Das Volla Tablet ist ein durchaus vielversprechender Wanderer zwischen den Welten: Es funktioniert mit dem Android-basierten Volla OS und mit Ubuntu Touch.
Tablets mit Linux sind eine seltene Gattung – funktionierende noch viel mehr. Obendrein scheinen Linux-Tablets vom Pech verfolgt: Angefangen mit dem Vivaldi Tablet [1], über dessen Probleme wir im LinuxUser bereits 2014 berichtet haben, bis hin zum Versuch der finnischen Firma Jolla, ein Tablet mit Sailfish OS [2] zu etablieren, gleicht die Entwicklung einer Geschichte des Scheiterns.
Einen vielversprechenden Start für ein mit Linux nutzbares Tablet legte in der jüngeren Vergangenheit das aus China stammende JingPad A1 [3] hin, das wir im Jahr 2022 unter die Lupe genommen haben. Die Hardware konnte zwar voll überzeugen, aber die Firma verschwand über Nacht von der Bildfläche, bevor die Software das Beta-Stadium verließ. Die These der vom Pech verfolgten Linux-Tablets bestätigt sich offenbar. Das PineTab2 [4] der Firma Pine64 bildet da eher die Ausnahme. Allerdings verbaut es bei dem niedrigen Preis von nur 160 US-Dollar entsprechend schwache Hardware und wendet sich damit eher an Bastler als an den üblichen Kunden, der auspacken und produktiv loslegen möchte.
Erfreulicherweise brachte der Postbote kürzlich einen neuen Vertreter der Gattung Linux-Tablet: Ein 12,3-Zoll großes Tablet von Volla Systeme [5], einem Smartphone-Ausrüster aus Remscheid, den Dr. Jörg Wurzer 2017 als Hallo Welt Systeme gründete. Das Gerät lässt sich seit Januar 2025 im Shop von Volla bestellen. Das Volla Tablet ist wie die Volla Phones ein Zwitter: Es läuft sowohl mit dem hauseigenen Volla OS als auch mit Ubuntu Touch. Über die Smartphones des Herstellers haben wir in LinuxUser 04/2023 [5] berichtet und beide Distributionen vorgestellt.
Das Tablet vermittelt direkt nach dem Auspacken eine wertige Haptik und auch bei genauerem Hinsehen erweist sich die Verarbeitungsqualität als gut. Das Gerät liegt mit 500g Gewicht satt in der Hand und die Spaltmaße weisen keine Abweichungen auf. An der Oberseite, wo rückseitig die Kameras sitzen, sind der Einschalter und die Wippe zum Regulieren der Lautstärke angebracht. Ein längerer Druck des Einschalters im laufenden Betrieb öffnet ein Fenster zum Ausschalten beziehungsweise Neustarten des Geräts oder zur Aufnahme eines Screenshots. Auf der Rückseite des ansonsten schlicht gehaltenen Geräts prangt eingraviert der Volla-Schriftzug (Abbildung 1).

Abbildung 1: Das Volla Tablet ist schlicht, aber präzise gearbeitet und trägt auf der Rückseite den Schriftzug von Volla.
An der gegenüberliegenden Längsseite befindet sich eine Schnittstelle aus fünf Pogo-Pins für ein Tastaturcover, das ab April 2025 erhältlich sein soll. Die kurze rechte Seite beherbergt zwei Lautsprecher und mittig dazwischen einen Slot für entweder zwei Nano-SIM-Karten oder eine Nano-SIM und eine SD-Karte. Auf der linken Seite haben die Entwickler zwei weitere Lautsprecher untergebracht, zwischen denen ein USB-C-Port für USB 2.0 und USB-OTG sitzt.
Obere Mittelklasse
Das Display ist spiegelnd und bietet eine Auflösung von 2650 x 1600 Pixel. Damit eignet es sich für Videowiedergabe und Gaming. Der Prozessor MediaTek Gaming G99 rangiert in der oberen Mittelklasse: Er verfügt über acht Kerne und enthält zwei ARM Cortex-A76 Kerne mit bis zu 2,2 GHz Takt sowie sechs ARM Cortex-A55 Kerne, die mit bis zu 2 GHz zu Werke gehen. Der integrierte Grafikprozessor trägt die Bezeichnung ARM Mali-G57 MP2. Auch die GPU entstammt dem mittleren Marktsegment und erlaubt das Zocken anspruchsvollerer Spiele mit einigen Einschränkungen. Der CPU stehen 12 GByte LPDDR4-RAM und 512 GByte interner Speicher zur Seite. Damit kann das Tablet bei alltäglichen Aufgaben zügig zu Werke gehen. Weitere Spezifikationen entnehmen Sie bitte der Tabelle “Technische Daten”.
|
Spezifikationen |
Details |
|---|---|
|
Display |
12,3 Zoll Quad HD mit 2650 x 1600 Pixel Auflösung |
|
Prozessor |
Mediatek Gaming G99 8-Kern-Prozessor |
|
Arbeitsspeicher |
12 GByte |
|
Massenspeicher |
256 GByte oder 512 GByte |
|
Akku |
10 000 mAh |
|
Kameras |
13+5 MP-Hauptkamera (AF, FF) und 5 MP-Frontkamera |
|
Sensoren |
G-Sensor, M-Sensor, L-Sensor, P-Sensor, HALL, MOTO, Gyroskop |
|
Konnektivität |
Unterstützung für 2G/3G/4G-Mobilfunknetze, WiFi und Bluetooth 5.0 |
|
SIM |
Zwei Nano-SIM-Karten oder eine Nano-SIM-Karte plus MicroSD-Speicherkarte |
|
Anschlüsse |
USB-C für USB 2.0 und USB-OTG |
|
Maße |
278,5 x 174 *x 7,5 mm |
|
Gewicht |
500 Gramm |
|
Audio |
vier Lautsprecher |
|
4G FDD Bänder |
B1/2/3/4/5/7/8/12/17/18/19/20/25/26/28AB/30 |
|
4G TDD Bänder |
B34/38/39/40/41 |
|
3G WCDMA Bänder |
B1/2/4/5/6/8/9 |
|
2G GSM Bänder |
B2/3/5/8 |
Als weitere Komponenten sind ein Akku mit 10 000 mAh Speicherkapazität und ein Mobilfunk-Chip mit Unterstützung für 2G/3G/4G-Mobilfunknetze, WLAN und Bluetooth zu nennen. Die fünfte Generation des Mobilfunkstandards kommt für diesen Chip nicht infrage. Der Akku hält bei Bürotätigkeiten, Surfen und Videoschauen rund sieben Stunden durch. Das Volla Tablet besitzt zudem drei Kameras. Neben der 13-Megapixel-Hauptkamera ist eine 5-Megapixel-Ultraweitwinkelkamera eingebaut. Eine 5-Megapixel-Frontkamera für Selfies und Videoanrufe vervollständigt das Angebot. Die Aufschrift AI Camera lässt vermuten, dass hier KI-gestützte Bildverbesserung zum Einsatz kommt.
Ubuntu Touch
Beim Betriebssystem wählt der Kunde zwischen Volla OS in Version 13 und einem auf dem Android Open Source Project (AOSP) basierenden System namens Ubuntu Touch (Abbildung 2), das das Android vereinfachen möchte. Dahinter steckt die Fortführung des bei Canonical entwickelten OS durch die UBports-Foundation. Wir haben uns für diesen Test für Ubuntu Touch entschieden. Über die Jahre haben wir es mehrfach ausprobiert, ohne dabei wirklich warm damit zu werden. Also folgt nun hiermit der nächste Versuch. Im März wollen die Volla-Entwickler die oft von Kunden nachgefragte Möglichkeit zum Dual Boot per Update ausliefern, sodass sich beide Systeme gleichzeitig installieren lassen. Die Entwickler-Community arbeitet derzeit an der Portierung der Debian-Variante Droidian und an Sailfish OS für Volla.

Abbildung 2: Zum Wechsel zwischen bereits gestarteten Apps genügt ein Wischer von rechts, um die Apps anzuzeigen und auszuwählen.
Die Version von Ubuntu Touch auf unserem Gerät basiert noch auf Ubuntu Touch 20.04 “Focal Fossa” mit dem Update auf OTA-7 [7] vom Dezember 2024 und Kernel 5.10.214. Die Entwickler werden Ubuntu 22.04 überspringen und wollen in den nächsten Monaten zur Version 24.04 wechseln und damit die Aufholjagd des von Canonical mit Version 16.04 übernommenen Ubuntu Touch beenden. Eine Alpha-Version zum Testen steht bereits zur Verfügung.
Gut vorbereitet
Bei uns kam das Tablet mit betriebsbereitem Ubuntu Touch und rund 35 vorinstallierten Apps ins Haus. Neben den üblichen Verdächtigen wie dem hauseigenen, auf der Qt WebEngine basierten Browser Morph (Abbildung 3), der Office-Suite LibreOffice und Anwendungen für den täglichen Bedarf wie Wetter, Camera, Kontakte und Kalender sorgt der OpenStore (Abbildung 4) für weiteren App-Nachschub [8]. Er liefert speziell für Ubuntu Touch entwickelte Apps. Darüber hinaus springen drei Apps besonders ins Auge: Da ist zunächst Snapz0r, das auf Wunsch Canonicals Snap-Paketverwaltung zugänglich macht und damit unter anderem auch Docker auf Ubuntu Touch ermöglicht.

Abbildung 3: Der UBports-Browser Morph macht einen guten Job, bietet aber keine Erweiterungen. Firefox lässt sich bei Bedarf problemlos über Libertine installieren.

Abbildung 4: Die empfohlene Quelle für die Installation weiterer Apps ist OpenStore, dort lässt sich für eine größere Auswahl auch F-Droid installieren.
Im Gegensatz zu Ubuntu auf dem Desktop handelt es sich bei Ubuntu Touch um ein System, das wie Android standardmäßig als Read-Only-System konfiguriert ist. Das dient der Systemstabilität und Sicherheit. Das System ist so konzipiert, dass Aktualisierungen über OTA (Over-the-Air) erfolgen, anstatt einzelne Pakete zu aktualisieren. Die Installation von Apps ist auf OpenStore beschränkt. Es gibt aber zwei Möglichkeiten, das Spektrum an installierbaren Apps zu erweitern, womit wir bei zwei weiteren Apps sind, die unsere Aufmerksamkeit erregten: Libertine und Waydroid.
Libertine
Während Libertine [9] als die für Ubuntu Touch empfohlene Methode fungiert, traditionelle Apps für die X-86-Architektur wie Firefox in Containern zu installieren, hat Waydroid [10] die Aufgabe, Ubuntu Touch durch Android-Apps zu bereichern. Waydroid liefert Apps ohne nennenswerten Overhead in LXC-Containern aus. Mit beiden Anwendungen haben wir in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen gemacht, weshalb unser Augenmerk bei diesem Test besonders auf ihnen lag. Immerhin tragen ihre Funktionsversprechen erheblich zur Attraktivität von Ubuntu Touch bei.
Ubuntu Touch verwendet Mir als Display-Server, beim Desktop-Ubuntu dagegen kommen Wayland oder der herkömmliche X-Server zum Einsatz. Libertine stellt einen Container mit einem Dateisystem mit Schreib- und Leserechten zur Verfügung und erlaubt so grundsätzlich das Installieren fast jeder X11-basierten Ubuntu-Anwendung. Die Bedienbarkeit ist wegen der kleineren Displays auf mobilen Geräten nicht immer gegeben, das sollte aber auf dem Volla Tablet mit seiner 12,3-Zoll-Diagonalen kein Problem sein. Um Libertine in Betrieb zu nehmen, müssen Sie die Umgebung zuerst aus den Einstellungen installieren. Der Vorgang dauert rund zehn Minuten. Dabei wird ein weiteres Dateisystem in einem Container bereitgestellt, das im Gegensatz zu dem Dateisystem von Ubuntu Touch beschreibbar (rw) eingehängt wird.
Wir versuchten im ersten Schritt das im OpenStore fehlende KDE Connect einzubinden. Das allein gelang zwar, aber die App ließ sich nicht benutzen, da sich die Darstellung auch mit dem Libertine Tweak Tool nicht ausreichend anpassen ließ. Daraufhin erstellten wir einen Container mit Firefox. Nachdem wir den DPI-Wert mit dem Tool auf den Wert 220 eingestellt hatten, war Firefox perfekt skaliert und uneingeschränkt zu verwenden.
Waydroid
Nun ging es daran, KDE Connect über Waydroid zu integrieren. Dazu müssen Sie Waydroid erst einmal über die App Waydroid Helper installieren. Beim ersten Versuch startete Waydroid nicht, nach erneuter Installation glückte der Start. Wir konnten Apps wie F-Droid, Tailscale und Quasseldroid einbinden und nutzen. KDE Connect ließ sich zwar installieren und starten, aber nicht verbinden. Die kabellose Verbindung zwischen Tablet und PC funktionierte schließlich nach der Installation von Warpinator. Die Verbindung per Kabel mit dem PC über das MTP-Protokoll gelang auf Anhieb.
Nach dem Einlegen einer SIM-Karte kamen wir problemlos ins Internet. Telefonate ließen sich in ausreichender Qualität führen, während das Gerät in einem Notebookständer verweilte. Die Kameras schießen ordentliche Bilder, wobei im Vergleich mit ähnlich teuren Smartphones noch Luft nach oben bleibt. Das liegt jedoch vermutlich nicht an der Hardware, sondern eher an der Kamera-App.
Fazit und Ausblick
Das Volla Tablet präsentiert sich als ein solides Gerät, das uns besonders durch seine gute Verarbeitung und sein großes Display Freude bereitet hat. Mit dem kurz bevorstehenden Update der Dual-Boot-Funktion erhält das Gerät nochmals eine deutliche Aufwertung. Ein passendes Tastatur-Cover soll ab April im Shop zu bestellen sein.
Der einzige Haken beim Volla Tablet liegt in dessen Preis. Das nackte Tablet samt Ladegerät kostet bei Vireo derzeit 663 Euro [11], im Volla Shop müssen Sie mit 698 Euro [12] rechnen. Das ist im Vergleich mit der Konkurrenz relativ teuer, obwohl man selbstverständlich für die Kleinserie und das Erstellen sowie Anpassen der Software einen gewissen Aufschlag akzeptieren muss. Volla hat sich zum Ziel gesetzt, möglichst viele Arbeitsschritte in Deutschland unter eigener Kontrolle zu halten. Kürzlich schaffte das Unternehmen erste Maschinen für Kleinserien von Bauteilen an. Damit stellt Volla bereits die Rückteile des Tablets vor Ort her.
Das von uns getestete Ubuntu Touch hat seit unserem letzten Test vor drei Jahren deutlich zugelegt, wirkt aber immer noch nicht ganz zu Ende entwickelt. Besonders die Zugaben Libertine und Waydroid können noch nicht ansatzweise als ausgereift gelten. So gesehen ist Volla OS eine sichere Bank für Nutzer, die auf Stabilität angewiesen sind. Aber auch mit Ubuntu Touch lässt sich produktiv arbeiten, sofern Sie auf Libertine und Waydroid nicht angewiesen sind. (csi)
Infos
-
Open Hardware: Ferdinand Thommes, “Vivaldi meets Don Quijote “, LU 05/2014, S. 16, https://www.linux-community.de/32144
-
Jolla und Sailfish: Nils Färber, “Smarter Außenseiter”, LM 05/2014, S. 76, https://www.lm-online.de/31864
-
JingPad A1: Ferdinand Thommes, “Fluch der Tablets”, LU 06/2022, S. 80, https://www.linux-community.de/47123
-
PineTab2 – Kleines Linux-Tablet mit Tastatur kommt für 160 US-Dollar, Oliver Nickel, golem.de: https://www.golem.de/news/pinetab-2-kleines-linux-tablet-mit-tastatur-kommt-fuer-160-us-dollar-2303-172355.html
-
Volla Phone 22: Ferdinand Thommes, “Das Beste zweier Welten”, LU 04/2023, S. 78, https://www.linux-community.de/48357
-
OTA-7: https://linuxnews.de/ubuntu-touch-20-04-ota-7-focal-ist-da/
-
OpenStore: https://open-store.io/about
-
Libertine: https://wiki.ubuntuusers.de/Ubuntu_Touch/Libertine/
-
Waydroid: https://waydro.id/
-
Volla Shop: https://volla.online/de/shop/volla-tablet/






Hallo,
Ich habe den Test gekauft. Danke für die Infos zu der Ubuntu Variante und den Software Fragen. Ich hätte spannend gefunden auch etwas zu dem Volla eigenen Linux System zu hören. Und was fehlt, sind Infos über das Tablet an sich, was über die Herstellerangaben hinausgeht.
Vielleicht könnten Sie das noch machen? So ein nach 100 Tagen Alltagsbericht?