Editorial 05/2023

Aus LinuxUser 05/2023

Editorial 05/2023

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Das Wettrüsten im Cyberraum ist kein neues Phänomen. Dass mindestens Russland, China und die USA dabei um eine Vormachtstellung ringen, überrascht Redakteurin Carina Schipper genauso wenig wie der immer wieder aufflammende Diskurs um Hackbacks. Fragt sich bloß, ob Letztere sinnvoll sind.

Vor dem 20. Jahrhundert fanden Kriege vor allem auf Schlachtfeldern statt. So schlugen sich im Oktober 1813 auf einem recht eng umrissenen Gebiet weit über 500 000 Mann gegenseitig die Köpfe ein. In der Völkerschlacht bei Leipzig versuchte sich die Allianz aus Preußen, Russland, Österreich-Ungarn und Schweden von der napoleonischen Vorherrschaft in Europa zu befreien [1]. Von einem solchen Gefecht waren die Menschen in Europa noch nicht zwangsläufig unmittelbar betroffen. Zwar litt die Bevölkerung unter den Auswirkungen des Kriegs, aber die eigentlichen Kampfhandlungen spielten sich häufig nicht in ihrer direkten Umgebung ab.

Im Zweiten Weltkrieg sah die Sache schon ganz anders aus. Nicht zuletzt der Bombenkrieg verlagerte den Kriegsschauplatz deutlich stärker in die Lebenswirklichkeit der Menschen. Man bekämpfte sich dezentraler und nicht mehr ausschließlich auf weiten Ebenen oder in einem verzweigten Labyrinth aus Schützengräben. Aus meiner Sicht haben sich damals die Dimensionen des Kriegs erheblich verändert. Genau das geschieht nicht zuletzt durch den Krieg in der Ukraine nun erneut.

Kürzlich veröffentlichten die Süddeutsche Zeitung, der Spiegel und zahlreiche andere, internationale Medien die “Vulkan Files”. Die SZ schreibt im Zusammenhang damit von “exklusiven Einblicken in die Waffenkammer von Putins Cyberarmee” [2]. Seit Jahren häufen sich Berichte über Cyberangriffe, bei denen man munkelt, der Kreml könnte die Finger im Spiel gehabt haben. Auch andere Protagonisten, wie die US-Geheimdienste, der israelische Mossad oder das iranische Regime stehen immer wieder unter Verdacht, fleißig zu hacken. Kurz: Staaten tragen Auseinandersetzungen inzwischen vermehrt im digitalen Raum aus und werden das vermutlich in Zukunft ausbauen.

Dementsprechend verwundert es kaum, dass die Debatte um Hackbacks einmal mehr im Raum steht. Bundesinnenministerin Nancy Faeser verhielt sich in diesem Punkt bisher nicht konsistent. Die Regierung spricht sich laut Koalitionsvertrag klar dagegen aus [3]. Immerhin scheint man sich einig zu sein, wer in Deutschland das Thema Cyberabwehr übernehmen soll: das Bundeskriminalamt. Oder doch nicht? Ob die BKA-Idee rechtlich funktioniert, bleibt bislang offen. Immerhin gehört es eindeutig nicht zu den Aufgaben des BKA, aktiv zum digitalen (Gegen-)Schlag auszuholen [4]. Dafür ist grundsätzlich das Kommando Cyber- und Informationsraum der Bundeswehr zuständig. Außerdem gibt es da noch das BSI, das sich mit der operativen Cybersicherheit und passiver Cyberabwehr beschäftigen soll.

Da stellt sich die Frage, ob wir in Deutschland womöglich derzeit Schritt B vor Schritt A zu machen. Vor dem Verteilen von Zuständigkeiten sollte der Staat erst einmal klären, wie wir mit digitalen Kriegshandlungen überhaupt umgehen. Ab wann lässt sich von Cyberwar sprechen? Lässt sich überhaupt einschätzen, welche Konsequenzen eine Cyberattacke hätte? Krieg funktioniert heute anders als in den vergangenen Jahrhunderten. Jeder weiß, welche Folgen ein Zurückschießen nach sich zieht. Aber wie sieht es mit Zurückhacken aus? Es könnte einem Stich ins Wespennest gleichkommen …

Herzliche Grüße,

Carina Schipper

Redakteurin

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