Mit neuen Konzepten, innovativen Werkzeugen und flexiblen Verschaltungsmöglichkeiten für Plugins verspricht das kommerzielle Bitwig Studio die Welt der Musikproduktion unter Linux zu revolutionieren.
Spätestens, seit die meisten gängigen Distributoren mit dem Soundserver Jack eine solide Basis für Musiksoftware mitliefern, führt Musikproduktion unter Linux kein Schattendasein mehr. Selbst als Jack noch als Nischensoftware galt, hatte er schon Entwickler kommerzieller Musiksoftware zu Experimenten mit Linux angeregt. Besonderer Beliebtheit erfreut sich der Tracker Renoise, und mit Pianoteq gibt es auch eine professionelle Klavieremulation für Linux. Nun tritt mit dem Sequencer Bitwig Studio [1] eine neue Bezahlsoftware auf den Plan, die nicht nur “irgendwie” an Jack und Linux angepasst ist, sondern von vornherein für Jack und plattformübergreifend konzipiert wurde.
Bitwig stellte uns für diesen Artikel freundlicherweise eine Vorab-Betaversion des Programms zur Verfügung, und Firmengründer Nick Allen sowie Supportchef Dominik Wilms gaben uns ausführlich Auskunft über ihre Software. Zurzeit arbeiten die Programmierer von Bitwig intensiv daran, das System marktreif zu machen.
Die für die finale Version vorgesehenen Funktionen konnten wir mit wenigen kleinen Ausnahmen bereits in Augenschein nehmen und ausprobieren. Auf im Test aufgetauchte technische Probleme gehen wir im Folgenden nicht näher ein: So gut wie alle diese Fehler beruhen auf dem immer noch frühen Entwicklungsstadium und werden in der veröffentlichten Version von Bitwig Studio beseitigt.
Technische Daten
| Produkt | Bitwig Studio Beta |
| Hersteller | Bitwig GmbH, Berlin, http://www.bitwig.com |
| Lizenz | proprietär |
| OS | Linux, Windows ab XP SP3, Mac OS X ab 10.6 |
| Release | noch kein Datum |
| Preis | noch keine Angabe |
| Systemvoraussetzungen (Linux) | |
|---|---|
| OS | Ubuntu 12.04 |
| CPU | 64 Bit Dual-Core, SSE3 |
| RAM | 2 GByte |
| Display | 1280×768 Pixel |
| Festplatte | 1 GByte frei |
Aufs System
Zwar handelt es sich bei Bitwig Studio um proprietäre Bezahlsoftware, doch benutzt sie – zumindest in der von uns getesteten Beta – keinen harten Kopierschutz mit Dongle und DRM, sondern ein wesentlich weniger nerviges Login-System für registrierte Nutzer. Diese können den Rechner auch für die Benutzung ohne Internet-Anschluss registrieren, wofür Bitwig ein System mit herunterladbaren Schlüsseldateien benutzt.
Zur Installation unter Linux bietet Bitwig ein für Ubuntu gebautes DEB-Paket an. Für die Zukunft denkt Nick Allen auch über Bitwig Studio auf einem USB-Stick nach. Von dem Stick soll dann ein für Sound optimiertes Linux mit vorinstalliertem Bitwig Studio starten. Das Ubuntu-Paket installiert die Anwendung nach /opt/Bitwig Studio und funktionierte auf unserem Kubuntu 12.04 LTS mit KXStudio-Erweiterung reibungslos.
Beim Start fällt auf, dass Bitwig Studio für eine so umfangreich ausgestattete Java-Anwendung bemerkenswert zügig und ohne Lüftergeheul betriebsbereit startet. Auch die Oberfläche (Abbildung 1) reagiert ohne spürbare Wartezeiten – und dank der getrennten Verarbeitungseinheit, ohne irgendwelche Kratzgeräusche zu erzeugen.

Abbildung 1: Spuren für elektronische Noten und für Sound-Daten, Klangerzeuger, Effekte und eine speziell für den Live-Einsatz erdachte Matrix für Musikclips: Bitwig hat alles an Bord, was Musiker brauchen.
Willkommen zuhause
Ein Blick in das Konfigurationswerkzeug zeigt, dass Bitwig unter Linux nicht nur Jack, sondern außerdem auch ALSA und sogar das anachronistische OSS unterstützt (Abbildung 2).

Abbildung 2: Bitwig nähert sich der komplizierten Welt von Linux-Audio mit sehr offenen Armen: Es unterstützt jede Audio-Schnittstelle, die irgendwie brauchbar ist.
Das funktioniert über das plattformübergreifende System PortAudio [2], das auch unter Windows für Jack-Anbindung sorgen kann. Allerdings teilt PortAudio mit dem Desktopserver PulseAudio nicht nur das Kürzel PA: Ähnlich wie PulseAudio setzt es ganz auf Kompatibilität mit allem und jedem, weniger auf kompromisslose Leistung.
Dennoch funktioniert im Test auch die Audio-Anbindung von Bitwig nicht spürbar schlechter als die nativer Jack-Anwendungen wie etwa Ardour3 [3] auf dem gleichen System. Eine hässliche Fehlermeldung von PortAudio bezüglich der eingestellten Sample-Rate dürfte in die Kategorie jener Probleme fallen, welche die finalen Version von Bitwig Studio bereinigt.
Insgesamt darf man die Integration von Bitwig in die nicht ganz unkomplizierte Audio-Welt von Linux ohne Übertreibung als sehr vollständig bezeichnen. Das Programm sollte auf jedem aktuellen Linux mit installiertem Jack sofort funktionieren.
Bunt und in Farbe
Minecraft für Musiker – dieser provokante Vergleich tauchte in einem Webforum auf, als Bitwig sein erstes Demo-Video veröffentlichte. Aber nur weil auf den ersten Blick viele bunte Kästchen auf der Oberfläche von Bitwig Studio zu sehen sind, heißt das nicht, dass es keine sehr ernsthafte Anwendung für Profis wäre.
Aussehen und Verhalten der Oberfläche erscheinen teilweise ungewohnt, entpuppen sich aber in der Praxis als durchdacht und verständlich. Wer bereits Erfahrungen mit Sequencer-Suiten wie Ardour oder Qtractor [4] gesammelt hat, der findet sich schnell zurecht.
Per Rechtsklick zwischen den Spurköpfen links lassen sich neue Spuren anlegen. Dabei stehen drei Spielarten zur Auswahl:
- Instrumenten-Tracks nehmen Noten und Steuersignale auf, die an Klangerzeuger (Plugin-Software, Standalone-Software oder externe Hardware) geschickt werden. MIDI-Daten lassen sich importieren und exportieren, Bitwig Studio nutzt aber intern ein flexibleres System zum Speichern der Signale.
- Bei Audio-Tracks handelt es sich um herkömmliche Audio-Spuren, in die sich Clips vom Soundkarteneingang aufnehmen oder aus Audio-Dateien importieren lassen.
- Hybrid-Tracks können, wie der Name schon andeutet, mit Clips beider Typen gleichermaßen umgehen.
Der Begriff Hybrid-Track weckt den etwas irreführenden Eindruck, dass in den anderen Tracks grundsätzlich nur ihr eigenes Datenformat erlaubt wäre. Sie können Notenclips aber auch auf reinen Audio-Spuren ablegen. Deren Noten lassen sich dann zum Steuern von Effekten verwenden, die Noten verarbeiten. Dazu zählen unter anderem Vocoder, die Audio-Material automatisch auf die Tonhöhe von eingespeisten MIDI-Noten bringen.
In Hybrid-Tracks lassen sich außerdem Notenclips direkt in Audioclips rendern. Jahrzehntelang hielten Sequencer die Verarbeitung von MIDI-Noten und Audio-Signalen voneinander getrennt. Die beiden Signaltypen unterscheiden sich technisch sehr voneinander, weswegen Programmierer sie gerne getrennt behandeln. Aus Nutzersicht aber stellen beide nur verschiedene Methoden dar, genau das Gleiche zu tun: Gespielte oder mit einem Editor geschriebene Musik aufzunehmen und wiederzugeben.
Inzwischen stellen sich die Entwickler von Audio-Software zunehmend der schwierigen Aufgabe, den Umgang mit den beiden Typen für den Nutzer durch Vereinheitlichung zu erleichtern. In Bitwig Studio ist diese Vereinheitlichung weit fortgeschritten. Allerdings gilt es zu beachten, dass zum einen Audio-Material nicht zu hören ist, wenn in der Plugin-Sektion ein Synth liegt, der Audio nicht durchleitet und dass zum anderen Noten nur erklingen, wenn man sie an einen Klangerzeuger schickt.
Ebenen …
Außer mit den Hybrid-Tracks gehen die Bitwig-Entwickler noch einen weiteren Schritt in Richtung Zusammenführung von Notenmaterial und Klangaufnahmen. Ein Doppelklick auf einen beliebigen Clip öffnet diesen in dem Kasten links unten, der standardmäßig die Plugins des aktiven Kanals anzeigt. Ganz links unten im Rahmen dieses Bearbeitungsbereichs erlaubt ein unscheinbares Icon den Zugriff auf ein besonderes Feature von Bitwig Studio: Das Bearbeiten von Material in einer Ebenen-Ansicht (“Layers”).
Solche Layers kann man sich am besten wie durchsichtige Folien vorstellen, auf denen halbdurchsichtig die Daten der übereinander liegenden Spuren erscheinen – Ähnliches kennt man von Bildbearbeitungssoftware wie Gimp. Bei Bitwig kommt allerdings auch noch der zeitliche Ablauf im Song-Projekt ins Spiel, und erst dadurch gewinnt der Layer-Editor seine ungemeine Nützlichkeit.
Möchten Sie beispielsweise Schlagzeug und Streicher-Satz in einem Pop-Stück genau auf die Gesangslinie anpassen, müssen Sie dazu in traditionellen Arrangierwerkzeugen wenigstens ein Dutzend verschiedene Spuren in verschiedenen Formaten gleichzeitig unter Kontrolle halten. In der Layer-Ansicht dagegen sehen Sie in nur einem, komfortabel großen Fenster alle beteiligten Klänge übereinander gelegt und können dennoch jeden Clip gezielt einzeln bearbeiten (Abbildung 3).

Abbildung 3: Der Layer-Editor zeigt alles, was zusammen gehört: Die grauen Graphen stellen aufgenommene Klänge dar, bei den darüber liegenden farbigen Blöcken handelt es sich um Noten für virtuelle Instrumente.
… und Spuren
Der Editor von Bitwig Studio folgt der bekannten Metapher vom Tonbandgerät: Musikclips sind in Spuren auf einer Zeitleiste angeordnet und lassen sich vom Anfang bis zum Ende linear abspielen und aufnehmen. Zwischen dem traditionellen Song-Editor in der Mitte und den Spurköpfen links finden Sie in Bitwig Studio noch eine Umsetzung eines ganz anderen Konzepts für das Aufbauen und Abspielen von Musikclips: Eine Clip Launcher genannte Matrix (Abbildung 4), die vertikal den Spuren folgt, aber horizontal Säulen bildet, die Bitwig “Scenes” nennt.

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Abbildung 4: Bunte Blöcke und ein innovatives Konzept: BitwigsClip Launcher dient als schnelles Notizbuch für Komponisten und Live-Instrument in einem.In den so entstehenden Blöcken legen Sie Musikclips ab, die im Prinzip den Regionen im Editor entsprechen. Allerdings stellt Bitwig Studio sie alle gleich breit dar, wodurch viele verschiedene Scene-Säulen nebeneinander passen. Jeder Clip aus jeder Scene lässt sich direkt per Maus, Tastaturkommando oder MIDI-Controller ansprechen und einzeln oder gleichzeitig abspielen. Dabei schneidet Bitwig Studio die Clips nicht auf eine gemeinsame Länge, sondern spielt ihren jeweiligen Inhalt komplett in einer Schleife ab.
Ein Gitarrist kann so ein acht Takte langes Schlagzeug-Loop in eine Spur einer Scene legen und anschließend ein ganz normales 20-Minuten-Solo in einer anderen Spur der gleichen Scene aufnehmen, während die Software die acht Takte durchgängig wiederholt. Das Ganze spielt sich im Kontext des Mixers ab und lässt sich damit auch über Plugins bearbeiten. Alternativ nutzen Sie Synth-Plugins und Sampler, um Notenclips aus den Kästen in den Scenes abzuspielen.
Schon nach kurzer Eingewöhnung übt dieses intuitive Kompositionswerkzeug einen geradezu hypnotischen Sog aus. Mit sehr wenigen, immer gleichen Mausklicks oder Tastaturkommandos lassen sich dutzende Varianten einer Idee auf verschiedenen Scenes anlegen. Die Software lenkt fast gar nicht von der Konzentration auf die Musik ab. Das ist bei traditionellen Multi-Track-Editoren spürbar anders: Besonders wenn man viele verschiedene Takes einspielen und gleichzeitig mit anderen neu kombinieren möchte, kann dort das Verhältnis von Musik und Programmbedienung schnell die 50:50-Marke unterschreiten. Die Scenes-Matrix reduziert den Aufwand erheblich und empfiehlt sich damit als besonders angenehmes und produktives Werkzeug zum Entwickeln von Ideen.
Durch die einfache und schnelle Bedienung macht dieser Modus den Sequencer auch zu einem echten Instrument für Live-Auftritte. Während ein linearer Zeitleisten-Sequencer in Konzertsituationen immer wie ein besseres Playback-Tonband wirkt, kann man mit dem Clip Launcher tatsächlich spontan Musik spielen – sofern man das beherrscht.
Lineares Editieren
Haben Sie nun eine Idee entwickelt und wollen diese zu einem vielschichtigen und abwechslungsreichen Song arrangieren, dann gerät die Einfachheit der Clip-Launcher-Matrix schnell in Konflikt mit dem Wunsch nach Abwechslung und einem logischen linearen Aufbau. Für solche Zwecke eignet sich ein traditioneller, linearer Editor besser – und einen solchen bietet auch Bitwig Studio an. Sie finden ihn gleich rechts von den Scenes des Clip Launchers.
Natürlich lassen sich die Clips aus den Scenes nach Belieben auf die Spurenansicht des Editors ziehen, dort ganz traditionell arrangieren und schneiden, und zwar so, dass die bestehenden Ideen im Clip Launcher nicht verloren gehen. Bitwig Studio arbeitet hier nicht-destruktiv: Sie bearbeiten die Darstellungen und Anordnung des Materials im Song, ohne dabei die Originalaufnahmen zu verändern.
Das Mauswerkzeug lässt sich in einer Auswahlliste rechts oben und per Druck auf die oberen Zifferntasten [**1**] bis [**5**] wechseln. Dabei gestattet der Wechsel per Tastatur auch ein nützliches Extra: Drücken Sie etwa [**3**], wenn Sie das Auswahlwerkzeug gewählt haben, dann bleibt der Zeichenstift nur solange aktiv, wie Sie die Taste halten. Sobald Sie loslassen, springt der Mauscursor wieder auf den Auswahlzeiger zurück.
Das Schneiden des Materials im Editor gelingt nur relativ grob: Die Spuren weisen eine feste Höhe auf, die grafische Darstellung der Sounds ist nicht sehr detailliert. Auch haben wir keine Möglichkeit gefunden, das Einrasten auf genaue Zählzeiten abzuschalten. Erzielen Sie hier nicht die gewünschte Präzision, dann wechseln Sie besser mit einem Doppelklick auf den Editor links unten. Hier lassen sich einzeln oder im schon beschriebenen Layer-Modus genaue Manipulationen an Audio-Material und Noten vornehmen.
Möchten Sie Songs aus vorhandenem Material zusammensetzen, müssen Sie in aller Regel einige der importierten Clips an die Geschwindigkeit des Songs anpassen. Die Time-Stretch-Werkzeuge, die Bitwig Studio dafür in Linux einführt, leisten deutlich mehr als das, was man von Ardour oder Qtractor kennt. Neben der guten Klangqualität der Umrechnung stellt vor allem die grafische Rückmeldung aller Operationen in Echtzeit einen bedeutenden Fortschritt zu Rubberband und Konsorten dar (Abbildung 5). Das funktioniert gut – aber wer einen Inplace-Editor wie Ardour gewohnt ist, dem wird der Arbeitsablauf in Bitwig Studio gewöhnungsbedürftig erscheinen.

Abbildung 5: Mit dem Time-Stretch-Werkzeug des Clip-Editors definieren Sie Punkte im Material, an denen ausgerichtet Sie die Klänge im Clip exakt auf gewünschte Zählzeiten im Song ziehen und stauchen.
DAWs, Clips, Regionen, Plugins: Was ist was?
Das Kürzel DAW steht für “Digital Audio Workstation” und war ursprünglich der Begriff, unter dem Hardware-Hersteller wie Korg oder Neve ausgesprochen kostspielige, zentnerschwere Komplettlösungen für die Musikproduktion anboten. Mit einer DAW war prinzipiell alles möglich, was zu einer Musikproduktion gehört. Produzenten konnten damit Musik komponieren, aufnehmen, arrangieren und mixen.
Mit dem Aufkommen von erschwinglichen Hochleistungscomputern kurz vor der Jahrtausendwende integrierten die Programmierer einfacher Sequencer-Software immer mehr Funktionen dieser Workstations in ihre Software-Suiten. So entstanden eigenständige Software-DAWs, die inzwischen die fertig zusammengebauten Hardware-Dinosaurier der 1990er abgelöst haben.
Ob AbletonLive, Ardour, der Quasistandard ProTools oder Bitwig Studio: Alle DAWs setzen für den Umgang mit Musikdaten auf ähnliche Metaphern. Der Umgang soll einerseits ähnlich leicht verständlich wie ein klassisches Tonbandgerät und Mischpult sein, andererseits aber so flexibel und mächtig, wie es nur mit virtuellen Nachbildungen der Wirklichkeit möglich ist.
Musikdaten aller Art landen bei allen DAWs in Containern, die je nach Anbieter “Clips”, “Regionen” oder abgehobener “Objects” heißen und die alle das gleiche tun: sie stellen dem Nutzer Kästchen zur Verfügung, die sich auf Mixerkanälen in einer Zeitleiste anordnen lassen (Abbildung 6). Schiebt man eins der Kästchen auf dem dritten Mixerkanal nach rechts, ertönen die Musikdaten, für die das Kästchen steht, später im Song.
Solche Clips oder Regionen lassen sich außerdem schneiden, vervielfältigen oder löschen. Dabei gehen alle modernen DAWs nicht-destruktiv vor: Sie beeinflussen lediglich die Art des Abspielens der Daten, wenn sie eine Region bearbeiten. Die Datei, in der die Daten aufgenommen wurden, bleibt hingegen unverändert.
Wie viele Clips/Regionen sich auf wie vielen verschiedenen Spuren anordnen lassen, begrenzt bei guten DAWs nur die Leistung des Rechners. Auf einem aktuellen PC kommen Ardour oder Bitwig Studio ohne weiteres mit Tausenden Clips auf mehr als 50 Spuren zurecht. Die Klänge aus den Regionen fasst ein virtueller Mixer zu einem gemeinsamen Signal zusammen, das in der Regel Master-Kanal heißt.
Die Mixer-Software selbst sorgt für die richtige Lautstärke und Verteilung eines Kanals im Stereo-Panorama. Dabei kommt fast immer eine weitere virtuelle Variante althergebrachter Musiktechnologie zum Einsatz: Plugins erlauben das Bearbeiten von Klängen und erzeugen auch selbst Klänge aus Notendaten.
Auch bei den Plugins handelte es sich früher um Hardware, kostspielige 19-Zoll-Geräte, die mit Steckern (“Plugs”) mit dem Mischpult verbunden wurden. In einer DAW bauen Sie entsprechende Software-Plugins mit ein paar Mausklicks in die einzelnen Mixerkanäle ein, wobei Effekte von den Regionen im Kanal ein Audio-Signal erwarten, Klangerzeuger hingegen Notendaten.

Abbildung 6: Oben links Ardour3, rechts oben Qtractor und unten Bitwig: Alle drei arbeiten mit Audioclips.
Automatenmusik
Weil Bitwig Studio intern nicht mit MIDI arbeitet, sondern ein eigenes System zur Darstellung von Noten verwendet, leistet es auch hinsichtlich der Bearbeitung von Noten und Steuersignalen für Klangerzeuger deutlich mehr, als mit MIDI möglich wäre. Besonders deutlich erkennt man das bei der Automatisierung von Ereignissen in der Zeitleiste: Als einziger großer Sequencer erlaubt Bitwig Studio das Senden von Steuersignalen an einzelne Noten in einer Spur (Abbildung 7).

Abbildung 7: Wenn ein Musiker in einem Akkord nur einer einzelnen Note ein Glissando hinzufügen möchte, lässt sich das auf einer Gitarre per Hand, mit MIDI gar nicht und in Bitwig Studio mit der Per-Note-Automation umsetzen.
Für das Fernsteuern bietet Bitwig eine offene Javascript-API, in der interessierte Programmierer alle internen Funktionen von Bitwig Studio mit virtuellen oder in Hardware umgesetzten Steueroberflächen verbinden können. Für die Zukunft plant Bitwig, auch die Funktionen jenseits der Fähigkeiten von MIDI (siehe Kasten “MIDI forever?”) mit Hilfe des neueren OSC-Protokolls für Oberflächenentwickler zugänglich zu machen.
MIDI forever?
Auf das Thema MIDI reagieren die Bitwig-Entwickler ausgesprochen reserviert. Freilich unterstützt Bitwig MIDI-basierte Geräte und Daten, wie alle anderen Sequencer auch. Intern verwendet es jedoch für Noten und Steueranweisungen ein eigenes Format, denn der seit über 30 Jahren konsolidierte MIDI-Standard unterstützt bei weitem nicht alles, was sich ehrgeizige Programmierer für Musiker ausdenken können.
Während sich ein simpel gespieltes Klavier noch relativ gut in MIDI-Noten abbilden lässt, gerät diese Technik schon dann an ihre Grenzen, wenn sie eine ganz normale Gitarre nachvollziehen soll. Für einen Gitarristen stellt es keinerlei Problem dar, einen Akkord aus drei Tönen zu spielen und dabei gleichzeitig nur eine der drei Saiten einen Ton höher zu ziehen. In MIDI bräuchte man dazu einen getrennten Kanal für jede einzelne Saite, weil der Standard Glissando-Anweisungen nur für alle Noten gleichzeitig verarbeiten kann.
Bitwig Studio ermöglicht solche Aktionen Dank seines internen Sonderformats, das auch für eine überdurchschnittlich flexible Automatisierung für Effekte auf Audio-Spuren sorgt.
Alles, was kracht
Jede zeitgemäße DAW unterstützt Plugins, fast alle davon gibt es in den Formaten VST und AU – und unter Linux in einigen anderen. Bitwig Studio unterstützt unter Linux jedoch nur nativ für Linux kompilierte VST-Module. Das klassische LADSPA und das neuere LV2 kennt es hingegen nicht, und auch unter Linux installierte VST-Effekte im Windows-DLL-Format tauchten bei unserem Test in Ubuntu 12.04 LTS nicht in der Plugin-Liste auf.
Obwohl Bitwig Studio nativ für 64-Bit-Systeme gebaut ist, kann es sowohl 64- als auch 32-Bit Plugins gleichzeitig nutzen. Die als native Linux-Bibliotheken kompilierten VST-Plugins der MDA-Sammlung listete Bitwig Studio im Test auf, nachdem wir das Verzeichnis /usr/local/lib/vst im Devices-Browser von Bitwig Studio als Library Folder hinzufügten. Sowohl die Synths als auch die Effekte von MDA funktionierten genauso tadellos wie die eingebauten Module von Bitwig Studio. Letzteren decken auch ohne externe Plugins den Grundbedarf von Musikproduzenten: Sie umfassen alle gängigen Typen von Synthesizern, Samplern und die am häufigsten gebrauchten Effekte.
Mit dieser Grundausstattung kommt man ziemlich weit – vor allem deshalb, weil die Entwickler die Methode zum Einbinden der Module bemerkenswert flexibel gestalteten: Durch sogenanntes Device-Nesting (Abbildung 8) lassen sich komplexe Netzwerke von Plugins zusammenbauen, die erheblich mehr leisten, als einfach hintereinander gehängte Klangerzeuger und Effekte. Dieses Feature wollen die Entwickler in Bitwig Studio 2 zu einem kompletten Modularsystem für den Eigenbau von Plugins erweitern.

Abbildung 8: Die in Bitwig Studio eingebaute Drum-Machine, kombiniert mit einem parametrischen Equalizer sowie drei weiteren Effekten. Kleine Steuermodule, an denen sich der Signalfluss regeln lässt, verbinden die einzelnen Elemente.
Besonders Plugins von Drittanbietern können neben nützlichen Funktionen auch Programmierfehler mitbringen und hohe Systemlasten verursachen. Deshalb hält Bitwig Studio die Plugin-Verarbeitung streng von seiner eigenen Audio-Engine getrennt. Der Crash eines Plugins wirkt sich daher nicht stärker auf die Anwendung aus als ein Absturz von LibreOffice oder Inkscape auf dem gleichen Rechner. So bleibt die Audio-Verarbeitung von Bitwig beim Absturz eines Plugins voll handlungsfähig, das abgestürzte Modul lässt sich mit einem Klick neu starten. Besonders in Live-Situationen kann das ein unbezahlbarer Vorteil sein.
Neue Plugins findet Bitwig Studio automatisch in den einschlägigen Systemverzeichnissen. Schließlich achtet die Software auch auf die Versionen der installierten Plugins und erstattet Bericht, falls ein Upgrade die Funktionalität eines Plugins so ändert, dass es in bereits aufgebauten Projekten nicht wie eingestellt funktionieren kann.
Fazit
Bitwig Studio verspricht eine echte Bereicherung für die Welt der Audio-Anwendungen für Linux zu werden – vor allem, weil es sich tatsächlich um Linux-Software handelt und nicht nur um eine auf dem Rücken von Wine reitende Windows-Anwendung. Der Clip Launcher stellt ein Kompositionswerkzeug dar, das es so unter Linux bislang noch gar nicht gab. Unter den vielen fortschrittlichen Details stechen besonders das hochentwickelte Time-Stretch-Werkzeug und die flexible Verschaltung von Plugins hervor. Als zukunftsweisend nicht nur unter Linux erscheinen auch die einzigartige Automatisierungsfunktion für einzelne Noten sowie die weit fortgeschrittene Möglichkeit, Notenmaterial und Audio-Aufnahmen gemeinsam zu bearbeiten. Es bleibt zu hoffen, dass in der finalen Version die Anbindung an Jack via PortAudio tatsächlich reibungslos funktioniert – die allgemeine Qualität der Software und das gute Verhältnis der Entwickler zu Linux lässt uns in dieser Hinsicht guter Hoffnung sein.
Glossar
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Sequencer
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Ein Sequencer zeichnet Noten und Steuersignale für elektronische Instumente in Sequenzen (Abläufen) auf. Moderne Sequencer unterstützen dazu neben MIDI auch das flexiblere OSC (“Open Sound Control”). Die meisten Sequencer bieten zusätzlich die Möglichkeit, aufgenommene Klänge auf Audio-Spuren zu bearbeiten.
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Inplace-Editor
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In einem solchen Schneidwerkzeug für Klangmaterial bearbeiten Sie Clips direkt an der Stelle, an der sie im Arrangement erscheinen. Sie können jede Spur so weit vergrößern, dass Sie dazu keinen gesonderten Editor benötigen. Die erforderlichen Werkzeuge erscheinen meist mit dem Vergrößern und lassen sich per Kontextmenü aufrufen.
Infos
[1] Bitwig: http://www.bitwig.com
[2] PortAudio: http://www.portaudio.com
[3] Ardour: http://ardour.org
[4] Qtractor: http://qtractor.sourceforge.net






Hi, der Artikel über Bitwig bringt doch entlich mehr Licht in das dunkle Tal, vielen Dank dafür. Ich hoffe noch nicht User werden die neuen Möglichkeiten bald zu schätzen wissen. Es schaut oft bei vielen Usern so aus als belächeln sie Bitwig als Live 9 Klone. Doch bei genauer Betrachtung schauts für einen Ableton user so aus als würde Bitwig das Rennen gewinnen. allein die Efekt Verkettung ermöglicht die unglaublichsten Nachbauten von Effekten .absolut genial.wer sich da noch Plug kauft anstatt nachbaut mit Bitiwig und seinen dry/wet pre/post Erweiterungs I/o system verpasst ein Riesen Pluspunkt. Dann stabile Modulation mit sidchaining… Mehr »