Ubuntu Dapper Drake

Aus LinuxUser 08/2006

Ubuntu Dapper Drake

Ankunft des Erpels

Nach sechs Wochen Verzug erschien im Juni die vierte Ausgabe von Ubuntu unter dem Codenamen Dapper Drake – der elegante Erpel. Vor knapp zwei Jahren hat die erste Version die Linux-Welt aufgewirbelt inzwischen gehört Ubuntu zu den etablierten Distributionen.

Ubuntu 6.06 LTS

Gnome 2.14.1
KDE 3.5.2
Xfce 4.3.90
Firefox 1.5.0
Openoffice 2.0.2
X.org 7.0.0
Kernel 2.6.15
Quelle http://www.ubuntu.com

Benutzerfreundlichkeit und Stabilität hießen die Schlagwörter, mit denen sich Ubuntu [1] vor zwei Jahren aufmachte, die Linux-Welt aufzurollen. Die Distribution entwickelte sich innerhalb weniger Monate zum Shooting-Star, indem sie das unerschütterliche Debian mit aktueller Software ausstattete und die Konfiguration eines Desktop-Systems auch Linux-Anfängern ermöglichte.

Im Gegensatz zu manch anderem Produkt mit ähnlicher Zielsetzung verzichtet Ubuntu aber auf proprietäre Zusatzprogramme, die Standardinstallation besteht ausschließlich aus freier Software. Zur Verbreitung trägt außerdem ein einmaliger Service des Ubuntu-Herstellers Canonical bei: Er verschickt kostenlos Ubuntu-Installations-CDs an alle Interessierten.

Abwarten

Bis zur nun aktuellen Version mit dem Codenamen “Dapper Drake” (dt.: eleganter Erpel) erschien Ubuntu im regelmäßiges Halbjahresrhythmus. Diese Ausgabe ist allerdings die erste mit so genanntem Long Term Support (LTS), der für die nächsten fünf Jahre – statt bisher drei – Sicherheits-Updates und Support verspricht. Aus diesem Grund ließ die Ubuntu-Stiftung, die die Betreuung der Distribution von Canonical übernommen hat, den anvisierten Release-Termin im April verstreichen und gönnte den Entwicklern sechs weitere Wochen, um “das stabilste Ubuntu aller Zeiten” zu erstellen.

Seit 1. Juni steht Ubuntu 6.06 auf den Servern zum Download bereit. Als Standardoberfläche dient Gnome 2.14, die inzwischen ebenfalls offiziell unterstützten Varianten Kubuntu und Xubuntu verwenden die Desktop-Umgebungen KDE 3.5.2 beziehungsweise Xfce 4.4. Openoffice 2.0.2, Firefox und Thunderbird 1.5 runden die Arbeitsumgebung ab. Darunter kümmert sich X.org 7.0 um die Grafikausgabe, Kernel 2.6.15 verwaltet das System. Sein relativ hohes Alter wirkt sich nicht negativ auf die Hardware-Unterstützung aus, denn die Ubuntu-Entwickler haben zahlreiche Treibermodule aus neueren Kerneln zurückportiert.

Die zusätzliche Zeit für die Ubuntu-Entwicklung reichte offenbar trotz Verlängerung nicht ganz aus: Zwei Wochen nach dem Release standen auf den Update-Servern zahlreiche aktualisierte Pakete bereit, die teilweise sicherheitskritische Fehler ausräumen; später folten weitere. Wer sich die Ubuntu-CD oder -DVD heruntergeladen oder kopiert hat, belastet nach der Installation seinen Internet-Anschluss erneut mit rund 150 Megabyte, um den Kernel und einen Großteil der Gnome-Pakete auf den neuen Stand zu bringen.

TIPP

Steht Ihnen nur eine schmalbandige Internet-Verbindung für das Update von Ubuntu 6.06 zur Verfügung, bietet die Ausgabe 08/2006 unserer Schwesterzeitschrift EasyLinux eine Alternative. Sie bringt eine “Service-Kit-DVD” mit, die unter anderem rund 500 MByte Aktualisierungen und Lokalisierungsdateien für Ubuntu 6.06 enthält.

Neue Installationsroutine

Wer sich an der textbasierten Debian-Installationsroutine, über die bislang auch Ubuntu das System auf die Festplatten brachte, mangels grafischer Ästhetik nicht erfreuen konnte, wird am neuen Verfahren Gefallen finden. Das Standardvorgehen besteht darin, vom Installationsdatenträger ein Live-System zu zu booten. Darin startet ein Klick auf das Installer-Icon das Programm Ubiquity (dt.: Allgegenwärtigkeit), das während der Entwicklung noch unter dem Namen Espresso firmierte.

Die Installation durchläuft die gleichen Schritte wie die Einrichtungsroutinen anderer Versionen und Distributionen. Zunächst unterteilt GParted (Abbildung 1), ein grafisches Frontend für das Werkzeug Parted, die Festplatte. Der Benutzer kann die Zielpartitionen aussuchen oder auf die automatischen Varianten zurückgreifen, die entweder die gesamte Festplatte oder den freien Speicherplatz für Ubuntu in Beschlag nehmen.

Abbildung 1: Die neue Ubuntu-Version bringt erstmals ein grafisches Installationsprogramm auf die Festplatte, gestartet aus einem Live-System.

Abbildung 1: Die neue Ubuntu-Version bringt erstmals ein grafisches Installationsprogramm auf die Festplatte, gestartet aus einem Live-System.

Der Boot-Manager Grub landet ohne Nachfrage im Boot-Sektor der ersten Festplatte (Master Boot Record), nimmt dabei aber bereits vorhandene Betriebssysteme ins Boot-Menü auf. Das funktioniert sowohl bei Windows als auch bei anderen Linux-Distributionen. Eine Ausnahme stellen solche Linux-Varianten dar, die noch den Boot-Manager Lilo verwenden, wie etwa Xandros. Sie muss der Systemverwalter nach der Installation manuell in die Grub-Konfiguration eintragen.

Die Ubuntu-CD enthält ausschließlich englische Sprachpakete. Bevorzugt man eine Oberfläche in anderer Sprache, lädt die Installationsroutine sie, nachdem das Basissystem eingerichtet ist, automatisch vom Ubuntu-Server herunter – eine Internet-Anbindung vorausgesetzt.

Die Installations-DVD sollte dieses Problem lösen, denn sie nutzt den Speicherplatz auf dem Datenträger unter anderem, um die Pakete aller unterstützten Sprachen mitzubringen. Allerdings erkennt das System das verwendete Medium nach der Installation nicht als Paketquelle, sodass der Benutzer es zuerst im Paketmanager hinzufügen muss, um Pakete zu verwenden, die über die Standardinstallation hinausgehen (Abbildung 2). Ohne diesen Eingriff steht also auch hier der Download der Sprachpakete an.

Abbildung 2: Sind die Quellen <code srcset=

universe und multiverse aktiviert, lässt sich über den Paketmanager zusätzliche Software installieren.” width=”300″ height=”238″ /> Abbildung 2: Sind die Quellen universe und multiverse aktiviert, lässt sich über den Paketmanager zusätzliche Software installieren.

Ressourcenhunger

Wer über weniger als 192 MByte Arbeitsspeicher verfügt oder den alten textbasierten Installer aus anderen Gründen bevorzugt, dem steht die so genannte Alternate CD zur Verfügung. Dort führt wie bei älteren Ubuntu-Versionen eine Abfolge von Auswahldialogen durch die Systemeinrichtung, die deutlich mehr Interaktion erlauben. Der Benutzer kann damit ein so genanntes OEM-System einrichten, also eine vollständige Installation – allerdings noch ohne Benutzer-Accounts: Diese legt man beim ersten Start an. Die Methode eignet sich beispielsweise für Händler, die PCs mit vorinstalliertem Linux ausliefern möchten.

Daneben erlaubt die Alternate CD, auch die Grub-Einrichtung zu verhindern oder nur in der Partition der Ubuntu-Installation vorzunehmen. Wer die DVD besitzt, aktiviert beim Booten den Punkt Install in text mode, um in die Textinstallation zu gelangen. Darüber hinaus steht die Installationsvariante Install a server zur Wahl, die gar keine grafische Oberfläche auf die Festplatte bringt. Wer nur diese Variante benötigt, findet zu diesem Zweck auch die weniger als 400 MByte große Server-Installations-CD.

Insgesamt empfiehlt sich die Textinstallation dank der höheren Geschwindigkeit und den zahlreicheren Möglichkeiten zum Feintuning. Vor der Installation eine vollständige Desktop-Umgebung zu starten, kostet Zeit und lohnt sich nur für Nutzer, die sich erst ein Bild vom System machen und das Zusammenspiel mit ihrer Hardware prüfen möchten.

Alle Installationsmedien stehen für 32- und 64-Bit-PCs sowie für Macs mit PowerPC-Prozessoren bereits. Die Server-Variante gibt es zusätzlich für die Platform Ultrasparc T1 – Codename “Niagara” – von Sun. Letztere genießt allerdings keinen offiziellen Support, stattdessen aber die Unterstützung des Herstellers. Die offizielle Kooperation zwischen Ubuntu und Sun wird wohl dafür sorgen, dass künftige Ausgaben der Distribution auf dieser Plattform ebenfalls reibungslos funktioniert.

Wenig Neues

Wer ältere Ubuntu-Versionen bereits kennt, muss die Unterschiede suchen. Das neue Artwork sorgt mit orangen Elemente für etwas mehr Farbe, die neue Gnome-Version für etwas mehr Benutzerfreundlichkeit. Doch in der Systemverwaltung hat sich wenig verändert.

Mit spannenden Desktop-Neuerungen warten nur die Bereichen universe und multiverse auf, für die Ubuntu keine Support- und Stabilitätsgarantien liefert und die der Anwender vor der Benutzung im Paketmanager aktivieren muss. Dann erhält er beispielsweise Zugriff auf den Network Manager, der nach verfügbaren Netzwerken per Funk und Kabel sucht. Über Applets sucht sich der Anwender dann sowohl unter Gnome als auch unter KDE beispielsweise sein bevorzugtes WLAN per Mausklick aus; eine große Erleichterung für Laptop-Nutzer in wechselnden Umgebungen.

Auch den 3D-Desktop Xgl [2] finden Ubuntu-Nutzer im universe-Bereich. Darin greift eine Variante des herkömmlichen X-Server im Zusammenspiel mit der Desktop-Umgebung direkt auf die 3D-Fähigkeiten der Grafikkarte zu, um mit Effekten sowohl die Benutzerfreundlichkeit als auch den optischen Reiz zu erhöhen. Die damit realisierten Features wie transparente und animierte Fenster und Menüs oder dreidimensional dargestelltes Umschalten zwischen den Fenstern und Arbeitsflächen erreicht man aber lediglich durch manuelle Nachinstallation der Xgl-Pakete. Der 3D-Desktop funktioniert noch nicht mit jeder Hardware, weshalb die Aufnahme in die Standardinstallation auch verfrüht wäre.

Wer sich vor proprietärer Software nicht scheut, findet sie zwar nicht auf der Installations-CD, aber in den Repositories restricted und multiverse. Nur den ersteren Bereich unterstützt Ubuntu offiziell, sie befinden sich auch auf der Installations-DVD. Darin befinden sich beispielsweise die Grafikkartentreiber von Nvidia und ATI oder patentrechtlich umstrittene Codecs zum Abspielen von MP3-Dateien und verschiedenen Videoformaten.

Besonders Java-Benutzer und -Programmierer freuen sich über eine weitere Frucht, die die bereits erwähnte Kooperation zwischen Ubuntu und Sun beschert hat: Wer die Java-Laufzeit- oder Entwicklungsumgebung benötigt, braucht unter Ubuntu nurmehr das multiverse-Repository einzubinden und die Pakete sun-java5-jre beziehungsweise sun-java5-jdk zu installieren. Auf dieselbe Weise integriert Ubuntu den Vmware-Player [3] in die Paketverwaltung.

Zu viel erwartet

In Sachen Hardware-Unterstützung hat Dapper durchaus Fortschritte erzielt. Der Standby-Modus über Software Suspend funktioniert auf vielen Laptop-Modellen, der Gnome Power Manager bietet jetzt eine grafische Oberfläche zur Konfiguration der Energieverwaltung. Das Werkzeug zeigt jedoch nicht alle Konfigurationsoptionen, so dass der Benutzer für das Finetuning zum unübersichtlichen Gconf-Editor greifen muss – für manche wieder eine große Hürde. Ähnliches gilt für Network Manager und Xgl.

Der etwas größere Ressourcenhunger der neuen X.org- und Gnome-Versionen spricht allerdings gegen den Einsatz vor allem auf häufig ohne Stromquelle verwendeten Laptops, da sie öfter als früher die Taktfrequenz erhöhen müssen und so mehr Energie verbrauchen. Wer allerdings bisher nicht unterstützt Hardware besitzt, wie einige integrierte Kartenlesegeräte, für den bietet die neue Version Anlass zur Hoffnung.

Das Update von einer alten Version birgt lediglich kleinere Hürden. Wer viele Pakete aus dem universe-Bereich installiert hat, stolpert über fehlerhafte Konflikt- und Abhängigkeitsdefinitionen und sollte Erfahrung im Umgang mit dem Paketmanager haben. Die Software aus main aktualisiert sich dagegen reibungslos, allerdings haben die erneuerten Versionen von Gnome und KDE in Einzelfällen Schwierigkeiten, Benutzereinstellungen weiterzuverwenden.

Eine komplette Neuinstallation macht dieser Umstand dennoch nicht erforderlich, im schlechtesten Fall setzt man die Oberflächenkonfiguration zurück, indem man die Verzeichnisse .gconf und .gnome beziehungsweise .kde im Home-Verzeichnis löscht.

Glossar

Live-System

Ein Betriebssystem, das ohne Festplatteninstallation direkt von CD oder DVD startet und benutzbar ist.

Ultrasparc T1

Software- und Hardware-Hersteller Sun produziert einen eigenen Prozessorentyp namens Sparc. Vom Modell Ultrasparc T1 hat Sun Anfang des Jahres das technische Design unter einer freien Lizenz veröffentlicht und Linux-Entwickler eingeladen, das freie Betriebssystem darauf zu portieren.

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