10,1-Zoll-Convertible von Asus mit AVMultimedia

Aus LinuxUser 10/2019

10,1-Zoll-Convertible von Asus mit AVMultimedia

© Computec Media GmbH

Flinker Zwerg

Multimedia mit Linux verwalten und bearbeiten – das ist die Domäne des kleinen 2-in-1-Asus-Convertible mit der Distribution AVMultimedia.

Wir konsumieren immer mehr Multimediainhalte. Damit dabei die Kreativität nicht zu kurz kommt, hatte der Schweizer Open-Source-Entwickler Urs Pfister die Idee zu einer Distribution, die diese Inhalte nicht nur darstellen oder abspielen kann, sondern auch deren Bearbeiten und Publizieren ermöglicht. Wir haben bereits 2018 über das damals gerade gestartete Projekt berichtet [1]. Pfister betreibt in der Nähe von Zürich seit über 20 Jahren die Firma Archivista und vertreibt unter anderem eine quelloffene Dokumentenarchivierungssoftware gleichen Namens [2].

Die bekannten Multimediadistributionen wie Open- oder LibreELEC können zwar große Sammlungen von Audio- und Videodateien sowie Bilder optisch ansprechend präsentieren, ihnen fehlen aber Anwendungen zum Bearbeiten dieser Medien. Eben solche bietet beispielsweise AV Linux, wendet sich mit semiprofessionellem Anspruch aber eher an etwas erfahrenere Anwender.

Was Pfister vorschwebte, war eine Distribution, die familientauglich ohne viel Aufwand in die Materie einführt. Sie sollte es erlauben, etwa Fotos und Filme aus dem Urlaub oder von den ersten musikalischen Gehversuchen der Kinder hobbymäßig zu bearbeiten, sie gleichzeitig zu verwalten und auf Knopfdruck abzuspielen. Die Software sollte neben den privaten Ansprüchen auch einfache Anforderungen für das Berufsleben befriedigen.

Heraus kam AVMultimedia, eine kleine Distribution auf der Basis des Debian-Ablegers Devuan. Der unterscheidet sich von der Mutterdistribution Debian hauptsächlich durch den Verzicht auf Systemd. Die aktuelle Version von AVMultimedia basiert auf dem LTS-Kernel 4.19.32 und der Desktop-Umgebung Maté. Mit Letzterem kommt ein Desktop zum Einsatz, der wenig Ressourcen beansprucht und Neueinsteiger nicht mit zu vielen Konfigurationsoptionen erschlägt (Abbildung 1).

Abbildung 1: Der Maté-Desktop, ein Abkömmling von Gnome 2, passt gut in das Konzept von AVMultimedia: Das Leichtgewicht erschlägt Anfänger nicht mit überbordenden Konfigurationsoptionen.

Abbildung 1: Der Maté-Desktop, ein Abkömmling von Gnome 2, passt gut in das Konzept von AVMultimedia: Das Leichtgewicht erschlägt Anfänger nicht mit überbordenden Konfigurationsoptionen.

Hardware inklusive

AVMultimedia verbindet das vollwertige Mediacenter Kodi mit den Bearbeitungsmöglichkeiten, die ein auf Multimedia ausgelegter Laptop oder Desktop bieten. Im letzten Jahr kombinierte Pfister diese Mischung dann mit einer mobilen Hardware-Lösung, die er in Form des 2-in-1-Convertibles Asus Transformer Book T101H (10,1-Zoll-Display) für rund 350 Euro anbietet (Abbildung 2). Sie können das Gerät über die Webseite von Azurgo beziehen [3].

Abbildung 2: Ein magnetischer Steckverbinder, der sich leicht lösen lässt, koppelt das Tablet mit dem Tastaturdock. Alle Anschlüsse befinden sich an der linken Seite des Tablets, sodass das Dock auch zu Hause bleiben darf.

Abbildung 2: Ein magnetischer Steckverbinder, der sich leicht lösen lässt, koppelt das Tablet mit dem Tastaturdock. Alle Anschlüsse befinden sich an der linken Seite des Tablets, sodass das Dock auch zu Hause bleiben darf.

Ableger für Fahrradtouristen

Neben dem Multimedia-Rechner bietet der begeisterte Radfahrer Pfister zum Preis von rund 340 Euro auch eine Variante des T101H-Convertibles an, die zusätzlich den Offline-Routenplaner QMapShack [9] samt rund 20 GByte Kartenmaterial für Deutschland, Schweiz, Liechtenstein, Österreich, Italien und Frankreich umfasst.

Das T101H [4] basiert auf einer Atom-x5-Z8500-CPU von Intel. Deren vier Kerne arbeiten mit einem Basistakt von 1,44 GHz, der im Turbomodus auf maximal 2,24 GHz steigt. Der Arbeitsspeicher umfasst 4 GByte LPDDR3-RAM, als Massenspeicher stehen 64 GByte fest verlöteter eMMC-Flash-Speicher parat.

Eine ebenfalls von Intel stammende HD-Graphics-GPU stellt die Inhalte auf einem spiegelnden 10,1-Zoll-Display dar. Das ist als Touchscreen mit 10-Punkt-Multitouch ausgelegt und löst mit 1280 mal 800 Bildpunkten auf. Das WLAN operiert nach dem Standard 802.11ac, Bluetooth ist in Version 4.1 integriert.

Die Schnittstellenausstattung umfasst je einen USB-2.0-, Micro-USB- und Micro-HDMI-Port sowie einen SD-Karteneinschub. Die integrierte Webcam löst mit zwei Megapixeln auf. Tablet und Tastaturdock lassen sich unkompliziert trennen und wiegen jeweils rund 500 Gramm. Noch portabler geht bei der Fülle an Anwendungsmöglichkeiten kaum.

Die gut verarbeitete Hardware macht einen recht stabilen Eindruck: Sie gibt sich ausreichend verwindungssteif, das Tastaturbett drückt sich kaum durch. Auch der Mechanismus für das Aufstecken des Tablets auf das Tastaturdock macht einen sehr soliden Eindruck. Allein der spiegelnde Bildschirm schränkt die Mobilität vermutlich etwas ein, wenn es um das Arbeiten im Freien geht. Dieses Problem haben allerdings alle uns bekannten Convertibles.

Komplett im RAM

Kauft man das Asus T101H im Handel, kommt es mit vorinstalliertem Windows 10. Das von Pfister vertriebene Modell setzt dagegen voll auf Linux. Bei AVMultimedia handelt es sich um eine RAM-basierte Distribution, die auf der ersten Partition des Festspeichers liegt und die der Rechner beim Start in den Hauptspeicher lädt. Das dauert weniger als 30 Sekunden, für ein Tablet recht flott. Auch das Arbeiten aus dem RAM geht zügig von der Hand. Für den Tablet-Modus verfügt AVMultimedia über eine virtuelle Bildschirmtastatur (Abbildung 3).

Abbildung 3: Im Tablet-Modus lässt sich über ein Icon auf dem Desktop eine virtuelle Tastatur öffnen, die das Gerät unabhängig von der realen Tastatur macht.

Abbildung 3: Im Tablet-Modus lässt sich über ein Icon auf dem Desktop eine virtuelle Tastatur öffnen, die das Gerät unabhängig von der realen Tastatur macht.

Als einsteigertaugliche Distribution legt AVMultimedia Wert auf eine einfach und intuitive Bedienung, weswegen es auch für jede Aufgabe nur eine Anwendung ausliefert. Bei der Verwendung soll möglichst wenig Bedarf an Support anfallen. Die Distribution läuft seit Version 2019/V vom Mai dieses Jahres in einem nun zusätzlich komprimierten RAM-Modus komplett im RAM. Dabei bindet sie die Anwendungen direkt in komprimierter Form per SquashFS ins System ein und nutzt auf diese Weise die 4 GByte RAM effektiver als zuvor (Abbildung 4).

Abbildung 4: Gleich nach dem Start belegt AVMultimedia rund 2,2 der 4 GByte Hauptspeicher. Nach Aufruf einiger Programme bleiben immer noch 1,5 GByte frei.

Abbildung 4: Gleich nach dem Start belegt AVMultimedia rund 2,2 der 4 GByte Hauptspeicher. Nach Aufruf einiger Programme bleiben immer noch 1,5 GByte frei.

Fokus auf Multimedia

Die Paketauswahl stützt sich für Büroarbeiten auf LibreOffice. In der Grafikabteilung übernimmt Gimp die Fotobearbeitung, während sich Inkscape den Vektorgrafiken widmet. Dokumente lassen sich mit Scribus gestalten und Schriften mit Fontforge bearbeiten.

In der Abteilung Multimedia stechen das Mediacenter Kodi und der Mediaplayer VLC ins Auge. Für das Bearbeiten von Inhalten finden sich Flowblade zum Schneiden von Videos und Audacity zum Editieren von Musik. Um den grafischen Notensatz kümmert sich Musescore. Auch der Audio- und MIDI-Sequencer Rosegarden beherrscht zusätzlich Notensatz und bietet eine freie Alternative zu Anwendungen wie Cubase (Abbildung 5).

Abbildung 5: Musiker finden bei AVMultimedia mehrere Anwendungen. Mit Ardour und Rosegarden sind gleich zwei digitale Audio-Workstations an Bord, dazu gesellt sich die Notensatzsoftware Musescore.

Abbildung 5: Musiker finden bei AVMultimedia mehrere Anwendungen. Mit Ardour und Rosegarden sind gleich zwei digitale Audio-Workstations an Bord, dazu gesellt sich die Notensatzsoftware Musescore.

Zur Fernwartung gibt es Remmina, X11VNC ermöglicht das Aufsetzen eines VNC-Servers zur Wiedergabe entfernter Bildschirme auf dem heimischen Display. Das mächtige OBS Studio (Open Broadcaster Software) hat Pfister kürzlich hinzugefügt, um Sitzungen innerhalb von AVMultimedia aufzeichnen und live streamen zu können.

Daneben kommt auch das Thema Programmieren nicht zu kurz, wobei AVMultimedia hier durchaus auch Kinder und Jugendliche anspricht. So hat Pfister neben Python und Perl für die junge Klientel die Software Scratch 3.0 [5] nativ integriert, die mit 300 MByte recht umfangreich ausfällt. Daher liegt sie auf dem Festspeicher und wird nicht im RAM ausgeführt. Durch die native Einbindung lässt sich die in Javascript realisierte Software nun auch offline und nicht nur im Browser nutzen (Abbildung 6).

Abbildung 6: Mit der visuellen Programmiersprache Scratch lassen sich Kinder und Jugendliche an die Software-Entwicklung heranführen.

Abbildung 6: Mit der visuellen Programmiersprache Scratch lassen sich Kinder und Jugendliche an die Software-Entwicklung heranführen.

Für das Surfen im Netz steht Firefox bereit, doch zuvor müssen Sie per Wicd aus dem Untermenü Internet WLAN aktivieren. Diese Verbindung übersteht allerdings keinen Neustart. Eine persistente Verbindung lässt sich unter System | AVMultimedia | Netzwerk realisieren, indem Sie dort WLAN auswählen. Die Einstellung USB dient dem Tethern per Smartphone für unterwegs. Daneben stehen noch eine kabelgebundene Verbindung mit statischer IP oder per DHCP sowie das völlige Abschalten des Netzwerks zur Wahl.

Die Druckereinrichtung findet sich unter System | Drucker verwalten. Nach dem Einrichten eines neueren Druckers müssen Sie, wie bei allen anderen Änderungen an der Konfiguration, das Setting unter System | AVMultimedia | Einstellungen manuell speichern. Dort wählen Sie unter Dienste die jeweilige Aufgabe und sichern dann. Das steht auch dann an, wenn Sie Daten auf der Festplatte ablegen oder neue Anwendungen installieren. Das Scannen beherrscht AVMultimedia noch nicht, Pfister arbeitet aber bereits daran.

Paketverwaltung

Zur Paketverwaltung bringt AVMultimedia Synaptic mit. Sie können diese Aufgabe aber ebenso per Apt im Terminal erledigen; dort fehlt allerdings derzeit noch die Autovervollständigung mittels Bash-Completion. Als Paketquelle lassen sich zwar die Devuan-Repositories verwenden, doch für sinnvoller hält Pfister das Nutzen von Software im AppImage-Format: Eine Installation fällt dann flach, die Programme lassen sich nach dem Download einfach per Mausklick starten. Auf der Webseite AppImageHub [6] finden Sie ein reichhaltiges Angebot solcher Anwendungen.

Die aktuelle Version von AVMultimedia, zu Redaktionsschluss erst wenige Wochen alt, beziehen Sie über OSDN, einen Dienst für Open-Source-Software-Entwickler [7]. Pfister aktualisiert die Images regelmäßig und arbeitet dabei neue Funktionen ein. Um eine solche Aktualisierung einzuspielen, legen Sie das entsprechende ISO-Image in /home/archivista/data ab, drücken in der Leiste am unteren Rand des Displays den Button zum Ausschalten des Geräts, und klicken in der daraufhin erscheinenden Auswahlbox auf Update auf Festplatte aufspielen. Anschließend folgen Sie der Aufforderung zum Neustart oder tippen den Befehl /insthd/insthd.pl avmultimedia.iso 1 ein.

Das Standardpasswort lautet archivista, es lässt sich unter System | AVMultimedia | Passwörter ändern. Beim Erstellen eines Root-Passworts lassen Sie das Feld für das bisherige Passwort leer: Es existiert keines. Eine Baustelle, an der der Entwickler noch arbeitet, ist das Minimieren von Anwendungen in den System-Tray. Derzeit verschwinden minimierte Anwendungen vermeintlich, da der Tray nur aktive Programme anzeigt. Ein Druck auf [Alt]+[Tab] bringt solchermaßen unsichtbare Apps aber wieder zum Vorschein.

AVMultimedia auf eigener Hardware

AVMultimedia lässt sich auf jedem Rechner mit x86-Architektur und mindestens 4 GByte Hauptspeicher nutzen. Hier kann die Distribution beispielsweise vom USB-Stick laufen. Beim Start wählen Sie dann aus, ob das System von der Festplatte starten soll (wozu der Bootloader deren erste Partition einbindet) oder vom Stick. Befindet sich das System erst einmal im RAM, dürfen Sie den USB-Stick abziehen und den USB-Port anderweitig nutzen. Außer auf dem Asus Transformer T101 hat Pfister AVMultimedia auch auf den Geräten Asus T103, Lenovo MIIX 320 und Acer Swift 5 getestet.

Rühriger Entwickler

Unterstützung bei Problemen mit AVMultimedia bietet ein Forum [8], ein Handbuch zur Dokumentation befindet sich in Arbeit. Urs Pfister reagiert schnell auf Fehler und Kritik. Unser Testgerät zeigte aus bisher unerfindlichen Gründen völlig falsche Datums- und Zeiteinstellungen. Das veranlasste Firefox dazu, Seiten nur nach Bestätigung einer Ausnahme zu öffnen. Beim Versuch, die Einstellungen zu korrigieren, stellte sich das dafür gedachte Maté-Tool in der implementierten Form als unzulänglich heraus. Bereits am nächsten Tag hatte Pfister ein Werkzeug erstellt, das ein Einstellen von Datum und Zeit außerhalb der Desktop-Umgebung über den Menüpunkt System | AVMultimedia | Datum und Uhrzeit erlaubt.

Fazit

Mit AVMultimedia lässt sich auf dem Asus-Convertible zügig arbeiten. Man merkt der Distribution jedoch an, dass sie noch in der Entwicklung steht und kein großes Team dahintersteckt. Pfister versicherte uns aber, er werde künftig mehr Zeit in AVMultimedia investieren, da er es für sein kommerzielles Produkt Archivista als Basis verwenden will.

Diese von Pfister angebotene Kombination von Hard- und Software eignet sich nicht nur gut dafür, um Medien zu bearbeiten, sondern befindet sich auf dem Weg zu einer vollwertigen Distribution mit Fokus auf Multimedia. Zudem bietet sich das Paket als erstes Notebook für Kinder und Jugendliche an, denen es ein spielerisches Lernen, den Einstieg in die Programmierung und eine Unterstützung beim Erlangen von Medienkompetenz bietet.

Als äußerst gewöhnungsbedürftig empfanden wir den Zwang zum Sichern nach jeder Änderung am Desktop, an Dateien und an der Konfiguration sowie nach jedem Einspielen von Software. Vergisst man das, gehen beim Reboot alle Änderungen verloren. Wir haben Urs Pfister vorgeschlagen, dem Dialog zum Sichern zumindest ein Tastenkürzel zu spendieren, sodass man sich nicht ständig durch das Menü hangeln muss. Alle Benutzerdaten sollten zudem regelmäßig auf einen USB-Stick gesichert werden.

Um den Anspruch zu erfüllen, AVMultimedia leicht zugänglich und ohne viel Supportbedarf nutzbar zu machen, muss Pfister also noch einige Baustellen abarbeiten. Bei der derzeitigen Aktualisierungsfrequenz sehen wir da aber kein Problem.

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