Linux konnte sich bislang nicht als Desktop-System durchsetzen. Das auf Debian basierende SpiralLinux möchte das jetzt ändern.
Linux ist bislang auf Desktop-PCs eher eine Ausnahmeerscheinung. Dem freien Betriebssystem hängt immer noch der Ruf nach, Um- und Einsteigern das Leben schwer zu machen. Das aus den USA stammende SpiralLinux (https://spirallinux.github.io) will durch ein stabiles System mit insgesamt sieben vollwertigen Desktop-Umgebungen den Einstieg erleichtern.
Die Distribution fußt auf dem Stable-Zweig von Debian und nutzt damit eine ausgezeichnete Plattform. Da Debian jedoch in Sachen Bedienerfreundlichkeit nicht ganz auf der Höhe der Zeit ist und tatsächlich in einigen Bereichen tiefergehende Systemkenntnisse erfordert, verschrieben sich die Entwickler von SpiralLinux einer möglichst ausgereiften Benutzerführung.
Dabei stellen sie klar, dass es für SpiralLinux, anders als für viele andere Debian-Derivate, keine eigenen Repositories mit eigenentwickelten oder angepassten Paketen gibt. Grund für diese Enthaltsamkeit ist die Gefahr, dass Benutzer im Falle einer Einstellung des Projekts die Distribution nicht mehr weiter nutzen könnten, wenn es auf eigenentwickelten Pakete in speziellen Repositories fußte. Da SpiralLinux eine überaus enge Verwandtschaft zum Debian-Projekt pflegt, nutzt es auch nur die offiziellen Debian-Repositories.
Darüber hinaus machen die Entwickler deutlich, dass SpiralLinux keineswegs nur ein herkömmliches Debian-Derivat mit ein paar optischen Veränderungen und einigen zusätzlichen Arbeitsumgebungen darstellt. So unterstützt die Distribution durch das Einbinden von Debian-Backports, die der Stable-Variante fehlen, auch neuere Hardware. Außerdem integriert es proprietäre Firmware-Blobs, die den Einsatz von Hardwarekomponenten ermöglichen, die ohne sie nicht funktionieren.
Unter der Haube nahmen die Entwickler einige Modifikationen vor, um leistungsschwächere Hardware besser zu unterstützen und den Bedienkomfort zu erhöhen. So fungiert voreingestellt zRAM als innovative Form des Swap-Laufwerks, das schneller arbeitet als herkömmlicher Swapspace auf eigenen Partitionen. Als Standard-Dateisystem kommt Btrfs zum Einsatz, das dank regelmäßig angelegter Snapshots mithilfe von Snapper im Falle von Problemen einen Wechsel auf den letzten Schnappschuss ermöglicht. Die einzelnen Schnappschüsse lassen sich dabei komfortabel über das Grub-Bootmenü starten.
Für Laptops integriert SpiralLinux ein ausgefeiltes Akkumanagement, sodass die Geräte länger einsatzbereit bleiben als bei der Nutzung der konventionellen Energieverwaltung. Für Audiofreunde steht zudem Pipewire mit speziellen Low-Latency-Parametern bereit, die sowohl mit Jack-Audio als auch Pulseaudio harmonieren.
Oberflächliches
SpiralLinux kommt mit insgesamt sieben weitgehend gleichartig vorkonfigurierten Arbeitsumgebungen. Neben Cinnamon, XFCE, Gnome, Mate und Budgie sind auch die Qt-basierten Arbeitsumgebungen KDE Plasma und LXQt vertreten. Eine Sonderstellung nimmt die Builder-Variante ein: Dieses Basissystem mit dem Fenstermanager IceWM richtet sich an erfahrene Anwender, die ihre eigene Arbeitsumgebung und Softwaresammlung zusammenstellen möchten.
Die einzelnen ISO-Abbilder umfassen jeweils etwa 2 bis 2,5 GByte, sodass die Systeme selbst auf kleineren USB-Sticks mit 4 GByte Speicherkapazität Platz finden. Die hybriden Images lassen sich sowohl von optischen Datenträgern als auch von einem USB-Stick starten. Im Grub-Bootmenü steht nur der Live-Modus zur Auswahl. Beachten Sie, dass es die Distribution ausschließlich für 64-Bit-Hardware gibt. Sie eignet sich entsprechend nicht für ältere 32-Bit-Rechner.
Kurz nach dem Start erscheint der gewählte Desktop. Unabhängig von der Arbeitsumgebung fällt dessen Erscheinungsbild weitgehend identisch aus. Am unteren Bildschirmrand befindet sich eine horizontale Panel-Leiste mit einem Startmenü links und daneben einigen Startern für häufig genutzte Anwendungen. Ganz rechts finden Sie den System-Tray, der einige Statusanzeigen und Steuerelemente enthält sowie Datum und Uhrzeit anzeigt. Auf dem Desktop finden sich stets nur zwei Icons, eines für die Spracheinstellungen und das andere für die Installation.
Mit einem Klick auf Language support starten Sie zunächst ein grafisches Werkzeug zum Anpassen der Lokalisierung. Die Option Install language packs stellt auf Wunsch die gesamte Arbeitsumgebung auf die deutsche Lokalisierung um. Die Routine bedient sich dazu des grafischen Paketverwaltungswerkzeugs Synaptic, das für jede vorinstallierte Anwendung den Dialog zur Integration zusätzlicher Sprachpakete öffnet. Die erste Option Set system language(s) öffnet einen weiteren Dialog, in dem Sie die Systemsprache auswählen oder ändern.
Zum Einrichten des Systems kommt der bewährte Installer Calamares zum Zug. Er packt die Distribution nach wenigen Einstellungen auf den Massenspeicher (Abbildung 1). Dabei ist Calamares bereits in der Grundeinstellung weitgehend deutsch lokalisiert. Nach Abschluss der Installation und einem Neustart öffnet sich die Arbeitsoberfläche.
Softwarefundus
SpiralLinux bringt viele gängige Anwendungsprogramme bereits mit, sodass man sofort mit dem System arbeiten kann. Von den üblichen Verdächtigen fehlt lediglich die Grafikbearbeitung Gimp. Neben den unabhängig von der gewählten Arbeitsumgebung vorhandenen Programmen enthält die Distribution auch zahlreiche Desktop-spezifische Applikationen. Dabei fällt auf, dass SpiralLinux je nach Arbeitsumgebung bis zu drei Menüeinträge für grafische Frontends zur Softwareinstallation mitbringt. Stets vorhanden ist Synaptic, das jedoch einige Vorkenntnisse benötigt.
Daneben finden Sie unter KDE Plasma im Menü System den App-Store Discover in zweifacher Ausführung. Ein Starter öffnet die Software als herkömmlicher Benutzer, der zweite erfordert Administratorrechte. Bei Oberflächen wie Mate oder XFCE findet sich neben Synaptic noch der Gnome Software Store im Lieferumfang, auch er in zweifacher Ausführung für unterschiedliche Rechte. Bei den GTK-basierten Arbeitsoberflächen fällt negativ auf, dass sie Anwendungen in unterschiedlichen Menüs platzieren.
Alle grafischen Frontends gewähren den Zugriff auf den kompletten Softwarebestand von Debian. Nach dem Neuladen der Paketquellen listet Synaptic daher gut 65 000 Pakete auf.
Schnappschüsse
Eine äußerst nützliche Funktion stellt das Erstellen von Schnappschüssen dar. Zwar gilt Debian als äußerst stabile Distribution, dennoch schleichen sich durch fehlerhafte Konfigurationen oder Softwarepakete aus Drittquellen Probleme ein. In solchen Fällen rekonstruieren Sie mithilfe eines grafischen Frontends und einer Snapshot-Funktion vorherige Systemzustände. Dazu dient in allen Desktop-Varianten Snapper-gui (Abbildung 2).

Abbildung 2: Dank eines Snapshot-Programms stellen Sie bei Bedarf jederzeit einen definierten Systemzustand wieder her.
Dabei handelt es sich um ein grafisches Programm, das ohne Gimmicks Schnappschüsse anfertigt und verwaltet. Sie geben lediglich an, ob das Werkzeug mit Administratorrechten Snapshots des Gesamtsystems anfertigt oder nur das Heimverzeichnis mit der darunter liegenden Verzeichnishierarchie abbildet. Die Software führt die einzelnen Schnappschüsse tabellarisch auf. Mit den entsprechenden Funktionen aus der Schalterleiste lassen sie sich verwalten oder auch im Dateimanager öffnen.
Ressourcenbedarf
Der Ressourcenbedarf der einzelnen Desktop-Umgebung ist unterschiedlich, generell eignet sich das System jedoch bestens für ältere 64-Bit-Rechner mit mindestens zwei CPU-Kernen. Auch die geringe Auslastung des Hauptspeichers überzeugt: So konsumiert SpiralLinux mit dem schlanken XFCE im Leerlauf nur rund 950 MByte.
Selbst das eigentlich ressourcenhungrige KDE Plasma benötigt im Leerlauf nur gut 1 GByte RAM (Abbildung 3). Allerdings fällt hier die CPU-Belastung deutlich höher aus als bei XFCE oder Mate. Trotzdem lässt sich SpiralLinux auch mit KDE Plasma problemlos auf einem 15 Jahre alten Computersystem mit zwei Cores betreiben. Selbst bei intensiverer Nutzung kommen Sie mit etwa 4 GByte RAM aus.

Abbildung 3: SpiralLinux benötigt unter allen Arbeitsumgebungen im Leerlauf lediglich etwa 1 GByte RAM und arbeitet damit äußerst ressourcenschonend.
Fazit
SpiralLinux arbeitete in unseren Tests überaus agil und sparsam. Durch die solide Basis Debian eignet es sich ohne Abstriche für den produktiven Einsatz, integriert dabei aber im Gegensatz zum Original auch proprietäre Firmware-Blobs für den Einsatz bestimmter Hardwarekomponenten. Obendrein bietet SpiralLinux einige Anpassungen zum Erhöhen der Leistung und stellt nicht weniger als sieben Arbeitsumgebungen zur Wahl. Alle Varianten liegen als ISO-Abbilder mit maximal 2,5 GByte Umfang vor und lassen sich im Live-Modus ausprobieren.
Aufgrund seines geringen Ressourcenbedarfs und entsprechender Anpassungen eignet sich SpiralLinux uneingeschränkt selbst für Nutzer älterer Hardware. Die Distribution läuft problemlos auf PCs mit lediglich 4 GByte RAM und einer Zweikern-CPU. Somit bietet sich das Debian-Derivat für Ein- und Umsteiger als echte Alternative zu Linux Mint oder Ubuntu an. (tle)






