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© Skvoor, 123rf.com

HDR für Faule

HDR-Workflow ohne Stativ und Mausklicks

12.08.2010 HDR gilt als komplex und aufwändig: Ohne Stativ und ohne schwer zu bedienende Software geht nichts – so der Mythos. Doch freie Linux-Tools machen möglich, wovon Windows-Nutzer nur träumen können.

Die Nachteile moderner Digitalkameras gegenüber dem klassischen analogen Film reduzieren sich zusehends. Die Sensoren erreichen zwischenzeitlich eine Auflösung, die nur noch Spitzenobjektive wirklich ausreizen. Doch der mögliche Kontrastumfang der Sensoren hinkt den Filmen noch hinterher. Als Folge saufen dunkle Passagen ab, und helle Lichter fressen aus (siehe Kasten "Ausfressen oder absaufen?"). Der Fotograf muss also bei schwierigen Lichtverhältnissen entscheiden, welchen Tod er sterben will (Abbildung 1).

Abbildung 1

Abbildung 1: Links: Bei richtig belichtetem Vordergrund fressen die Lichter (hier die Wolken) aus. Rechts: Bei korrekter Belichtung der Wolken reicht der Kontrastumfang nicht mehr für das vernünftige Zeichnen des Vordergrunds.

Hier kommt High Dynamic Range oder kurz HDR ins Spiel: Der Fotograf kombiniert mehrere, unterschiedlich belichtete Bilder und erhöht dadurch den Kontrastumfang. Doch damit handelt er sich zwei neue Probleme ein: Kombinieren bedeutet bei den meisten Programmen passgenau übereinanderlegen – leichter gesagt als getan. Im Idealfall gelingt es, den hohen Kontrastumfang wieder auf ein Maß zu reduzieren, den normale Bildschirme und Drucker verarbeiten.

Als Lösung für das Übereinanderlegen gilt gemeinhin das Verwenden eines Stativs bei der Aufnahme. Aber wer will schon ständig ein solches Zusatzgewicht mitschleppen? Und: Selbst mit Stativ sorgen bereits kleinste Vibrationen für einen minimalen Pixelversatz, der sich im kombinierten Bild zeigt.

Die Lösung des zweiten Problems, das Umwandeln von HDR nach LDR (Low Dynamic Range) heißt Tone-Mapping und ist ebenfalls alles andere als trivial. Unmengen verschiedener Ansätze führen zu einer ganzen Bandbreite an Ergebnissen – von psychedelisch bis realistisch.

Das Tool Hdrff [1] bietet einen in der Praxis erprobten HDR-Workflow, der beide Probleme adressiert und fast völlig automatisch zu guten HDR-Bildern führt.

Ausfressen oder absaufen?

Der von Fotografen häufig verwendete Begriff "absaufen" meint zu dunkle Bildbereiche, die keine Zeichnung aufweisen und damit auch keine Bildinformation mehr enthalten, die beim Nachbearbeiten zu retten wären. "Ausfressen" bezieht sich dagegen zu helle Bildbereiche. Dieser Effekt tritt beim Übersättigen des Sensors auf. Auch hier geht jegliche Zeichnung im Bild verloren, die Abgrenzung zum restlichen Bild erscheint aber relativ scharf, wovon sich die Bezeichnung herleitet. CCD-Sensoren reagieren hier wesentlich empfindlicher als die in CMOS-Technik gefertigten, die zwischenzeitlich die meisten großen Kamerahersteller in ihren Spiegelreflex-Kameras verwenden.

Fotos für HDR aufnehmen

Das allgemeine Rezept für HDR-Aufnahmen lautet: Kamera auf ein Stativ montieren, Zeitautomatik ("A") wählen und dann mehrere Bilder in möglichst schneller Folge mit unterschiedlicher Belichtung aufnehmen. Letzteres erledigen viele Kameras dank des Belichtungsreihen-Modus ("Bracketing") selbst. Die Zeitautomatik sorgt für eine konstante Blende und damit für gleichbleibende Schärfentiefe. Eine möglichst schnelle Bildfolge vermeidet Geisterbilder durch bewegte Objekte wie Menschen oder Blätter im Wind.

Ein Stativ benötigen Sie nur bei Aufnahmen mit langen Belichtungszeiten. Zum Erstellen von HDR-Bilder in der hier vorgestellten Technik können Sie darauf verzichten.

Der Workflow

Nach der Aufnahme läuft das weitere Verarbeiten der Bilder im vorgestellten Szenario wie folgt ab: Zuerst kopieren Sie die Bilder auf die Festplatte. Unixtypische Kleinbuchstaben statt Großbuchstaben ersparen später die Hochstelltaste. Das Dateidatum sollte samt Aufnahmedatum in den EXIF-Daten stehen, danach entfernen Sie bei den Bildern die Schreibrechte. Am Schluss der Vorbereitung steht das Umwandeln nach TIFF, unabhängig davon, ob das Ausgangsmaterial im JPEG- oder im RAW-Format vorliegt.

Danach gilt es, jene Aufnahmen zu identifizieren und gemeinsam weiter zu bearbeiten, die zu einer HDR-Gruppe gehören. Optional beginnen Sie mit der Korrektur von Linsenfehlern (Verzeichnung, chromatische Abberationen). Der zweite Schritt richtet die Bilder einer Gruppe aus, die nächsten erzeugen dann das HDR-Bild sowie per Tone-Mapping angepasste Aufnahmen (Abbildung 2).

Abbildung 2

Abbildung 2: Die Skizze zeigt den Workflow vom Import der Bilder auf die Festplatte bis hin zum fertigen HDR-Bild.

All-inclusive-Paket

Alle im Überblick erwähnten Schritte erledigen Linux-Programme. Die Kunst besteht darin, sie so zu verknüpfen, dass alles automatisch abläuft. Um das Installieren der notwendigen Werkzeuge kommen Sie allerdings nicht herum. Da es sich aber um Standard-Tools handelt, finden Sie diese in aller Regel in den Repositories Ihrer Distribution.

Die Tabelle "Notwendige Pakete" zeigt alle für den Workflow erforderlichen Programme. Ein Bash-Skript namens Hdrff verknüpft deren Funktionen zu einer Toolchain. Dieses Skript entwickelte der Autor für seine Bedürfnisse und Ausrüstung. Da jeder Kamerahersteller bei den RAW-Dateiformaten sein eigenes Süppchen kocht, kommen Sie nicht umhin, das Skript an Ihre Gegebenheiten anzupassen.

Das Skript selbst finden Sie unter [1], Nutzer der DVD-Edition finden es darüber hinaus auf der Heft-DVD. Listing 1 fasst nur die einzelnen Teilbefehle zusammen. Wie Sie das Skript einrichten und mit ihm arbeiten, zeigt der Kasten "Hdrff einrichten und verwenden".

Notwendige Pakete

Name Beschreibung
ImageMagick Das schweizer Taschenmesser der automatischen Bildverarbeitung
Exiftool Lesen und Schreiben von EXIF-Daten
Enblend/Enfuse Kombiniert mehrere Dateien
Hugin Komplette Toolchain für Panoramaaufnahmen
Pfstools Basispaket zum Verarbeiten von HDR-Dateien
Pfscalibration HDR-Paket mit speziellen Tools für digitale Aufnahmen
Pfstmo Tonemapping-Programme (Umsetzung von HDR nach LDR)
Qtpfsgui Graphische Oberfläche für die verschiedenen PFS-Pakete
Ufraw RAW-Konverter mit GUI- und Kommandozeilen-Modus
Gimp Leistungsstarkes Programm zur Fotobearbeitung

Hdrff einrichten und verwenden

Die modular aufgebaute Skriptsammlung besteht aus dem Hauptprogramm Hdrff und verschiedenen Modulen, beispielsweise hdrff_copyFiles.inc. Kopieren Sie es mit den Modulen als Benutzer Root ins Verzeichnis /usr/local/bin. Die Konfigurationsdatei .hdrff kopieren Sie in Ihr Heimatverzeichnis und passen sie an Ihre Bedürfnisse an. Stellen Sie sicher, dass alle notwendigen Programmpakete installiert sind.

Hängen Sie danach die Speicherkarte ein. Passen Sie den Mountpoint gegebenfalls noch in der Steuerdatei .hdrff an (Variable MEDIA). Viele Linux-Distributionen hängen die Karte selbständig ein, den genauen Mountpunkt verrät ihnen der Befehl mount in der Konsole.

Im einfachsten Fall rufen Sie hdrff in einer Kommandozeile ohne weitere Parameter auf. Das Skript arbeitet alle konfigurierten Module in einem Rutsch ab. Je nach Anzahl der Bilder und der Geschwindigkeit Ihres Rechners dauert das eine ganze Weile.

Alternativ arbeiten Sie die Module auch häppchenweise ab. In diesem Fall geben Sie die Module beim Skriptaufruf auf der Kommandozeile mit an. Beachten Sie dabei die Reihenfolge:

$ hdrff copyFiles name2lc fixDate setRO
$ hdrff raw2tif findGroups

Die Bilder kopieren

Die meisten Kameras erlauben den Import über die USB-Schnittstelle, einfacher und batterieschonender geht es aber mit einem Kartenleser. Auch wenn sich die Hersteller inzwischen an den DCIM-Standard für die Dateiablage auf den Speicherkarten halten, variieren doch die Ordnernamen. Deshalb kopiert das Hdrff-Skript die Dateien über einen Find-Befehl auf die Festplatte (Listing 1, Zeile 2). Jede Datei, die das Tool findet, setzt es anstelle des geschweiften Klammerpaars in den Kopierbefehl ein.

Chmod entfernt danach zur Sicherheit die Schreib- und Ausführungsrechte der Bilderdateien, außerdem wandelt eine Schleife die Dateinamen von Groß- in Kleinbuchstaben um. Da Linuxrechner typischerweise mit einer auf UTC konfigurierten Hardware-Uhr arbeiten, während Digitalkameras meist Lokalzeit verwenden, setzt das Skript auch noch das Dateidatum gleich dem Aufnahmedatum.

Erzeugt Ihre Kameras nur JPEGs, erledigt der Convert-Befehl (Zeile 5) das Umwandeln in TIFF. Andernfalls greift das Skript auf den RAW-Konverter Ufraw-batch zurück (Zeilen 8 bis 10). Das TIF-Format erlaubt auch eine Kompression der Bilder. Das spart zwar Speicherplatz, verlangsamt aber das weitere Verarbeiten erheblich, weswegen wir in diesem frühen Stadium darauf verzichten.

Noch heute besitzen einige Kameras keinen Orientierungssensor. Deren Fotos müssen Sie anschließend manuell sichten und bei Bedarf von Hand rotieren. Aber auch sonst bietet es sich an dieser Stelle des Workflows an, innezuhalten und die Bilder einer kritischen Auswahl zu unterziehen. Die folgenden rechenintensiven Schritte dauern nämlich selbst auf aktuellen Rechnern lange, und jedes aussortierte Bild verkürzt die Gesamtrechenzeit.

Listing 1

# Dateien kopieren
find /mnt -iname "*.nef" -exec cp -va {} /data/orig \;
# JPGs nach TIF umwandeln
convert -verbose -quality 98 /data/orig/dsc_1234.nef /data/img/dsc_1234.tif
# RAW-Dateien nach TIF umwandeln
ufraw-batch  \
         --out-type=tif --out-depth=16 \
         --out-path=/data/img --overwrite --create-id=no /data/orig/*
# HDR-Gruppen finden (Aufnahmen maximal 1 Sekunde auseinander)
oldTime=0
for f in /data/orig/*.nef; do
   # Zeitstempel aktuelle Aufnahme berechnen
   newTime=$(exiftool -q -q -s -s -s -d "%s" -DateTimeOriginal "$f")
   if [ -z "$newTime" ]; then
     continue
   fi
   # Zeitvergleich
   if (( newTime-oldTime > 1 )); then
     # eine neue Reihe fängt an. Beende die alte Reihe
     ...
   else
     # aktuelles Bild an Liste anfügen
     ...
   fi
# Speichern der Vergleichszeit für nächste Aufnahme
   oldTime="$newTime"
 done
# CAs korrigieren
 caParms=$(tca_correct -o abcv dsc_1234.tif | tail -n 1)
 fulla $caParms -o ca_1234.tif dsc_1234.tif
# Bilder ausrichten
 align_image_stack -a AIS_ dsc_1234.tif dsc_1235.tif dsc_1236.tif
# Bilder mit enfuse verschmelzen
 enfuse -o enf_1234.tif ais_1234.tif ais_1235.tif ais_1236.tif
 mogrify -alpha off -compress zip  enf_1234.tif
# HDR erzeugen
 dcraw2hdrgen ais_1234.tif ais_1235.tif ais_1236.tif | \
                            sort -rn -k 2 > hdr.cfg
 pfsinhdrgen hdr.cfg | \
   pfshdrcalibrate -c none -r gamma --bpp 16 | \
      pfsclamp --rgb | \
        pfsout hdr_1234.hdr
# Tonemapping mit Fattal
 pfsin hdr_1234.hdr | \
   pfstmo_fattal02 -s 1 | \
     pfsgamma --gamma 2.2 | \
       pfsout fattal_1234.tif
# Tonemapping mit Mantiuk
 pfsin hdr_1234.hdr | \
   pfstmo_mantiuk06 -e 1 -s 1 | \
     pfsgamma --gamma 2.2 | \
       pfsout mantiuk_1234.tif

HDRs identifizieren

Als wichtiger Punkt beim Verarbeiten von HDR-Fotos gilt das Identifizieren der zusammengehörenden Einzelbilder. Manuell ist das immer möglich, aber nach einer langen Fotosession unnötig nervig. Die im Anschluss beschriebene automatische Identifikation hält dagegen eine Reihe von Fallstricken bereit, und zu jedem Verfahren gibt es Ausnahmen, die nicht passen.

Der einfachste Ansatz besteht darin, alle Fotos, die kurz hintereinander aufgenommen wurden, einer HDR-Gruppe zuzuordnen. Die Kamera legt den Aufnahmezeitpunkt mit Sekundenauflösung in den EXIF-Daten ab. Ein Bild gehört also zum vorherigen, wenn die Aufnahmezeitpunkte maximal eine Sekunde auseinanderliegen. Fotografen, die gleichzeitig HDR-Aufnahmen und schnelle Serienaufnahmen machen, scheitern hier natürlich. Aber da das eher die Ausnahme darstellt, beschränkt sich das Hdrff-Skript der Einfachheit halber auf den allgemeinen Fall.

Verbessern lässt sich der Algorithmus mithilfe des Merkmals (Belichtungs-) Reihenaufnahme aus den EXIF-Daten. Dummerweise legt jeder Hersteller das Attribut an anderer Stelle ab, eine Suche nach bracket in der Ausgabe der EXIFdaten identifiziert aber die relevanten EXIF-Felder:

$ exiftool dsc_1234.nef | grep bracket

Das Universalwerkzeug Exiftool [2] kommt zum Lesen und Bearbeiten damit auch zum Identifizieren der HDR-Gruppen zum Einsatz. Die Zeilen 13 bis 30 in Listing 1 zeigen die entscheidende Logik dahinter: Das Skript speichert den Aufnahmezeitpunkt in einem speziellen Format (Sekunden seit Anfang 1970) und vergleicht den Zeitpunkt jedes Bildes mit dem Zeitpunkt des Vorgängers.

Korrektur von Linsenfehlern

Zur Vorbereitung der Einzelbilder gehört ein weiterer, optionaler Schritt: Selbst Objektive aus dem Highend-Bereich weisen Abbildungsfehler auf, insbesondere chromatische Abberationen (CAs). Diese Farbsäume um kontrastreiche Ränder erweisen sich bei der HDR-Verarbeitung als besonders störend, da diese den Effekt sogar noch verstärkt.

CAs entstehen durch die unterschiedliche Brechung der verschiedenfarbigen Lichtwellen in der Linse des Objektives. Eine unterschiedlich starke Skalierung der einzelnen Farbkanäle korrigiert sie. Die Zeilen 33 und 34 aus Listing 1 erledigen das für Sie. Das Programm Tca_correct berechnet die Skalierungsfaktoren, das Tool Fulla führt die Korrektur durch (Abbildung 3). Beide gehören zum Hugin-Paket, also dem bekannten Werkzeug, das Panoramen aus Einzelbildern zusammenfügt.

Abbildung 3

Abbildung 3: Links: Besonders an Bildrändern kommt es zu störenden chromatischen Abberationen (gut zu sehen an der Laterne). Rechts: Die Tools Tca_correct und Fulla entfernen diese.

Das zeitaufwändige Berechnen der Korrekturfaktoren ist aber nicht für jedes Bild notwendig, da die Faktoren im Wesentlichen von der Brennweite und der Blende abhängen. Da diese Parameter bei HDR-Reihen im Normalfall gleich bleiben, berechnet Hdrff diese Faktoren nur einmal.

Fulla entfernt auch Verzeichnungsfehler von Objektiven. Diese Korrekturen funktionieren aber nur beim Vorliegen entsprechender Objektivdaten – die gibt es allerdings nur bei wenigen Herstellern. Details dazu finden Sie in der Hilfeseite von Fulla.

Ausrichten der Bilder

Der aus dem Hugin-Paket stammende Befehl align_image_stack (Listing 1, Zeile 37) richtet die Bilder einer HDR-Gruppe aus. Für jedes Einzelbild berechnet das Programm eine angepasste Variante mit den notwendigen Verschiebungen und Drehungen. Der Parameter -a AIS gibt dabei an, mit welchem Präfix die umgewandelten Dateien beginnen. Zunächst überrascht, dass die Ergebnisdateien die selbe Größe aufweisen wie die Originale. Zu erwarten wäre eigentlich die größtmögliche Schnittmenge aller Einzeldateien. Ein Blick mit Gimp auf eine der Aufnahmen zeigt des Rätsels Lösung: Der Alphakanal zeigt an, welche Pixel tatsächlich zum Bilderstapel gehören und welche nicht.

Wie gut richtet Hugin die Bilder aus? Hier gibt es eine einfache Antwort: Entweder es funktioniert sehr gut oder gar nicht. Die Methode scheitert gelegentlich bei räumlich gestaffelten Bildern, bei denen der Fotograf die Kamera bei der Aufnahme (wenn auch nur minimal) dreht. Den Effekt nennt sich "Daumensprung": Der Daumen der ausgestreckten Hand springt beim abwechselnden Betrachten mit dem linken oder rechten Auge herum. Zwei (unscharfe) Daumen sieht dagegen jeder, der den Hintergrund scharf stellt. Durch den geringeren Drehwinkel eignen sich Kameras mit schneller Serienbildfunktion besser.

Bilder kombinieren

Nach dem Ausrichten der Bilder gibt es prinzipiell zwei weitere Vorgehensweisen. Der Befehl enfuse aus dem gleichnamigen Paket erzeugt direkt ein normales LDR-Bild im TIF-Format (Listing*1, Zeilen 40 bis 41). Das geht vergleichsweise schnell, das Ergebnis mutet eher natürlich an (Abbildung 4). In der Praxis eignen sich die per Enfuse erzeugten Bilder sehr gut als Ausgangsbasis für das finale Bearbeiten mit Gimp (Zeile 41 in Listing 1 ist ein Workaround für einen Gimp-Bug).

Abbildung 4

Abbildung 4: Die mit Enfuse hergestellte Kombination der Aufnahmen aus Abbildung 1 wirkt weniger künstlich als herkömmliche HDR-Bilder.

Der Weg zu echten HDR-Bildern erweist sich als etwas steiniger. Zuerst benötigen Sie eine Steuerdatei mit einer Zeile pro Datei der zu kombinierenden Bilderserie. Diese Datei (Listing 2) enthält die Belichtungswerte der einzelnen Bilder. Da die relevanten Daten in den EXIF-Informationen stehen, erzeugt das Programm Dcraw2hdrgen die Datei (fast) ohne Probleme (Listing 1, Zeilen 44 bis 45).

Listing 2

dsc_1235.nef 180.0 8.0 100 0
dsc_1234.nef 45.0 8.0 100 0
dsc_1236.nef 10.0 8.0 100 0

Die Ausgabe von Dcraw2hdrgen sortiert das Skript nach Belichtung absteigend – und geht dabei optimistisch davon aus, dass die Bilder schon in der richtigen Reihenfolge auf der Kommandozeile stehen.

Nach dem Erzeugen der Steuerdatei erstellt das Hdrff-Skript die endgültige HDR-Datei. Dazu benötigt es vier weitere Befehle, unixtypisch via Pipe verbunden (Listing 1, Zeilen 46 bis 49). Das sieht zwar eindrucksvoll aus, zeigt aber auch, warum HDR unter Linux als kompliziert gilt.

Wer sich mit automatischen Abläufen nicht anfreunden kann, findet mit Qtpfsgui [3] auch eine grafische Oberfläche, die sich allerdings nicht eignet, um HDR-Bilder im hier besprochenen Kontext (ohne Stativ) zu erstellen.

Was tun mit HDR?

Eine HDR-Datei an sich enthält derart viele Bildinformationen, dass kein Drucker oder auch nur annähernd bezahlbarer Bildschirm sie tatsächlich anzeigt. Um einen Eindruck zu gewinnen, nutzen Sie das Anzeigeprogramm Pfsview (pfsin bild.hdr | pfsview, Abbildung 5).

Abbildung 5

Abbildung 5: Der HDR-Bildbetrachter Pfsview zeigt, dass sich HDR-Bilder zwar sehr gut als Ausgangsmaterial zum Weiterverarbeiten eignen, nicht jedoch zur Anzeige oder zum Ausdruck.

Mit Pfsview erforschen Sie die verschiedenen Helligkeitsbereiche und sehen so, was in der Aufnahme steckt. Zur normalen Anzeige oder zum Druck konvertieren weitere Programmkaskaden das HDR-Bild in herkömmliche Formate. Die Herausforderung liegt dabei im Umsetzen des großen Helligkeitsumfangs in den normalen Bereich. Es geht dabei um die Kompression oder, mathematisch allgemeiner ausgedrückt, um das Abbilden ("Mapping") der Ausgangstonwerte in die Zieltonwerte. Daher stammt der Begriff Tone-Mapping.

Eine Möglichkeit bietet das gleichmäßige Verkleinern des gesamten Helligkeitsbereichs. Durch das Abnehmen des Kontrastes entstehen aber flaue und langweilige Bilder. Verschiedene intelligente Algorithmen versuchen dagegen, den lokalen Kontrast zu erhalten und gleichzeitig den globalen Kontrast zu reduzieren. Je nach Ausprägung entstehen so realistische, dramatische oder sogar psychedelische Bilder, da als Nebeneffekt mit der Kontraständerung oft eine Farbänderung einhergeht.

Linux-Anwendern stehen sieben verschiedene, parametergesteuerte Algorithmen für das Tonemapping im Paket Pfstmo zur Verfügung. Allerdings besitzt das Programm keine GUI, um die Auswirkungen beim Ändern von Parametern direkt anzuzeigen.

Einfacher per Skript

Wer sich zum ersten Mal mit HDR beschäftigt, sollte auf alle Fälle den Weg über Qtpfsgui gehen. Die grafische Oberfläche vermittelt ein Gefühl für die Möglichkeiten. Wer aber regelmäßig HDRs erzeugt, vergeudet damit zu viel Zeit, denn aus fotografischer Sicht gibt es nur wenige wirklich sinnvolle Verfahren und Parameterkombinationen.

Das Hdrff-Script implementiert zwei Mappings (Mantiuk und Fattal) jeweils mit Parametern, die eine einigermaßen realistische Ausgabe erzeugen (Listing 1, Zeilen 52 bis 55 und 58 bis 61). Möchten Sie die einzelnen Parameter des Skripts noch etwas tunen, landen Sie wieder beim Versuchsverfahren der GUI – nur ohne deren Komfort. Erfahrungsgemäß erzeugt Fattal dramatischere Bilder als Mantiuk, zeigt sich aber anfälliger für Artefakte.

Finetuning per Gimp

Von allen hier beschriebenen Schritten dauert das rechenintensive Tone-Mapping am längsten – auch deswegen, weil den Verfahren eine Multicore-Unterstützung fehlt. Deshalb bearbeiten Sie einmal errechnete Bilder besser weiter, anstatt sie neu zu berechnen.

Ein Script aus den Tiefen des Internets [4], das auch die Vorlage für Hdrff bildet, bietet hier die Lösung: Es lädt alle drei LDR-Varianten (Enfuse, Mantiuk und Fattal) als Ebenen in Gimp, wo es per Ebenentransparenz die Bilder zusammenmischt (Abbildung 6).

Abbildung 6

Abbildung 6: Den Ebenenstapel aus drei unterschiedlich aufbereiteten HDR-Bildern in Gimp vereint das Skript automatisch zu einer Aufnahme.

Dank Gimps Skriptingfähigkeit ist dazu keine Handarbeit nötig. Der GNU-Bildeditor speichert Dateien nativ im XCF-Format ab, und das Hdrff-Script erzeugt so eine Datei mit drei Ebenen, quasi als Endergebnis des automatisierten HDR-Workflows. Um aus dem Rohdiamant schließlich einen fertigen Edelstein zu machen, steht ab hier die übliche Handarbeit an.

Fazit

Linux bietet etwas, wovon Windows-Anwender noch nicht einmal träumen: das vollständige Automatisieren immer wiederkehrender Routinearbeiten. Das spart letztlich viel Zeit für das Wesentliche. Diese Fähigkeit macht sich das Hdrff-Script zunutze und produziert beinahe auf Knopfdruck automatisch fertige HDR-Bilder.

Als weiteres Highlight erfordert diese Technik keine im Bildauschnitt identischen Bilder – auch Freihandaufnahmen eignen sich als Grundlage. Hier kapitulieren sogar teuere Windows-Programme wie Photomatix [5].

Infos

[1] Hdrff: http://www.linuxuser.de/Downloads/2010/09/hdr/

[2] Exiftool: Andreas Bohle, "Alles im Griff", LU 09/2010, S. 30, http://www.linux-community.de/artikel/21636

[3] Ptpfsgui: http://qtpfsgui.sourceforge.net

[4] Ursprüngliches HDR-Script: http://sites.google.com/site/timetre/createHDR.sh

[5] Photomatix: http://www.hdrsoft.com

Der Autor

Bernhard Bablok betreut bei der Allianz Shared Infrastructure Services ein großes Data-Warehouse mit technischen Leistungsmessdaten von Mainframes bis zu Servern. Wenn er nicht Musik hört, mit dem Radl oder zu Fuß unterwegs ist, beschäftigt er sich mit Themen rund um Linux und Objektorientierung. Sie erreichen ihn unter mail@bablokb.de.

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