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© sxc.hu, Francis Valadj

Digitaler Notenschlüssel

Notensatz-Software im Test

31.08.2009 Wer die Linux-Welt nach freien Programmen für den Notensatz durchforstet, stößt auf die drei Programme Lilypond, Noteedit und Musescore – jedes mit spezifischen Stärken und Schwächen.

Komponisten, Musiklehrer und Hobbymusiker verband bisher unter Linux das gleiche Problem: Zwar gab sich das Lieblingsbetriebssystem in den letzten Jahren zunehmend multimedialer, aber bei Spezialsoftware für einen kleinen Interessentenkreis sah es eher mau aus.

Bei der proprietären Konkurrenz finden Firmen solche Nischen und füllen Sie mit hochprofessionalisierten Produkten zu meist unerschwinglichen Preisen. Der für Musiker so wichtige Notensatz (Kasten "Notensatz") beschränkte sich daher im wesentlichen auf die beiden Platzhirsche Finale und Sibelius. Wer die Linux-Welt nach ähnlichen, aber freien Programmen durchforstet, stößt auf drei Programme, die derzeit dem ambitionierten Hobbymusiker den Notensatz unter Linux schmackhaft zu machen versuchen.

Bei einem davon handelt es sich um ein Kommandozeilenprogramm, für das es jedoch ein Frontend gibt, das dem Umgang mit der Software etwas vereinfacht: Das Konsolentool Lilypond [1] mit dem grafischen Aufsatz Frescobaldi [2] geht den steinigen Weg über das Erlernen einer eigenen Markup-Sprache. Die Konkurrenten Noteedit [3] und Musescore [4] versuchen mit WYSIWYG-Editoren mehr Anwenderfreundlichkeit in das Thema zu bringen. Außen vor bleiben Sequenzerprogramme wie Rosegarden, die auch rudimentäre Satzfähigkeiten besitzen: Sie sprechen eine andere Zielgruppe an.

Alle Programme installieren Sie kinderleicht und bequem über den Paketmanager Ihrer Distribution. Kleine Besonderheiten und spezielle Depots verrät der Kasten "Installation".

Notensatz

Weil Noten, vereinfacht dargestellt, nichts anderes sind als eine grafische Darstellung der "Sprache" Musik, arbeiten Notensatzprogramme ähnlich wie Textverarbeitungen. Die Komplexität beim Darstellen und die klangliche Wiedergabe stellt die Programmierer aber vor ungleich höhere Herausforderungen.

Das Ziel der Notensatzprogramme liegt in einem ansehnlichen, druckbaren Dokument. Dabei kommt es neben der Möglichkeit, viele Zusatzelemente zu nutzen (wie Fermaten, Haltebögen, Kreuznoten oder Halsrichtungen), auf die genaue Position der Noten und Artikulationen an. Die klangliche Wiedergabe gilt als sekundär: Hier springen oft externe Programme ein.

Wie bei einem Editor gibt es im Notensatz den WYSIWYG-Ansatz und die beschreibende Programmiersprache (LaTeX). WYSIWYG-Editoren bedienen Sie zwar intuitiver über deren grafische Menüoberflächen, allerdings gilt es, den Leitspruch "What You See Is What You Get" nicht zu eng sehen. Sie bekommen eben nicht immer, was Sie sehen.

Installation

Das Konsolenprogramm Lilypond liegt jeder großen Distribution bei. Findet es sich nicht auf der Festplatte, installieren Sie es über das Paketmanagement nach. Die derzeit aktuelle Version 2.12.2 gibt es für OpenSuse allerdings nur im Factory-Zweig [5]. Ubuntu und Fedora geben sich mit den älteren Ausgaben 2.12.1, respektive 2.12.0 zufrieden. Für alle anderen Distributionen existiert ein Installationsskript in Versionen für 32- und 64-Bit-Systeme, das Sie herunterladen und in einer Konsole starten.

Der grafische KDE-Aufsatz Frescobaldi schaffte es als junges Projekt noch nicht in die Depots der großen Distributoren. Für OpenSuse liegt eine von einem Paketmaintainer namens Engel geschnürte, nicht mehr ganz taufrische Version 0.7.8 vor [6]. Für Ubuntu, Gentoo und Arch Linux bietet der Download-Bereich der Projektseite [2] Links zu den entsprechenden Paketen. Nutzer des etwas älteren KDE 4.1 benötigen weiterhin das Paket lilypond-kde4 – ab KDE 4.2 ist es nicht mehr notwendig.

Musescore und Noteedit geistern schon seit längerem durch die freie Softwarewelt und tummeln sich in den aktuellen Versionen 2.8.1 (Noteedit) und 0.9.4 (Musescore) in den Softwarepools. Für Musescore geben Sie in der Paketsuche mscore ein. Gnome-Nutzer holen sich über Abhängigkeiten allerdings so manches KDE-Werkzeug und etliche Qt-Bibliotheken mit an Bord.

Lilypond

Unser Streifzug durch die musikalische Linux-Welt beginnt mit einem Linux-typischen Programm: einem reinen Konsolentool. Öffnen Sie einen Texteditor Ihrer Wahl und tippen Sie die Zeilen aus Listing 1 ein.

Listing 1
\relative c' {
  \clef G
  \key f \major
  \time 3/4
  d'4 bes c | a bes g |   % 3
  a bes d | bes-- g-- d-- |   % 5
  c-- g'-- c-- | d-- g,-- f-- |   % 7
  e-- g-- a-- | a-- f'-- d-- |   % 9
  < f,-- a > e-- e-- | bes'-- e-- c-- |   % 11
  < g-- bes > f-- g-- | a-- g'-- bes,-- |   % 13
  a-- f-- f-- | bes-- < g-- bes d > }

Musiker erkennen an dem Listing zumindest, dass es sich offenbar um eine Notenzeile im G-Schlüssel, der Tonart F-Dur, mit einem 3/4-Takt und ein paar Noten handelt. Allerdings benutzt dieses simple Beispiel bereits einige Akkorde und Striche als Artikulationszeichen (Abbildung 1).

Abbildung 1

Abbildung 1: Aus dem verwirrenden Code von Listing 1 erstellen Sie diese einfache Notenzeile.

Speichern Sie den Code in der Textdatei mit der Endung .ly. Lilypond kompiliert als echtes Konsolentool den Code mit der Eingabe lilypond Datei.ly und erzeugt daraus ein Postscript-File. Anschließend erstellt das Werkzeug noch das gängigere PDF-Format (Abbildung 2).

Abbildung 2

Abbildung 2: Bei einem fehlerfreien Markup erzeugt Lilypond in zwei Schritten ein PDF mit dem fertigen Notensatz.

Die ersten vier Code-Zeilen sind schnell erklärt: Zeile 1 bestimmt das eingestrichene C zum Grundton der folgenden Noten. Entfernen Sie dieses Merkmal, erscheinen alle Noten sehr tief – also mit vielen Hilfslinien. Der Eintrag \clef bestimmt den Notenschlüssel. Musiker wissen, dass der allgemein bekannte Notenschlüssel auch G-Schlüssel heißt und nur für hohe Melodiestimmen steht. Wer eine Basslinie komponieren will, der schreibt zum Beispiel \clef F in diese Zeile.

Die zweiteilige dritte Zeile weist der Musik eine Tonart zu, wobei das englische "major" für Dur und "minor" für Moll steht. Lilypond passt die Vorzeichen bei einer Änderung entsprechend an.

Die Noten selbst tippen Sie, deren Namen entsprechend, mit Leerzeichen getrennt als Buchstaben ein. Die Zahl 4 nach dem ersten Ton d' sagt der Software, dass es sich bei dieser und allen folgenden Noten um Viertelnoten handelt. Der Musiker leitet also ab, dass für eine halbe Note eine 2 steht, für eine Achtel eine 8. Die Taktstriche dürfen Sie weglassen. Sie dienen nur der Übersichtlichkeit im Text. Die Zeile \time 3/4 bestimmt bereits die Taktart.

Der deutschen Besonderheit des Tones h begegnet Lilypond mit einem b für h und einem bes für b. Mit den spitzen Klammern fassen Sie mehrere Noten zu einem Akkord zusammen. Als erstes Artikulationzeichen sehen Sie in diesem Beispiel einen Strich über, beziehungsweise. unter der Note, was Sie mit -- nach dem Notenbuchstaben realisieren.

Der Übersichtlichkeit halber empfiehlt es sich, bei Lilypond mit Kommentaren zu arbeiten. Diese beginnen mit % und weisen in unserem Beispiel auf die Taktzahlen hin.

Alle Funktionen und Artikulationen aufzuzeigen, würde ein wirklich dickes Buch füllen. Glücklicherweise lässt die Community um das Lilypond-Projekt Sie nicht im Regen stehen: Im Web finden Sie eine sehr umfassende deutschsprachige Dokumentation [7]. Sie glänzt mit einem feinen systematischen Aufbau und einer guten Verständlichkeit – vorausgesetzt, Sie wissen was Noten sind.

Wen dieser kleine Exkurs in die kryptische Notensatzwelt eher verschreckt, dem sei gesagt, dass der Lernaufwand sicher recht hoch ist. Dafür kennt Lilypond kaum Grenzen und belohnt Sie mit einem Augenschmaus-Satz, der einem Verlagsdruck in Nichts nachsteht.

Frescobaldi

Wer unter Linux gerne LaTeX verwendet, weiß die Vorzüge des grafischen Frontends Kile zu schätzen. Über Menüs klicken Sie sich die Syntax des LaTeX-Codes zusammen. So brauchen Sie sich nicht jeden Befehl zu merken. Über Schaltflächen aktualisieren Sie bequem eine PDF-Ausgabe für die optische Kontrolle. Dieses Vorbild schwebte wohl den Entwicklern der grafischen Oberfläche Frescobaldi vor.

Nach dem berühmten italienischen Renaissance-Künstler getauft, schickt sich das sehr junge Projekt an, Lilypond eine grafische Oberfläche zu spendieren. Die Software entstand aus dem ehemals als LilyKDE bekannten Plugin für den Editor Kate. Aber um es aber gleich vorwegzunehmen: Auch Frescobaldi erspart Ihnen nicht das mühsame Erlernen der Lilypond-Syntax.

Das dreiteilige Hauptfenster (Abbildung 3) zeigt im linken Bereich den Texteditor, der auf die Eingabe von Lilypond-Code wartet. Rechts erscheint nach einem Klick auf das Lilypond-Symbol der Iconleiste eine PDF-Vorschau des Dokuments. Unterhalb des Texteditors verrät eine Konsolenausgabe eventuelle Syntax-Fehler.

Abbildung 3

Abbildung 3: Das dreiteilige Frescobaldi-Fenster erinnert an den LaTeX-Assistenten Kile.

Am linken Rand finden Sie den vertikalen Schalter Schnell einfügen, der Ihnen ein Menü für ein paar häufig verwendete Artikulationszeichen und Spielanweisungen präsentiert. Setzen Sie beispielsweise den Cursor hinter einen Notennamen und klicken auf das Ornamentik-Symbol Triller, so fügt Frescobaldi dem Code \trill hinzu. In der PDF-Vorschau prangt nach einem Speichern und Kompilieren des Dokumentes das verschnörkelte Triller-Symbol über der entsprechenden Note – bestens ausgerichtet und sauber gerendert.

Wirklich Zeit sparen Sie aber, wenn Sie beispielsweise eine ganze Reihe Noten immer mit einem Staccato-Punkt versehen möchten. Sie markieren einfach im Texteditor alle diese Töne und klicken auf den Punkt in der Rubrik Artikulation. Frescobaldi fügt nun jeder markierten Note die Syntax -. hinzu.

Das ganze Drumherum um eine gelungene Partitur nimmt Ihnen der Lilypond-Aufsatz ebenfalls ab. So ersparen sie sich eine Menge an Lilypond-Tag-Wissen, wenn Sie Ihre Partitur mit dem Assistenten anlegen (Abbildung 4). Rufen Sie über LilyPond | Neue Partitur vorbereiten die Einstiegshilfe auf. Der erste Kartenreiter verlangt Titel, Copyright und was sonst noch an Text auf der ersten Seite eines Scores erscheint.

Abbildung 4

Abbildung 4: Der Partiturassistent erspart Ihnen das Büffeln selten gebrauchter Tags.

Der zweite Reiter Teile organisiert die Akkoladen und Systeme sowie deren Stimmbezeichnungen. Es ist auch möglich, der rechten Klavierhand zwei unabhängige Stimmen zuzuordnen. Im Prinzip erstellen Sie hier im Handumdrehen eine gesamte Orchesterpartitur.

Im letzten Reiter stellen Sie Tonart, Taktart, einen eventuellen Auftakt sowie eine Tempo-Angabe (für die mögliche MIDI-Ausgabe) für Ihr neuestes Meisterwerk ein. Ein Klick auf Ok schreibt eine Menge Text in den Editor. Allerdings ist dieser bestens gegliedert. Über den Kommentar % Musik folgt hier (Abbildung 5) finden Sie sehr schnell die verschiedenen Notenzeilenanfänge und beginnen mit der Eingabe der Notennamen.

Um das korrekte Aufteilen der Noten im System und ein sauberes Positionieren der Spielanweisungen brauchen Sie sich nicht zu kümmern: Lilypond übernimmt diese Aufgabe für Sie und löst sie mit Bravour.

Abbildung 5

Abbildung 5: Mit dem Partitur-Assistenten erhalten Sie ein fertiges Gerüst mit Kennzeichnungen, wo der Notentext beginnt.

Die PDF-Vorschau im rechten Fensterbereich wirkt mitunter etwas fransig und ungenau positioniert. Der Export ins echten PDF über LilyPond | Starte LilyPond (Veröffentlichung) stimmt aber wieder versöhnlich: Das im gleichen Arbeitsordner abgelegte Dokument nimmt es locker mit den Ausdrucken der großen kommerziellen Notensatzprogramme auf.

Sollten Sie im letzten Reiter des Partiturassistenten das Erstellen einer MIDI-Ausgabe aktiviert haben, erscheint nun am unteren Fensterrand der Schalter Spiele MIDI. Hören Sie keine Musik, so installieren Sie noch einen MIDI-Sequenzer. Allgemein üblich und auf fast allen System zu Hause wäre zum Beispiel das Programm Timidity. Mitmenschen bringen Sie Ihre musikalischen Ergüsse über einen Ausdruck, das Versenden per Mail oder eine HTML-Ausgabe des Lilypond-Codes nahe.

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Kommentare
Lilypond im Fazit
Horsthorst (unangemeldet), Dienstag, 04. Januar 2011 11:56:30
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Lieber Mirko,

im Fazit steht, dass in Lilypond Passagen neu geschrieben werden müssten, wenn man etwas transponieren will. Offensichtlich kanntest du den Befehl "\transpose" nicht, der einem sehr einfach das Transponieren von Passagen oder ganzen Stimmen ermöglicht.


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Denemo für Gnome-Nutzer
Christian Herzberg (unangemeldet), Montag, 23. November 2009 03:19:21
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Hallo Mirco,

Du schreibst:
„Gnome-Nutzer holen sich über Abhängigkeiten allerdings so manches KDE-Werkzeug und etliche Qt-Bibliotheken mit an Bord.“

Ein Tool für Gnome, welches sich irgendwo zwischen Frescobaldi und NoteEdit eingliedert ist Denemo:

http://denemo.org

Der Ausdruck wird auch über LilyPond realisiert. Es importiert und exportiert LilyPond-Dateien und ermöglicht sowohl die Ansicht des LilyPond Codes. Andererseits bietet es die Vorteile einer NoteEdit ähnlichen Ansicht und Eingabe von Noten.

Mit der Einschränkung, dass die Kompatibilität mit LilyPond auf einer älteren Version (2.8.1) zu beruhen scheint.

Vielen Dank für den Artikel und
alles Gute


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Deutsche Tonhöhenangaben möglich
Foobarz (unangemeldet), Sonntag, 15. November 2009 14:54:34
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Es ist möglich, deutsche Tonhöhenangaben (also h, b und his statt b, bes und bis) zu nützen, dazu muss nur am Anfang der .ly-Datei die deutsche Definition mit

\include "deutsch.ly"

eingebunden werden.

Desweiteren sind auch andere Sprachen möglich.

Siehe auch hier:

http://lilypond.org/doc/v2....#Note-names-in-other-languages


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MuseScore
Thomas Bonte (unangemeldet), Donnerstag, 24. September 2009 17:17:14
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Hi Mirko,

Can you reveal what version of MuseScore you used for you testing?


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Re: MuseScore
David Bolton (unangemeldet), Donnerstag, 24. September 2009 19:55:09
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Die Probleme mit MuseScore, die Sie erwähnen (unpräzise Mausklick und häufige Abstürze) sind in 0.9.5 behoben


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Re: MuseScore
Mirko Albrecht, Freitag, 25. September 2009 12:56:36
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Vielen Dank für die Information. Wir werden eventuell MuseScore als lohnendsten Kandidaten demnächst einmal genauer unter die Lupe nehmen.

Mirko Albrecht


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LinuxUser 05/2014

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