Mit der Versionsbezeichnung "2010" läutete der französische Distributor Mandriva [1] die kommende Dekade bereits Anfang November ein. Die Erwartungen waren groß, hatte Mandriva doch die Herausgabe um einen ganzen Monat verzögert, um die gewohnte Qualität auch angesichts der vielen Neuerungen wahren zu können.
Selten zuvor hat Mandriva in den Spezifikationen für eine neue Version so viele Neuerungen aufgelistet wie beim Sprung von der Version 2009.1 auf 2010.0. Es sollte nicht nur die Oberfläche KDE 4.3.2 so perfekt implementiert werden, wie es die Benutzer seit der weniger gelungenen Mandriva 2009 erhofften, sondern auch der semantische Desktop Nepomuk. Zu den neuen Softwareversionen gehören Gnome 2.28, Firefox 3.5.3 (aktualisiert auf 3.5.5), OpenOffice 3.1.1, KOffice 2.0.82, Amarok 2.2 und einige mehr.
Als Basis dienen der Kernel 2.6.31 mit einer verbesserten Hardware-Unterstützung (besonders im Bereich WLAN, Audio und Video) sowie der X-Server 7.4, der zusammen mit einer neuen Treiberversion für Intel-Grafikchips die grafische Performance und Stabilität verbessert. Auf dem Gebiet der Virtualisierung haben Sie die Aaswahl zwischen VirtualBox 3.0.8, dem Xen-Kernel 2.6.30 und Qemu-kvm. Die wesentlichen Systempakete erweisen sich ebenfalls als topaktuell: Bash 4.0, GCC 4.4.1 und Glibc 2.10.1. Der Webserver Apache liegt in der Version 2.2.14 vor, PHP als 5.3.1RC4 und Python aus Kompatibilitätsgründen noch in der Version 2.6. Allerdings steht Python 3.0 als Alternative zur Verfügung.
Die Regelung des Gerätezugriffs hat sich nun endgültig von der Abhängigkeit vom aktuellen Benutzer verabschiedet und erfolgt generell zur Laufzeit via Udev bestimmt, was für den einen oder anderen erfahrenen Benutzer ein wenig Umstellung verlangt.
Mandriva Linux 2010.0 – die Varianten
Auch Mandriva Linux 2010.0 liegt wieder in der bekannten Vielfalt von Editionen vor. Neben der "Free-Edition"-DVD, die nur freie Software enthält (auf der Heft-DVD), existiert die Live-CD "One" in einer Gnome- und einer KDE-4-Ausführung. Bei diesen Live-CDs gibt es verschiedene Ausgaben, die sich durch die unterstützten Sprachgebiete unterscheiden. Für deutschsprachigen Benutzer sind die ISOs mit der Bezeichnung Europe-Americas (Gnome) respektive Europe1-Americas (KDE) relevant. All diese Editionen lassen sich kostenlos von einem der Mandriva-Spiegelserver herunterladen, etwa vom FTP-Server der deutschen Benutzergemeinschaft MandrivaUser.de [2].
Als kommerzielles Produkt offeriert Mandriva das "Powerpack", ein Paket mit zwei DVDs und einer Support-Option (nur via Web) sowie einigen zusätzlichen Programmen, wie dem Fluendo-DVD-Player und proprietären Treibern und Plugins. Bei Erscheinen dieses Artikels dürfte auch der "Mandriva Flash" verfügbar sein, ein USB-Stick mit dem Powerpack und persistentem Speicher. Sie erhalten alle diese Produkte im Online-Shop von Mandriva [3] oder bei einem lokalen Anbieter, wie beispielsweise Ixsoft [4].
Installation
An der Installation des Systems hat sich weder in der "Free Edition" noch beim "Powerpack" und der "One"-CD viel geändert. Eine intuitiv bedienbare grafische Routine führt Schritt für Schritt durch die Installation, wobei erfahrenen Benutzern in fast jedem Abschnitt ein erweiterter Modus mit umfassenden Optionen zur Verfügung steht. Das Partitionierungstool Diskdrake liefert in optisch ansprechendem Gewand eine Übersicht über vorhandene Partitionen und die vorgeschlagenen Partitionierungsmöglichkeiten (Abbildung 1), daneben besteht die Option der benutzergesteuerten Partitionierung. Als Standard-Dateisystem für neu angelegte Partitionen dient Ext4.
Auch bei der Auswahl der zu installierenden Softwarepakete kommt ein duales Konzept zur Anwendung: Einsteiger wählen zwischen KDE und Gnome, erfahrene Benutzer steigen über die Option Benutzerdefiniert in eine nach Gruppen und sogar nach einzelnen Paketen sortierte Auswahl ein. Daraus resultiert im ersten Fall ein umfassendes Standardsystem mit allen üblichen Anwendungen, im zweiten Fall ein bis ins Kleinste an die eigenen Bedürfnisse angepasstes System. Das Software-Angebot der DVD lässt mit rund 1800 Paketen kaum Wünsche offen, es besteht jedoch die Möglichkeit, zusätzliche Quellen (FTP-Server, optische Medien) während der Installation einzubinden.
Das Einspielen der Pakete verläuft recht flüssig. Anschließend folgt die Systemkonfiguration, wiederum vorparametrisiert für den Einsteiger und mit detaillierten Einstellmöglichkeiten für erfahrene Benutzer. Die Hardware-Erkennung von Mandriva Linux hat sich erneut verbessert und band im Test auf allen Testgeräten sämtliche notwendigen Module automatisch ein (siehe Kasten "Proprietäre Treiber"). Ein Multifunktionsdrucker von HP wurde ebenso problemlos erkannt und eingebunden wie der zugehörige Scanner. Ebenso erfolgreich verlief bei Laptops und Netbooks die Netzanbindung per WLAN sowie das Einrichten von Webcams.
Proprietäre Treiber
Der Nachteil der auf der "Free Edition" nicht vorhandenen proprietären Treiber fällt kaum ins Gewicht, da das Paketmanagement diese nach einem Einbinden der Softwarequellen bei erneutem Aufruf der Konfigurationswerkzeuge (zum Beispiel für die Grafikkarte) automatisch nachinstalliert. Probleme gibt es allerdings, wenn der Rechner proprietäre WLAN-Treiber benötigt, die sich nur über einen bestehenden Internetzugang installieren lassen: In diesem Fall gilt es auf die Installation von einer "One"-CD auszuweichen oder vorübergehend einen kabelgebundenen Internetzugang zu nutzen.
Eine Zusammenfassung aller eingerichteten Geräte und Optionen (Abbildung 2) schließt den Installationslauf ab, nicht erkannte oder eingerichte Hardware erscheint in roter Schrift. In diesem Fall – oder falls die Ergebnisse der automatischen Konfiguration nicht befriedigen, lässt sich jeder einzelne Punkt erneut bearbeiten. Hier kommen die selben grafischen Dialoge zum Einsatz, die später auch im Mandriva-Kontrollzentrum zur Verfügung stehen.
Nach dieser Zusammenfassung besteht die Möglichkeit, nach dem Erscheinen der Distribution herausgegebene Aktualisierungen via Internet einzuspielen. In unserem Fall waren das drei Wochen nach Erscheinen der Distribution immerhin schon über 300 Pakete.
Eine Installation von der Live-CD "One" gestaltet sich ähnlich einfach. Das Aussehen des Installers unterscheidet sich zwar minimal, die Funktionalität ist aber im Prinzip die selbe. Allerdings überspielt der Installer ohne Software-Auswahl schlicht den kompletten Inhalt der CD auf die Festplatte. Eine Ausnahme bilden lediglich die nicht benötigten Kernel-Module und Sprachpakete, die der Installer zuverlässig entfernt.
Auf dem Schreibtisch
Während die Live-CDs nur jeweils eine Desktopumgebung (KDE oder Gnome) bieten, lassen sich von der DVD ("Free Edition" oder "Powerpack") mehrere GUIs installieren. Neben Desktops wie Gnome 2.28, KDE 4.3.2 und LXDE finden sich hier auch reine Window-Manager wie Windowmaker oder Icewm. Wir konzentrieren uns hier auf KDE, das in Mandriva im vorigen Jahr etwas unrund startete. Insbesondere interessierte uns, in wie weit die aktuelle Version an Ausstattung und Qualität der vorhergehenden Serie 3.5.x herankommt, die Mandriva Linux 2010 nicht mehr an Bord hat.
Nach dem Systemstart zeigt sich ein aufgeräumter KDE-Desktop, dessen Eindruck das neue klare Mandriva-Design noch verstärkt – siehe Aufmacherbild. Den aktuellen Stand von KDE kann man als sehr stabil und vollständig bezeichnen: Die bisherigen Kinderkrankheiten der 4er-Reihe scheinen ausgeräumt, fast alle Anwendungen wurden portiert und laufen stabil.
Die Integration von KDE in Mandriva Linux wirkt sehr gut gelungen, was auch bei der starken Bindung zwischen Mandriva und dem KDE-Projekt nicht anders zu erwarten war. Das Startmenü erscheint zwar standardmäßig noch im traditionellen Design, lässt sich jedoch mit zwei Mausklicks auf die buntere Kickoff-Version umschalten. In der Version 4.2.3 finden sich auch wieder eine Reihe neuer Plasmoids für den Desktop.
Eine der augenfälligsten Eigenschaften des neuen KDE stellt sicher die Vielzahl der Desktopeigenschaften dar, die man allerdings erst mit den proprietären Treibern einer ATI- oder Nvidia-Grafikkarte richtig ausreizen kann. Auch Compiz steht zur 3D-Gestaltung des Desktops parat, ist aber im Grunde angesichts der vielen KDE-eigenen Optionen überflüssig. Da taumeln Würfel, rotieren Zylinder, wackeln Fenster beim Bewegen – alles, was das Herz des Benutzers begehrt.
Eine wesentliche Neuerung bildet der schon lange propagierte semantische Desktop [5] Nepomuk [6] – im Grunde eine Indizierung der Festplatteninhalte, die aber weit über die bisherigen Werkzeuge wie Kat oder Beagle hinausgeht. Die Einrichtung des Nepomuk-Servers für die Desktopsuche starten Sie aus dem KDE-4-Kontrollzentrum heraus, wo Sie auch die entsprechenden Einstellungen vornehmen. Nepomuk (Abbildung 3) bietet dabei eine Vorgehensweise, die besonders auf schmalbrüstiger Hardware eine deutliche Verbesserung gegenüber anderen Desktop-Suchdiensten darstellt. Allerdings kommt es auch auf gut ausgestatteten Rechnern während der Erstindizierung zu Verzögerungen im Arbeitsablauf – Sie dürfen also ruhig eine kurze Kaffeepause ansetzen.
Ist dieser erste Schritt einmal erledigt, so bieten sich eine Fülle von Möglichkeiten – von der einfachen Suche nach Dokumenten über die Verschlagwortung beliebiger Inhalte bis hin zu aufgabenorientierten Zusammenstellungen aller Dateien für ein bestimmtes Projekt.
Den Benutzern spärlich ausgestatteter oder älterer Rechner bietet Mandriva das Leichtgewicht LXDE an, das sich immer mehr zu einem vollständigen und vor allem stabilen Desktop für schmalbrüstige Rechner mausert. Im Angebot von Mandriva finden sich zudem leichtgewichtige Alternativen zu den üblichen Programmen, wie etwa der auf Webkit basierende Browser Midori, der Mail-Client Claws-Mail oder der Musikplayer Consonance. Letzterer residiert zwar nicht in den offiziellen Quellen, wohl aber als RPM bei der deutschen Mandriva-Community [7]. Einziges Manko von LXDE: Das Herunterfahren aus LXDE heraus führt nur zu einem Logout, der Shutdown muss über den Desktop-Manager (bei LXDE meist Gnomes GDM) erfolgen. Als weitere schlanke Desktopalternative bringt Mandriva XFCE mit.
Mandriva fürs Netbook
Zwar klein in den Maßen, bringen Netbooks meist trotzdem reichlich Arbeitspeicher und eine ebenso ausreichende Grafikleistung mit, sodass Sie auf ihnen Mandriva Linux problemlos betreiben können. Für den mobilen Einsatz als Begleiter auf Reisen und im Straßencafé bietet Mandriva optional die Oberfläche Moblin an (Abbildung 4), die Sie über das Paket task-moblin unkompliziert installieren. Das Hauptgewicht bei Moblin liegt allerdings nicht auf dem Einsatz der klassischen Desktopanwendungen: Die Oberfläche gemahnt eher an das Outfit eines Smartphones.
Beim Systemstart grüßt einem Desktop, der auf einen Blick alle Termine, Kontakte und bevorzugten Ziele im Internet anzeigt. Der Zugriff auf die gängigen Netzwerke wie ICQ, MSN, Facebook und Twitter ist bereits vorbereitet, so dass man nur noch die eigenen Zugangsdaten eintragen muss. Zwar bietet die Moblin-Oberfläche auch Zugriff auf alle installierten Anwendungen und Spiele, allerdings fällt das entsprechende Anwendungsmenü ein wenig gewöhnungsbedürftig aus. Die Implementierung von Moblin erscheint aber bei Mandriva einfacher bedienbar als das Original des Moblin-Projektes [8].
Von der deutschen Benutzergemeinschaft MandrivaUser.de gibt es eine eigene "MandrivaUser.de Netbook-Edition" [9], die zwar auf einer "One"-Edition von Mandriva Linux basiert, sich aber verschiedener Eigenheiten der Netbooks annimmt. Weil diese keine optischen Laufwerke haben, zielt die die Netbook-Edition konsequenterweise auf den Einsatz auf USB-Sticks. Zur Auswahl stehen ein ISO-Abbild für die Verwendung als Live-System ohne Speicher (für 1-GByte-USB-Sticks) sowie ein Image für 4-GByte-Sticks oder größer. Für den 4-GByte-USB-Stick kommt ein mit vielen Treibern und zusätzlicher Software angereichertes Gnome-System zum Einsatz, 3 GByte bleiben als persistenter Speicher für das persönliche Verzeichnis des Benutzers frei. Als Oberfläche dient der für Mandriva portierte, speziell für Netbooks entwickelte Netbook-Launcher von Ubuntu. Sie finden die ISOs der Netbook-Edition auf dem FTP-Server von MandrivaUser.de [10].


