Eineinhalb Wochen nach Bekanntwerden der höchst kontrovers diskutierten Tatsache, dass Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble die Schirmherrschaft über den LinuxTag 2007 übernimmt, verteidigt der LinuxTag e.V. heute in einer Stellungnahme die Kooperation.
In vielen eingelaufenen Reaktionen seien die Positionen des Bundesministers zu den Themen elektronische Überwachung und Bürgerrechte “kritisch hinterfragt” worden, der LinuxTag e.V. sehe diese Themen jedoch “nicht im unmittelbaren Fokus der Veranstaltung”, heißt es in der Stellungnahme. Vielmehr solle sich jeder potenzielle Besucher des LinuxTags seine eigene Meinung bilden. Der LinuxTag e.V. sei “nicht in der Position, hier irgendwelche Empfehlungen abzugeben”.
Mit dem Bundesministerium des Innern verbinde den LinuxTag “seit dem Sommer 2001 eine langjährige Partnerschaft, die sich auf den vielfältigen Aktivitäten des Ministeriums für den gleichberechtigten Einsatz von Open-Source-Software begründet”, führt die Erklärung aus. Durch den konsequenten Einsatz von Freier Software in der öffentlichen Verwaltung sei ein großer Beitrag für die Transparenz des Verwaltungshandelns geschaffen worden. Der jeweilige Bundesminister des Innern sei hier ein wichtiger Partner, ohne den die Erfolge in der Vergangenheit nicht möglich gewesen wären.
In Sachen kritische Auseinandersetzung mit den geplanten und teilweise bereits installierten Maßnahmen des so genannten Schäuble-Katalogs − wie Anti-Terror-Datei, Vorratsdatenspeicherung, verdeckte Online-Durchsuchungen via “Bundestrojaner” und Fingerabdruck-Datenbanken − verweist der LinuxTag e.V. auf je einen Vortrag (“Terrorbekämpfung: Operation Troja”) und eine Diskussion (“Vorratsdatenspeicherung und ihre Auswirkung auf Freie Software” ), die zum Veranstaltungsprogramm zählen.
Ein Wegbleiben von der Veranstaltung treffe am ehesten die vielen freien Projekte, die unter Einsatz erheblicher Anstrengungen in ihrer Freizeit die Präsentation ihrer Ergebnisse vorbereitet haben, warnt der LinuxTag e.V. in der Stellungnahme. Bundesminister Schäuble selbst werde von solchen Maßnahmen vermutlich überhaupt nichts mitbekommen, da er aus terminlichen Gründen nicht am LinuxTag teilnehmen könne.
[1] http://www.linuxtag.org/2007/de/home/news/newsitem/article/stellungnahme-zur-schirmherrschaft.html






Na wunderbar. Jeder schiebt die Verantwortung von sich und hätschelt seine Beziehungen. Wenn dann der Bundestrojaner kommt, ist das Gewimmere groß. Wenn nicht der Linux-Tag in der Position ist, hier eindeutig Stellung zu beziehen und “nein, danke” zu dem Innenministerium zu sagen – wer dann? Das wäre ein Zeichen gewesen. Diese Erklärung jedoch ist feige und opportunistisch, sonst gar nichts :-(
Stellung haben sie ja bezogen. Sie sehen uns nicht in der Position, irgendwelche Empfehlungen abzugeben. ;)
Gruß,
Andreas
s/uns/sich
Jenseits von praktischen Aspekten ? warum stilisiert man jemand zum Schirmherrn, den die Veranstaltung derart interessiert, dass er sich noch nicht einmal eine halbe Stunde Zeit für eine Keynote nimmt? ? wirft das ganze für mich einmal mehr ein Schlaglicht auf folgende Fragen, auf denen ich schon längere Zeit herumkaue: Geht es beim Thema FOSS im Allgemeinen und Linux im Besonderen nur um Software und deren Verbreitung, oder steckt da mehr hinter den Vier Freiheiten? Ist tatsächlich eine einzelne Firma “der Feind”, oder handelt es sich dabei nur um den Exponenten einer allgemeinen gesellschaftlich/politischen Fehlentwicklung? Ist die vielzitierte Community nur… Mehr »
Ich sehe das ganz stammtischmäßig einfach. Jemand, der die Durchsuchung von Privatrechnern ohne richterliche Einzelanweisung mit Methoden fordert, die für andere strafbar sind (§ 303b StGB Computersabotage), begibt sich in gefährliche Nähe zu Firmen wie Sony-BMG, die anderer Leute Rechner manipulieren (“Most people, I think, don’t even know what a rootkit is, so why should they care about it?”), und ist für mich als Schirmherr einer Open-Source-Veranstaltung untragbar. Auch wenn das BMI hier eine Tradition hat (Frau Zypries hat das als Staatsekretärin des BMI früher ein paarmal gemacht). Meinen Besuch schenke ich mir jedenfalls dieses Jahr. Das schreit nach einem… Mehr »
Hallo Harald, Zitat: Das schreit nach einem unmißverständlichen Editorial in LM / LU. Zitatende Im kommenden Heft, das Anfang Juni 2007 erscheint, findest Du den Gastkommentar “Irrlichternde Blicke”. Selbst wenn Du so gut wie gar keine Zeit zum Lesen hast, lohnt vielleicht ein kurzer Blick auf den ersten und auf die letzten beiden Absätze. Ein bis zwei Tage nachdem die Print-Ausgabe des Linux-Magazins erschienen ist, lohnt sich in gleicher Sache auch ein Blick auf die Startseite von dignatz.de. Wer wegen des fehlenden Paukenschlags in der Linuxtag-Erklärung enttäuscht war, möge bedenken, dass manche Dinge, die der Seele gut tun (->Paukenschlag), eigenes… Mehr »
Zitat:
Wenn nicht der Linux-Tag in der Position ist, hier eindeutig
Stellung zu beziehen und “nein, danke” zu dem Innenministerium
zu sagen…
Zitatende
In einer solchen Stellungnahme verwendet man diplomatische
Formulierungen, und die klingen für den, der sie nicht gewohnt
ist, naturgemäß flau und lau. Deutlicher werden kann man aber
später an anderer Stelle.
Mein Vorschlag: Hör Dir einfach den satirischen Vortrag
“Terrorbekämpfung: Operation Troja”
http://www.dignatz.de/lt2007program15
an und urteile danach nochmal, ob das ein klares “nein danke”
ist, oder nicht.
PS: Ich kenne den Inhalt des Vortrags :-)
Tja für 2007 ist die Messe im warsten Sinne gelaufen. Der Linuxtag e.V. hat sich nur bemüht ohne Gesichtsverlust rauszukommen. Blöd nur das das auch nicht geklappt hat. Ich habe einen Vorschlag für 2008. Der Linuxtag e.V. bestimmt Bill Gates als Schirmherren und rechtfertigt in einer Presseerklärung das die Positionen Microsofts “kritisch hinterfragt” werden. Jeder Besucher solle sich “seine eigene Meinung bilden” Das Geschäftsgebahren von Microsoft stände “nicht im unmittelbaren Fokus der Veranstaltung”. Der LinuxTag e.V. sei “nicht in der Position, hier irgendwelche Empfehlungen abzugeben”. Da kann man nur mit Bert Brecht antworten: “Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde… Mehr »
Hi, lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Im Klartext, ich würde lieber Schäuble (der anscheinend nicht mal eine Keynote halten möchte) klar ausladen und gar als unerwünschte Person brandmarken. Meiner Meinung nach gefährdet gerade diese Schirmherrschaft die Arbeit Freier Projekte (wobei die Betonung ja auf Frei und Kostenlos liegt). Ich Denke die Signalwirkung wäre sogar größer als das lari fari was gerade läuft. Ich bin ja sonst für Toleranz, aber so etwas geht mir dann doch zu Weit (außer Schäuble würde sich einer Diskussion vor Ort stellen – was für mich ein Besuch der Veranstaltung wieder… Mehr »