Aufmacher

Lizenz mit Biss

01.09.2007

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

die GPL hat durchaus Zähne. Auch wenn die Lizenz dem Benutzer alle Freiheiten beim Einsatz der Software gewährt, erhebt sie doch klare Bedingungen, was die Weitergabe der Programme betrifft. Wer gegen diese Lizenzbedingungen verstößt, verliert das Recht zur weiteren Verbreitung.

Das lässt sich notfalls auch gerichtlich durchsetzen, wie das dieser Tage Harald Welte, Autor des Netfilter-Codes im Kernel und Protagonist von GPL-Violations.org [1], anhand von Skype vorexerziert hat [2]. Das Luxemburger VoIP-Unternehmen hatte über seine Website ein auf Linux basierendes VoIP-Telefon angeboten. Allerdings lag dem Gerät weder eine Kopie der GPL noch der Quellcode bei, noch nicht einmal auf die Nutzung freier Software war hingewiesen. Auf die Lizenzverletzung aufmerksam gemacht, legte Skype dem Gerät lediglich ein Hinweisblatt bei, das auf Downloadquellen für die GPL und die Sourcen verwies. Am 24. Juli untersagte daraufhin das Landgericht München I Skype den weiteren Vertrieb, solang das Unternehmen den Maßgaben der GPL nicht genügt.

Das Urteil ist in dreierlei Hinsicht besonders interessant: Erstens machte das Gericht es unmissverständlich klar, dass die Bestimmungen der GPL genauestens beachtet werden müssen und dass selbst Verletzungen von Lizenzdetails zum Rechtsverlust des Lizenznehmers führen. Zweitens wurde hier die GPL einer im Ausland ansässigen Gesellschaft gegenüber durchgesetzt. Und drittens war Skype in diesem Fall nicht etwa der Hersteller, sondern lediglich ein Distributor: Das fragliche VoIP-Telefon stammt aus dem Portfolio des Netzwerkherstellers SMC Networks und wurde von einem spanischen Vertriebsunternehmen über die Skype-Website angeboten.

Falls Sie jetzt gerade nicht darauf kommen, woran Sie diese Vertriebssituation – Linux "um drei Ecken" – so wahnsinnig erinnert, helfe ich gerne aus: Gemäß dem Deal von letztem November bringt Microsoft gerade Supportlizenzen für Suse Linux Enterprise Server im Wert von 240 Millionen US-Dollar unter seine Kundschaft, die es bei Suse/Novell erworben hat. Microsoft ist also Linux-Distributor, auch wenn man das in Redmond nicht wahr haben will. Microsoft sei kein Vertragspartner der GPLv3, ließen die Ballmer'schen Mannen wissen [3], und man habe deswegen keine rechtlichen Verpflichtungen hinsichtlich dieser Lizenz. An der Haltbarkeit dieser Rechtsposition zumindest vor deutschen Gerichten darf man nach dem oben zitierten Skype-Urteil wohl zweifeln.

So ganz scheint man auch in Redmond nicht an die eigene Theorie zu glauben, denn die Stellungnahme schließt sicherheitshalber gleich auch Support und Updates für GPLv3-lizenzierte Software im Rahmen der von Novell erworbenen Zertifikate aus. Das könnte spannend werden, sind doch derzeit bereits knapp 300 freie Software-Projekte auf die GPLv3 umgeschwenkt oder haben zumindest die entsprechende Absicht erklärt [4]. Darunter finden sich prominente Namen und unverzichtbare Tools wie wie Bayonne, die GNU Core Utilities, Gcc, GnuPG, Samba, Sed oder SugarCRM. Aber wer weiß: Vielleicht ist ja ungeachtet aller Lippenbekenntnisse zu Open Source ([5],[6]) ein Linux-Server ohne File-, Shell- und Text-Tools, ohne Compiler und ohne CIFS-Connectivity genau das, was Microsoft am liebsten hätte …

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

Infos

[1] Projekt GPL-Violations.org: http://gpl-violations.org/

[2] Welte vs. Skype: http://www.ifross.de/ifross_html/home2_2007.html#ARTIKEL29

[3] "Microsoft Statement About GPLv3": http://www.microsoft.com/presspass/misc/07-05statement.mspx

[4] Liste der GPLv3-Projekte: http://gpl3.palamida.com:8080/searchResultsShowMe.jsp

[5] "Open Source at Microsoft": http://www.microsoft.com/opensource/

[6] Microsoft erweitert Open-Source-Initiativen: http://linux-magazin.de/news/microsoft_erweitert_open_source_initiativen

LinuxCommunity kaufen

Einzelne Ausgabe
 
Abonnements
 
Kommentare

Infos zur Publikation

title_2014_08

Digitale Ausgabe: Preis € 5,95
(inkl. 19% MwSt.)

Mit der Zeitschrift LinuxUser sind Sie als Power-User, Shell-Guru oder Administrator im kleinen Unternehmen monatlich auf dem aktuelle Stand in Sachen Linux und Open Source.

Sie sind sich nicht sicher, ob die Themen Ihnen liegen? Im Probeabo erhalten Sie drei Ausgaben zum reduzierten Preis. Einzelhefte, Abonnements sowie digitale Ausgaben erwerben Sie ganz einfach in unserem Online-Shop.

NEU: DIGITALE AUSGABEN FÜR TABLET & SMARTPHONE

HINWEIS ZU PAYPAL: Die Zahlung ist auch ohne eigenes Paypal-Konto ganz einfach per Kreditkarte oder Lastschrift möglich!       

Tipp der Woche

Schnell Multi-Boot-Medien mit MultiCD erstellen
Schnell Multi-Boot-Medien mit MultiCD erstellen
Tim Schürmann, 24.06.2014 12:40, 0 Kommentare

Wer mehrere nützliche Live-Systeme auf eine DVD brennen möchte, kommt mit den Startmedienerstellern der Distributionen nicht besonders weit: Diese ...

Aktuelle Fragen

Server antwortet mit falschem Namen
oin notna, 21.07.2014 19:13, 1 Antworten
Hallo liebe Community, Ich habe mit Apache einen Server aufgesetzt. Soweit, so gut. Im Heimnet...
o2 surfstick software für ubuntu?
daniel soltek, 15.07.2014 18:27, 1 Antworten
hallo zusammen, habe mir einen o2 surfstick huawei bestellt und gerade festgestellt, das der nic...
Öhm - wozu Benutzername, wenn man dann hier mit Klarnamen angezeigt wird?
Thomas Kallay, 03.07.2014 20:30, 1 Antworten
Hallo Team von Linux-Community, kleine Zwischenfrage: warum muß man beim Registrieren einen Us...
openSUSE 13.1 - Login-Problem wg. Fehler im Intel-Grafiktreiber?
Thomas Kallay, 03.07.2014 20:26, 8 Antworten
Hallo Linux-Community, habe hier ein sogenanntes Hybrid-Notebook laufen, mit einer Intel-HD460...
Fernwartung für Linux?
Alfred Böllmann, 20.06.2014 15:30, 7 Antworten
Hi liebe Linux-Freunde, bin beim klassischen Probleme googeln auf www.expertiger.de gestoßen, ei...