.4 ist leider nicht besonders aktuell. Nicht zuletzt liefert Ubuntu nun Open Office in Version 3.2 standardmäßig aus. Die Version bringt einige Neuerungen mit. Sie markieren, kopieren oder umranden etwa mehrere getrennte Zellen zugleich.
Musik aus den Wolken
Zu den größten – und für Canonical wichtigsten – Veränderungen gehört aber die Integration von Online-Diensten über die “Ubuntu One Cloud”. Ubuntu One erlaubt es, Dateien auf Ubuntus Servern abzulegen und von anderen Orten aus abzurufen. Im Umfang von 2 GByte ist der Dienst kostenlos; für 10 US-Dollar im Monat gibt es 50 GByte Speicher. Ubuntu will seine Cloud also nutzen, um Geld zu verdienen.
Als gewichtigere potenzielle Geldquelle für Canonical dürfte sich aber der Ubuntu One Music Store erweisen. Er ermöglicht es, über Rhythmbox oder Banshee den Online-Shop 7digital [3] zu nutzen, der ein umfangreiches Repertoire an DRM-freier Musik anbietet (Abbildung 3). Um den Shop mit Rhythmbox zu nutzen, installieren Sie zunächst aus der Software heraus die MP3-Plugins nach. Per Mausklick kaufen Sie dann einzelne Songs und komplette Alben, ein Teil des Erlöses geht an Canonical.

Abbildung 3: Mit dem in Rhythmbox und Banshee integrierten Music Store auf Ubuntu-One-Basis will Canonical, Ubuntus Hauptsponsor, Geld verdienen.
Ein weiterer kostenpflichtiger Service lässt Sie Ihre Kontakte zwischen dem Rechner und Ihrem Handy synchronisieren. Dafür hat sich das Ubuntu-Projekt mit dem Synchronisierungsexperten Funambol zusammengetan.
Ferner liefen…
Die Laufwerksverwaltung, die Sie über System | Systemverwaltung | Laufwerksverwaltung erreichen, bietet nun noch mehr Möglichkeiten, externe und interne Laufwerke einzubinden, zu überprüfen, zu formatieren und zu verschlüsseln.
Der Dateimanager Nautilus öffnet neuerdings eine zusätzliche Spalte, sobald Sie [F3] drücken. Das erleichtert das Verschieben von Dateien zwischen Ordnern auf dem Rechner. Binden Sie externe Verzeichnis per SSH/SFTP ein, verschieben Sie in dieser Ansicht auch Dateien über das Internet.
Infos
[1] Ubuntu: http://www.ubuntu.com
[2] Ubuntus Bootprozess: http://www.netsplit.com/2010/03/30/all-about-kernel-mode-setting/
[3] 7digital-Shop: http://de.7digital.com





