Top oder Flop – das Linux-Tablet JingPad A1 im Test

Aus LinuxUser 06/2022

Top oder Flop – das Linux-Tablet JingPad A1 im Test

© JingLing Tech

Fluch der Tablets

Das JingPad A1 entstammt der vom Pech verfolgten Gattung Linux-Tablet. Der sehr guten Hardware steht eine zwar nutzbare, aber noch mit Ecken und Kanten versehene Software gegenüber.

Von Zeit zu Zeit gibt es Geräte, die das Interesse der Linux-Gemeinde befeuern. Bestes Beispiel ist der Raspberry Pi, der Millionen Bastler auch 10 Jahre nach seiner Einführung noch wie am ersten Tag begeistert. Ein ähnlicher Hype entstand nach der Ankündigung des chinesischen Linux-Tablets JingPad A1, das viele Vorschusslorbeeren einheimste.

Linux-Tablets sind eine seltene Gattung und nicht gerade vom Erfolg verwöhnt. Der KDE-Entwickler Aaron Seigo musste das 2014 bitter lernen, als er ein Linux-Tablet namens Vivaldi entwarf und versuchte, es bauen zu lassen. Der Versuch scheiterte und hinterließ Seigo mit einem Schuldenberg, da er die Vorbesteller nach dem Scheitern des Projekts ausbezahlte. Wir berichteten in LinuxUser 05/2014 [1].

Gescheitert ist auch der Versuch der Firma Jolla, dem Jolla-Phone auch ein Tablet mit Sailfish OS folgen zu lassen. Es wurden rund 540 Geräte ausgeliefert, die restlichen Vorbesteller versprach man zu entschädigen [2]. Jolla stand kurz vor dem Bankrott und die Entschädigung ging gelinde gesagt sehr zäh vonstatten.

Das von Jolla lizenzierte Nachfolgeprojekt Youyota Sailfish OS 2-in-1 Tablet sammelte 2017 auf der Plattform Indiegogo fast 150 000 Euro ein. Seit 2018 herrscht auch hier Totenstille, ohne dass auch nur ein Gerät ausgeliefert wurde [3]. Das auf dem Raspberry Pi 4 basierende RasPad 3 wird zwar nie einen Preis für Design oder Leistung gewinnen, aber zumindest kann man es für 350 US-Dollar erwerben [4].

In etwa der gleichen Liga spielt das PineTab, kostet aber nur 99 US-Dollar [5]. Wenn Sie etwas mehr Leistung von Ihrem künftigen Linux-Tablet erwarten, lohnt vielleicht ein Blick auf das Librem 11, ein Tablet mit Docking Station, dessen Produktion derzeit aber in der Schwebe ist.

JingPad A1

Um das JingPad A1 und dem dahinterstehenden chinesischen Hersteller JingLing Tech steht es vermutlich auch nicht sonderlich gut, selbst wenn alle Vorbesteller inklusive des Autors pünktlich beliefert wurden – doch dazu später mehr. Zunächst einmal die Fakten zu dem mit JingOS, einer Eigenentwicklung auf der Basis von Qt und mit Anleihen bei KDE, ausgestatteten 11 Zoll großen Tablet. Die Spezifikation lässt sich auf der Webseite nachlesen [6]; hier seien deshalb zunächst nur das SoC Tiger T7510 von UNISOC mit 8 Kernen (4 Cortex-A75 mit 2 GHz und 4 Cortex-A55 mit 1,8 GHz) sowie 8 GByte LPDDR4-RAM und 256 GByte Flash-Speicher erwähnt.

Der Preis für das JingPad A1 inklusive Stylus und magnetischem Schutz-Cover belief sich auf 699 US-Dollar. Ein weiteres für 200 US-Dollar angebotenes Cover umfasst eine Tastatur samt Trackpad und macht das Gerät zum Convertible. Neben der enthaltenen On-Screen-Tastatur kann man ersatzweise aber auch eine Bluetooth-Tastatur verwenden. Der erste Eindruck nach dem Auspacken war äußerst positiv. Das Tablet wirkt qualitativ hochwertig und ist solide gebaut. Damit wird das JingPad A1 seinem Anspruch als Alternative zum iPad voll gerecht. Die Vorder- und Rückseite sind mit Gorilla Glass von Corning versehen, die Seiten umschließt ein solider Alurahmen. Die Magnete im Cover halten das Tablet und den Stift fest an ihrem Platz.

Tolles Display

Nach dem Einschalten folgt die nächste positive Überraschung. Das 11-Zoll-AMOLED-Display mit einem Seitenverhältnis von 4:3 und einer Auflösung von 2368 x 1728 Pixeln überrascht mit kräftig leuchtenden Farben bis hin zu sattem Schwarz mit gutem Kontrast. Auf der Oberseite des Rahmens finden sich links zwei Tasten für die Lautstärke, daneben an der linken Schmalseite die Taste zum Ein- und Ausschalten. Mittig an der rechten Breitseite sitzt der USB-C-Port, der auch zum Aufladen dient. Der Stift haftet magnetisch an der Oberseite des Tablets, wenn man ihn gerade nicht benutzt. Auch er besitzt einen USB-C-Port zum Aufladen.

Insgesamt hinterlässt die Hardware einen sehr guten Eindruck, besonders im Vergleich zur sonst oft mäßigen Qualität chinesischer Produkte. Haptisch fühlt es sich an wie ein iPad, die Spezifikation lässt eine fließende Bedienbarkeit erwarten. Deshalb schauen wir uns JingOS [7] näher an, das vorinstallierte Betriebssystem des JingPad A1.

Linux und Android

JingOS unterstützt Linux- und – beschränkt – Android-Apps. Um die Android-Kompatibilität zu wahren, läuft JingOS noch mit dem recht alten gepatchten Linux-Kernel 4.14 von UNISOC und setzt Halium [8] für das Beste aus beiden Welten ein. Neben den JingOS-Repositories sind kuratierte Ubuntu-20.04-Paketquellen und ein KDE-Repository aktiviert.

Das Betriebssystem basiert auf Ubuntu 20.04, KDE Frameworks 5.75 und Plasma Mobile 5.20. Als Display-Protokoll kommt zukunftsträchtig Wayland zum Zug. JingOS wird auf Github entwickelt, der Quellcode steht unter der GPLv3 zur Verfügung. Aktuell ist die Version JingOS V1.2 ARM vom 20. Januar 2022, die unter anderem Hardwarebeschleunigung und die Rotation des Bildschirms einführte. OpenGL ES 3.1 wird unterstützt, Vulkan noch nicht. JingOS läuft nicht nur auf dem JingPad A1, sondern lässt sich auf diversen anderen ARM-Geräten installieren.

Nach dem Start des Tablets gelangt man in einen aufgeräumten Desktop in starken Farben. Chinesische Entwickler haben in den letzten Jahren eine Designsprache entwickelt, die sich mit “simple Eleganz” ganz gut umschreiben lässt und die Sie vielleicht schon von Distributionen wie Deepin oder der Desktop-Umgebung Cutefish kennen [9]. Diesem Ansatz folgt auch JingOS.

Das System bringt einen Grundstock in Eigenregie entwickelter Apps mit. Dazu zählen Taschenrechner, Uhr, Dateimanager, Mediaplayer, Foto-App und Audiorekorder (Abbildung 1). Die Systemeinstellungen wurden komplett von KDE Plasma übernommen. Daneben gibt es noch eine eigene Anwendung für Einstellungen (Abbildung 2). Als Büroumgebung steht im Store das chinesische WPS Office bereit, LibreOffice kann man per Apt installieren.

Abbildung 1: Der Dateimanager von JingOS, eine Eigenkreation, bietet als kleines Leckerli die Möglichkeit, Tags mit verschiedenen Farben zu belegen.

Abbildung 1: Der Dateimanager von JingOS, eine Eigenkreation, bietet als kleines Leckerli die Möglichkeit, Tags mit verschiedenen Farben zu belegen.


Abbildung 2: Neben den Systemeinstellungen von KDE Plasma bringt JingOS noch ein eigenes Einstellungswerkzeug mit, über das sich unter anderem der WLAN-Zugang schnell aktivieren lässt. Es bietet zudem Zugriff auf die Display-Helligkeit und erlaubt das Umschalten in einen Dark Mode.

Abbildung 2: Neben den Systemeinstellungen von KDE Plasma bringt JingOS noch ein eigenes Einstellungswerkzeug mit, über das sich unter anderem der WLAN-Zugang schnell aktivieren lässt. Es bietet zudem Zugriff auf die Display-Helligkeit und erlaubt das Umschalten in einen Dark Mode.

Programme werden über den Homescreen gestartet und per Wischgeste nach oben wieder geschlossen. Eine Übersicht aller geöffneten Apps (Abbildung 3) erhält man, indem man kurz nach oben wischt und dann links oder rechts abbiegt. Oben links öffnet sich per Touch das Benachrichtigungsmenü, rechts poppt bei Berührung ein weiteres Menü auf. Es enthält Einstellungen für WLAN, Bluetooth, Audio, Kamera, Display-Helligkeit sowie einige Starter unter anderem für den Flugmodus, einen Taschenrechner und ein Screenshot-Tool. Am unteren Rand sitzt ein Dock, auf das man Apps vom Homescreen ziehen kann.

Abbildung 3: Das JingPad A1 bietet satte Farben, die die bonbonfarbene Designsprache unterstützen. Das Bild zeigt die Standard-Apps sowie zusätzlich installierte Office- und Multimediakomponenten.

Abbildung 3: Das JingPad A1 bietet satte Farben, die die bonbonfarbene Designsprache unterstützen. Das Bild zeigt die Standard-Apps sowie zusätzlich installierte Office- und Multimediakomponenten.

Store oder Paketmanager

Die Installation weiterer Software erfolgt entweder über den integrierten Store, der derzeit rund 100 Apps enthält (Abbildung 4), oder mithilfe des Debian-Paket-Frontends Apt. Letzteres bietet wesentlich mehr Anwendungen, wenn auch nicht den gesamtem Paketbestand von Ubuntu (Abbildung 5). Eine weitere ergiebige Quelle von Linux-Apps ist Flatpak. Eine Anleitung zur Installation von Flatpak und zum Einbinden in Flathub findet sich im Forum [10]. Der Vollständigkeit halber sei auch die Unterstützung von Snap erwähnt, die wir aber nicht getestet haben.

Abbildung 4: Der in JingOS integrierte Software Store bietet derzeit keine allzu große Auswahl. Die Ubuntu-Repos, die Sie per Apt aus der Konsole ansprechen, sowie Flathub führen viel mehr Pakete.

Abbildung 4: Der in JingOS integrierte Software Store bietet derzeit keine allzu große Auswahl. Die Ubuntu-Repos, die Sie per Apt aus der Konsole ansprechen, sowie Flathub führen viel mehr Pakete.


Abbildung 5: JingOS bindet neben dem eigenen Archiv auch Repositories von Ubuntu und KDE ein, die in der Konsole Zugriff auf zahlreiche Anwendungen bieten.

Abbildung 5: JingOS bindet neben dem eigenen Archiv auch Repositories von Ubuntu und KDE ein, die in der Konsole Zugriff auf zahlreiche Anwendungen bieten.

Als Flatpak installierte Apps lassen sich noch nicht über den Desktop erreichen, zum Starten muss die Konsole herhalten. Den Startbefehl finden Sie auf der jeweiligen Flathub-Seite ganz unten. Nach der Installation des Pakets openssh-server gelang im Test die Verbindung auf das JingPad per SSH. Screenshots vom Gerät haben wir über das per Flatpak installierte Tool Warpinator auf den Rechner gezogen.

Android-Apps

Um Android-Apps auf dem Tablet zu starten, greifen die Entwickler nicht auf etablierte Projekte wie Anbox oder Waydroid zurück, sondern nutzen eine eigene Lösung, für die einiges an Vorarbeit zu erledigen ist [11]. Dabei gilt es zu bedenken, dass sich die dafür nötige Software in einer Pre-Alpha-Phase befindet, mit Fehlern muss man also rechnen.

Zunächst lädt man von Google-Drive ein Archiv herunter, das vier DEB-Pakete enthält, die es hinterher zu installieren gilt [12]. Das funktioniert, ist aber wenig alltagstauglich. Ähnliches gilt für einen Großteil der Software, aber das lässt sich dank regelmäßiger Updates verschmerzen, die das System ständig verbessern.

Der Pferdefuß

Und nun kommt es, wie es bei Linux-Tablets so oft kommt: Die bislang ausgelieferten Geräte bleiben vermutlich die einzigen Exemplare dieses hervorragenden Geräts, die Software verbleibt unfertig, die Updates fallen seit einigen Wochen aus. JingLing Tech scheint zahlungsunfähig. Anfang Februar wurde über die entsprechenden Kanäle bekannt, dass das Unternehmen einen Großteil der Entwickler und des Support-Personals entlassen hat.

Einige Tage später begann der Ausverkauf. Restbestände des JingPad A1 wurden mit Stift und Tastatur für rund 500 anstatt der ursprünglichen 900 US-Dollar verkauft. Diese Geräte kamen zudem mit entsperrtem Bootloader, was erahnen lässt, dass das Unternehmen vermutlich nicht wieder auf die Beine kommt. So können die Besitzer zumindest auf Android oder von der Community erstellte Alternativen umsteigen. Mittlerweile ist der Shop offline. Ein geplantes JingPad C1 mit x86-Architektur dürfte es wohl auch nicht mehr geben.

Ubuntu Touch

Zum Abfedern des Schocks für Besitzer des JingPad A1 gibt es zumindest noch eine gute Nachricht: Das UBports-Projekt hat Mitte März Ubuntu Touch für das JingPad angepasst und die Installationsroutine in seinen Installer integriert. Bei Geräten der ersten Charge war der Bootloader gesperrt, und für die Entsperrung musste man per E-Mail einen auf das jeweilige Gerät angepassten Code in China anfordern. Diese Mails werden nun nicht mehr beantwortet, aber es gibt einen Weg über einen generischen Entsperrmechanismus, der nur in Chrome oder darauf basierten Browsern funktioniert [13].

In Windows oder MacOS klappt das ohne Weiteres, unter Linux muss man für das Gerät zunächst eine Udev-Regel erstellen. Dazu ruft man den Befehl sudo udevadm monitor auf und verbindet dann das Tablet mit dem PC. Die angezeigten Werte packt man dann in eine Udev-Regel. Ist der Bootloader einmal entsperrt und der UBports-Installer für das JingPad heruntergeladen, fehlt nicht mehr viel, bis Ubuntu Touch auf dem Tablet läuft [14]. Der Befehl sudo ./ubports-installer -f leitet die geführte Installation ein (Abbildung 6). Mittlerweile gibt es eine bebilderte Anleitung dazu aus der Community [15].

Abbildung 6: Besitzer des JingPad A1 wird es freuen, dass der Installer von Ubuntu Touch das Gerät mittlerweile unterstützt, sodass es in ein zweites Leben mit einem stets weiter entwickelten Betriebssystem starten kann.

Abbildung 6: Besitzer des JingPad A1 wird es freuen, dass der Installer von Ubuntu Touch das Gerät mittlerweile unterstützt, sodass es in ein zweites Leben mit einem stets weiter entwickelten Betriebssystem starten kann.

Fazit und Ausblick

Das JingPad macht Spaß, ist solide verarbeitet und läuft mit JingOS flüssig und ohne Hänger. Es gab bisher kein Linux-Tablet, das auch nur annähernd so solide und gut ausgestattet war wie das – allerdings nicht gerade günstige – JingPad. So schließt dieser Artikel hoffentlich für die Besitzer des bei Verarbeitung und Hardwareausstattung wirklich beeindruckend guten JingPad A1 halbwegs versöhnlich, denn mit Ubuntu Touch steht eine Alternative bereit, die noch beständig weiter entwickelt wird. Wer bei JingOS bleibt, darf hingegen nicht auf Updates hoffen. Vermutlich wird die Community künftig weitere Systeme für das JingPad anpassen – der Autor würde sich über Debian oder Arch Linux freuen. (cla)

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Tur1can21
4 Jahre her

Weiss jemand wo man das Jingpad noch kaufen kann ?
Der ofizielle Shop ist geschlossen.

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