Neues auf dem Linux-Software-Markt

Aus LinuxUser 09/2000

Neues auf dem Linux-Software-Markt

Im Zeichen von Open Source

Die Zeiten, in denen man sich als Anwender unter Linux in erster Linie mit den der erworbenen Distribution beiliegenden Programmpaketen zufrieden geben musste, gehören klar der Vergangenheit an. Täglich sprudeln die internationalen Linux-Newsticker und Software-Portale über vor Pressemitteilungen und Ankündigungen von Neuerscheinungen freier wie kommerzieller Anwendungs-Software. Um Sie auch über die aktuellsten Entwicklungen auf dem Software-Markt auf dem Laufenden zu halten, stellen wir ab sofort monatlich interessante Programme kurz vor.

Überraschung des Monats

Ein kleiner Schritt für eine Firma wie Sun, ein großer Schritt jedoch für die Open-Source-Gemeinde: Genau ein Jahr nach der Übernahme der Hamburger Software-Schmiede Star-Division hat Sun bekannt gegeben, dass die für den 13. Oktober 2000 angekündigte Version 6 der bekannten Office-Suite StarOffice unter die Bedingungen der GPL gestellt werden wird. Neben der GPL-Version wird es zwar noch ein weiteres Sun-spezifisches Lizenzmodell (SISSL) für StarOffice geben, diese Version will man jedoch mit der GPL-basierten Referenzimplementation kompatibel halten. Zahlreiche renommierte Entwickler der Open-Source-Szene (u. a. auch GNOME-Papst Miguel de Icaza) haben bereits ernsthaftes Interesse an einer Unterstützung bekundet. Nähere Infos finden Sie unter der eigens für die freie Weiterentwicklung von StarOffice eingerichteten Website http://www.openoffice.org/.

Profi-Datenbank Interbase 6.0

Auch im Bereich (semi-) professioneller Datenbanken gibt es seit Ende Juli eine echte Open-Source-Alternative zu proprietären Lösungen. Die kalifornische Firma Inprise/Borland hat sich dazu entschlossen, ihr ausgereiftes Relationales Datenbankmanagementsystem (RDBMS) unter die InterBase Public License, eine Variante der bekannten Mozilla Public License, zu stellen. Die Quellen und Binaries der aktuellen Version 6.0 für Linux, Windows und Solaris liegen zum Download bereit unter http://www.borland.com/interbase/.

Programmierertool Source-Navigator

Aller guten Dinge sind drei. Bereits im April offiziell angekündigt, konnte sich die Firma Red Hat nun doch endlich dazu entschließen, ihren Source-Navigator unter die GPL zu stellen. Das Source-Code-Analyse-Tool, das seit Jahren in zahlreichen Integrierten Entwicklungsumgebungen (z. B. in Code Fusion von Cygnus) Programmierern das Leben erleichtert, finden (potentiellen) Entwickler in der aktuellen GPL-Version unter http://sources.redhat.com/sourcenav/.

3D-Powertool Blender 2.0

Leider nicht als Open Source erhältlich, aber für nicht-kommerzielle Zwecke dennoch kostenlos einsetzbar ist die 3D-Modellier-, Render- und Animationssoftware Blender. Die Ende Juli erschienene Version 2.0 bringt neben zahlreichen Verbesserungen (v. a. in der Render-Funktion) erstmals spezielle Funktionen (3D-Engine) für die Erstellung von Spielen mit: http://www.blender.nl/.

Dauerbrenner Cdrecord 1.9

In der Regel werden wir Ihnen in dieser neuen Rubrik zwar in erster Linie grafikbasierte X11-Anwendungen vorstellen. Es gibt jedoch Fälle, in denen wir aus gutem Grund von dieser Regel abweichen. Eine solche Ausnahme ist Jörg Schilling’s Konsolenprogramm cdrecord. Dieses textbasierte Brennprogramm bildet nämlich die (Treiber-)Basis für nahezu alle grafikbasierten Brennprogramme (etwa X-CD-Roast) unter Linux und diversen anderen Betriebssystemen. Seit Version 1.8.1 profitieren Sie mit cdrecord von der “BURN-Proof”-Fähigkeit der neuesten Generation von CD-Rekordern. Die aktuelle Version 1.9 bietet nun neben der Einbindung zahlreicher neuer CD-Rekorder u. a. auch die Möglichkeit, Rohlinge mit 99 Minuten Länge zu brennen. Zum Zeitpunkt des Redaktionsschlusses basierten allerdings die cdrecord-basierten X11-Brennprogramme noch auf der alten Version 1.8. Dies dürfte sich jedoch in kurzer Zeit ändern. http://www.fokus.gmd.de/research/cc/glone/employees/joerg.schilling/private/cdrecord.html

DVD-Player LinDVD angekündigt

Die kalifornische Firma Intervideo, Inc. will ihre DVD-Produktpalette in Zukunft nicht mehr ausschließlich für Windows, sondern auch für Linux anbieten. LinDVD, die Linux-Version des bekannten Software-DVD-Players WinDVD 2000, dürfte daher in Kürze für einen Preis von ca. 60 DM (Stereo-Ton) bzw. 100 DM (Dolby-Digital) erhältlich sein. Weiterhin in Aussicht gestellt sind für Linux ein digitaler Videorekorder und ein MPEG2-Encoder. LinDVD könnte alle diejenigen Linux-Anwender “entkriminalisieren”, die ihre DVDs bisher mangels Alternative mit dem rechtlich umstrittenen Dekodierungsprogramm DeCSS abspielen. Ein gelegentlicher Blick auf folgende Website könnte sich für die Betroffenen unter Ihnen also lohnen: http://www.intervideo.com/

Netscape Communicator 4.74

Während die gesamte Internet-Gemeinde hoffnungsvoll auf die erste stabile Release des neuen Browsers Netscape 6 wartet, hat die Firma Netscape Mitte Juli noch eine weitere Minor-Release der alten Netscape-Version (4.74) fertiggestellt. Die wichtigsten Neuerungen für Linux-Anwender: Netscape 4.74 unterstützt nun angeblich voll den Linux-Kernel 2.2, der langersehnte Flash-4-Player wurde integriert und die Verschlüsselungsstärke ist nun fest auf 128 Bit eingestellt. Für alle diejenigen unter Ihnen, die das Erscheinen von Netscape 6 nicht abwarten wollen, etwa weil sie unter enormen Stabilitätsproblemen älterer Version zu leiden haben, könnte sich ein Upgrade u. U. lohnen. Netscape 4.74 steht für Linux (Glibc 2.2) in englischer Sprache zum Download bereit unter ftp://ftp.netscape.com/pub/communicator/english/4.74/unix/supported/linux22/.

GNOME Telnet 2.0:

Für alle GNOME-Freunde unter Ihnen, die sich gelegentlich auch ‘remote’ (auf einem anderen Rechner) einloggen möchten, gibt es seit kurzem ein besonderes Schmankerl. GNOME Telnet 2.0 ist wider Erwarten nicht bloß ein weiterer grafischer Telnet-Client, sondern lässt sich neuerdings auch wunderbar als Rlogin- bzw. SSH-Client nutzen. Dank der per Mausklick veränderbaren Preferences von Gnome_Telnet gehört das Auswendiglernen der sonst für den Verbindungsaufbau zu anderen Rechner üblichen Kommandozeilenparametern der Vergangenheit an: http://cyest.hypermart.net/.

Websphere Homepage Builder 4.0

Obwohl IBM schon vor geraumer Zeit Linux zu einem der offiziell unterstützten Betriebssysteme erklärt hat, hat man hiervon als ‘normaler’ Desktop-Anwender bisher eher wenig profitiert. Mit dem seit 31.7. erhältlichen Websphere Homepage Builder 4.0 (im Beta-Stadium auch bekannt als “Toppage”) könnte sich dies jedoch zumindest für ambitionierte Webentwickler ändern. Der WYSIWYG-HTML-Editor richtet sich an alle, die ihren (semi-) professionellen Webauftritt realisieren wollen, ohne die Tiefen der Websprachen (HTML, Javascript,…) ergründen zu müssen. Homepage Builder 4.0 für Linux basiert auf einer speziellen, jedoch kostenlos erhältlichen Wine-Bibliothek und lässt sich direkt bei IBM für einen Preis von $ 69 per “Box delivery by mail” unter folgender URL bestellen: http://commerce.www.ibm.com/.

Neue Distributionen

Zum Abschluss noch ein paar Meldungen für diejenigen unter Ihnen, die mit dem Gedanken spielen, in Kürze eine neue Linux-Distribution zu erwerben. Der deutsche Marktführer SuSE wird voraussichtlich am 21.8. die deutsche Linux-Gemeinde mit Version 7.0 seiner gleichnamigen Distribution beglücken. Dabei wird es erstmals eine Trennung in eine Personal-Edition (2 CDs <\#136> 79 DM) und eine Professional-Edition (6 CDs zu 129 DM) geben. Näheres hierzu finden Sie unter http://www.suse.de. Nach eineinhalbjähriger Entwicklungs- und Testphase dürfte in Kürze auch die Version 2.2 (Codename “potato”) der freien Distribution Debian/GNU das Gütesiegel ‘stabil’ erhalten (siehe http://www.debian.org). Debian/GNU gilt unter Kennern als sehr stabil und extrem individuell konfigurierbar, eignet sich jedoch angesichts mangelndem Administrationskomfort bisher weniger für Linux-Einsteiger und Anwender. Der Linux-Distributor Libranet hat sich, ähnlich wie seine kanadischen Landsmänner von Corel und Storm auch, zum Ziel gesetzt, aus Debian/GNU eine einsteigerfreundliche Distribution zu machen. Linux by Libranet wurde Ende Juli 2000 in der Version 1.8 veröffentlicht und kann unter http://www.libranet.com bezogen werden.

LinuxUser 09/2000 KAUFEN
EINZELNE AUSGABE
ABONNEMENTS
TABLET & SMARTPHONE APPS
E-Mail Benachrichtigung
Benachrichtige mich zu:

Hinweis: Dieser Artikel ist älter als ein Jahr, enthaltene Informationen sind möglicherweise veraltet.

0 Kommentare
Älteste
Neuste Beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
Nach oben