Editorial 08/2023

Aus LinuxUser 08/2023

Editorial 08/2023

Die grüne Hightech-Wiese

Umweltschützer und Mittelstandsverbände üben Kritik, Politiker sehen es als großen Coup für die europäische Chipindustrie: Intels künftige Fabrik “Silicon Junction” bei Magdeburg. Redakteurin Carina Schipper tut sich schwer damit, die Entscheidung nachzuvollziehen.

Sanfte Hügel, dazwischen schlängelt sich die Elbe nach Norden. Fruchtbare Böden, viel Natur und Ruhe – so lässt sich die Region um die Landeshauptstadt Sachen-Anhalts beschreiben. “Magdeburg überrascht”, heißt es auf der Webseite des Magdeburger Tourismusverbands [1]. Dass hier in ein paar Jahren zwei nagelneue Intel-Werke die Landschaft erweitern sollen, überrascht mich zunächst etwas. Sie wirken in meiner Vorstellung in einem vor allem landwirtschaftlich geprägten, strukturschwachen Landstrich etwas deplatziert.

30 Milliarden Euro lässt sich der US-Konzern das Projekt “Computerchips made in Sachsen-Anhalt” kosten. Der Bund steuert knapp satte 10 Milliarden Euro bei, was wesentlich zur Entscheidung für den Standort Magdeburg beigetragen haben dürfte. Daneben bietet er ganz banal die nötige “grüne Wiese” für eine Fabrik dieser Größenordnung. Laut Deutschlandfunk winken bei Anlaufen der Produktion außerdem weitere Vergünstigungen wie ein Sondertarif für Strom [2].

Warum man aus deutscher und europäischer Perspektive Chiphersteller lieber bei uns als in Fernost sehen möchte, ist offensichtlich und verständlich. In den letzten Jahren haben wir erfahren müssen, auf welch tönernen Füßen etwa Lieferketten stehen. Dementsprechend klingt eine gewisse Unabhängigkeit im Bereich der strategisch wichtigen Halbleiterindustrie durchaus beruhigend.

Selbstverständlich springen zudem Arbeitsplätze bei der Sache heraus, was in strukturschwachen Regionen grundsätzlich zu befürworten ist. Intel berichtet im Zusammenhang mit seinem als “Silicon Junction” bezeichneten Komplex von allein rund 3000 qualifizierten Arbeitsplätzen im Hightech-Bereich. Bundeskanzler Scholz spricht gar davon, dass Intel der Magdeburger Börde “ein ganzes Ökosystem” bescheren werde.

Die Kehrseite der Medaille zeigt sich ebenso klar, zwei Schlagworte drängen sich förmlich auf: Flächenversiegelung und Wasserverbrauch. Schon jetzt kämpft Sachsen-Anhalt mit Trockenheit – da fallen geschätzt 600 000 Kubikmeter Wasser monatlich für eine Chipfabrik deutlich ins Gewicht. Kaum verwunderlich also, dass Klima- und Umweltschützer das Projekt nicht gutheißen.

Obendrein stammt die Finanzspritze für Intels Niederlassung aus einem Sondervermögen des Bunds, dem Klima- und Transformationsfonds. Das verwirrt nicht nur Umweltschützer und die Redaktion der TAZ [3], sondern auch mich. Immerhin geht es um einen Marktführer in der Nanotechnologie, nicht um eine Forschungseinrichtung für nachhaltige Produktion.

Auf die Frage, woher die gut 3000 Hightech-Fachkräfte kommen sollen, fand ich ebenfalls keine zufriedenstellende Antwort. Bisher gibt es keine Informationen, welche Chips Intel für wen am deutschen Standort herstellen will. Es bleibt also offen, um welche Experten es sich letztlich handeln soll und ob sie der ohnehin karge Fachkräftemarkt in Deutschland überhaupt hergibt, oder der Konzern Personal aus dem Ausland anwerben muss.

Da ist noch etwas, dass ich nicht ganz begreife: Warum wollte man gerade Intel nach Deutschland locken? Der Konzern zählt zweifellos zu den Chip-Platzhirschen, aber gäbe es wirklich keine – womöglich sogar klügeren – Alternativen? Was ist beispielsweise mit ARM? Die britischen Chips glänzen mit einer hochwertigen Prozessorarchitektur, arbeiten energieeffizient, stecken in den meisten Handys und Tablets und erfreuen sich im Embedded-Sektor großer Beliebtheit. Das hätten Argumente sein können.

Herzliche Grüße,

Carina Schipper

Redakteurin

Infos

  1. Magdeburger Tourismusverband Elbe Börde Heide: https://www.regionmagdeburg.de/Freizeit-und-Tourismus/Region/

  2. “Intel-Chipfabrik in Magdeburg – Zukunftsinvestitionen gegen Staatsknete”: https://www.deutschlandfunk.de/intel-fabrik-chips-subventionen-magdeburg-100.html

  3. “Geplante Intel-Fabrik in Magdeburg – Wo die Chips an den Bäumen wachsen”: https://taz.de/Geplante-Intel-Fabrik-in-Magdeburg/!5939815/

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oscar
2 Jahre her

Dieselben Fragen kamen mir auch in den Sinn, da ich aus der Gegend komme.
Aber ich denke mal, dass ARM nun halt jetzt gerade kein neues Werk in der Sowjet…. äh… also ich denke nicht, dass man Intel hofiert hat, sondern es wird eine Ausschreibung für den Standort gegeben haben. Wo doch in 33 Jahren noch kein Soli im Osten angekommen ist.
Der Präsident von Ecuador hatte den USA auch 23 Millionen Euro Entwicklungshilfe (für Menschenrechte) angeboten, als die Edward Snowdons Auslieferung verlangten :D
Er will übrigens immer noch nach Deutschland.

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