Neues in Bitwig 1.1

Aus LinuxUser 03/2015

Neues in Bitwig 1.1

© Leung Cho Pan, 123RF

Geregelte Verhältnisse

Die digitale Audio-Workstation Bitwig bringt in der aktuellen Version 1.1 eine ganze Reihe bedeutender Verbesserungen mit – wir stellen Ihnen die wichtigsten davon vor.

Im November letzten Jahres veröffentlichte Bitwig Version 1.1 ihres kommerziellen Audio/MIDI-Sequenzer Bitwig Studio [1] und kurz darauf das Update 1.1.1. Die rasante Update-Politik ist nicht das einzige, was die Software trotz ihrer proprietären Lizenz ein bisschen wie ein wohlgepflegtes Linux-Projekt aussehen lässt.

Besonderes Augenmerk richteten die Entwickler nämlich auf die frei lizenzierte Controller-Schnittstelle, die sie einer Generalüberholung unterzogen. Das erlaubt es versierten Anwendern, in Javascript eigene Voreinstellungen für Keyboards, Controller-Oberflächen und ähnliche Hardware zu schreiben.

Kurz und knapp

Zu Bitwig Studio 1.0 erschien bereits in LU 06/2014 [2] ein ausführlicher Artikel, weswegen wir das Programm hier nur kurz vorstellen und uns dann auf die Neuerungen konzentrieren.

Die digitale Audio-Workstation (DAW) Bitwig Studio erlaubt es Ihnen, Klänge auf beliebig vielen Spuren aufzunehmen und Tracks mit Instrumenten-Plugins zu erzeugen sowie mit Effekten zu bearbeiten. Die Unterschiede zu seit Langem frei verfügbaren DAW-Lösungen für Linux liegen vor allem in einem sehr speziellen Bedienkonzept (Abbildung 1), das besonders für die Komposition neuer Stücke und für Live-Auftritte clevere Methoden bietet, die Alternativen wie Ardour [3] oder Qtractor [4] nicht mitbringen. Eine Gegenüberstellung von Ardour und Bitwig finden Sie im Kasten “Bitwig vs. Ardour”.

Abbildung 1: Die Clip-Matrix von Bitwig ist ein hypnotisches Stück Musiksoftware, mit dem Sie viele Stunden intuitiv und reibungslos die eigenwilligsten Ideen ausprobieren. Die klassischen Tonspuren laufen parallel dazu im gleichen Projekt.

Abbildung 1: Die Clip-Matrix von Bitwig ist ein hypnotisches Stück Musiksoftware, mit dem Sie viele Stunden intuitiv und reibungslos die eigenwilligsten Ideen ausprobieren. Die klassischen Tonspuren laufen parallel dazu im gleichen Projekt.

Bitwig vs. Ardour

In Sachen Design zeigt sich nur Ardour 3 Bitwig in etwa ebenbürtig. Die aktuelle Version kommt auch als einzige freie Linux-DAW dem Funktionsumfang des kommerziellen Konkurrenten nahe. Was Automation und Modulationsmöglichkeiten von Parametern angeht, reicht die Software aber nicht an Bitwig heran. Dafür unterstützt Ardour aber mehr und teilweise bessere Plugins im LV2-Format, das Bitwig bis vor Kurzem nicht kannte.

Dank der aktuellen Entwicklerversion des Plugin-Hostprogramms Carla [5] ist es jetzt aber möglich, diese auch in Bitwig zu verwenden. Dazu bietet Carla ein spezielles VST-Modul namens Carla Rack, das sich in Bitwig wie jeder andere Effekt einbinden lässt und das seinerseits alle unter Linux verfügbaren Plugin-Formate unterstützt. Unter den rund 300 Effekten und Synthesizern, die die Software jetzt unterstützt, finden sich hochentwickelte Module wie Calf Monosynth, eine ganze Reihe virtueller Gitarrenverstärker von Guitarix sowie viele kleine Helferlein. Im Test reagierte die grafische Oberfläche von Calf noch etwas träge, ansonsten funktioniert die Technik aber tadellos.

Ardour bietet auch die Möglichkeit, eine Unterstützung für VST-Module im Windows-DLL-Format einzukompilieren. Damit stehen dann einige beliebte Effekte und Klangerzeuger auch unter Linux bereit, die sich in Bitwig nur unter Windows verwenden lassen. Darüber hinaus stellt Ardour wesentlich mehr Möglichkeiten für den Umgang mit reinen Audio-Aufnahmen bereit. Was Bitwig auf diesem Gebiet mitbringt, geht allenfalls als simpel durch. Den einzigen Vorsprung vor Ardour in dieser Hinsicht stellen ein intuitiv bedienbares Timestretching und eine sehr nützliche Loop-Funktion für Audio/MIDI dar.

Anders als Ardour oder Tracktion benutzt Bitwig spezielle Editor-Fenster zum Bearbeiten von Audio und MIDI (Abbildung 2). Einerseits entspricht das Bearbeiten des Materials in einer Spur eher der intuitiven musikalischen Logik eines Stücks, andererseits lassen sich in einen speziellen Editor mehr Möglichkeiten integrieren. Bitwigs Editor bietet bei geringerem Lernaufwand eine genauso eingängige Bedienung wie der von Ardour und offeriert darüber hinaus einige Spezialfunktionen, die man sich eigentlich für jeden MIDI-Editor wünschen würde. Als sehr nützlich erweist sich zum Beispiel die Möglichkeit, beim Bearbeiten einer Spur eine beliebige andere als Hintergrund einzublenden.

Abbildung 2: Oben der einfache MIDI-Editor von Ardour, der direkt in der Spur arbeitet, darunter der separate MIDI-Editor von Bitwig 1.1.1 mit einer praktischen Spezialansicht, die nur im Stück verwendete Noten anzeigt.

Abbildung 2: Oben der einfache MIDI-Editor von Ardour, der direkt in der Spur arbeitet, darunter der separate MIDI-Editor von Bitwig 1.1.1 mit einer praktischen Spezialansicht, die nur im Stück verwendete Noten anzeigt.

Außerdem bietet das Programm Möglichkeiten für das Automatisieren und Modulieren von Klangerzeugern und Effekten, die nicht nur unter Linux ihresgleichen suchen. So lässt sich beispielsweise die Musik in einer Audio-Spur als Wellenfunktion auf den Parameter eines Effektgeräts anwenden – und zwar an einer beliebigen Stelle des jeweiligen Projekts.

Bitwig Studio basiert zum Teil auf Java, womit es sich leicht auf alle gängigen Plattformen portieren lässt. Derzeit stellt die Softwareschmiede Versionen für Linux, Mac OS und Windows zum Download bereit. Allerdings handelt es sich dabei nicht um reine Java-Applikationen, die sich nur auf die Kompatibilität des jeweiligen JRE verlassen: Die Kernfunktionen programmierten die Entwickler nativ für Linux, was man dem Programm deutlich anmerkt. Nach einem relativ langwierigen Startvorgang fühlt es sich wie jede andere native Linux-Software an.

Die Entwickler von Bitwig zeigten im Interview zum ersten Beta-Release nicht nur großes Interesse für Linux, sondern auch entsprechende Kompetenz insbesondere hinsichtlich dessen speziellen Audio-Systems. Auch die gleichermaßen hübsch und gut bedienbar gestaltete Oberfläche passt sich nahtlos in Linux ein. Als Dateiwähler verwendet Bitwig Gtk; Probleme mit dem Fenstermanagement, wie bei manchen anderen Crossplatform-Programmen, tauchen nicht auf.

Mehr Verständnis

Schon bei der Installation zeigt sich Bitwig Linux-affin. Das 64-Bit-Debian-Paket lässt sich auf einem neu eingespielten Kubuntu 14.04.1 mit Dpkg tadellos installieren. Auch Nutzer von OpenSuse und Fedora melden erfolgreiche Installationen des DEB-Paketes. Allerdings gilt es, dieses zuvor mit dem Tool Alien zu einem RPM-Paket zu konvertieren. Im Test scheiterte die Installation eines derart generierten Pakets unter OpenSuse 13.2 jedoch an fehlenden Abhängigkeiten, die sich auch nicht manuell korrigieren ließen.

Da die gesamte Authentifizierung der Lizenz ausschließlich beim ersten Start des Programms stattfindet, stellen Anpassungen am Installationspaket auch kein Lizenzproblem dar. Wenn Bitwig, auf welchem Weg auch immer, in /opt/bitwig-studio/ installiert ist, lässt es sich entsprechend starten und freischalten. Die Lizenz für Bitwig 1.0 aktiviert nach einem Login beim Programmstart auch das Update 1.1.

Allerdings funktionierte nach einer Neuinstallation des Betriebssystems die Offline-Aktivierung nicht mehr. Zudem zeigt sich die Authentifizierung der Session durch einen Login in den Bitwig-Account nicht besonders stabil. Er scheint nach einiger Zeit von Bitwigs Webserver einen Timeout zu bekommen, durch den das Programm in den Demo-Modus zurückfällt. Wer ein schon vorher benutztes Bitwig neu installiert, sollte deswegen beim Support nach einem neuen Ticket für die Offline-Registrierung fragen. Grundsätzlich ist es auch möglich, bereits vorgenommene Registrierungen zu löschen, um eine neue anzulegen. Ein für die Offline-Arbeit registriertes Bitwig lässt nicht mehr erkennen, dass es sich um kopiergeschützte Software handelt; auch Updates verlaufen reibungslos.

Das größte Problem, das Bitwig mit dem Linux-Audio-System hatte, besteht immer noch: Nach dem Start der aktuellen Version mit laufendem Jack-Audio-Server als Schnittstelle nimmt Bitwig keine MIDI-Signale mehr von einem angeschlossenen Keyboard entgegen. Das einfache, aber bewährte Behringer-UMX-Keyboard erkennt die Software zwar durchaus und bindet es als generischen Controller ein, aber weder Klangerzeuger noch Parameterregler reagieren in Bitwig auf die Signale des UMX.

Allerdings verschwindet dieses Problem, wenn Sie auf den Einsatz des in Jack eingebauten MIDI-Systems verzichten. Starten Sie Jack ohne die Optionen -Xseq oder -Xraw, funktioniert das Keyboard im Test tadellos. Da viele fortschrittliche Musikprogramme den Jack-MIDI-Server aber inzwischen exklusiv nutzen, erscheint das nicht als zufriedenstellende Lösung.

Gleichzeitig bringt Bitwig 1.1 aber auch einige wirkliche Verbesserungen für MIDI unter Linux: Außer den Hardware-Ports, wie sie zum Beispiel per USB angeschlossene Keyboards erzeugen, erkennt die Software jetzt auch die virtuelle MIDI-Schnittstelle von Alsa. Dazu gilt es, vor dem Start von Bitwig das Virmidi-Kernel-Modul zu laden:

$ sudo modprobe snd-virmidi snd_index=1

Der Befehl erzeugt automatisch vier neue Schnittstellen mit jeweils 16 Kanälen, die sich anschließend in Bitwig als Ein- oder Ausgang für MIDI-Daten auswählen lassen. Eingänge nutzen Sie, indem Sie unter Menü | Options ein neues generisches Keyboard anlegen, dem sich eine der Virmidi-Schnittstellen zuordnen lässt. Zur Auswahl von Ausgängen fügen Sie in eine Spur das Spezial-Plugin Hardware Instrument ein. Es zeigt die Virmidi-Kanäle in der Liste seiner Ausgänge an (Abbildung 3).

Abbildung 3: Der Ausgang eines Hardware-Device-Plugins, verdrahtet mit dem Eingang von Rosegarden über Alsas virtuelle MIDI-Schnittstelle Virmidi.

Abbildung 3: Der Ausgang eines Hardware-Device-Plugins, verdrahtet mit dem Eingang von Rosegarden über Alsas virtuelle MIDI-Schnittstelle Virmidi.

Allerdings lässt sich auch diese Technik nur dann nutzen, wenn Sie Jack ohne dessen eigenes MIDI-System starten. Da fortschrittliche Linux-Synthesizer wie Calf oder Yoshimi exklusiv auf Jack-MIDI setzen, bleiben sie deshalb trotz dieser Fortschritte für Bitwig-Nutzer außen vor.

Viel Neues

Die Erweiterungen gegenüber der Vorgängerversion verursachen keinen spürbaren Anstieg der Systemlast. Das aktuelle Release läuft auch bei ehrgeizigen Jack-Einstellungen ohne Lüftergeheul, stabil und ohne Aussetzer. Dabei betreffen die Neuerungen nicht nur ein paar kleine Zusatzmodule, die ohnehin nur aktiviert zum Tragen kommen: Bitwig 1.1 verspricht einen komplett überarbeiteten Mechanismus zum Ausgleich von Verzögerungen, die Effekte und Klangerzeuger verursachen.

Dieses Plugin-Latenz genannte Phänomen ist unvermeidlich, da die komplexen Berechnungen von Klangwellen in Audio-Software immer eine gewisse Zeit erfordern. Die meisten Softwaremodule in einer Spur verursachen nur eine kleine Verzögerung. Allerdings kommen häufig viele verschiedene Effekte als Kette zum Einsatz. Damit addieren sich die Verzögerungen, und das verursacht auch unterhalb der direkten Wahrnehmungsschwelle von etwa 10 Millisekunden bereits spürbare Probleme. Das kommt vor allem beim Mixen von Stücken mit dem gleichen Klangereignis auf mehreren Spuren zum Tragen, etwa bei Choraufnahmen und Arrangements mit Unisono-Stimmen.

Bitwig kann die betroffenen Spuren nicht früher starten lassen, um dieses Problem auszugleichen. Allerdings berechnet es jetzt exakt die Verzögerung jeder einzelnen Spur und passt dann die schnelleren Tracks an, sodass am Ende alles wieder synchron läuft. Die dazu nötigen komplexen Berechnungen muss die Software im laufenden Betrieb ständig korrigieren. Dass diese Latenzkompensation keinen spürbaren Anstieg der Systemlast verursacht, darf als bemerkenswerte Leistung gelten.

Wer mit sehr großen Projekten arbeitet oder wessen Rechner wenig Leistung zur Verfügung stellt, dem bietet Version 1.1 neue Einsparmöglichkeiten. Neben dem Einfrieren von ganzen Spuren, bei dem das Tool alle Echtzeitberechnungen in eine Wave-Datei rendert und anschließend abschaltet, lassen sich jetzt auch gezielt einzelne Effektketten vorübergehend deaktivieren.

Alleinstellungsmerkmale

Neben dem besseren Support für Linux als Plattform bringt Bitwig 1.1 weitere neue Techniken mit, die es in dieser Form für Linux noch nicht gab. Das Verdrahten und Automatisieren von Klangerzeugern, Effekten und deren Parametern sucht auch in der kommerziellen Welt seinesgleichen. Das Update stellt weitere, neue Möglichkeiten bereit, um Signale für raffinierte Modulationen zu nutzen. So lassen sich Ausgänge von VST als Modulatoren in anderen VSTs oder beliebigen eingebauten Klangerzeugern verwenden.

Mit ein paar Tricks war das auch vorher schon machbar, klappt aber in der aktuellen Variante deutlich einfacher und unterstützt auch die Spezialkanäle von VST-Multi-Out-Modulen. Das ist insbesondere für solche Module interessant, die optional mehr als nur eine Stereo-Summe ausgeben. So lässt sich eine einzeln ausgegebene Trommel aus einem VST-Drumsampler gezielt als Modulator für einen Effekt oder Synthesizer verwenden.

Ein für diese Neuerungen beispielhafte Erweiterung ist das Note MOD Device, ein Effektwerkzeug, das sich aus der Liste der Onboard-Module einfügen lässt. Die Liste erscheint nach Klick auf das Plus-Symbol rechts von einem beliebigen Modul im Devices-Fenster unter der Spuranzeige. Das Benutzen dieser Plus-Symbole gestaltet sich zuweilen kniffelig, denn einige Funktionen der damit eingefügten Module und auch das Signal-Routing hängen davon ab, auf welches davon Sie klicken.

In der Grundeinstellung fügt das Plus ein weiteres Modul in den Audio-Weg des Mixerkanals ein. Damit überträgt Bitwig beispielsweise fortgeschrittene Automatisierungsfunktionen nicht vom vorangegangenen Modul auf das eingefügte. Ein Klick auf FX oder den kleinen Pfeil rechts oben im Rahmen eines Plugins öffnet einen neuen Plus-Schalter zwischen dem vorhandenen und dem Standardausgang.

Damit fügen Sie ein neues Modul nicht einfach hinter, sondern direkt in das betreffende Plugin ein, welches damit zu einer Art Mutterschiff des so eingefügten Effekts oder Synthesizers wird. Die so zusammengefügten virtuellen Geräte nutzen auf Wunsch Automatisierungskurven von Parametern gemeinsam und verwenden ihrerseits die Ausgangskanäle des Vorgängers in Effekten, die wiederum mit dem FX-Plus an sie angeschlossen sind.

Wenn Sie das Prinzip dahinter verstehen, erweist sich das vermeintlich Komplizierte in der Praxis als erstaunlich einfach. Die Grundregel lautet: Je stärker Sie zwei Module miteinander verbinden möchten, desto näher muss das Plus am Vorgänger stehen (Abbildung 4).

Abbildung 4: Das neue <code srcset=

Note MOD Device benutzt Noten einer anderen Spur zum Modulieren des linken Filters. Das rechte Filter ist direkt über das Plus-Symbol an das linke angeschlossen und empfängt keine Modulationen.” width=”300″ height=”184″ /> Abbildung 4: Das neue Note MOD Device benutzt Noten einer anderen Spur zum Modulieren des linken Filters. Das rechte Filter ist direkt über das Plus-Symbol an das linke angeschlossen und empfängt keine Modulationen.

Das Konzept gestaltet Bitwig in Version 1.1 etwas intuitiver, weil die Designer durch subtile Farbunterschiede die unterschiedlichen Anschlussmöglichkeiten besser erkennbar machten. Der mit einem Klick auf FX ausgefahrene Plus-Anschluss und die Rahmen der daran angeschlossenen Module erscheinen leicht olivgrün eingefärbt. Die Verschaltungen lassen sich als Chain genannte Presets speichern. Damit erhalten Sie de facto neue Plugins, und Bitwig macht einen weiteren Schritt in Richtung der von Anfang an geplanten Modularsystem-Fähigkeiten.

Problemlösungen

Die Trennung von Plugin-Verarbeitung, Audio-Engine und Oberfläche sorgt in Bitwig für gute Stabilität. Das Konzept bewirkt zuweilen aber auch, dass das ganze Programm nicht mehr reagiert, wenn eines der Elemente streikt.

Konkret traten solche Probleme im Test beim Einsatz von nicht völlig standardkonformen VST-Plugins auf. Linux Sampler VST beispielsweise müssen Sie vor dem ersten Einsatz aufwendig konfigurieren; ziehen Sie einfach das Modul aus der Liste in eine Bitwig-Spur, erreichen Sie damit in der Regel nicht viel. Gleichzeitig versucht Bitwig aber, den aktuellen Zustand des Plugins zu speichern. Auch dieser Zustand erweist sich aber bei einem unkonfigurierten Linux Sampler als nicht standardkonform und unvollständig. Bitwig versucht es dennoch und bleibt dabei hängen.

Die Lösung des Problems gelingt mit Bordmitteln: Ermitteln Sie zunächst via ps | grep wig in einem Terminal die laufenden Bitwig-Prozesse und beenden Sie diese dann mittels kill -9 <PID>.

Wachsendes Biotop

Eine weitere Verbesserung unter Linux geht nicht von Bitwig aus, sondern von der Weiterentwicklung von Linux Audio selbst. Die native VST-Schnittstelle funktioniert immer besser und wird wohl auch deshalb von immer mehr Plugin-Entwicklern genutzt.

Dabei spielt eine besonders wichtige Rolle, dass sich Plugins im Linux-LV2-Format leichter als früher auf das native LinuxVST portieren lassen. So tauchen immer mehr Erweiterungen im LinuxVST-Format auf und stehen damit auch Bitwig zur Verfügung (Abbildung 5). Wie Sie diese Plugins einrichten und nutzen zeigt der Kasten “Erweitert”.

Abbildung 5: Bitwig 1.1.1 komplett mit Clip-Matrix, Arranger und Effekt-Chain inklusive des neuen audiophilen Equalizers Luftikus als natives VST-Plugin.

Abbildung 5: Bitwig 1.1.1 komplett mit Clip-Matrix, Arranger und Effekt-Chain inklusive des neuen audiophilen Equalizers Luftikus als natives VST-Plugin.

Erweitert

Um auch in Bitwig in den Genuss der Weiterentwicklung der nativen Linux-VST-Module zu kommen, müssen Sie diese erst einmal installieren. Hierzu empfiehlt sich der Einsatz eines Paketmanager-Frontends wie Synaptic, da diese detaillierte Informationen über Pakete anzeigen. Das ist deswegen wichtig, weil viele Sammlungen in verschiedenen Formaten bereitstehen. Installieren Sie beispielsweise DrowaudioLV2, erkennt Bitwig es nicht, weil es lediglich DrowaudioVST unterstützt.

Etwas verwirrend erscheint auch, dass echte VSTs im Windows-DLL-Format zwar auch unter Linux prinzipiell funktionieren – nicht aber in Bitwig. Während beispielsweise LMMS mit seinem Vestige-Plugin beliebige Windows-VSTs lädt, versteht Bitwig nur für Linux gebaute VST-Bibliotheken mit der Datei-Endung .so.

Zu den empfehlenswerten frei verfügbaren Sammlungen gehören Drowaudio [6], Arctican und Tal [7] sowie MDA [8]. Andere Pakete wie Cabbage [9] befinden sich teilweise noch in einem experimentellen Stadium. Im Test verursachte das Cabbage-Modul Additive Synth in einer Spur einen bösen Absturz, in einem anderen Szenario bewährte es sich ganz prächtig. Wie immer gilt die Regel, dass Sie nichts produktiv nutzen sollten, das Sie vorher nicht getestet haben.

Neben den frei verfügbaren Sammlungen bieten einige Plugin-Schmieden auch proprietäre VST-Erweiterungen für Linux an. Seit Kurzem bietet OvertoneDSP [10] die exzellenten Dynamikeffekte von LinuxDSP an; Loomer Audio [11] und DiscoDSP [12] stellen einige hoch entwickelte, aber kostenpflichtige Synthesizer bereit.

Im Test erkannte Bitwig die installierten VSTs nicht sofort automatisch. Das rührt daher, dass Linux Speicherorte für VST-Module noch nicht vollständig standardisiert. Grundsätzlich lassen sich Plugin-Dateien von jedem beliebigen Speicherort in Bitwig ziehen. Dazu finden Sie im Browserkasten ganz rechts oben den Schalter Files. Nach einer Liste von konfigurierbaren Bookmarks erscheint dort das gesamte Dateisystem, aus dem heraus Sie die Verzeichnisse mit den VST-Dateien heraussuchen.

Bequemer und weniger fehlerträchtig ist es, wenn Sie ein oder mehrere Standardverzeichnisse in die oben genannte Bookmark-Liste eintragen. Dazu finden Sie rechts neben dem Knopf für Dateien ein Zahnrad-Symbol für den Bereich Configuration. Ganz unten in diesem steht ein Tool bereit, mit dem Sie die Plugin-Locations speichern (Abbildung 6).

Die damit registrierten Verzeichnisse überwacht Bitwig auf Änderungen und erkennt damit selbstständig neu hinzugekommene Erweiterungen. Das erweist sich auch als sinnvoll, um Projekte sauber zu starten, obwohl sie gelöschte Plugins verwenden.

Abbildung 6: Neue Verzeichnisse für VST-Plugins tragen Sie in Bitwig im Browserkasten des Config-Bereichs rechts ein. Plugins im DLL-Format, wie hier CrazyDiamonds, ignoriert die Software jedoch.

Abbildung 6: Neue Verzeichnisse für VST-Plugins tragen Sie in Bitwig im Browserkasten des Config-Bereichs rechts ein. Plugins im DLL-Format, wie hier CrazyDiamonds, ignoriert die Software jedoch.

Fazit

Die Entwickler liefern mit Bitwig Studio 1.1 ein sehr gelungenes Upgrade für eine gut durchdachte Software aus. Zwar bleibt die Jack-MIDI-Unterstützung noch ein unschöner Makel, aber in jeder anderen Hinsicht rechtfertigt die Software den vergleichsweise erschwinglichen Preis von 299 Euro voll und ganz. 

Der Autor

Hartmut Noack (http://lapoc.de) arbeitet in Berlin, Hannover und Celle als Dozent, Autor und Musiker. Er fand schon immer, dass freie Software und selbst gemachte Musik prima zusammenpassen. Wenn er nicht gerade vor seiner Linux-Audio-Workstation sitzt, treibt er sich auf Webservern herum.

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