Amazons E-Book-Reader im Kurztest

Aus LinuxUser 08/2011

Amazons E-Book-Reader im Kurztest

© Amazon

Dauerläufer

Dank des Strom sparenden E-Ink-Displays erreicht Amazons E-Book-Reader Kindle beim reinen Lesen phänomenale Standzeiten von bis 30 Stunden – so lange Sie seine Zusatzfunktionen nicht nutzen.

Lange vor den ersten Tablet-PCs machte Amazon mit dem E-Book-Reader Kindle [1] von sich reden. Dieser ermöglicht es dem Leser, Bücher in digitaler Form direkt aus dem Amazon-Webstore zu kaufen und herunterzuladen. Daneben zeigt der E-Book-Reader auch Texte anderer Formate an, wie etwa PDF oder HTML. Was der Kindle bietet und welche Vor- und Nachteile Amazons Konzept birgt, zeigt dieser Artikel. Wie ein technisch unversierter Vielleser das Gerät beurteilt, fasst der Kasten “Kindle: Meinung einer Vielleserin” zusammen.

Kindle: Meinung einer Vielleserin

Sehr praktisch ist der Kindle im Format eines schmalen, kleinen Buchs vor allem auf Reisen: Er belastet das Gepäck weniger als gedruckte Bücher und findet bequem in jeder Handtasche Platz. Das E-Ink-Display erlaubt stundenlanges, ermüdungsfreies Lesen. Wegen der fehlenden Hintergrundbeleuchtung eignet sich der Kindle jedoch nur zum Lesen in heller Umgebung. Bei Dämmerlicht oder unter der Nachttischlampe nimmt die Lesbarkeit rapide ab. Dank der anpassbaren Schriftgröße eignet sich der Reader aber auch für Leser mit Sehschwächen.

Vor allem beim Querlesen fällt es häufig schwer, vorherige Lesestellen erneut zu finden – hier punktet ganz klar das gedruckte Buch. Des Weiteren fällt die Auswahl an E-Books im Amazon-Store noch vergleichsweise eingeschränkt aus. Den für mich gravierendsten Nachteil gegenüber Büchern stellt jedoch dar, dass ich die E-Books nicht an Freunde verleihen oder sie nach dem Lesen weiterverkaufen oder verschenken kann – obwohl ich dafür das Gleiche bezahle wie für die gedruckte Ausgabe.

Attraktiver wäre für mich ein Kindle mit Hintergrundbeleuchtung sowie einer digitalen “Leihbibliothek”. Gegenwärtig ist mir das Gerät zu teuer, da nicht nur relativ hohe Anschaffungskosten anfallen, sondern auch ein satter Preis für jedes einzelne Buch. Sobald Amazon die E-Books preiswerter anbietet als die gedruckten Ausgaben oder die Möglichkeit des Ver- und Entleihens besteht, wird der Kindle für mich als Vielleser zum echten Muss. (Dr. Barbara Karmann/jlu)

Harte Ware

Im November 2007 ging Amazon mit dem Kindle 1 an den Start. Das damals noch knapp 400 US-Dollar teure Gerät stieß nicht zuletzt wegen seines hohen Preises auf wenig Gegenliebe bei den Käufern. Der Konzern reagierte und erhöhte in der aktuellen Version 3 nicht nur die Performance, sondern senkte auch drastisch den Preis. So kostet die G3-Version mit integriertem HSDPA-Modem noch 189 Euro. Sie enthält eine fest verbaute SIM-Karte, die nach Herstellerangaben den kostenfreien Download weiterer E-Books aus dem Amazon-Store in über 100 Ländern erlaubt. Die Version ohne G3 bietet Amazon gegenwärtig für 139 Euro an. Als Unterbau dient dem Kindle ein angepasstes Linux mit Kernel 2.6.26, dessen Quellcode Amazon frei zum Download [2] bereitstellt.

Das Konzept des Kindle unterscheidet sich grundlegend von “normalen” Tablet-PCs. Am augenfälligsten ist das Schwarz-Weiß-Display, das dank des verwendeten E-Ink-Verfahrens nicht nur eine längere Akku-Laufzeit verspricht, sondern auch eine bessere Lesbarkeit der Texte als normale LCD-Monitore gewährleistet. Das liegt nicht zuletzt daran, dass E-Ink lediglich zum Seitenwechsel Energie benötigt, nicht jedoch zur Anzeige. Allerdings verzichtet diese Displaytechnologie auf eine Hintergrundbeleuchtung und erfordert entsprechend zum Lesen ein ähnlich gutes Licht wie normales Papier. Dank der statischen Anzeige erscheinen Inhalte komplett flimmerfrei. Als Akku-Laufzeit gibt Amazon sagenhafte 30 Tage bei einstündiger täglicher Nutzung an. Die Ladezeit betrug im Test etwa 2 Stunden. Ein Austausch des fest integrierten Akkus ist nicht ohne Weiteres möglich und bedeutet den Garantieverlust, da Sie dafür das Gerät aufschrauben müssten. Weitere technische Details entnehmen Sie der Tabelle “Datenblatt: Amazon Kindle”.

Datenblatt: Amazon Kindle

CPU ARM 11, 532 MHz
Display 6 Zoll E-Ink, 600×800 Pixel, 16 Graustufen
Speicher 4 GByte, davon 3,3 nutzbar
Anschlüsse Micro-USB 2.0, 3,5 mm Audioklinke
Dokumententypen HTML, DOC, PDF, TXT, MOBI
Größe 190 x 123 x 8,5 mm
Gewicht 250 Gramm
Akku 3,7 V, 1750 mAh
Akkulaufzeit bis zu 30 Stunden (ohne WLAN)
Preis 139 Euro, mit G3 189 Euro

Bedienung

Zum Anschalten des Geräts besitzt es einen kleinen Schieber am unteren Rand. Die Bedienung des Kindle erfolgt ausschließlich über die Tastatur und die Pfeiltasten. Auf Zahlentasten verzichtet das Gerät ebenso wie auf Sonderzeichen. Diese blenden Sie gegebenenfalls mit Sym ein und wählen per Cursor die gewünschte aus (Abbildung 1).

Abbildung 1: Die auf der realen Tastatur fehlenden Sonderzeichen und Ziffern verlegt der Kindle in eine Display-Auswahl.

Abbildung 1: Die auf der realen Tastatur fehlenden Sonderzeichen und Ziffern verlegt der Kindle in eine Display-Auswahl.

Warum Amazon die verhältnismäßig kleinen Tasten mit grauer Schrift auf dunkelgrauem Hintergrund bedruckt, bleibt offen. Bereits bei Dämmerlicht sind die Zeichen nur noch schwer zu entziffern.

Die Taste Menu entspricht technisch etwa einem Kontext-Menü und blendet zu jeder Funktion die möglichen Optionen ein. Per Home gelangen Sie aus jeder Position zurück auf die Startseite. Diese besteht im Wesentlichen aus einer Übersicht Ihrer Dateien und E-Books. Die Suchfunktion erreichen Sie über Menu | Search, Shop in Kindle Store öffnet dem Amazon Market Place für Bücher. Eine Auswahl bestätigen Sie jeweils mit einem Druck auf den viereckigen Knopf zwischen den Pfeiltasten.

Gekaufte E-Books speichert Amazon zusätzlich im sogenannten Kindle-worry-free-Archiv. Sollte das Gerät verloren gehen oder zerstört werden, stehen die Bücher darin zum kostenfreien nachträglichen Download bereit. Eine Weitergabe der E-Books an Dritte verhindert jedoch ein relativ restriktives DRM. Zwar führte Amazon Ende letzten Jahres eine Verleihfunktion ein, die das einmalige Ausleihen eines E-Books für 14 Tage an Freunde oder Bekannte erlaubt. Allerdings steht der Dienst bisher nur in den USA zur Verfügung. Weiterhin legen die Verlage selbst fest, ob sie diese Funktion in ihren elektronischen Büchern bereitstellen möchten oder nicht.

Unter Settings aus dem Menu stellen Sie technische Vorgaben, etwa WLAN-Anschlusskennung oder Device-Name ein. Zum Blättern verwenden Sie die Pfeiltasten am linken und rechten Rand des Geräts. Jenseits des Lesens bietet der Kindle noch einige Zusatzfeatures, die Sie unter Menu | Experimental erreichen.

Zusatzfunktionen

Zu den weiteren Funktionen zählt ein rudimentärer Audioplayer, der das Abspielen von MP3-Dateien ermöglicht. Diese müssen sich allerdings im Ordner music befinden, Dateien in Unterverzeichnissen findet der Player nicht. Immerhin überraschte die Soundqualität der integrierten Lautsprecher ebenso positiv wie die Tatsache, dass die Musik auch im Hintergrund weiter läuft – beispielsweise als musikalische Untermalung beim Lesen eines Buchs.

Das ist jedoch nicht der einzige Einsatzzweck der Lautsprecher und der Audiobuchse. Das Gerät verfügt zudem über eine Sprachausgabe des geöffneten Textes. Sie erreichen die Funktion via Aa und der Anwahl von Text-to-Speech turn on. Bislang klappt das jedoch nur bei englischer Literatur. Die Ausgabe hört sich allerdings bislang an wie gewollt und nicht gekonnt und ist kaum zu verstehen – vergleichbar mit Text-to-Speech-Experimenten im Web vor fünf bis acht Jahren.

Ebenfalls unter Experimental finden Sie einen Web-Browser, der im G3-Modus jedoch nur sehr wenige Seiten anzeigt. In der Regel erfolgt nur die Fehlermeldung Due to local restrictions, web browsing is not available for all countries. Im WLAN-Modus öffnet der Browser jedoch alle Seiten problemlos. Die Eingabe der URL, von Bookmarks und dergleichen erreichen Sie über Menu.

Eine weitere, allerdings undokumentierte Zusatzfunktion ist der integrierte Bildbetrachter. Um ihn zu nutzen, laden Sie die gewünschten Bilder in ein Unterverzeichnis von pictures. Nach einem Refresh des Bildschirms per [Alt]+[Z] zeigt der Kindle sie auf dem Home-Screen an. Um den Bildbetrachter zu starten, genügt es, das gewünschte Verzeichnis zu aktivieren. Speziell beim Wechsel zwischen den Bildern kam das Gerät aber diverse Male ins Schleudern. Zum einen dauerte der Aufbau verhältnismäßig lang, zum anderen kam es des Öfteren zu Überlagerungen zwischen den Bildern. Angesichts der 16 Graustufen, die das Gerät darstellt, eignet sich dieses Feature ohnehin höchstens zu Dokumentationszwecken.

Nutzen Sie häufiger die genannten Zusatzfunktionen, so schrumpft die propagierte Akkulaufzeit von einem Monat drastisch. Im Test war bereits nach wenigen Stunden der Akkus halb leer.

Der E-Book-Reader unterstützt ferner diverse Tastaturkürzel. So erstellt die Tastenkombination [Alt]+[Shift]+[G] einen Screenshot, den das Gerät im Verzeichnis documents speichert. Als “Osterei” versteckt der Kindle hinter [Shift]+[Alt]+[M] das Spiel “Take 5”. 

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