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Zorn auf die Frucht

Editorial

18.02.2010

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

Dem Apple iPad [1] zu entgehen, ist dieser Tage so gut wie unmöglich: Ob TV, Radio oder Zeitung – allerorten springt einen der Flachmann aus Cupertino förmlich an. Besonders schlimm ist es im Web, das quasi schon zum iNternet mutiert. Je nach persönlicher Perspektive feiern die Rezensenten Apples auf 10 Zoll aufgeblasenen iPod-touch/iPhone-Zwitter als technologischen Geniestreich, Wegbereiter einer neuen Art des Personal Computing, Retter des kränkelnden Verlagswesens oder alles zusammen.

Wie das denn? Schon technisch gesehen ist Apples Web-Tablet [2] eher eine Schlaftablette: Ein 9,7-Zoll-Bildschirm mit 1024 x 768 Pixeln Auflösung, eine 1-GHz-ARM-CPU, kein Multitasking der Anwendungen, kein Flash-Support, kein Monitorausgang, keine Kamera – da kann jedes Netbook locker mithalten. Zudem fehlen sowohl USB-Ports als auch SD-Card-Slots – mangels Aufrüstmöglichkeit muss man das iPad also von vorneherein eine Nummer größer kaufen. Mit 64 GByte Speicher, WLAN und 3G-Ausstattung kostet es 829 US-Dollar und damit, sofern Apple seine übliche Preispolitik beibehält, auch stolze 829 Euro [3]. Selbst für die Micker-Variante mit nur 16 GByte Speicher und ohne 3G-Zugriff sollen schon 499 Dollar/Euro über die Ladentheke wandern. Dafür kann man sich gleich zwei deutlich besser ausgestattete Netbooks leisten.

Doch nicht nur, dass ein solch schwachbrüstiges und überteuertes Gerät landauf, landab als das Größte seit geschnitten Brot propagiert wird, lässt mich die Stirn runzeln. Noch bedenklicher finde ich, dass Apple den Nutzer mit dem iPad zum reinen Rezeptor degradiert, der ausschließlich vom Hersteller Freigegebenes und per DRM Eingeschränktes konsumieren darf. Was er aus dem Appstore und dem iBookstore bezieht, das kann er wegen der immanenten digitalen Restriktionen zudem auf anderen Geräten nicht nutzen. "Apple und seine Geschäftspartner haben die Macht, Features abzuschalten, Konkurrenz – insbesondere freie Software – auszuschließen, Nachrichten zu zensieren, und sogar Bücher, Videos oder News ohne Nachfrage vom Gerät zu löschen", fasst die Free Software Foundation die Einschränkungen des iPad zusammen [4].

Ungeachtet dessen steht zu erwarten, dass das Apple-Tablet gerade bei der mit iPod touch und iPhone aufgewachsenen Generation punktet. Und hier liegt eine weitere Schattenseite des iPads, die der Twitter-Entwickler Alex Payne in seinem Blog [5] so auf den Punkt bringt: "Hätte ich als Kind statt eines richtigen Computers ein iPad gehabt, wäre ich heute kein Programmierer." Auf dem iPad laufen ja nur von Apple via Appstore freigegebene Anwendungen von Mitgliedern des kostenpflichtigen Entwicklerprogramms. Eben mal selbst hacken und austesten? Fehlanzeige. Freie Software aufspielen? Ist nicht. Damit schaden Geräte wie der iPad eben jener Hackerkultur, die eine digitale Ökonomie erst möglich gemacht hat und die sie noch immer vorantreibt – meint nicht nur Alex Payne.

Keine Frage: Mit seinem gefälligen Äußeren, der vorsortierten Software und der einfachen Bedienung trifft das iPad einen Nerv der Zeit. Doch man muss ein System nicht vernageln und vernieten, um für Benutzerfreundlichkeit und Verlässlichkeit zu sorgen. Das demonstriert seit Jahren Canonical mit Ubuntu, das immer wieder die besten Ideen aus der kommerziellen Welt für freie Desktops adoptiert – von sorgsam vorsortierten Anwendungen bis zum Aufspielen der Software über einen "App-Store" – und trotzdem alle Wege für den Anwender offen hält. Man mag zu Canonical stehen, wie man will: Ubuntu hat damit wohl mehr Anwendern die Türen zur Welt der freien Software geöffnet als jede andere Distribution. Vielleicht ist es ja jetzt ganz einfach Zeit für den Ubuntu Tablet Remix …

Beste Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

Infos

[1] iPad vorgestellt: http://www.osnews.com/story/22799/Apple_Unveils_iPad

[2] Apples iPad analysiert: http://www.linuxfordevices.com/c/a/News/Apple-iPad-analysis/

[3] iPad bei T-Online: http://tinyurl.com/lu1003-ipad

[4] FSF – "iPad DRM endangers our rights": http://www.defectivebydesign.org/ipad

[5] "On the iPad": http://al3x.net/2010/01/28/ipad.html

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Kommentare
Apple iPad
Mike (unangemeldet), Sonntag, 11. Juli 2010 01:35:22
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WIe kann man denn nur soviel unqualifizierte Scheisse von sich geben!


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Infos zum Autor

Jörg Luther

Jörg Luther

Jörg Luther arbeitet seit 1995 als IT-Journalist. Seine Vorliebe für das freie Betriebssystem lebt er privat in der LUG Erding und beruflich seit 2004 als Chefredakteur des LinuxUser aus.

Zum Blog von Jörg Luther →


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