Seit jeher prägt Ambivalenz die Beziehung der EU zum Thema Open Source. Nun ist ein internes Papier aufgetaucht, das einmal mehr zeigt, wie wischiwaschi die EU-Politik in diesem Bereich aussieht.
Seit 2018 fördert die EU-Kommission durch das Programm Next Generation Internet (NGI) die Entwicklung freier, quelloffener Systeme. Vom vergleichsweise leicht zugänglichen Fördertopf profitieren beispielsweise Mastodon, Peertube und Jitsi. Das NGI-Programm steht aber schon etwas länger auf der Kippe [1]. Zwar wiegelt die Kommission ab, mit dessen Ende laufe keineswegs die Open-Source-Förderung der EU aus, aber abgesehen davon fallen die Informationen aus Brüssel eher spärlich aus.
Immerhin, der neue Name für das Programm steht fest: Open Internet Stack. In einem offiziellen Papier [2] argumentiert die EU-Kommission, die Namensänderung sei ein essenzieller Schritt in Richtung digitaler Autonomie. Bislang hätte das NGI-Programm vorwiegend Experimente und Kreativität unterstützt. Jetzt sei es an der Zeit, die Innovationen zum Nutzen für die breite europäische Öffentlichkeit zu skalieren. Als Vorbild sieht man dabei Frameworks wie India Stack und GovStack.
Die EU-Kommission malt eine rosige Zukunft: “Stellen Sie sich vor, dass europäische Länder, Unternehmen und Bürger mühelos vertrauenswürdige digitale Werkzeuge einsetzen, die nicht nur mit proprietären Angeboten übereinstimmen, sondern diese übertreffen, die die Einhaltung von Vorschriften erleichtern und souveräne EU-Lösungen garantieren.” Was Punkte wie die Finanzierung oder Höhe der Fördermittel betrifft, herrscht weniger Klarheit. In einem von Netzpolitik.org veröffentlichten internen Dokument [3] finden sich dazu vier Szenarien.
Sie beziehen sich auf den Zeitraum zwischen 2028 und 2034, den kommenden, mehrjährigen Finanzrahmen der EU. Die Spanne reicht von 0 bis 70 Millionen Euro jährlich – Letzteres wäre doppelt so viel Volumen wie bisher. Erwartungsgemäß wirft die nicht gerade klar wirkende Planung der EU allerorts Fragen auf. Doch wenigstens zum Thema Beschaffung gibt es bereits konkrete Ideen. Sie gestaltet sich mangels passender Prozesse in Behörden häufig schwierig. Mithilfe besser auf Open Source zugeschnittener Verfahrensregeln und Personalfortbildungen ließe sich dem Problem begegnen.
Zusätzlich übernimmt die EU-Kommission momentan eine Vorbildfunktion: Mitte Juni 2025 berichtete Euractiv [4] über aktive Verhandlungen des Gremiums mit dem französischen Open-Source-Cloudanbieter OVHcloud. Gehen sie erfolgreich aus, verabschiedet man sich intern von Microsoft Azure. Es gibt weitere Positivbeispiele aus EU-Ländern, die Hoffnungen auf ein digital souveränes Europa durch Linux und Open Source nähren. Die Stadt Lyon [5] etwa steigt momentan auf Linux, OnlyOffice, Nextcloud und PostgreSQL um.
Auch die Dänen [6] geben in Sachen Open Source Gas: Bis zum nächsten Herbst soll deren Digitalministerium unter Linux mit LibreOffice laufen. Danach beabsichtigt Dänemark, die Mission für weitere Behörden fortzusetzen. Sicher zieht das Land auch wegen der US-Politik – Trump, Grönland, Sie erinnern sich – die Zügel bei der digitalen Unabhängigkeit an, aber das ist nur einer von zahlreichen Gründen. Bemerkenswert finde ich dabei, wie flott und konsequent man dabei handelt. Manchmal hilft eben nur das sprichwörtliche “einfach machen”.
Herzliche Grüße,

Carina Schipper
Stellv. Chefredakteurin, Strategy & Operations
Infos
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“EU will Open-Source-Förderprogramm wohl beenden”: https://netzpolitik.org/2024/next-generation-internet-eu-will-open-source-foerderprogramm-wohl-beenden/
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Open Internet Stack: https://ngi.eu/download/ngi-forum-2025-from-ngi-to-open-internet-stack-powering-europes-digital-sovereignty-2-pager/?wpdmdl=66927
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“From NGI to Open Internet Stack”: https://cdn.netzpolitik.org/wp-upload/2025/06/From_NGI_to_Open_Internet_Stack____Activating_the_European_open_digital_industry.pdf
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“Commission eyes ditching Microsoft Azure for France’s OVHcloud over digital sovereignty fears”: https://www.euractiv.com/section/tech/news/scoop-commission-eyes-ditching-microsoft-azure-for-frances-ovhcloud-over-digital-sovereignty-fears/
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“Lyon ersetzt Windows und Microsoft Office durch Open Source”: https://fosstopia.de/lyon-setzt-auf-open-source/
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“Danish department determined to dump Microsoft”: http://www.theregister.com/2025/06/13/danish_department_dump_microsoft/




