Editorial 01/2024

Aus LinuxUser 01/2024

Editorial 01/2024

Insel der Glückseligen

Am 21. November endete durch die Fusion mit einem US-amerikanischen Tech-Unternehmen die Unabhängigkeit von Owncloud. Der Investor Kiteworks setzte bisher nicht auf Open-Source. Redakteurin Carina Schipper hat sich Gedanken gemacht, was das für die FOSS-Szene heißen könnte.

Die Geschichte von Owncloud klingt wie eine, die wohl schon unzählige Male so oder so ähnlich in der Open-Source-Welt passiert ist: 2010 als KDE-Projekt gestartet, wollten die Gründer damit eine eigene Möglichkeit zum Dateiaustausch bieten. Kurz darauf riefen die Hauptentwickler Holger Dyroff und Frank Karlitschek, zwei Urgesteine der deutschen Open-Source-Szene, das passende Support-Unternehmen ins Leben. Einige Jahre später trennte man sich. Während Dyroff am ursprünglichen Projekt festhielt, forkte Karlitschek es und hob damit Nextcloud aus der Taufe [1]. Seither existierten Owncloud und Nextcloud nebeneinander, entwickelten in unterschiedliche Richtungen und wuchsen fleißig.

Als am 21. November dann die Meldung in mein Postfach flatterte, Owncloud habe einen neuen Investor – einen, der auf proprietäre Software setzt – dachte ich: “Oha, was bedeutet das jetzt für das Open-Source-Unternehmen?” Schließlich stufte ich Owncloud als erfolgreiche Firma ein. Auf einer Art Insel der Glückseligen hatte es jahrelang bewiesen, wie gut freie Software funktioniert und dass sich damit wichtige, zahlende Kunden wie das CERN oder die bayerischen Schulen gewinnen lassen. Mit OCIS (Owncloud Infinite Scale) hat Owncloud darüber hinaus vor ziemlich genau einem Jahr seine Führungsstärke in Sachen Technologie gezeigt und vorgemacht, wie sich PHP durch Go ersetzen lässt.

Aber langsam und der Reihe nach – zunächst einmal das, was wir wissen. Der neue Investor Kiteworks fokussiert auf Datenschutz- und Compliance-Lösungen für die Kommunikation sensibler Inhalte über Private Content Networks (PCNs). Einerseits fusioniert er mit zwei bayerischen Unternehmen, Owncloud und Draccon (ebenso angetreten, um Kunden die Souveränität über ihre Daten zurückzugeben, aber proprietär), um sich auf dem DACH-Markt zu etablieren. Laut Pressemitteilung wollen die beteiligten Firmen andererseits selbstverständlich das sichere Management von Daten fördern: “Unsere kollektiven Ressourcen und unser Fachwissen stärken unseren Fokus auf die Förderung von Datensicherheit und Compliance durch den strategischen Einsatz von Private Content Networks auf globaler Ebene” [2]. Es geht also offensichtlich in der Sache außerdem um Know-how – konkret um die Mitarbeiter, bei denen es liegt (Stichwort OCIS). Logisch, denn nachdem bei Owncloud alles konsequent quelloffen ist, kann sich Kiteworks gar nicht in die Produkte einkaufen.

Bislang fehlt jegliche Information dazu, mit welcher Summe Kiteworks bei den beiden deutschen Unternehmen einsteigt. Unklar bleibt ebenso, ob dahinter nicht auch ein klein wenig Openwashing steckt. Die US-Amerikaner betonen, dass sich an den Open-Source-Standards bei Owncloud nichts ändern wird. Alles andere wäre nach meiner Einschätzung vollkommen sinnbefreit, wo doch gerade in Deutschland und Europa FOSS eine stetig zunehmend wichtigere Rolle spielt. Außerdem stellt sich die Frage, was aus den Entwicklern bei Owncloud wird. Die Fusion dürfte zweifellos das Unternehmen und seine Ausrichtung beeinflussen. Sollten Mitarbeiter damit unzufrieden sein, könnte sich die Geschichte in Form eines Forks quasi wiederholen.

Ungeachtet dessen, ob es tatsächlich zu einer solchen Abspaltung kommt, zeigt sich hier aus meiner Sicht ein wirklich schlagendes Argument für Open Source: Was auch immer passiert, Know-how verschwindet dadurch nicht einfach in der Versenkung. Beispiele dafür, dass das auf der Closed-Source-Seite der IT-Welt häufig vorkommt, gibt es zuhauf. Denken Sie nur an den berüchtigten Friedhof der Google-Projekte – mir fällt da spontan Google Plus ein.

Herzliche Grüße,

Carina Schipper

Redakteurin

Infos

  1. Einführung: Ulrich Bantle, “Nach der Scheidung”, LM 07/2018, S. 23, https://www.lm-online.de/41234

  2. Kiteworks-Pressemitteilung zur Fusion: https://www.kiteworks.com/company/press-releases/kiteworks-makes-bold-moves-joining-forces-with-two-german-leaders-in-its-space/

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Philipp Lehmann
2 Jahre her

Guten Tag,

wie schätzen Sie das neue “Angebot” ein?
https://info.kiteworks.com/kiteworks-hardened-virtual-appliance-vanguard

Damit verabschiedet Sich ownCloud doch von dem On-premise/self hosting Gedanken?

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