OpenSuse Leap 15.5, Ausblick auf Leap 16.0

Aus LinuxUser 07/2023

OpenSuse Leap 15.5, Ausblick auf Leap 16.0

© Mihtiander / 123RF.com

Cliffhanger

OpenSuse 15.5 kommt trotz Engpässen seitens der Entwickler mit aktuellem KDE-Desktop. OpenSuse 16.0 erscheint vielleicht aller Unkenrufe zum Trotz in unveränderter Systemarchitektur.

Anfang Juni 2023 erschien OpenSuse Leap 15.5. Mehr als die üblichen Versionsaktualisierungen, die Leap beim jährlichen Upgrade präsentiert, dürfte die Gemüter eingefleischter OpenSuse-Anwender bewegen, dass es sich bei dieser Ausgabe um die letzte ihrer Art handeln soll.

Der kostenpflichtige Suse Linux Enterprise Server (SLES [1]) wird sich in Zukunft auf eine leichtgewichtige Laufzeitumgebung für im Internet verfügbare und im Unternehmensbereich schon jetzt intensiv genutzte Container beschränken. Eigene, über das Grundsystem hinausgehende Software mitzuliefern, würde sich dann erübrigen. Suse nennt diese neue Architektur Adaptable Linux Platform (ALP).

Erhebliche Unruhe löste die Absichtserklärung der Suse-Entwickler aus, auch OpenSuse auf ALP umzustellen. Desktop-Anwender müssten sich dabei erheblich umstellen. Viele liebgewonnene Aspekte würde es dann so nicht mehr geben. Dazu zählen unter anderem:

  • schnelle systemweite Updates,
  • die konsequente systemweite Bereitstellung aller Bibliotheken in einer Version – ein wesentlicher Unterschied zwischen Linux und Windows, der zum moderaten Arbeitsspeicherbedarf des freien Systems beiträgt –,
  • sowie ein zentrales Repository für Tausende freie Programme.

Wer sein System verstehen will, müsste dann den Umgang mit Containern [2] erlernen – eine Technik, die bisher eher professionelle Systemadministratoren beschäftigt. Jüngste, wie immer öffentlich einsehbare Diskussionen auf der OpenSuse-Mailing-Liste zeigen allerdings, dass das OpenSuse-Team dazu tendiert, diese neue Architektur aus dem Enterprise-Bereich nicht auf ihre auf den Durchschnittsanwender ausgerichtete Distribution zu übertragen.

In alter Frische

Die aktuell erschienene Leap-Version 15.5 [3] betreffen diese Neuerungen nur insofern, als der anstehende Architekturwechsel bereits die Aufmerksamkeit der Entwickler bindet. Schon früh war erwartet worden, dass größere Neuerungen bei Leap 15.5 aus Ressourcenmangel ausbleiben. Wer OpenSuse nach einem Upgrade auf 15.5 startet, entdeckt auf den ersten Blick außer einem neu gestalteten Hintergrundbild auch keine Veränderungen.

Dennoch frischt die neue Leap-Fassung die KDE-Plasma-Desktop-Umgebung von 5.24.4 auf 5.27.4 auf (Abbildung 1), immerhin um drei Minor-Versionen. Damit kamen vor allem kosmetische Aufwertungen hinzu, die die KDE-Entwickler den letzten drei Plasma-5-Ausgaben noch spendiert haben, während sie bereits auf Version 6 hinarbeiten. Dazu gehört etwa die Option Schwebende Kontrollleiste: Freiliegend erscheint die Leiste dabei wie ein Dock in einem schmalen Abstand zum Bildschirmrand, bei Fensterkontakt dagegen anliegend wie bisher.

Abbildung 1: Plasma 5.27 bringt kleine Neuerungen, wie die in Dock-Optik darstellbare untere Leiste oder skalierbare passive Popups – hier mit dem neuen Modul zum Einrichten der Anzeige im Systembereich der Kontrollleiste.

Abbildung 1: Plasma 5.27 bringt kleine Neuerungen, wie die in Dock-Optik darstellbare untere Leiste oder skalierbare passive Popups – hier mit dem neuen Modul zum Einrichten der Anzeige im Systembereich der Kontrollleiste.

Die passiven Benachrichtigungs-Popups lassen sich nun per Maus skalieren und behalten ihre Größe, wenn sie sich erneut öffnen. Der mit [Alt]+[F2] aufzurufende Programmstarter, der außer nach Programmen auch nach Dateien sucht, liefert jetzt auch Treffer, wenn das Schlagwort irgendwo im Programmnamen vorkommt.

Praktisch für Präsentationen am Beamer ist das neue Icon Anzeige-Einrichtung, das die entsprechende Seite in den Systemeinstellungen mit einem Klick öffnet. Auch wer KDE unter Wayland statt unter X11 einsetzt, kann nun die Anzeige nicht länger nur in ganzzahligen Schritten skalieren, sondern wie bisher schon unter X11 in Zehntelstufen.

Der Gnome-Desktop hat sich bis auf Fehlerbereinigungen im Vergleich zu Leap 15.4 nicht verändert, er liegt nach wie vor in Version 41 bei. Diese Fassung ist über ein Jahr alt. Aktuell – und unter Tumbleweed bereits verfügbar – ist Version 44 (Abbildung 2). Ähnliches gilt auch für das Systemkonfigurationswerkzeug YaST und den OpenSuse-Installer.

Abbildung 2: Gnome ist in Leap 15.5 weniger aktuell als KDE. Die hier gezeigten Schnelleinstellungen im Panel-Popup (rechts) oder neu gestaltete Module in den Systemeinstellungen (links) bleiben Leap vorenthalten.

Abbildung 2: Gnome ist in Leap 15.5 weniger aktuell als KDE. Die hier gezeigten Schnelleinstellungen im Panel-Popup (rechts) oder neu gestaltete Module in den Systemeinstellungen (links) bleiben Leap vorenthalten.

Die Desktop-Umgebung LXQt aktualisierten die Entwickler von Version 1.1.0 auf 1.2.0. Dabei kam im Dateimanager eine Historie für die Suchfunktion hinzu. Die Dateiauswahl gelingt in der Listenansicht nun durch Ziehen des Mauszeigers über die Spalten viel schneller. Auch etliche Fehler wurden bereinigt.

Plattform

Doch niemand benutzt ein Betriebssystem oder eine Desktop-Umgebung um ihrer selbst willen: Sie dient als Basis für Anwendungen wie Firefox, LibreOffice oder ein Mail-Programm. Ein Blick auf die Tabelle “OpenSuse: Softwareversionen” zeigt, dass sich hier bei den Versionsnummern doch einiges bewegt hat.

Komponente

Leap 15.3

Leap 15.4

Leap 15.5

Tumbleweed

Upstream

Kernel

5.3.18

5.14.21

5.14.21

6.3.1

6.3.1

Qt5 

5.12.7

5.15.2

5.15.8

5.15.9

6.3.1

Qt6 

6.4.2

6.5.0

6.5

GTK3

3.24.20

3.24.31

3.24.34

3.24.37

3.24.37

GTK4

4.6.0

4.10.3

4.10.3

KDE 

5.18.5

5.24.4

5.27.4

5.27.5

5.27.5

Gnome

3.34.2

41.3

41.9

44.1

44.1

Audacity

2.2.2

2.2.2

2.2.2

3.3.1

3.3.2

Blender

2.82a

2.82a

2.82a

3.5.0

3.5.1

Calibre

3.48.0

3.48.0

6.17.0

6.17.0

Darktable

3.4.1

3.6.1

4.2.0

4.2.1

4.2.1

Digikam

7.1.0

7.2.0

7.9.0

8.0.0

8.0.0

Firefox

1.8.11

91.9.0

102.10.0

112.0.2

113.0

Gimp

2.10.12

2.10.30

2.10.30

2.10.34

2.10.34

Inkscape

1.0.1

1.0.1

1.0.1

1.2.2

1.2.2

Kdenlive

20.04

21.12.3

22.12.3

23.04.0

23.04.0a

Krita

4.4.2

5.0.2

5.1.5

5.1.5

5.1.5

LibreOffice

7.1.3.2

7.2.5.1

7.4.3.2

7.5.3.1

7.5.3.2

Openshot

2.4.1

2.6.1

3.0.0

3.1.0

3.1.1

Python3

3.6.15

3.6.15

3.11.1

3.11.2

3.11.3

Rawtherapee

5.8

5.8

5.8

5.9

5.9

Scribus

1.5.6.1

1.5.7

1.5.8

1.5.8

1.5.8

Shotcut

21.03.21

22.01.30

22.12.21

23.04.03

23.05.07

Thunderbird

78.10.2

91.8.0

102.9.1

102.10.1

102.11.0

VirtualBox

6.1.32

6.1.32

7.0.6

7.0.8

7.0.8

VLC 

3.17.3

3.17.3

3.0.18

3.0.18

3.0.18

Ausnahmen bestätigen die Regel. Das 3D-Programm Blender [4] liegt noch in Version 2.82a vom Frühjahr 2020 bei, analog Audacity [5] in Version 2.2.2. Hier könnte es allerdings eine Rolle spielen, dass ein neues Entwicklerteam in Audacity 3 eine Telemetrieübertragung geplant hatte. Das Abgreifen der Daten hatte viele Anwender erzürnt und für Diskussionen gesorgt. Viele Programme sind jedoch so aktuell, wie man es für Leap erwarten darf – das legt ja bekanntlich den Fokus auf Stabilität und nicht auf möglichst schnelles Ausliefern neuer Versionen.

Die Fotobearbeitungssoftware Darktable [6] zählt zu den Highlights der freien Softwarewelt (Abbildung 3). Viele von MacOS und dem proprietären Adobe-Programm Lightroom kommende Fotografen fühlen sich dort zu Hause. Die mitgelieferte Version 4.2 zeigt sich im Vergleich zum veralteten Darktable 3.6 beim Vorgänger sogar um eine Major-Version aufgefrischt.

Abbildung 3: Mit dem in der Darktable-Version von Leap 15.5 neu hinzugekommenen Sigmoid-Filter gelingt es unter anderem, dunstverhangene, kontrastarme Fotos aufzupeppen.

Abbildung 3: Mit dem in der Darktable-Version von Leap 15.5 neu hinzugekommenen Sigmoid-Filter gelingt es unter anderem, dunstverhangene, kontrastarme Fotos aufzupeppen.

Eine bemerkenswerte Neuerung ist das Sigmoid-Filtermodul, das den weiten Dynamikumfang guter Digitalkameras auf den engeren des Bildschirms oder eines Druckers staucht. Dabei operiert es so, dass die Schattierungen im Helligkeitsmittelbereich erhalten bleiben, während der Filter sie in den hellen und dunklen Bildelementen zwar reduziert, aber nicht ganz eliminiert. Auch der Spitzlicht-Rekonstruktionsfilter wurde um zwei zusätzliche Verfahren erweitert. Verbesserungen im Bereich der Helligkeits- und Belichtungskorrektur sind für Fotografen wichtig und machen das Upgrade lohnenswert.

Die Bildverwaltungsanwendung Digikam [7] hat mit dem Sprung von Version 7.2 auf 7.9 (Abbildung 4) einige Verbesserungen erfahren. Die Entwickler haben an einer der Grundfunktionen gearbeitet, dem für die Ordnung in der Bildsammlung unerlässlichen Import der eingebetteten Metadaten. Die rechenintensive Suche nach Duplikaten nutzt nun alle CPU-Kerne und erledigt die Arbeit so in einem Bruchteil der bisher nötigen Zeit. Die automatische Qualitätserkennung, die die Güte von Fotos maschinell bewertet, bezieht jetzt (zumindest bei einigen Kameras) die Information mit ein, auf welchen Bildbereich die Kamera fokussiert hat.

Abbildung 4: Auch wenn Version 7.9 von Digikam unter Leap 15.5 genauso aussieht wie der Vorgänger, haben sich Performance und Rechenalgorithmen verbessert.

Abbildung 4: Auch wenn Version 7.9 von Digikam unter Leap 15.5 genauso aussieht wie der Vorgänger, haben sich Performance und Rechenalgorithmen verbessert.

LibreOffice [8] spricht ab OpenSuse 15.5 nicht nur Klingonisch [9], es sind auch nützliche Funktionen hinzugekommen (Abbildung 5). Beim Weiterverarbeiten von Word-Dokumenten hilft eine neue Funktion, die manuelle Wortumbrüche automatisch entfernt, die im LibreOffice-Layout häufig nicht mehr an der richtigen Stelle liegen. Auch der Import von Listen und Nummerierungen aus Microsoft Word funktioniert nun besser. Eine nützliche Neuerung in der Tabellenkalkulation Calc sind farbliche Indikatoren, die deutlich erkennen lassen, dass Spalten oder Zeilen ausgeblendet wurden (Abbildung 6). Insgesamt zeigt sich das Programm leistungsfähiger.

Abbildung 5: Die exakter einstellbare Silbentrennung in LibreOffice 7.4 kann die Optik von Blocksatz merklich verbessern.

Abbildung 5: Die exakter einstellbare Silbentrennung in LibreOffice 7.4 kann die Optik von Blocksatz merklich verbessern.


Abbildung 6: Unter <span class="ui-element">Anwendungsfarben</span> schalten Sie in LO Calc eine Einstellung zu, die ausgeblendete Zeilen oder Spalten auff&auml;llig hervorhebt.

Abbildung 6: Unter Anwendungsfarben schalten Sie in LO Calc eine Einstellung zu, die ausgeblendete Zeilen oder Spalten auffällig hervorhebt.

Reformstau

Die Weiterentwicklung der Rolling-Release-Spielart Tumbleweed läuft rund. Diese Distributionsvariante nutzt – nach automatischem Test mit dem Suse-Tool OpenQA [10] – taufrisch veröffentlichte Software.

Dagegen traten bei Leap mit seiner engen Bindung an die Suse-Enterprise-Ausgabe SLES mehr Probleme auf: Die mitgelieferten Pakete enthielten teilweise ältere Softwareversionen als Debian, das als konservativste Linux-Distribution gilt.

Ein Beispiel für den Reformstau war die Tatsache, dass Leap 15.4 immer noch Version 3.6 der verbreiteten Skriptsprache Python auslieferte, deren Upstream-Support bereits im Dezember 2022 endete. Allein dies blockierte viele Aktualisierungen von Programmen, die auf Python aufsetzen.

Auch wenn die Kopplung des Systemkerns an das für den Unternehmensbedarf konservativere SLES sich für die Weiterentwicklung als problematisch herausgestellt hat, fand das Leap-Installationsmedium bei den Anwendern durchgängig mehr Zuspruch [11] als das von Tumbleweed (Abbildung 7).

Abbildung 7: OpenSuse dokumentiert zwar nicht die Zahl der Installationen, aber immerhin jene der Downloads des Installationsmediums.

Abbildung 7: OpenSuse dokumentiert zwar nicht die Zahl der Installationen, aber immerhin jene der Downloads des Installationsmediums.

Auf die Installationszahlen lässt dies nur bedingt Rückschlüsse zu, denn sowohl Leap als auch Tumbleweed lassen sich ohne ISO-Download im laufenden Betrieb per zypper dup upgraden. Trotzdem dürften einige Leap-Anwender dazu ein klassisches Installationsmedium nutzen, während das bei Tumbleweed kein gängiges Verfahren darstellt. Die Zahlen legen aber zumindest nahe, dass während der Leap-15.3-Phase, die bezüglich der Aktualität besonders enttäuschte, eine verstärkte Abwanderung der Nutzer zu Tumbleweed stattfand.

Die Entwicklung von OpenSuse kann man auf zahlreichen Mailing-Listen [12] und dem OpenSuse-Wiki [13] öffentlich nachverfolgen. Relevant ist hier insbesondere die Liste openSUSE Factory [14]. Als Factory bezeichnet Suse traditionell die erste Stufe der Distributionsentwicklung, bei der noch keine Funktionstests stattfinden.

Auf der Factory-Mailing-Liste findet sich ein Beitrag des Suse-Mitarbeiters Richard Brown [15], der die containerbasierte Adaptable Linux Platform (Abbildung 8) anpreist. Brown sieht sie als Ausweg aus den Schwierigkeiten, für einen stabilen, an die langen Release-Zyklen der Enterprise-Distribution SLES gebundenen Systemkern aktuelle Software zur Verfügung zu stellen.

Abbildung 8: Die <span class="ui-element">Adaptable Linux Platform</span> splittet die Systemfunktionen in abgeschottete Workload-Container. Sie isolieren eine Software plus zugeh&ouml;rigen Libraries hermetisch vom Grundsystem.

Abbildung 8: Die Adaptable Linux Platform splittet die Systemfunktionen in abgeschottete Workload-Container. Sie isolieren eine Software plus zugehörigen Libraries hermetisch vom Grundsystem.

Er betont die namensgebende Anpassbarkeit der neuen Architektur. Es sollen mehrere ALP-basierte Produkte mit unterschiedlich konservativer oder progressiver Update-Politik entstehen, aus denen Leap seinen Grundpaketsatz auswählen kann. Der für kontinuierliches Arbeiten im Unternehmen optimierte, für eine Enduser-Desktop-Distribution jedoch quälend lange Suse-Release-Zyklus soll so die Leap-Entwicklung nicht mehr ausbremsen.

Suse müsste dann im Wesentlichen nur noch ein schmales Grundsystem entwickeln, das die eigentliche Software in Form von distributionsübergreifend lauffähigen Containern [16] einbindet. Deren Bereitstellung wird zur Aufgabe der Entwickler einer Software selbst, denn Container sind nicht mehr an eine bestimmte Distribution gebunden.

Container-Flut

Tatsächlich gibt es seit vielen Jahren vorkonfigurierte Container für viele wichtige Server-Dienste. Professionelle Administratoren bevorzugen sie oft gegenüber nativen OpenSuse-Paketen. Doch Hunderte von Desktop-Programmen lassen sich in der Praxis nicht alle in einen eigenen Container verpacken, von denen jeder seine eigenen Bibliotheken mitbringt (Abbildung 9).

Abbildung 9: Bei der Softwareinstallation per Container bringt jedes Programm seine Bibliotheken mit. Dass diese nicht den systemweiten Updates unterliegen, ist Nachteil und Vorteil zugleich.

Abbildung 9: Bei der Softwareinstallation per Container bringt jedes Programm seine Bibliotheken mit. Dass diese nicht den systemweiten Updates unterliegen, ist Nachteil und Vorteil zugleich.

Dass sich eine containerbasierte Architektur durchaus für einen grafischen Desktop eignet, beweist die als Technologievorschau vorliegende Gnome-Komponente (workload [17]) für die neue Container-Architektur. Der “eingesperrte” Gnome-Desktop bindet die Anwendungen dann als distributionsübergreifende Flatpak-Pakete ein, was sie in ihren Bibliotheksabhängigkeiten ebenfalls vom Desktop-Container und dem übrigen System entkoppelt.

Mit dem leistungsfähigen YaST-Modul lassen sich solche Programme aber nicht mehr verwalten. Das gilt allerdings auch jetzt schon für die Software-Stores (Abbildung 10) von KDE (Discover) und Gnome (Gnome Software). Es wäre denkbar, dass OpenSuse selbst Flatpak-Pakete anbietet, statt einfach auf das distributionsübergreifende Repository Flathub [18] zu verweisen.

Abbildung 10: Die Software-Stores von Gnome (links) und KDE (rechts) unterst&uuml;tzen distributions&uuml;bergreifende Flatpak-Pakete.

Abbildung 10: Die Software-Stores von Gnome (links) und KDE (rechts) unterstützen distributionsübergreifende Flatpak-Pakete.

Wenn sich jedoch nicht mehr alle Programme systemweit die Bibliotheken teilen, dann steigt der Arbeitsspeicherbedarf. Bei Sicherheitslücken ist es nicht mehr damit getan, eine einzelne Bibliothek per zypper up neu einzuspielen. Ein solcher gezielter Austausch klappt weder bei Containern noch bei Flatpaks. Es fallen also größere Datenmengen zum Herunterladen an, damit verbunden steigen die Wartezeiten. Noch schwerer wiegt der Nachteil, dass alle beteiligten Anbieter von Containern und Flatpaks zügig Aktualisierungen bereitstellen müssen. Dabei dürften sie kaum dieselbe Routine mitbringen wie große Linux-Distributoren.

Fazit

Offenbar sehen auch die OpenSuse-Entwickler die Nachteile eines containerbasierten Systems beim Desktop-priorisierten Leap: Derzeit scheint es, als würde Leap weiter als konventionelle Distribution mit RPM-Paketen aus einem zentralen Repository fortbestehen [19]. Auch ein Read-only-Dateisystem (immutable) soll OpenSuse nach diesen Plänen nicht erhalten. Reboots dürften wie bisher nur nach dem Upgrade zentraler Komponenten wie dem Kernel anfallen, nicht nach jeder Paketinstallation oder jedem Upgrade.

Viele Nutzer haben wohl aus der Tatsache, dass OpenSuse einen Paketgrundbestand aus der (nun anders aufgebauten) Basis der Enterprise-Sparte übernimmt, voreilig gefolgert, dass das freie System auch deren Architektur übernimmt. Das ist aber nicht zwangsläufig der Fall: Ein Workshop des OpenSuse-Teams hat bereits einen Prototyp aus Paketen des ALP- und des Tumbleweed-Repositorys entwickelt, der weder eine containerbasierte Architektur noch ein nur lesbares Root-Verzeichnis aufweist.

Das Unternehmen Suse ermutigt das zum größten Teil aus Freiwilligen bestehende OpenSuse-Team, seine eigenen Entscheidungen zu treffen. Wer bisher mit OpenSuse zufrieden war und sich eine Distribution wünscht, die weiterhin so aufgebaut ist, wie es unter Linux beinahe 30 Jahre lang üblich war, sollte OpenSuse im Moment also noch nicht aufgeben, sondern die Nachrichten weiter beobachten. Als Erscheinungsdatum für OpenSuse 16.0 ist Ende 2023 anvisiert.

Auf die eine oder andere Weise stellt OpenSuse Leap 15.5 das letzte Release seiner Art dar, doch möglicherweise tangiert die Neuplanung der Systemarchitektur bei der Firma Suse nur die OpenSuse-Entwickler, die Programmpakete in Zukunft nach einem anderen Verfahren zusammenstellen müssen. Denkbar wäre allerdings, dass sie für Anwendungsprogramme zum Teil auf distributionsübergreifende Flatpaks setzen, um den gestiegenen Entwicklungsaufwand auszugleichen. (uba)

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