Ab 2028 soll die Digitalisierung dank des gerade entstehenden Deutschland-Stacks so richtig in öffentlichen Verwaltungen ankommen. Doch bereits jetzt zeichnet sich ab, dass Wunsch und Wirklichkeit womöglich weit auseinanderliegen.
Verglichen mit anderen europäischen Ländern einigte man sich in Deutschland spät auf einen Nationalstaat. Beim 1871 entstandenen Kaiserreich und der Weimarer Republik, seinem Nachfolger nach dem Ersten Weltkrieg, handelte es sich um relativ stark zentralisierte Staatsgebilde, in denen die meisten Entscheidungen aus der Hauptstadt Berlin kamen. Nach dem Zweiten Weltkrieg orientierte sich die Deutsche Demokratische Republik im Osten ebenfalls weitgehend an diesem Modell.
Im Westen wollte auch die SPD eigentlich demselben Ansatz folgen, die CDU dagegen präferierte eher ein föderales Konzept. Letztlich gaben die Beschlüsse der westlichen Besatzungsmächte auf der Londoner Konferenz 1948 und das resultierende Besatzungsstatut von 1949 den Ausschlag: Vor allen Dingen auf Drängen der USA würde es sich bei dem aus den drei westlichen Besatzungszonen zu schaffenden Staat um einen Bundesstaat mit weitreichenden Befugnissen der einzelnen Länder handeln.
Der resultierende ausgeprägte Föderalismus zieht sich in vielen Bereichen gleich einem roten Faden bis in die Gegenwart. So sind Bildung und Polizei Ländersache, Paradebeispiele für dezentrale Organisation. Bei der Digitalisierung geht der Bund jedoch keine Kompromisse ein: Der Deutschland-Stack soll dort als “nationale souveräne Technologie-Plattform für die Digitalvorhaben in Deutschland” [1] quasi Einheit bringen.
An das Prestigeprojekt des neu gegründeten Ministeriums für Digitales und Staatsmodernisierung (BMDS [2]) sind ob seiner hehren Ziele hohe Erwartungen geknüpft. Die Webseite des Deutschland-Stacks erstickte meinen anfänglichen Enthusiasmus schnell. Sie wirkt wenig hoffnungserweckend und ist gespickt mit Gemeinplätzen, Absichtserklärungen, Zukunftsmusik und sogar wörtlich “Work in Progress”. Selbst die ausführliche Lektüre der Informationen wirft mehr Fragen auf, als sie Antworten liefert.
In der Informatik bezeichnet ein Stack einen Haufen. Ihm lässt sich etwas hinzufügen oder wegnehmen. Bei Deutschland-Stack handelt es sich wohl um einen recht chaotischen und instabilen Haufen, was sich spätestens beim Blick auf den Tech-Stack und die dazugehörige Landkarte [3] bestätigt. Er soll eine “Definition der relevanten Standards und Technologien zur Realisierung des Deutschland-Stacks” sein. Ich bin unsicher, was genau dahintersteckt. Auf den ersten Blick sieht der Tech-Stack nach einem Architekturmodell aus. Auf den zweiten Blick kommt unter anderem der Aspekt Virtualisierung nicht vor. Hypervisor? Fehlanzeige. Unterm Strich wirkt der Tech-Stack vielmehr wie ein nicht sonderlich gut gepflegtes Sammelsurium.
Während ich noch versuche, herauszufinden, wie genau der Deutschland-Stack aussehen soll, was genau seine Aufgabe ist (angeblich soll er die öffentliche Verwaltung digital souveräner machen) oder wer ihn betreiben wird, lieferte die Open-Source-Szene schon konstruktive Kritik. Am 5. Dezember 2025 fand im BMDS ein von der OSBA initiierter Workshop [4] statt. Dabei saßen Vertreter und Vertreterinnen aus Wirtschaft, Zivilgesellschaft, Open-Source-Stiftungen, Politik, Behörden und verwaltungsnahen Organisationen am Tisch. Die Teilnehmenden monierten offensichtliche Schwächen des Vorhabens und forderten klaren Open-Source-Vorrang im Deutschland-Stack. Außerdem brauche es Verbindlichkeit bei den Kriterien und ambitionierte, messbare Ziele.
Dem kann ich nur zustimmen und bin gespannt, was sich beim Deutschland-Stack in den kommenden Monaten tut. Grundsätzlich halte ich das Projekt durchaus für eine Chance, Open Source und digitale Unabhängigkeit einig voranzutreiben.
Herzliche Grüße,

Carina Schipper Reuß
Stellv. Chefredakteurin, Strategy & Operations
Infos
-
Deutschland-Stack: https://deutschland-stack.gov.de/
-
“Deutschland-Stack: Was ist drin, im Baukasten für die digitale Verwaltung?”: https://netzpolitik.org/2025/deutschland-stack-was-ist-drin-im-baukausten-fuer-die-digitale-verwaltung/
-
Landkarte Tech-Stack: https://technologie.deutschland-stack.gov.de/
-
“Open-Source-Workshop zum Deutschland-Stack”: https://osb-alliance.de/verbands-news/open-source-workshop-zum-deutschland-stack




