Die nächste Generation: Mozilla Firefox 3

Aus LinuxUser 04/2008

Die nächste Generation: Mozilla Firefox 3

Optik und mehr

Die nächste Hauptversion von Firefox verspricht eine Menge Neuerungen in Sachen Benutzerschnittstelle und Geschwindigkeit.

Nach fast anderthalb Jahren Entwicklungszeit nähert sich die Arbeit dem Ende: Die nächste Generation des beliebten Browsers Firefox steht vor der Tür. Die Entwickler planen das Release von Firefox 3 für Anfang 2008 [1], ein genauer Termin steht bisher jedoch noch nicht fest. Aktuell steht die Firefox Beta 3 zum Download zum Testen bereit [2].

Gerade bei Firefox für Linux hat sich vieles getan. Auf den ersten Blick stechen die plattformübergreifenden Neuerungen ins Auge, wie das neue Bookmarksystem “Places” oder die Zoomfunktion von Webseiten inklusive der enthaltenen Bilder. Daneben gibt es zahlreiche Neuerungen, die das Zusammenspiel von Linux und Firefox optimieren.

Überblick

Zuerst ein kleiner Überblick über die wichtigsten neuen Funktionen des Firefox 3: Hier ragt sicherlich das neue Lesezeichensystem heraus. Das neue und generalüberholte Bookmarksystem überzeugt zwar, erfordert jedoch ein Umdenken, da Sie Einträge damit deutlich anders verwalten als in einer statischen Ordnerstruktur. Anstatt diese Lesezeichen in einer einfachen Datei (bookmarks.html) zu speichern, nutzt das neue System – von den Entwicklern “Places” genannt [3] – Tags zum Einordnen der Bookmarks, so wie Sie es beispielsweise von sozialen Netzwerken oder Blogs her kennen. Die Tags selber sichert die Software in einer SQLite-Datenbank. Mehrere Bookmarks fassen Sie der Übersichtlichkeit halber einem zu sogenannten “Smart Folder” zusammen und organisieren so die Links. Für Entwickler von Erweiterungen für den Firefox steht eine umfangreiche API [4] bereit, die einen erweiterten Zugriff auf das neue System ermöglicht.

Abbildung 1: Firefox 3 zoomt nun die in Webseiten eingebettet Bilder.

Abbildung 1: Firefox 3 zoomt nun die in Webseiten eingebettet Bilder.

Als weiteres, sehr praktisches Feature vergrößert und verkleinert Firefox nun mittels [Strg]-[+] und [Strg]+[-] auch die Bilder in einer Site (Abbildung 1). So bleibt das Layout der betrachteten Webseite beim Zoomen vollständig erhalten. Bei der Betaversion ließ sich diese Funktion jedoch nicht deaktivieren. Wünschenswert wäre ein Umschalten vom neuen Zoommodus auf den alten.

Abbildung 2: Die überarbeitete Adresszeile bietet auch Webadressen aus dem Bookmark-System an.

Abbildung 2: Die überarbeitete Adresszeile bietet auch Webadressen aus dem Bookmark-System an.

Ebenfalls deutlich verbessert haben die Entwickler die Adresszeile – also den Bereich, in den Sie Webadressen eingeben. Bei Eingabe einer URL durchsucht das Programm nun nicht mehr nur die Browserchronik, sondern zusätzlich die Bookmarks (Abbildung 2). Treffer zeigt Firefox 3 schon während der Eingabe zweizeilig und inklusive des Favicons an. So finden Sie schnell eine Seite wieder, die Sie schon besucht oder in den Bookmarks abgelegt haben.

Des weiteren markiert die Applikation deutlich die Webseiten, die Sie über HTTPS ansprechen. Es erscheint nun nicht mehr einfach nur ein stilisiertes Vorhängeschloss, sondern die Information, wer das Zertifikat ausgestellt hat und wem es gehört. Das macht es Phishern wieder etwas schwerer, Passwörter, PINs und TANs abzufangen.

Abbildung 3: Firefox 3 besteht nun auch den Acid2-Test.

Abbildung 3: Firefox 3 besteht nun auch den Acid2-Test.

Als Referenz für das Einhalten von Webstandards dient der Acid2-Test [5]. Firefox 2 hat den Test bislang nicht bestanden. Firefox 3 hingegen hält sich nun an alle üblichen Standards und stellt die im Test enthaltene Grafik korrekt dar (Abbildung 3). Damit steht er in einer Reihe mit Safari, Konqueror und Opera, die diese Prüfung schon länger erfolgreich absolvieren.

Unter der Haube hat sich ebenfalls viel getan. Mozilla nutzt Bibliothek Cairo [6] zum Darstellen sämtlicher Seiteninhalte wie auch zum Zeichnen der Programmoberfläche. Dadurch geht Firefox deutlich flotter zu Werke, wenn er aufwändige Webseiten zeichnet.

Linux-News

Abbildung 4: Alt gegen Neu: Firefox stellt nun seine Oberfläche mittels nativen GTK-Widgets dar.

Abbildung 4: Alt gegen Neu: Firefox stellt nun seine Oberfläche mittels nativen GTK-Widgets dar.

Zu den auffälligsten Neuerungen der Linux-Version gehört, dass Firefox nun richtige GTK-Widgets benutzt (Abbildung 4). Widgets sind Schaltflächen, Scrollbalken und Buttons. Diese zeichnete der Browser bisher nicht passend zum verwendeten Thema der Desktopumgebung. Firefox 3 fügt sich dagegen ausgezeichnet ein und übernimmt das Aussehen von allen GTK-basierten Umgebungen, wie Gnome oder XFCE. Es herrschen wohl ein paar Animositäten zwischen den Entwicklern von Mozilla und KDE [7], so dass nach wie vor keine Qt-Variante von Firefox existiert, die sich nahtlos in KDE einfügt.

Firefox nutzt auch automatisch die voreingestellten Icons. Überall, wo dies möglich ist, bindet der Browser Icons aus dem Thema der Desktopumgebung ein. Des weiteren sehen die Tabs des Firefox inklusive der Buttons zum Schließen eines Tabs aus, wie die aller anderen GTK-Anwendungen. Hier hat sich Firefox ebenfalls davon verabschiedet, unter allen Plattformen gleich auszusehen.

Gerade Umsteiger von Windows bemerkten häufig, dass das Scrollen mit dem Mausrad in einer Webseite streikte, sobald der Mauszeiger über einem Plugin (also einem Java-Applet oder einer Flash-Animation) steht. Hier fing das Plugin bisher das Scrollen des Mausrades ab und zwang so den Benutzer, die Maus erst aus dem Bereich des Plugins herauszufahren. Künftig klappt das Scrollen auch über diesen Bereichen problemlos.

Manch ein Umsteiger vermisste oft bequeme Funktionalitäten, die unter Windows das Leben einfacher machen. Seit der dritten Beta-Version von Firefox 3 gibt es hier gute Neuigkeiten zu berichten: Bilder übernehmen Sie nun per Copy & Paste in andere Anwendungen, also beispielsweise durch einen Rechtsklick auf ein Bild und den Kontextmenüeintrag Copy Image. In Gimp zum Beispiel nutzen Sie dann das Bild über Datei | Holen | Als neues Bild einfügen. Des weiteren erlaubt es das Programm, Bilder von Webseiten einfach per Drag & Drop auf den Desktop kopieren oder mittels eines Nautilus-Fensters in einem Verzeichnis abzulegen.

Abbildung 5: Über den GTK-Druckdialog bietet die Software deutlich mehr Funktionen beim Drucken von Webseiten an.

Abbildung 5: Über den GTK-Druckdialog bietet die Software deutlich mehr Funktionen beim Drucken von Webseiten an.

Beim Drucksystem haben die Entwickler richtig Hand angelegt [9]. Die Firefox-Versionen bis inklusive 2.x sprechen das Drucksystem via Lpr an. Das hat zur Folge, dass Sie beim Drucken aus dem Browser bislang nicht viele Möglichkeiten hatten, das Ergebnis zu beeinflussen. Firefox 3 nutzt nun direkt die Druckfunktionen von GTK (Abbildung 5): So stehen Ihnen, wie bei allen anderen Gnome-Programmen, die gewohnten Druckoptionen zur Verfügung, wie etwa die Anzahl von Seiten pro Druckblatt. Der Umweg ewa über Gtklp entfällt damit.

Abbildung 6: Praktischerweise zeigt der Dateidialog nun eine Vorschau von Bildern an.

Abbildung 6: Praktischerweise zeigt der Dateidialog nun eine Vorschau von Bildern an.

Der Dateidialog bietet bei der Auswahl eines Bildes eine Vorschau (Abbildung 6). So sehen Sie schnell, welches Bild Sie zum Beispiel auf eine Webseite hochladen, ohne die Dateien vorher mit einem Bildbetrachter zu durchsuchen.

Performance

Firefox genießt bislang nicht den Ruf, der schnellste aller Browser zu sein. Die Mozilla-Entwickler haben jedoch bei Firefox 3 viel an der Performance gearbeitet. Grund genug, einmal etwas genauer hinzusehen. Wir verglichen dazu Firefox 2.0.0.11 sowie Firefox 3 Beta 3 und als Referenz Opera 9.25 in der 32-Bit-Version, sowie Opera 9.5 Beta 2, der bald erstmals in einer 64-Bit-Version erscheint. Die Tests fanden auf einem System mit einer CPU des TYpes AMD Athlon 64 X2 AM2 3800+, 2 GByte RAM und Ubuntu Gutsy Gibbon 7.10 (64-Bit) als Betriebssystem statt.

Im ersten Test analysierten wir, wie lange der Browser braucht, um eine aufwändige Webseite mit CSS-Layout zu laden. Dazu speicherten wir die Testseite “CSS Rendering Benchmark” [11] lokal ab, öffneten sie im Browser und nahmen dabei die Zeit für das vollständige Rendern der Seite. Das erledigt ein in die Seite eingebautes Javascript automatisch. Da die Werte schwanken können, wiederholten wir den Test jeweils zehn Mal und bildeten einen Mittelwert. Hier zeigt sich, dass Firefox 2 tatsächlich noch ein bisschen schneller ist: Für den Benchmark braucht er im Schnitt 692 ms, FF3 schafft den Test im Schnitt in rund 845 ms. Hier haben die Entwickler noch Arbeit vor sich.

Als nächstes bestimmten wir die Zeit, die Firefox zum Rendern einer Webseite mit einer größeren Tabelle braucht. Dabei kommt das Addon “Load Time Analyzer” [12] zum Einsatz. Es misst die Zeit bis zum vollständigen Aufbau einer Webseite zeigt diese gleich an. Als Referenzseite verwendeten wir [13]. Die Seite speicherten wir wiederum lokal ab und luden sie zehn Mal neu, aus den gemessenen Zeiten bildeten wir den Mittelwert. In diesem Benchmark schneidet nun Firefox 3 deutlich besser ab als sein Vorgänger. Er braucht im Mittel nur rund 675 ms, während sich Firefox 2 rund 1002 ms mit dem Seitenaufbau beschäftigt: ein deutlicher Gewinn (32 Prozent) an Performance.

Nach den Tests an statischen Webseiten stand die Javascript-Engine auf dem Prüfstand. Dazu verwendeten wir den Javascript-Benchmarks von SunSpider [14]. Er testet eine Reihe von nicht browserspezifischen Routinen und misst die Zeit. Auch hier zieht der neue Platzhirsch wieder an seinem Vorgänger vorbei. Laut SunSpider geht Firefox 3 bei Javascript rund 1,13 mal so schnell zu Werke wie Firefox 2. Dies dürfte sich besonders bei den derzeit so beliebten Webseiten mit Ajax (also Gmail und Co.) bemerkbar machen.

ZU guter Letzt prüften wir den Speicherbedarf des Browsers – hat doch Firefox 2 den Ruf, RAM regelrecht zu fressen. Um das zu analysieren, starten wir die Testkandidaten mit einem sauberen Profil und luden zehn Webseiten mit größeren Inhalten in einzelnen Tabs. Mit der Systemüberwachung von Gnome warfen wir dann einen Blick auf den Speicher des jeweiligen Prozesses. Auch hier scheinen die Entwickler bei Firefox 3 ganze Arbeit geleistet zu haben: Statt 100 MByte Firefox 2 braucht der Neue nur noch 75 MByte.

Performance-Vergleich

Browser CSS Rendering Load Time Table SunSpider Speicherauslastung
Firefox 2.0.0.11 692 ms 1002 ms 18,9 s 100 MByte
Firefox 3 Beta 3 845 ms 675 ms 16,7 s 75 MByte
Opera 9.25 (32-Bit) 370 ms 11,6 s 90 MByte
Opera 9.50 Beta2 (64-Bit) 216 ms 10,8 s 112 MByte

Im Bereich der Performance des Browsers hat sich demnach viel getan. Doch nach wie vor schafft es Firefox nicht, dem Browser Opera das Wasser zu reichen: In allen Tests zeigt Opera deutlich überlegen (Tabelle Performance-Vergleich). Eventuell bessert sich das Bild bei der offiziellen Freigabe von Firefox noch etwas. Dann steht voraussichtlich auch eine 64-Bit-Version zum Test bereit.

Fazit

Firefox 3 macht nicht nur mit den hier bereits beschriebenen Funktionen eine gute Figur, sondern auch mit neuen Features wie dem verbesserten Phishing-Schutz und der vereinfachten Installation von Addons, die nicht von Mozillas Addon-Seite stammen. Für die Beta 4 haben die Entwickler hier weitere Verbesserungen angekündigt [10]. Firefox 3 kommt dann voraussichtlich mit den Internet-Tasten mancher Multimediatastaturen klar und arbeitet besser mit dem Sessionmanagement von Gnome zusammen.

Alles in allem erweist sich Firefox 3 schon vorab als ein wichtiger Baustein für den Linux-Desktop. Die Software integriert sich künftig fast nahtlos und bringt viele Komfortfunktionen mit, die bisher gefehlt haben. Benutzer, die KDE als Desktop bevorzugen, schauen allerdings noch in die Röhre: Mal wieder entscheidet sich ein großes Projekt für GTK.

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