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Test der englischen Version von Photo-Paint 9

01.09.2000 Als Dankeschön an die große Linux-Gemeinde hat man sich beim renommierten Grafik-Software-Hersteller Corel entschlossen, die Bildbearbeitungs-Software Photo-Paint 9 für Linux kostenlos im Internet zu veröffentlichen. Wir haben uns dieses Geschenk einmal etwas näher angesehen.

Abbildung 1: Der Pinguin unter PhotoPaint 9. Im Hintergrund wirft der entsprechende Filter Blasen

Warnung und Hinweis an alle Anwender von WordPerfect Office 2000

Wer die deutsche Version von WP Office 2000 einsetzt und die englische Download-Version von Corel Photo-Paint installieren möchte, wird mit einigen unschönen Gegebenheiten konfrontiert:

  • Zunächst installiert Photo-Paint eine neue Version des Schriften-Managers, mit dem das Office-Paket unglücklicherweise nicht umgehen kann. Falls Ihnen Photo-Paint bei seinem ersten Start ein Update für WordPerfect Office vorschlägt, sollten Sie dieses Angebot deshalb unbedingt annehmen. Geben Sie als Pfad zur "CD-ROM" das Verzeichnis an, in das Sie Photo-Paint entpackt haben. Nun sollten die Schriften unter WordPerfect Office wieder funktionieren. Beachten Sie, dass von Ihnen nachträglich installierte Schriftarten nun noch einmal im Schriften-Manager angemeldet werden müssen.
  • Ein weiteres Problem tritt im Zusammenhang mit der Rechtschreibprüfung auf: Nach einer Installation von Photo-Paint findet WordPerfect die benötigten Dateien nicht mehr. Um das Problem zu beheben, kopieren Sie einfach alle Dateien aus dem Verzeichnis /usr/lib/corel/shared/Writing Tools/9.0/ in das Verzeichnis /usr/lib/corel/Shared/Writing Tools/9.0/. (Beachten Sie bitte die unterschiedliche Schreibweise von "shared".) Nach diesen Maßnahmen sollte Ihr Corel WordPerfect Office wieder einwandfrei funktionieren.

Bei Photo-Paint 9 handelt es sich um ein Bildbearbeitungsprogramm für sog. Bitmap- oder auch Rasterbilder. Obwohl das Programm auch Vektorgrafiken importieren kann, eignet es sich nicht zu deren Manipulation: Diese Aufgabe übernimmt das in Kürze erscheinende Corel Draw, welches dann allerdings nicht mehr kostenlos erhältlich sein wird.

Das auf den Internet-Seiten von Corel (http://linux.corel.com) frei zum Download stehende Photo-Paint ist somit ein direkter Konkurrent zu GIMP, dem bisherigen "Marktführer" unter den Linux-Bildbearbeitungsprogrammen0.

Die Installation der englischen Download-Version klappte reibungslos, wobei der Benutzer, wie schon unter WordPerfect Office 2000, gezwungen wird, die von Corel fest vorgegebenen Verzeichnisse zu wählen. Einzig mit der bereits installierten Version des deutschen WordPerfect Office 2000 vertrug sich Photo-Paint nicht auf Anhieb (siehe Kasten Warnung und Hinweis an alle Anwender von WordPerfect Office 2000). Ebenso konnte eine Integration in das KDE-Menü unter SuSE-Linux nur durch manuelles Nachhelfen erreicht werden.

Die Hilfe bedient sich des schon aus WordPerfect bekannten Systems über HTML-Seiten und ist auch hier sehr ausführlich und insgesamt gut gelungen. Einzigartig in dieser Programmgattung ist das eingebaute Tutorial (Help/CorelTutor), das den Neuling in mehreren Lektionen in die Arbeit mit Photo-Paint 9 einführt.

Dafür, dass auch Photo-Paint unter WINE emuliert wird, ist die Geschwindigkeit relativ gut – bei umfangreichen Bildern bzw. Manipulationen geht das Programm allerdings schon einmal in die Knie. Sie sollten daher die Mindestanforderungen nach einem Pentium 200 mit 64 MB RAM und mindestens 170 MB freiem Festplattenspeicher ernst nehmen. Wer über einen schnellen Computer verfügt, kann mit einer zügigen Arbeitsgeschwindigkeit rechnen. Aber auch hier zieht Photo-Paint bezüglich der Performance gegenüber GIMP eindeutig den Kürzeren. Fehler in der grafischen Darstellung traten, im Gegensatz zu WordPerfect Office 2000, während unseres Tests übrigens nicht mehr auf.

Die Oberfläche wirkt auf den ersten Blick etwas überladen und unübersichtlich, insbesondere weil alle Elemente wie z. B. die Symbolleisten auf alle nur erdenklichen Weisen abgenommen, umpositioniert und an die eigenen Bedürfnisse frei angepasst werden können. Gleichzeitig wird der Anwender von der Fülle der angebotenen Werkzeuge fast erschlagen. Hat man sich erst einmal etwas eingearbeitet, bietet die Benutzeroberfläche aber eine wesentlich einfachere, komfortablere und intuitivere Benutzerführung als der Konkurrent GIMP. Dies gilt speziell auch für die Verwendung der Grafikwerkzeuge. Um z. B. ein simples Rechteck zu zeichnen, genügt hier die Auswahl des entsprechenden Werkzeuges, während man in GIMP zunächst umständlich die Maskierungsfunktionen heranziehen muss. Gerade Umsteiger, die von Windows kommen, werden sich deshalb unter Photo-Paint besser aufgehoben fühlen. Faszinierend ist in diesem Zusammenhang auch die Schattenfunktion: Möchte man beispielsweise einem beliebigen Objekt einen Schatten hinzufügen, genügen die Auswahl des Werkzeuges und ein anschließender Klick auf das entsprechende Objekt. Nun braucht man nur noch die Maus in eine beliebige Richtung zu ziehen – fertig ist der passende Schatten.

Wie auch in WordPerfect Office 2000 hat Corel eine Echtzeitvorschau in Photo-Paint integriert: Noch bevor Sie z. B. einen der vielfältigen, professionellen Filter auf das Bild anwenden, zeigt Ihnen Photo-Paint die Auswirkungen direkt im Bild an. Leider erfordert gerade dieses Verhalten einen leistungsstarken Computer.

Im Gegensatz zu GIMP, für das Plug-Ins extra entwickelt werden müssen, verarbeitet Photo-Paint dank Verwendung des Wine-Emulators die unter Windows weit verbreiteten Photoshop-Plugins. Allerdings ist diese Unterstützung unter Linux etwas eingeschränkt: So konnten wir den "KPT Convolver" unter PhotoPaint nicht zum Laufen animieren. Wann ein Filter funktioniert und wann nicht, hängt ein wenig vom Glück ab – hier hilft nur Ausprobieren. Generell haben aber alle Filter mit einer eigenen Oberfläche sowie Filter, die sich tief in das Betriebssystem setzen, unter Linux kaum eine Chance.

Dateifilter kennt Photo-Paint für alle gängigen Grafikformate; nur einige Animationsfilter wie das AVI-, MPEG- oder QTW-Format mussten bei der Konvertierung auf Linux außen vorbleiben. Das ist insofern schade, als dass zum Speichern von Filmen nur noch das GIF-Format mit all seinen Limitierungen übrigbleibt. Ebenso sucht der Profi viele exotische Grafikformate vergebens. Da ist es nur ein schwacher Trost, dass sich der Linux-Benutzer über Filter für das XPM- und GIMP-Format freuen darf.

Wer viele Bilder konvertieren oder immer wieder auf die gleiche Weise bearbeiten muss, dem steht der sog. Batch-Modus ("Batch Process") zur Verfügung: Photo-Paint arbeitet dabei für eine Liste von Bilddateien bestimmte Skript-Befehle ab, ohne dass der Benutzer eingreifen muss. Auf diese Weise kann man z. B. eine ganze CD mit Bildern im GIF-Format bequem in das JPEG-Format umwandeln lassen.

Abb. 2 und 3: [oben] Installation; [unten] Beim Start wird die Bibliothek GDI32 geladen…

Wie alle anderen Corel-Programme mit der Versionsnummer 9 unterstützt jetzt auch Photo-Paint die direkte Herausgabe der Bilder im weitverbreiteten PDF-Austauschformat. Bei der Einbindung von Scannern setzt Photo-Paint (wie auch GIMP) auf das SANE-Paket, das eigentlich jeder Distribution beiliegen sollte. Somit ist auch das Einbinden kommender Scannergenerationen fürs Erste sichergestellt.

Das Farb-Management ist im Gegensatz zu GIMP viele Schritte weiter und erfüllt die Anforderungen des semi- und sogar professionellen Bereiches. Neben vordefinierten Farbpaletten und dem Umgang mit verschiedenen Farbformaten, wie CMYK und 48-Bit RGB, nebst entsprechender Farbseparation, bietet Photo-Paint auch ICC-Profile für das Farbmanagement an. Mit dem eigens zur Verfügung stehenden Farb-Manager (Tools/Color Manager/Color Management) lassen sich sogar die verschiedenen angeschlossenen Geräte in Profilen aufeinander abstimmen. Man erreicht mit diesem Abgleich, dass die Farben später im Ausdruck exakt so wiedergegeben werden, wie sie zuvor auf dem Monitor angezeigt wurden.

Was beim Farb-Management anfängt, wird bei den Druckfunktionen fortgesetzt: Die einstellbaren Optionen reichen von druckbaren Beschnittzeichen über Farbseparation bis zur genauen Positionierung des Bildes auf dem Papier. Spätestens hier muss GIMP passen. Mit diesen Funktionen schießt Photo-Paint eindeutig über den Heimbedarf hinaus und qualifiziert sich somit auch für den professionellen Bereich, in dem es unter Linux wohl nur noch durch eine Portierung von Adobes Photoshop zu schlagen wäre.

Fazit

Photo-Paint 9 übertrifft den Leistungsumfang von GIMP, insbesondere was die Verwaltung von Farben betrifft, bei weitem. Mit Corels Bildbearbeitungsprogramm gibt es nun endlich eine professionelle und ebenfalls kostenlose Alternative zu GIMP. Insbesondere wer sich mit der Bedienung von GIMP nicht anfreunden kann oder konnte, wird sich – einen schnellen Computer vorausgesetzt – nach einer kurzen Einarbeitungszeit unter Photo-Paint um so wohler fühlen. Bleibt abzuwarten, wie die Konkurrenz aus der Windows- und Macintosh-Welt auf diese Veröffentlichung antworten wird. Den Linux-Fan wird es freuen: Der Einmarsch der professionellen Anwendungen kommt immer mehr in Fahrt.

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Infos zum Autor

Tim Schürmann

Tim Schürmann

Tim Schürmann ist Diplom-Informatiker und derzeit als freier Autor unterwegs. Mehr Informationen finden Sie auf seiner Homepage unter http://www.tim-schuermann.de.


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