Die freie Distribution Freespire

Aus LinuxUser 09/2006

Die freie Distribution Freespire

Lauer Aufguss

Linspire preist seine kostenlose Distribution Freespire an, als sei sie mindestens so gut wie das kommerzielle Produkt Linspire. Realität oder Marketinggag?

Bis die erste Version Version von Linspire von der gleichnamigen Firma [1] im Regal stand, musste diese einige Hürden umschiffen: Neben der Tatsache, dass Microsoft der ursprüngliche Name “Lindows” nicht passte, musste man auch noch feststellen, dass die angestrebte optische Gleichheit mit Windows praktisch nicht zu realisieren war. Mittlerweile gibt es Linspire bereits seit einiger Zeit; Kerneigenschaften, die die Distribution für sich in Anspruch nimmt, sind eine einfache Installation und gute Bedienbarkeit für Anfänger. Treiber wie ATIs oder Nvidiass Grafikkartentreiber und viele andere kommerzielle Software liefert Linspire mit der Distribution aus. So müssen Linspire-Benutzer nicht mühsam nach Video- oder Audio-Codecs suchen, wenn sie Filme schauen möchten – alle wichtigen kommerziellen Codecs liegen bei.

Nicht zuletzt ist ein wichtiger Bestandteil von Linspire das so genannte Click’n’Run Warehouse (CNR). Über ein Frontend laden und installieren Kunden mit CNR sehr leicht Tools und Programme aus dem Internet oder entfernen diese wieder vom System. Das setzt allerdings eine zunächst kostenfreie Anmeldung bei CNR voraus. Wird der Kunde für rund 50 Dollar zum “Gold”-Mitglied, stehen ihm zusätzliche Software-Downloads zur Verfügung.

Überraschung

Vor einigen Wochen überraschte Linspire mit der Ankündigung, dass man in naher Zukunft die eigene Produktreihe um eine Community-Variante mit Namen “Freespire” erweitern wolle. Sie soll laut Pressemitteilung eine von der Open-Source-Gemeinde entwickelte Distribution sein, die ausschließlich freie Software einsetzt und auf kommerzielle Bestandteile verzichtet. Sofort fühlt man sich an Suse oder RedHat erinnert, die die Entwicklung ihrer Systeme ebenfalls zum großen Teil an die FOSS-Szene abgegeben haben und am Ende nur noch die einzelnen Bestandteile passend zusammenfügen. Als Basis für Freespire dient Debian GNU/Linux. Mit Versprechen geizt Linspire indes nicht: Freespire, so erfährt man auf der Projektseite [2], sei “stark genug für anspruchsvolle Benutzer”.

Natürlich stellt sich angesichts dieser Versprechung die Frage, was mit Freespire wirklich erreichen will. Schließlich schafft Linspire mit Freespire der eigenen Distribution eine handfeste Konkurrenz, die sich äußerlich von Linspire praktisch nicht unterscheidet und kostenlos aus dem Internet geladen werden kann. Linspire selbst gibt es als Standard-Edition für 49,95 US-Dollar.

Was hat Freespire wirklich zu bieten? Soll es am Ende nur helfen, das “CNS Warehouse”, Linspires Software-Kaufhaus, zu etablieren? Wir fühlen der Beta 2 von Freespire auf den Zahn.

Die Installation

Freespire gibt es als CD-Image vom Freespire-Server [3] oder über BitTorrent. Die CD ist knapp 700 Megabyte groß – wer einen DSL-Anschluss hat, lädt sich die Datei also innerhalb kürzester Zeit auf den Rechner und bannt sie auf CD.

Im Startmenü der CD wählt man zwischen verschiedenen Optionen aus. Neben der eigentlichen Installation lässt sich hier auch ein Livesystem starten, mit dessen Hilfe Neulinge Freespire erkunden. Wer die Partitionierung der Festplatte ändern möchte, findet in der Liste unter Punkt 3 das passende Programm.

Die Installationsroute zeigt sich aufgeräumt, jedoch nur in englischer Sprache. Wer kein englisch spricht, muss sich entweder durchhangeln oder scheitert bereits an dieser Stelle.

Stringent führt der Installer den Benutzer durch die Systemeinrichtung. Nach dem Willkommensbildschirm entscheidet man über das Tastaturlayout und über die Festplattenpartitionierung (Abbildung 1). Hier gesteht man Freespire entweder die komplette Platte zu, oder startet ein übersichtliches Programm zum Partitionieren der Festplatte. Das verabschiedete sich im Test bisweilen allerdings unverhofft und riss dabei den gesamten Installer mit in den Abgrund, so dass die Arbeit von vorne losging.

Abbildung 1: Bei der Installation von Freespire lässt sich die Einteilung der Festplatte auch von Anfängern problemlos bewältigen.

Abbildung 1: Bei der Installation von Freespire lässt sich die Einteilung der Festplatte auch von Anfängern problemlos bewältigen.

Nach dem Einrichten der Platte gibt man noch den Netzwerknamen des Computers sowie den eigenen Namen, den gewünschten Benutzernamen sowie das zugehörige Passwort ein. Im nächsten Dialog setzt ein Klick auf Finish und Yes I’m sure die Installation in Gang.

Nach dem Kopieren der Dateien auf die Platte (während des Vorgangs wird übrigens im “Infofenster” fleißig die Werbetrommel für das CNS-Warehouse gerührt) erfragt das Setup noch einige Werte zur Konfiguration des Systems. In aller Regel kann man hier die Vorgaben direkt übernehmen.

Am Ende bietet die Routine dem Benutzer in einem Übersichtsfenster zwar die Möglichkeit, einen zusätzlichen Benutzeraccount anzulegen; einen Zwang, zusätzlich zum Computer-Administrator noch einen weiteren Benutzer ohne Administratorenrechte anzulegen, gibt es allerdings nicht. Der zuvor angelegte Benutzer ist damit auch der einzige, so dass man im Grunde permanent mit den Rechten von root unterwegs ist (wenn auch über den Umweg mit sudo). Das kann gefährlich werden, besonders, wenn man im Internet surft – hier verdient Freespire Rüffel.

Mal frei, mal nicht

Nach dem Login am Display-Manager, der per Theme an den Freespire-Look angepasst ist (Abbildung 2), präsentiert sich ein Linux-System, wie man es erwartet – und eines, das einem Freespire-Desktop zum Verwechseln ähnlich sieht (Abbildung 3). Am einfachsten ist der Unterschied noch am Start-Button zu erkennen, welcher bei Freespire das blaue Freespire-Logo statt des grünen Linspire-Symbols trägt. Als Oberfläche dient KDE in Version 3.5.3. Wie die Installationsroutine ist auch der gesamte Desktop in englischer Sprache gehalten; zweifellos ein großes Manko von Freespire.

Abbildung 2: Bereit zum Login – so präsentiert sich das System nach der Installation dem Benutzer.

Abbildung 2: Bereit zum Login – so präsentiert sich das System nach der Installation dem Benutzer.

Abbildung 3: Der Freespire-Desktop sieht dem von Linspire sehr ähnlich, viele optische Elemente finden sich bei beiden Systemen.

Abbildung 3: Der Freespire-Desktop sieht dem von Linspire sehr ähnlich, viele optische Elemente finden sich bei beiden Systemen.

An Anwendungen bringt die Distribution alles mit, was man für die tägliche Arbeit braucht: Neben OpenOffice finden sich im (recht spärlichen) KDE-Menü auch der zu Web Browser umbenannte Firefox, KMail als Mailclient und Kopete als Instant Messenger. LSongs [4] dient als Amarok-Ersatz. Generell enthält Freespire die meisten Linspire-typischen Anwendungen, so auch LPhoto [5].

Freespire Beta 2

Komponente Version
Kernel 2.6.16.7
Glibc 2.4
GCC 4.1.1
X.org 7.1
KDE 3.5.3
OpenOffice 2.0.3
Firefox 1.5.0.5

Im Menü findet sich auch der RealPlayer in der “Gold”-Version, sodass sich entsprechende Filme auf Websites problemlos und automatisch abgespielen lassen. Auch mit anderen Videoformaten hat Freespire keine Probleme: WMV- und AVI-Dateien spielt es genauso klaglos ab wie MP3- oder WMA-Dateien. Alle diese Formate erfordern Codecs, die nicht in die Welt der freien Software gehören. Der Eindruck, dass es mit dem “free” in Freespire nicht all zu weit her ist, verstärkt sich um so mehr.

Es stellt also die Frage, wie ernst Linspire es mit seinem Grundsatz nimmt, Freespire nur auf Basis freier Komponenten zu entwickeln. Man wolle dem Anwender größtmögliche Wahlfreiheit einräumen, und dazu gehörten auch protietäre Codecs, Treiber und Anwendungen, begründet das Projekt die Beilage unfreier Software. Zumindest hat Linspire-Chef Carmody angegündigt, später auch eine Freespire-Variante ganz ohne proprietäre Komponenten nachzuliefern.

Zusatzsoftware mit apt-get

Dass Freespire auf Debian basiert, erkennt man unzweifelhaft anhand des Vorhandenseins von dpkg und apt-get. Linspire bewirbt Freespire damit, dass sich Zusatzsoftware problemlos auch per Atp-get installieren lässt. Mit apt-get update bringt man Apt-get zunächst dazu, aus dem Netz vom Freespire-Server neue Paketlisten herunterzuladen. Anschließend lässt sich mit apt-get install Paket problemlos neue Software installieren. Mit 140 Kb/s trudeln die Daten allerdings kaum schnell genug ein, um eine aktuelle DSL-Leitung auszulasten. Wieso Freespire keine Mirrors benutzt, sondern nur einen Download-Server, ist schwer zu verstehen.

Die Pakete per Apt-get heruntergeladenen Pakete stammen nicht aus den Debian-Repositories, sondern sind speziell an Freespire angepasst. Die Distribution bietet aber eine breite Auswahl; neben diversen Programmen, die man aus der Linux-Welt kennt, stehen als alternative Desktops auch Gnome und Xfce zur Verfügung. So ließe sich das hauseigene KDE theoretisch sogar gegen eine andere Oberfläche austauschen. Die Möglichkeit, mit Apt-get Software zu installieren, verleiht Freespire damit eine Flexibilität, die bei Linspire so nicht vorhanden ist.

Die Sache mit den Treibern

Das kommerzielle Linspire richtet bei der Installation auf PCs mit Nvidia- oder ATI-Grafikkarte die entsprechenden Treiber des Herstellers gleich ein und aktiviert die 3D-Beschleunigung. Anders Freespire: Hier kommen als Vorgabe die Xorg-eigenen Treiber nv und ati zum Einsatz.

Was nicht heißt, dass Besitzer entsprechender Hardware in die Röhre schauen: Mit apt-get auf der Konsole besorgt man sich fglrx-installer und los-kernel-extra (ATI) beziehungsweise nvidia-driver-source sowie nvidia-driver-utils und ebenfalls los-kernel-extra (Nvidia) einfach aus dem Netz. Anschließend gilt es nur noch, in der X-Konfiguration den Treiber umstellen – dann läuft der X-Server ebenfalls im beschleunigten Modus. Treiber für diverse WLAN- und Modem-Karten gelangen nach dem gleichen Muster auf das System. Letztendlich lässt sich so Support für alle Hardwarekomponenten nachrüsten, die Linspire bereits out-of-the-box unterstützt.

Das CNR-Warehouse

Direkt nach dem ersten Login fällt in der KDE-Startleiste ein kleines Symbol auf, in dem sich ständig ein blauer Pfeil bewegt. Es symbolisiert das CNR-Warehouse-Modul für Updates, das auf diese Weise verkündet, das für das System bei CNR neue Software zur Verfügung steht.

Nach einem Maisklick auf das Symbol öffnet sich allerdings nicht wie erwartet ein Update-Assistent: Stattdessen sieht der Benutzer lediglich das normale CNR-Warehouse-Frontend, das zum Login auffordert. Tatsächlich bekommt man keine Sicherheitsupdates, ohne sich zuvor (immerhin kostenlos) bei CNR anzumelden.

Nach der Anmeldung und dem Login erlebt man eine weitere Überraschung: Bei My Products war im Test unter Available Updates kein einziges Update zu finden – und auch das Symbol mit dem blauen Pfeil verschwand. Es drängt sich damit der Eindruck auf, dass der Benutzer durch das blinkende Symbol lediglich dazu gebracht werden sollte, sich bei CNR anzumelden.

Auch über CNR lässt sich Zusatzsoftware installieren, per Klick landet zum Beispiel Adobes Reader auf der Festplatte (Abbildung 4). Allerdings wirkt CNR noch etwas unstrukturiert; so bietet das Programm an, eine ältere Version von Firefox zu installieren, obwohl dieser doch als Web Browser schon auf der Platte ist. Und schließlich kann auch die Geschwindigkeit, mit der die Software aus CNR eintrudelt, nicht gerade überzeugen.

Abbildung 4: Über das CNR-Warehouse lässt sich Zusatzsoftware per Mausklick installieren; gegen Bares gibt es besondere Features.

Abbildung 4: Über das CNR-Warehouse lässt sich Zusatzsoftware per Mausklick installieren; gegen Bares gibt es besondere Features.

Fazit

Die Freespire Beta 2 hinterlässt einen gemischten Eindruck. Die Tatsache, dass die Distribution bislang nicht in deutscher Sprache vorliegt, macht sie für viele deutsche Benutzer vorerst uninteressant. Davon abgesehen, präsentiert sich das System durchaus als brauchbar, um damit zu arbeiten. Die wichtigsten Programme kommen in aktuellen Versionen daher, die Installation stellt selbst Anfängern vor keinerlei Schwierigkeiten, die Bedienung ist intuitiv.

So bleibt am Ende nur die Frage, was Linspire mit Freespire wirklich erreichen will. Letztendlich lässt sich mit Freespire der komplette Funktionsumfang der Linspire-Distribution nachbilden, die Optik beider Systeme ist zum Verwechseln ähnlich – und auf die proprietären Programme, die bei Linspire beiliegen, muss man als Benutzer auch bei Freespire im Großteil der Fälle nicht verzichten.

Anders als Debian, Ubuntu & Co. fällt Freespire dem Benutzer aber mit der praktisch permanent stattfindenden Werbung für das CNR auf die Nerven. Andererseits förderte der Test kein einziges Detail bei Freespire zutage, dass die Distribution von anderen Debian-Derivaten merklich abhebt. So lassen sich Video-Codecs auch bei Debian und Ubuntu schnell nachinstalliert, genau so wie Grafikkarten- oder Modem-Treiber. Ein “Killerfeature” fanden wir bei Freespire nicht. Wer bis jetzt also ohne Linspire klargekommen ist, für den lohnt auch kein Blick auf Freespire.

Freespire RC1

Unmittelbar vor Drucklegung dieser Ausgabe hat Linspire den Release Candidate 1 von Freespire freigegeben. Er bringt gegenüber der hier besprochenen Beta 2 allerdings keine tiefschürfenden Änderungen, sondern bereinigt etliche Fehler und Instabilitäten, speziell in CNR.

Infos

[1] Linspire: http://www.linspire.com

[2] Freespire-Projekt: http://www.freespire.org

[3] Freespire-Download: http://wiki.freespire.org/index.php/Download_Freespire

[4] Lsongs: http://lsongs.com

[5] Lphoto: http://lphoto.com

Der Autor

Martin Loschwitz ist Debian-Entwickler und studiert ab Oktober in Wien. In seiner Freizeit beschäftigt er sich gern mit FreeBSD.

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