Mit Bitwig Studio*2 gelingt dem Unternehmen das Kunststück, seine komplexe Audio-Workstation zu erweitern, ohne dass etwas von den Qualitäten der älteren Version verlorengeht.
Ende Februar 2017 hat die Berliner Softwareschmiede Bitwig [1] die Version 2 ihrer DAW Bitwig Studio veröffentlicht [2], wir haben uns Bitwig Studio 2 (Abbildung 1) unter Linux genau angesehen.

Abbildung 1: Bitwig Studio 2 Arranger und Mixer mit vielen nützlichen neuen Details: grafische Fades, konfigurierbare Menüs, besseres Zoom für Tonspuren, flexible Modulatoren für Parameter und vieles mehr.
Die Installation regelt BitwigStudio2 genau wie seine Vorgänger über ein DEB-Paket, das offiziell für Ubuntu 16.04 gebaut ist. Im Test gelang die Installation mit dem Befehl dpkg -i bitwig-studio-2.0.deb unter Ubuntu Studio 16.04 für 64-Bit-Systeme ohne Probleme.
Möchten Sie die Software nicht unter Ubuntu einsetzen, bestehen gute Aussichten auf Erfolg: Es gibt diverse Berichte von Nutzern, die das Programm unter Fedora, OpenSuse, Debian und anderen Distributionen verwenden. Für Distributionen, die nicht auf DEB-Pakete setzen, bieten Tools wie Alien einen Ausweg. Bitwig zeigte sich auf Nachfrage sehr liberal in dieser Hinsicht: Das Unternehmen erklärte ausdrücklich, dass es kein Problem damit hat, wenn Nutzer das offizielle Paket modifizieren, um es zu installieren. Allerdings bietet Bitwig nur für Installationen unter Ubuntu Support an.
Lizenzierung
Als proprietäre Software benutzt die Software einen Kopierschutz, der bei der Installation eine Internet-Verbindung verlangt. Das Authentifizieren der Lizenz erfolgt über das Login in einen Account, den Sie dazu auf der Webseite des Herstellers [1] anlegen. Dabei zeigt sich das Unternehmen erfreulich wenig neugierig, was private Daten angeht. Nur eine gültige E-Mail-Adresse ist zwingend erforderlich.
Beim ersten Start zeigt das Programm nach dem Login mit dem Passwort des Online-Accounts ein Tool, über das Sie einen Assistenten aufrufen, der es Ihnen erlaubt, eine Registrierungsdatei herunterzuladen (Abbildung 2). Anschließend steht die Software offline einsatzbereit und fragt beim Start nicht mehr nach dem Passwort.

Abbildung 2: Der Assistent für die Offline-Activation hilft Ihnen dabei, eine Datei mit den Registrierungsdaten zu laden. Anschließend ist kein Authentifizieren mehr nötig, um die Software auf diesem Computer dauerhaft zu nutzen.
Die regelmäßigen Updates kommen wie das Programm selbst als DEB-Archiv. Sie verlangen kein erneutes Authentifizieren der Lizenz. Allerdings bietet das Unternehmen die Software als eine Art Abonnement an [3]. Upgrades für zwölf Monate sind im Preis von 379 Euro enthalten. Für Besitzer einer Lizenz der Version 1 fallen 159 Euro an.
Das Unternehmen plant, Inhabern einer Lizenz nach den zwölf Monaten die Möglichkeit anzubieten, die Upgrades weiterhin zu einem günstigeren Preis zu beziehen. Die Entwickler begründen dies mit einer Strategie Richtung Rolling Release: Updates sollen nicht mehr nur Fehler korrigieren, sondern darüber hinaus diverse neue Funktionen mitbringen.
Neuigkeiten
Neben neuen Features in der Anwendung selbst bringt Bitwig Studio 2 einige externe Pakete mit, die Samples, Geräte-Presets und MIDI-Loops enthalten. Diese Pakete verwalten Sie mit dem neuen Inspector-Werkzeug (Abbildung 3), in dem Sie außerdem den Account und die Einstellungen des Programms bearbeiten. Außerdem enthält der Inspector eine Übersicht über die vorbildlich ausgebaute Hilfe, in der Sie neben dem ausführlichen Handbuch Links auf eigens von Bitwig gestaltete Anleitungen finden.

Abbildung 3: Die vom Hersteller mitgelieferten Sample-Sammlungen belegen fast ein Gigabyte auf der Festplatte. Wer hier lieber eine Auswahl treffen will, nutzt dazu den neuen Inspector.
Bitwig Studio 2 fühlt sich unter Linux noch schlanker und schneller als die Vorgänger an. Besonders positiv fällt auf, dass die umfangreiche Applikation selbst unter Last nicht aus dem Tritt gerät. Ähnlich wie bei andere Programmen, die für die Oberflächen auf Java setzen, wie etwa das populäre Spiel Minecraft, ist beim Betrieb von Studio 2 eine gewisse Konkurrenz zur Rendering-Engine von Browsern zu beobachten.
Firefox und Google Chrome geben sich deutlich träger, wenn gleichzeitig Bitwig läuft. Das wirkt sich allerdings nicht auf die Stabilität der Funktionen von Studio 2 aus. Selbst wenn sich die Oberfläche nur noch im Schneckentempo bewegt, sind keinerlei Aussetzer oder ähnliche Artefakte zu bemerken, und Aufnahmen funktionieren selbst unter hoher Last tadellos.
Clip-Launcher-Matrix
Vor gut zehn Jahren stellte die Berliner Firma Abelton unter dem Namen “Live” eine neue Software für eine Musik-Workstation vor, die sich besonders an Musiker richtete, die mit dem Laptop live auftreten. Das war damals in Berliner Clubs schwer angesagt und erfreut sich selbst heute noch einiger Beliebtheit: Es schlägt eine Brücke zwischen dem einfachen DJ-Auftritt, bei dem der Künstler fertig produzierte Musik neu mixt, und dem von Hand gespielten Live-Auftritt. Abelton Live gab dem Musiker besonders viel Kontrolle über das gespielte Material und erfreut sich bis heute großer Beliebtheit. Einige Entwickler im Umfeld von Abelton waren allerdings der Ansicht, man könne das Konzept von Live noch besser umsetzen. Das Ergebnis war das Bitwig-Projekt, dessen Studio-Software mit dem Clip Launcher das interessanteste Feature von Live neu umsetzt.
Im Grunde orientiert sich der Clip Launcher an deutlich primitiveren Pattern-Sequencern, wie sie schon vor 30 Jahren als Hardware im Einsatz waren und wie viele Elektronik-Musiker sie in den 1980er-Jahre nutzten. Statt eine Spur in einer linearen Zeitleiste spielt der Clip Launcher eine Vielzahl von in sogenannten “Scenes” gestapelten Mustern. Sie dürfen sogar unterschiedlich lang sein; die Software synchronisiert sie miteinander. Aktivieren Sie einen der Clips im Launcher, wartet Studio, bis dessen Einsatz rhythmisch optimal in einen vorher gestarteten führenden Clip passt, bevor es den Clip von der Leine lässt. Genauso synchronisiert das Programm das Ende des Clips. So passen alle, immer als Loop gespielten Segmente rhythmisch zusammen.
Ressourcen und Plugins
Auf dem Testsystem (siehe Kasten “Musik-Maschine”) war bei einem normalen Projekt mit 24 Spuren bei gleichzeitigem Einsatz von Steam und Firefox zwar ein Einfluss, aber keine Störung zu registrieren. Offensichtlich geht die Applikation großzügig mit dem Arbeitsspeicher um.
Musik-Maschine
Als Rechner für den Test kam ein PC mit Intel-i5-2500-CPU (4 Kerne, 3,30 GHz Takt) sowie 8 GByte RAM zum Einsatz. Eine 6 GByte große Swap-Datei auf dem SSD-Laufwerk erweiterte bei Bedarf den Arbeitsspeicher. Als Betriebssystem diente Ubuntu Studio 16.04 mit einem Low-Latency-Kernel in Version 4.4.0-66 sowie den meisten Plugins aus dem Repository “KX Studio” von Paulo Coelho (von dem das Team hinter Ubuntu Studio den tadellos eingerichteten Low-Latency-Kernel übernimmt).
Der proprietäre Grafiktreiber nvidia-367 funktionierte normal und verursachte im Test keinerlei Probleme. Als Soundkarte fungierte eine in Würde ergraute MAudio 1024 im PCI-Slot, deren Daten vom ausgereiften Alsa-Treiber via Jackdmp 1.9.11 zu Bitwig Studio 2 gelangten.
Allerdings ist es immer noch nötig, beim Start von Jack den integrierten MIDI-Server zu deaktivieren, da Bitwig Studio sonst keinerlei MIDI-Signale von außen entgegennimmt. Auf Nachfrage teilte das Unternehmen mit, dass Studio 2 ebenfalls nur Alsa-RAW-MIDI unterstützt. Jack lief im Test mit Buffer-Einstellungen, die eine Latenz nur 5,33 Millisekunden sicherstellten.
Der Befehl free meldet nach dem Start der DAW ein reichliches Gigabyte mehr Verbrauch. Nach dem Aktivieren einer Swap-Datei von 6 GByte auf einem SSD-Laufwerk schlug die Last durch Studio 2 immer noch auf Chrome und Steam durch, allerdings nur noch in kaum merklichem Ausmaß.
Der Ressourcenverbrauch hängt auch von den Anforderungen von Plugins ab. In dieser Hinsicht fiel im Test auf, dass sich die Zusammenarbeit von Bitwig mit Paulo Coelhos universellem Plugin-Host Carla von “prinzipiell möglich” deutlich in Richtung “reibungslos” entwickelt hat. Dank Carla stehen LV2-Plugins in Studio 2 für produktive Projekte bereit, obwohl die neue Generation der DAW dieses Format nicht von sich aus unterstützt. Dasselbe gilt übrigens für via Wine eingebundene VST-Module im DLL-Format von Microsoft.
Dabei ist freilich immer der Test vor dem produktiven Einsatz dringend angeraten. Während die LV2-Module des Gitarrenverstärkers Guitarix via Carla vollkommen normal funktionieren (Abbildung 4), zeigten sich die animierten Oberflächen einiger CALF-Module ziemlich zickig. Hier hilft wie früher schon der Einsatz der generischen Oberflächen, die Carla für jedes Plugin anbietet.

Abbildung 4: Der Gitarrenverstärker Guitarix funktioniert mit seiner eigenen LV2-Oberfläche problemlos in Carla. Das Signal verarbeiten Sie im Device-Panel von Studio 2 nach Belieben weiter.
Studio 2 bietet darüber hinaus eigene, generische Regler für eingebundene VST-Plugins an, die allerdings voraussetzen, dass das Plugin nach dem VST-Standard seine Parameter an den Host durchreicht. Mit den meisten für den Artikel getesteten Modulen funktioniert das sehr gut, und so stehen die innovativen Modulatoren und Automationsmöglichkeiten von Studio für externe Module ebenfalls bereit (Abbildung 5).

Abbildung 5: Der VST-Synth DEXED bietet mehrere Hundert Parameter. Gut, dass die generische Oberfläche von Bitwig Studio 2 eine Suchfunktion anbietet. Die Nummern der von einem Edirol-MIDI-Keyboard auf die Parameter gelegten Regler zeigt Version 2 direkt in der Liste an.
Neue Plugins
Für die zweite Generation seiner DAW hatte Bitwig einen Baukasten für modulare Klangerzeuger und Effekte angekündigt. Was dabei herauskam, erinnert zwar wenig an bekannte Modularsynthesizer wie Alsa Modular Synth oder Ingen, bringt aber durchaus sehr ähnliche Funktionen mit. Es fehlt eigentlich nur eine grafische Oberfläche zum virtuellen Verkabeln. Stattdessen bauen Sie die Geräte im Panel für fertige Plugins unten mittig in den beiden Hauptfenstern für Arranger und Mixer zusammen. Benutzen Sie Polysynth als Grundlage, erhalten Sie links von dessen Oberfläche drei Felder, in die Sie Modulatoren aller Art einfügen. Die steuern dann beliebige Parameter des Synth-Moduls.
Der schon von Bitwig Studio 1 bekannte, kleine blaue Pfeil unter dem Modulator beginnt bei Mausklick zu blinken. Sobald Sie dann den Regler für einen Parameter bewegen, folgt diese Bewegung der vom Modulator vorgegebenen Funktion. Studio 2 bringt dazu etliche neue Modulatoren mit, die neben klassischen Hüllkurven mathematische Funktionen, dynamische Filter, einen Step-Sequencer und Mini-Baukästen für Makrofunktionen enthalten. Der unter anderem dazu von Bitwig mitgelieferte Polysynth hat neue Oszillatoren und eine verbesserte Unison-Funktion an Bord.
Die Modulatoren-Bausteine stehen grundsätzlich in allen Plugins bereit, selbst in vom Nutzer selbst installierten nativen VST-Plugins. Studio 2 bringt grundsätzlich Unterstützung für VST3-Module mit. Erste Plugins in diesem Format gibt es ebenfalls für Linux, meist als proprietäre Software von kleineren Anbietern [4].
Die Effekt-Sektion hat Bitwig ebenfalls aufgestockt: Neben diversen MIDI-CV-Modulen, die die Kontrolle externer Hardware-Klangerzeuger deutlich erweitern, fällt besonders der bisher vermisste Phaser auf. Der Ring-Modulator und sein etwas seltsamer Bruder Treemonster dürften viele begeisterte Anwender finden, und aus der hervorragenden Tonhöhen-Manipulation der Studio-Audio-Engine haben die Entwickler einen sehr brauchbaren Pitchshifter gebaut.
Bei Bedarf steuern Sie die Modulatoren und überhaupt jeden Regler über grafische Vektoren in den Spuren und durch externe MIDI-Signale. Für Modulatoren ist das außerdem durch Audio-Signale von beliebigen Kanälen im Projekt möglich. Das, zusammen mit der unvergleichlich flexiblen Kontrolle der Laufwerke über den Clip Launcher Sequencer, empfiehlt die Software noch mehr als seine Vorgänger als Live-Instrument.
Wichtigste Voraussetzung dafür ist freilich eine über jeden Zweifel erhabene Stabilität. Um deren Grenzen auszuloten, trieb der Test die Software mithilfe einiger experimenteller VST-Plugins-Studio an den Rand des Erträglichen. Dabei lief die grafische Anzeige tatsächlich langsam aus dem Ruder. Der Cursor bewegte sich einige Male nicht über die Stelle, die gerade zu hören war. Zu hören blieb das Stück inklusive der von den problematischen Modulen erzeugten Klänge allerdings tadellos.
Als das kaputte Plugin schließlich wirklich abstürzte, fiel lediglich sein Anteil am Song aus, zum Abschied hörten wir lediglich ein leises Piepsen. In der Plugin-Oberfläche erschien ein Knopf, mit dem sich das Modul neu starten ließ, was auch bei immer noch laufendem Betrieb tatsächlich funktionierte. Das Geheimnis hinter dieser Robustheit findet sich im Inspector unter Settings | Plugins: Hier legen Sie für alle oder jedes einzelne Modul fest, dass es im eigenen Prozess läuft und seine Daten über eine Bit-Bridge an Studio 2 weiterleitet. Stürzt das Plugin ab, betrifft das lediglich diesen Prozess.
Intuitive Bedienung
Fast alles in Bitwig Studio 2 arbeitet mindestens ebenso intuitiv wie beim Vorgänger – man könnte fast sagen, die DAW lässt sich spielerisch bedienen. Einige Detailverbesserungen beseitigen Ecken und Kanten, die in der ersten Generation noch den guten Eindruck trübten: So lassen sich nun alle Spuren im Arranger in ihrer Höhe nach Belieben verstellen, wobei lediglich eine noch kleinere minimalere Höhe auf der Wunschliste steht. Wer Ardour kennt, kommt noch besser mit dem neuen Arranger klar als bisher.
Bestimmte Aktionen folgen einfachen, aber nicht sofort ersichtlichen Regeln: So benutzt etwa das Werkzeug zum Einfügen neuer Plugins einen Testmodus, in dem Sie ein gewähltes Modul schon voll wirksam hören und sehen. Sie fügen es aber erst nach einem Klick auf OK fest ein. Wählen Sie vorher ein anderes Modul, verschwindet das erste, und das neue setzt sich an dessen Stelle. Möchten Sie Plugins ohne diesen Schritt und ohne Probieren einfügen, ziehen Sie sie einfach aus den durchsuchbaren Listen des Browser-Panels rechts vom Arranger auf die gewünschte Spur.
Dabei macht das Programm keinen Unterschied zwischen MIDI- und Audio-Spuren. Das ermöglicht es, jederzeit einen Synthesizer auf eine Audio-Spur zu ziehen. Der bleibt allerdings ohne Einfluss auf die Signalkette, solange auf der Spur kein MIDI-Clip aktiv ist. Sie können also Audio- und MIDI-Clips auf derselben Spur anlegen und aufnehmen, was für die Aufnahme aber voraussetzt, dass Sie die Quelle im Panel links entsprechend einstellen.
Aufgenommene oder importierte und bearbeitete Clips ziehen Sie einzeln in den Bereich Clips rechts im Panel. Dabei kopiert das Programm nicht nur das musikalische Material, sondern bei MIDI-Clips zusätzlich das gespielte Instrument in die Datei des Clips. Es besteht also die Möglichkeit, den Clip in einem anderen Projekt einfach in den Launcher oder Arranger zu ziehen, wobei das Programm das Instrumenten-Plugin inklusive aller Einstellungen wiederherstellt.
Allerdings funktionierte im Test das Feature Open in filebrowser nicht, was aber nicht weiter tragisch ist: Sie finden die Clips im Verzeichnis Bitwig Studio/Clips/ im Home-Verzeichnis.
Transportkontrolle
Wer die Transportkontrolle für den Abspielcursor in Ardour und vielen anderen Programmen kennt, den stellt Bitwig Studio 2 vor eine Herausforderung: Zwar bietet Studio eine Zeitleiste am oberen Rand des Arrangers, doch gibt es keine Möglichkeit, den Transportcursor mit nur einem Klick an eine Stelle zu bewegen.
Erst ein Doppelklick löst den Sprung aus, der allerdings quantisiert einen Beat vor die geklickte Stelle springt, nachdem der gerade gespielte Takt am Ende angekommen ist. Das hilft bei Live-Auftritten, weil der durchgehende Rhythmus automatisch erhalten bleibt. Bei Detailarbeit im Studio nervt es aber mitunter, bei jedem Sprung erst bis zum Ende des laufenden Beats zu warten (Abbildung 6).
Über das Kontextmenü der Zeitleiste blenden Sie eine weitere, allerdings sehr schmale und optisch nicht hervorgehobene Zeile für Cue-Marker ein. Ob der Mauszeiger gerade auf den oberen Hauptteil der Zeitleiste zeigt, den schmalen Rand für Loop-Bereiche oder eben die Cue-Marker-Ebene, das signalisiert die Software durch einen unterschiedlichen Zeiger.
Oben ist er ein Lupensymbol. Bei gehaltenem Linksklick bewirkt eine Bewegung nach oben oder unten einen horizontalen Zoom, Bewegungen nach rechts oder links scrollen durch das Projekt. In der Ebene für Cue-Marker sehen Sie einen Bereichscursor, wie er in Textverarbeitungen vorkommt, darunter zeichnen Sie mit einem Stift-Symbol Loop-Bereiche ein. Das Menü Play links oben enthält nicht die eigentlichen Transportfunktionen, sondern spezielle Einstellungen, deren Auslöser Sie auf der sichtbaren Transportleiste hinzufügen. Dazu genügt ein Klick auf die Schaltfläche mit der Reißzwecke rechts.
Viele Aktionen stehen über die Tastatur bereit. Neben dem üblichen Druck auf die Leertaste startet [P] den Transport am aktuellen Arbeitspunkt, was die Software durch einen kleinen blauen Pfeil nach rechts in der Zeitleiste anzeigt. Im Test löste ein Druck auf den speziellen Play/Pause-Knopf das Abspielen aus, wobei dies nicht wie beim Drücken der Leertaste den Arbeitspunkt verschiebt.
Über [Strg]+[Eingabe] sehen Sie eine Liste aller im jeweiligen Kontext relevanter Tastaturkombinationen in einer oft langen, aber mit einer Suche versehenen Liste. Ein Klick auf einen Eintrag oder das Markieren über den Cursor in Kombination mit [Eingabe] führt eine Aktion direkt aus, was selbst für die nicht voreingestellten Einträge gilt. Die Voreinstellungen für alle Aktionen stellen Sie im Inspector unter Settings | Shortcuts ein.

Abbildung 6: Im Menü Play finden sich detaillierte Einstellungen für die automatische Quantisierung. Ein Klick auf Preroll: none beseitigt die eventuell störende Wartezeit nach dem neu Positionieren des Abspielcursors.
Fazit
Mit Bitwig Studio*2 gelingt dem Unternehmen das Kunststück, eine komplexe Software zu erweitern und an wichtigen Stellen zu ändern, ohne dass etwas von den Qualitäten der älteren Version verlorengeht. Das noch einmal stark erweiterte, modulare Konzept macht die Software noch mehr zu einem absolut ernsthaften Musikinstrument, mit dem Sie nahezu unbegrenzt neue Klänge erschaffen.
Gleichzeitig bleibt die Anwendung intuitiv bedienbar und läuft absolut stabil. Das Programm ist sein Geld wert, und der Umgang von Bitwig mit seinen zahlenden Kunden unter Linux erscheint vorbildlich. Wer beim Spielen mit dem Programm an Grenzen stößt, greift auf die sehr gut ausgebaute Hilfe zurück, die die Entwickler im Bereich Help des Inspectors anbieten.
Audiosamples automatisiert
Das Programm richtet sich vor allem an Produzenten moderner Popmusik und Elektronik. Hier legen die Künstler besonders Wert auf korrektes Timing und Möglichkeiten zum Importieren und Arrangieren von nicht direkt von Musikern gespieltem Material. Grundsätzlich möchten Produzenten dabei Aufnahmen von Musikern genauso flexibel manipulieren, wie es mit Noten in MIDI-Sequenzen gelingt.
Konsequenterweise analysiert Bitwig jede in ein Projekt importierte Wave-Datei automatisch und markiert den Anstieg der Lautstärke an den Stellen, an denen im Sample eine neue Note ertönt. Diese Transienten genannten Notenansätze behandelt die Software dann wie MIDI-Noten. Auf dieser Basis passt sie jedes importierte Sample automatisch an die Laufgeschwindigkeit des Projekts an. Im Test passten bei 90 BPM aufgenommene Passagen von Bass und Schlagzeug geradezu gespenstisch perfekt in ein mit 110 BPM viel schnelleres Projekt. Selbst Tests mit schnellen Samples in langsamen Projekten und mit extremeren Unterschieden hörten sich automatisch korrekt an.
HiFi-Puristen dürften bei solchen Tricks die Haare zu Berge stehen, denn was für den einen eine “unkorrekte” Geschwindigkeit ist, stellt für viele andere einen subtilen Ausdruck von Individualität dar. Allerdings haben die Entwickler daran gedacht, dass das Programm mit von Menschen gespielter Musik umgehen muss und nicht nur mit mathematisch angeordneten digitalen Klangmessungen. Während es die gesamte Geschwindigkeit an das Projekt anpasst, bleiben leichte Schwankungen der Geschwindigkeit innerhalb der Aufnahmen erhalten. Selbst absichtlich daneben gespielte Töne liegen nach dem Anpassen proportional an ihrer im Original gewünschten Stelle.
Absolut bemerkenswert erscheint die Klangqualität: Artefakte wie Phasenverschiebungen oder gar verlorene Samples waren bei einstimmigen Bass- und Drum-Samples nicht zu hören, die Aufnahmen hörten sich nach dem Anpassen genauso an wie vorher, nur etwas schneller oder langsamer. Erst sehr komplexe mehrstimmige Aufnahmen mit schwer verzerrten Gitarren enthüllen den Effekt der Manipulation.
Der Stretch-Automatismus ist voreingestellt, bei Bedarf aktivieren Sie ihn aber für jedes importierte oder aufgenommene Sample einzeln. Nach einem Linksklick auf das in eine Spur gezogene Sample bringt ein Druck auf [I] links das Inspector-Panel zum Vorschein, in dem Sie sehr detaillierte Einstellungen für den Umgang mit dem Material vornehmen. Nach Auswahl von StretchHD verbessert sich das Resultat noch einmal deutlich, selbst bei schwierigem Material. Im Modus Repitch ändert Studio mit der Geschwindigkeit außerdem die Tonhöhe.
Der Autor
Hartmut Noack arbeitet in Hannover als Dozent, Autor und Software-Entwickler. Er macht mit freier Software Musik auf Linux-Rechnern (http://lapoc.de) und betrachtet Guitarix als besten Gitarrenverstärker, den er je hatte.
Glossar
- DAW
- Digital Audio Workstation. Gerät, das alle Funktionen eines Musikstudios vereint. Ursprünglich ging das nur auf teuren Spezialmaschinen, heute meint DAW fast immer eine Software, die auf einem gängigen Computer läuft.
Infos
- Bitwig: http://www.bitwig.com
- Studio-2-Vorstellung: https://www.bitwig.com/en/bitwig-studio/bitwig-studio-2
- Abo-Modell: https://www.bitwig.com/en/17/new-license-model.html
- Liste aktueller VST-Plugins: https://www.kvraudio.com/plugins/linux/vst3-plugins/instruments/effects/hosts/soundware/newest






Erstaunlich das im Test nicht erkannt wird das es keine Möglichkeit gibt die Bit-Tiefe 16/24/oder 32Bit einzustellen. Oder ist diese fest auf 32Bit festgelegt?
Diesbezüglich findet man keine Informationen. Wie kann sowas eine ernst zu nehmende DAW sein? Oder habe ich da was übersehen?
Habe erfahren das Bitwig Studio immer mit 32 Bit float arbeitet, was schon mal richtig gut ist. Somit könnte man schon sagen:
Bitwig Studio ist eine ernst zu nehmende DAW ;)
Bezogen auf das Exportieren? Intern arbeiten alle DAWs mit 32Bit oder 64Bit, etwas anderes würde aus programmiertechnischer Sicht keinen Sinn machen (float / double Typen)