Neue Version von Ubuntu Linux

Aus LinuxUser 06/2005

Neue Version von Ubuntu Linux

Der graue Igel ist da

Der altersgraue Igel folgt dem warzigen Warzenschwein: Merkwürdige Tiernamen bezeichnen die verschiedenen Versionen von Ubuntu Linux. Jetzt erschien die zweite Ausgabe der wohl am schnellsten wachsende Distribution.

Selten hat eine neue Linux-Distribution so einen spektakulären Start hingelegt wie Ubuntu [1]. Version 4.10, Codename Warty Warthog (“Warziges Warzenschwein”), erschien im Oktober 2004 und war schnell in aller Munde sowie auf vielen Festplatten.

Tabelle 1: Ubuntu 5.04, Hoary Hedgehog

Oberfläche Gnome 2.10
X.org 6.8.2
Kernel 2.6.10
OpenOffice 1.1.3
Firefox 1.0.2

Meistbesuchte Homepage

Wie viele das Debian-basierte Ubuntu heute tatsächlich nutzen, lässt sich wie bei jeder Linux-Variante schwer abschätzen. Bei einer freien Distribution wie Ubuntu gibt es keine Verkaufszahlen, die einen Anhaltspunkt geben könnten. Dass der Zähler von Distrowatch [2] die Ubuntu-Seiten als mit deutlichem Vorsprung meistbesuchte führt, weist zumindest auf großes Interesse hin (Abbildung 1).

Abbildung 1: Die Ubuntu-Homepage wurde schnell zur beliebtesten Distributionsseite bei Distrowatch.

Abbildung 1: Die Ubuntu-Homepage wurde schnell zur beliebtesten Distributionsseite bei Distrowatch.

Das Konzept vom Ubuntu-Sponsor Canonical [3] ist nicht neu, wurde aber selten so konsequent betrieben. Die Firma heuerte einige renommierte Programmierer aus verschiedenen Linux-bezogenen Projekten wie Debian und Gnome an und ließ sie auf Basis des unstabilen Zweigs von Debian GNU/Linux [4] eine aktuelle Desktop-Distribution stricken. So übernahm Ubuntu von Debian Vorteile wie das ausgefeilte Paket-Management und verzichtete sogleich auf Nachteile. Insbesondere der feste halbjährliche Release-Zyklus bewegte viele vom Warten auf das nächste Release genervte Debian-Nutzer zum Umstieg auf Ubuntu.

Eine bislang einzigartige Eigenschaft hat sich Ubuntu von Apples Mac OS X abgeguckt. Nach der Installation ist der Root-Account deaktiviert, stattdessen erhalten ausgewählte Benutzer per sudo stets nur kurzzeitig dessen Privilegien. Das beugt versehentlichem oder leichtfertigem Arbeiten als Root vor.

Canonical betont, dass Ubuntu nicht nur kostenlos bleiben, sondern auch immer unter einer freien Lizenz stehen wird. So regt die Firma zum Verteilen der Software an und verschickt sogar kostenlose CD-ROMs. Ubuntu 4.10 erschien vielen als die Distribution, auf die sie immer gewartet hatten: Stabil, aktuell und frei.

Schweres Erbe

Große Fußtapfen also, in die der Nachfolger namens Hoary Hedgehog (“Altersgrauer Igel”) zu treten hatte. Wie der Vorgänger passt Version 5.04 auf eine CD. Ubuntu möchte weiterhin für jeden Zweck ein passendes Werkzeug bieten, statt den Benutzer vor die Qual der unbegrenzten Auswahl zu stellen.

Somit befindet sich auf der CD als Desktop-Umgebung ausschließlich Gnome [5], aktualisiert auf Version 2.10 [6]. Die Oberfläche hat wie Ubuntu einen festen halbjährlichen Release-Zyklus und erscheint – wenn beide Beteiligten ihre Termine auch zukünftig einhalten – immer einige Wochen vor einem neuen Ubuntu-Release.

Die bedeutendste, wenn auch kaum sichtbare Neuerung von Ubuntu 5.04 stellt der Umstieg vom Grafik-Server XFree86 auf X.org dar. Damit schließt Ubuntu zu den meisten anderen großen Distributionen auf – löst sich aber von Debian, für das es noch keine X.org-Pakete gibt. X.org bringt einen Geschwindigkeitsvorteil sowie die Möglichkeit, Fenster transparent darzustellen. XFree86 stellte lediglich pseudotransparente Fenster dar, die immer den Desktop-Hintergrund durchschimmern lassen, statt der dahinter liegenden Fenster.

Da Gnome die X.org-Transparenz allerdings noch nicht verwendet, deaktiviert Ubuntu diese speicherfressende Option in der X-Standardkonfiguration.

Feste Grenzen

Auch die neue Ubuntu-Version unterteilt die angebotenen Software-Pakete in vier Kategorien und bietet sie auf ihrem Server in entsprechenden Debian-Repositories an. Sicherheitspatches garantiert Ubuntu nur für die in main und restricted enthaltenen Programme, nämlich das Betriebssystem und die grafische Oberfläche. In den Kategorien universe und multiverse liegen Pakete, die die Community betreut, also freiwillige Helfer. Hier findet sich der größte Teil der aus Debian bekannten Software-Auswahl.

Als Neuigkeit enthält die neue Version den Ubuntu Update Manager (Abbildung 2). Dieses APT-Frontend ergänzt Synaptic, das weiter als Standardpaketmanager fungiert. Der Update Manager überprüft die eingestellten Paketquellen auf Neuigkeiten und spielt diese auf Wunsch ein. Dazu gehört der Update Notifier, der als Applet im Gnome Panel residiert und aktualisierte Software signalisiert.

Abbildung 2: Der Update Manager hält Ubuntu auf dem aktuellen Stand.

Abbildung 2: Der Update Manager hält Ubuntu auf dem aktuellen Stand.

Auf Wunsch sorgt der Update Manager auch im lokalen Paketspeicher für Ordnung. Er löscht je nach Konfiguration alte Pakete automatisch oder räumt bei begrenztem Festplattenplatz auf, sobald der Cache eine bestimmte Größe überschreitet.

Latte zu hoch?

Andere für Hoary gesetzte Ziele konnten die Ubuntu-Entwickler leider nicht umsetzen. So geschieht die Installation immer noch über den textbasierten Debian-Installer. Die Programmierer hatten sich erhofft, rechtzeitig ein grafisches Frontend dafür fertigzustellen.

Auch einige Mängel bleiben der neuen Ubuntu-Version erhalten. So wanderte das Paket linux-wlan-ng, notwendig für die hierzulande weit verbreiteten WLAN-Karten und -USB-Sticks mit Prism-Chipsätzen, aus dem universe-Repository nach main. Trotzdem macht es noch mehr Schwierigkeiten als bei Ubuntu 4.10. Damals lag noch lediglich das Start-Skript im falschen Verzeichnis, mittlerweile fehlen ihm sogar essentielle Dateien. Die WLAN-Karten funktionieren zwar trotzdem, fordern dem Benutzer aber Nacharbeit ab.

Auch Besitzer anderer Hardware erhofften sich bessere Unterstützung vom neuen Ubuntu. Dagegen, dass unter Linux beispielsweise auf Apples Rechnern weder das Power-Management noch die eingebauten WLAN-Karten funktionieren, hat aber auch Ubuntu kein Mittel gefunden.

Die Umstellung auf UTF-8 als Standardsystem zur Zeichenkodierung verlief ebenfalls nicht komplett reibungslos. Einzelne Programme stellen die deutschen Umlaute nicht mehr korrekt dar, darunter OpenOffice. In Texten lassen sie sich zwar ordnungsgemäß verwenden, in den Menüs oder auch in der Rechtschreibprüfung tummeln sich jedoch falsch dargestellte Zeichen.

Unabhängig davon lauern in universe weitere kleinere Bugs. Beispielsweise enthält das Paket gdesklets-data, das in den Desktop integrierte Werkzeuge bereitstellt, zahlreiche Tools, die mit der mitgelieferten Version von GDesklets [7] nicht funktionieren.

Konstant aber unspektakulär

Die Ubuntu-Entwickler haben trotz einiger Fehler ganze Arbeit geleistet und liefern mit Hoary Hedgehog eine aktuelle und robuste Desktop- und Server-taugliche Distribution aus. Sie profitiert in puncto Hardware-Unterstützung vom neuen Kernel, insbesondere das Power-Management auf 386-basierten Rechnern funktioniert zuverlässiger und mit mehr Laptops.

Die neue Gnome-Oberfläche bringt Ubuntu ebenfalls neue Features. Wer aber nach der überzeugenden Vorgängerversion einen weiteren revolutionären Sprung nach vorne erwartet hat, wird von Hoary Hedgehog enttäuscht. Bei der neuen Ausgabe handelt es sich um eine aktualisierte Fassung mit einigen neuen Features, aber auch neuen Bugs. Der Umstieg auf X.org und UTF-8 sowie andere Basisarbeiten unter der Haube legen vor allem den Grundstein für interessante künftige Versionen. Das nächste Release soll Breezy Badger (“Kesser Dachs”) heißen und im Oktober erscheinen.

Das Ziel, auch Linux-Laien eine problemlose Installation und Benutzung zu ermöglichen, erreicht Ubuntu im Großen und Ganzen nach wie vor. Das Update von Warty Warthog auf die neue Version birgt aber einige Fallstricke und setzt Erfahrung mit dem Debian-Paketmanagement voraus. Einsteiger tun sich wesentlich leichter, das System komplett neu zu installieren; der Weisheit letzter Schluss ist diese Variante sicher nicht.

Infos

[1] Ubuntu: http://www.ubuntulinux.org

[2] Distrowatch: http://distrowatch.com

[3] Canonical Ltd: http://www.canonical.com

[4] Debian: http://www.debian.org

[5] Gnome: http://www.gnome.org

[6] Gnome 2.10: “Erfolgreiche Spurensuche”, Christian Meyer, LinuxUser 05/2005, S. 36 ff., http://www.linux-user.de/ausgabe/2005/05/036-gnome/

[7] GDesklets: “Aufpoliert”, Christian Meyer, LinuxUser 05/2005, S. 41 ff.

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