Aus dem LFS-Baukasten: NuTyX 15.05

Aus LinuxUser 08/2015

Aus dem LFS-Baukasten: NuTyX 15.05

© Computec Media GmbH

Eigenwillig

Die unabhängige französische Distribution NuTyX entsteht direkt aus den GNU- und Linux-Quelltexten. Sie glänzt nicht nur durch Performance, sondern auch durch etliche Innovationen.

Mehrere Hundert verschiedene Distributionen buhlen um die Gunst der Anwender. Viele davon nutzen eines der etablierten Systeme als Basis und weisen deshalb sehr viele Merkmale des Originals auf. Einen ganz eigenständigen Weg beschreitet das ursprünglich aus der Schweiz stammende und nun in Frankreich weiterentwickelte NuTyX [1]: Die aktuell in Version 15.05 vorliegende Distribution entsteht in eigener Regie auf Basis von Linux from Scratch und verfügt über ein eigenes Paketmanagement mit separaten Repositories.

Erster Eindruck

NuTyX fällt bereits beim Herunterladen des ISO-Images aus dem Rahmen: Während viele Distributionen inzwischen einen Umfang von 2 bis 3 GByte aufweisen, kommt NuTyX mit einem ISO-Image von lediglich rund 200 MByte daher, das bequem auf eine CD oder einen älteren USB-Stick passt. Die Abbilddatei enthält neben dem eigentlichen Betriebssystem mit grundlegenden Tools und dem Paketmanager noch eine Installationsroutine sowie den Bootmanager Grub. Grafische Oberflächen fehlen ebenso wie die großen Büroprogramme, Webbrowser oder auch multimediale Applikationen.

Da NuTyX keinen Live-Betrieb kennt, startet die frisch gebrannte CD sofort die Installationsroutine. Hier gilt es, zunächst eine Sprachauswahl zu treffen, wobei die deutsche Lokalisierung noch etwas abenteuerlich ausfällt. Es empfiehlt sich trotzdem, den Installer auf die deutsche Sprache einzustellen, da NuTyX die Hilfsprogramme dann in Deutsch lädt. Anschließend verzweigt die Routine in ein Fenster mit unterschiedlichen Installationsoptionen: Hier präparieren Sie nicht nur die Massenspeicher, sondern konfigurieren auch den Bootmanager und die Netzwerkverbindung (Abbildung 1).

Abbildung 1: Nicht schön, aber funktional: die Installationsroutine von NuTyX.

Abbildung 1: Nicht schön, aber funktional: die Installationsroutine von NuTyX.

Sofern bislang ein anderes Betriebssystem auf der Festplatte installiert war, sollten Sie diese zunächst neu partitionieren. NuTyX startet dabei nach Aufruf der Option Partitioning wahlweise Fdisk oder Cfdisk. Nach Fertigstellung versehen Sie die neue Partition über den Menüpunkt Format mit einem Dateisystem, wobei die Routine eine stattliche Anzahl davon unterstützt.

Installation

Danach empfiehlt es sich, unter Keyboard die Tastaturbelegung an die deutsche Sprache anzupassen. Anschließend leiten Sie über den Menüpunkt Install die Systemeinrichtung ein. Die Routine fragt noch einige Parameter ab, wie Datum und Uhrzeit, den Speicherort des Bootloaders sowie die Netzwerkkonfiguration, und leitet Sie nach Fertigstellung an einen Login-Prompt. Hier geben Sie als Benutzernamen root und als Passwort nutyx ein. Das Betriebssystem startet daraufhin eine Routine zur Modifikation des Standard-Passworts für den Administrator.

Da der NuTyX-Installer keine weiteren Benutzer anlegt, sollten Sie zunächst einen zusätzlichen Anwender definieren, damit Sie nicht permanent mit Administratorrechten arbeiten müssen. NuTyX bietet dazu den Befehl nu. Nach dessen Eingabe fragt das System nach dem neuen Benutzernamen und anschließend nach dem zugehörigen Passwort. Nach der Bestätigung des Kennworts steht der neue Nutzer im System bereit.

Grafisch

NuTyX beinhaltet eine Reihe grafischer Oberflächen; anders als bei den gängigen Distributionen installieren Sie diese jedoch nicht über eine Standard-Paketverwaltung. Mit dem Werkzeug Cards bringt das Betriebssystem ein eigenes Paketmanagementsystem mit, das alle Abhängigkeiten automatisch auflöst. Ein grafisches Verwaltungswerkzeug existiert noch nicht, die Parameter für Cards erhalten Sie durch Eingabe von cards --help.

Um dem System eine grafische Oberfläche hinzuzufügen, müssen Sie zunächst über einen funktionsfähigen X-Server verfügen. Dies bewerkstelligen Sie durch Eingabe des Befehls cards install xorg am Root-Prompt. Anschließend starten Sie den X-Server wie gewohnt mit dem Befehl startx. Für die Installation einer vollwertigen grafischen Arbeitsoberfläche nutzen Sie wieder Cards. Geben Sie dazu die Sequenz cards install Desktop ein, wobei NuTyX als Arbeitsoberflächen KDE, Openbox, Razor-qt und XFCE unterstützt.

Anschließend booten Sie das System neu, wobei NuTyX automatisch den X-Server startet und nach der Anmeldung über das grafische Login die installierte Desktop-Umgebung lädt. Achten Sie darauf, beim ersten Start nach der Installation der Arbeitsumgebung während des Logins unten links im Bildschirm im Auswahlfeld Desktop: den passenden Desktop auszuwählen. Haben Sie mehrere Arbeitsumgebungen eingerichtet, dann wählen Sie an dieser Stelle die gewünschte aus.

Software

Um weitere Applikationen hinzuzufügen, empfiehlt es sich, zunächst einen Blick in die Liste mit bereits verfügbaren Programmen zu werfen [2]. Trotz des im ersten Augenblick mit rund 1050 Applikationen recht gering erscheinenden Umfangs der Paketliste sind nahezu alle wichtigen Standardprogramme bereits vorhanden: So finden sich die üblichen Klassiker wie LibreOffice, Gimp, VLC, Thunderbird oder Mplayer im Bestand der Distribution, hinzu kommt der ein oder andere Exot.

Besonderes Augenmerk legen die Entwickler auf die Verfügbarkeit von Webbrowsern. So stehen neben den Platzhirschen Firefox und Chromium die schlanken und schnellen Alternativen Midori, Qupzilla und Dillo zur Wahl. Auch im Segment der Dateimanager und Verwaltungstools glänzt NuTyX, etwas weniger gut ausgestattet präsentiert sich die Multimedia-Ausstattung. Hier zeigen sich Defizite bei der Video- und Audiobearbeitung: So enthält die Paketliste weder den Video-Transcoder Handbrake noch den Audio-Editor Audacity (Abbildung 2).

Abbildung 2: Die Paketliste ist zwar überschaubar, bringt jedoch für alle wichtigen Anwendungsgebiete entsprechende Programme mit.

Abbildung 2: Die Paketliste ist zwar überschaubar, bringt jedoch für alle wichtigen Anwendungsgebiete entsprechende Programme mit.

Cards bietet wie alle anderen Paketmanager die Option, das System auf dem jeweils aktuellen Stand zu halten. Dazu geben Sie am Root-Prompt zunächst cards diff ein. Das Tool überprüft nun die installierten Pakete und zeigt veraltete Versionen an. Mit cards sync leiten Sie dann das Aktualisieren des Softwarebestands ein. Alternativ erneuern Sie mit cards install -u Paket einzelne Pakete. Alle Optionen von Cards erhalten Sie über die Eingabe von cards help oder cards --help.

Besonderheiten

Zwar umfassen die Desktops XFCE und KDE üblicherweise Tools zur Lokalisierung, doch erlaubt NuTyX bislang kein nachträgliches Ändern der Spracheinstellungen in der GUI: Die entsprechenden Optionen aus den Einstellungsmenüs fehlen. Für Anpassungen der Lokalisierung rufen Sie den Installer als Administrator mit dem Konsolenbefehl setup-nutyx start erneut auf und ändern dort gezielt die entsprechende Option.

Eine weitere Besonderheit des Betriebssystems fällt im Kontext mit der Netzwerkanbindung auf: NuTyX erkennt bei der Installation zwar eine vorhandene Netzwerkkarte und richtet diese automatisch ein. Ins Stottern kommt das Betriebssystem jedoch, sobald das System mehr als eine NIC besitzt. In diesem Fall sollten Sie die Konfiguration des Netzanschlusses manuell vornehmen.

Wechselmedien

Während moderne Distributionen Wechseldatenträger wie USB-Sticks oder externe Festplatten automatisch erkennen und einbinden, müssen Sie das unter NuTyX noch manuell erledigen. Dazu legen Sie zunächst in der GUI oder im Terminal einen Mountpoint in Form eines Zielordners an, in dem später die Daten des betreffenden Laufwerks erscheinen. Anschließend binden Sie das Laufwerk mit Root-Rechten und dem Befehl aus Listing 1 ein.

Listing 1

# mount -t Dateisystem /dev/Geräte-ID //Pfad/zu/Mountpoint

Soll das System das Laufwerk nicht nur einmal, sondern dauerhaft und automatisch beim Start einbinden, dann müssen Sie einen entsprechenden Eintrag in der Datei /etc/fstab erstellen. Listing 2 zeigt als Beispiel die Integration einer mit NTFS formatierten Festplatte und eines mit FAT formatierten USB-Sticks.

Listing 2

/dev/sdb1 /media/ntfs-usbdisk ntfs auto,user  0 0
/dev/sdc1 /media/daten        vfat auto,user  0 0

Fazit

NuTyX geht nicht nur außerordentlich zügig zu Werke, sondern arbeitet obendrein sehr ressourcenschonend. Mit dem bereits vorhandenen Paketfundus eignet es sich durchaus als Allrounder für leistungsschwächere Maschinen. Der im Vergleich zu anderen Distributionen sehr einfach zu handhabende Paketverwalter Cards lässt sich auch von ungeübten Anwendern problemlos bedienen.

Als Kritikpunkte fallen die derzeit noch unvollständige deutsche Lokalisierung und der fehlende Feinschliff des Installers an. Im Betrieb erweist sich NuTyX als stabil und ausgereift, sodass es eine ernsthafte Alternative zu Puppy Linux [3] und anderen schlanken Distributionen bietet. Eine wachsende Anwenderbasis dürfte schnell zur Beseitigung der noch vorhandenen funktionellen Defizite führen. 

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