Editorial 02/2023

Aus LinuxUser 02/2023

Editorial 02/2023

Leute, lasst uns gehen

Twitter erlebt dieser Tage schwere Zeiten, nicht nur wegen des nicht abreißenden Exodus der Nutzer. Seit Elon Musk am Steuer der Plattform sitzt, geht es sprichwörtlich drunter und drüber. Unsere Redakteurin Carina Schipper kann sich trotz der interessanten Alternative Mastodon nicht so richtig vom Kurznachrichtendienst trennen.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

Im Sommer 2014 traten zwei Dinge gleichzeitig in mein Leben: Twitter und Elon Musk, beide im Kontext meines Volontariats. Die Plattform entwickelte sich für mich rasch zu einem Mix aus RSS-Feed und Unterhaltungsmedium. Passierte irgendetwas, machte es auf Twitter in scheinbar rasender Geschwindigkeit die Runde. Als Journalistin lernte ich damit umzugehen und verbrachte meine Zeit dort lieber als auf Facebook mit seinen überhandnehmenden Werbe-Posts oder in reinen Business-Netzwerken wie Linkedin.

Mitte der 2010er-Jahre tummelte sich auf Twitter längst auch Elon Musk. Ich erinnere mich gut, wie ich nach Tweets von ihm suchte, um meinem Chefredakteur für einen Artikel zur damals gerade angekündigten Tesla-Gigafactory in Nevada zuzuarbeiten. Über den Boss der Elektroautofirma wusste ich wenig. Er hatte sich Energieeffizienz auf die Fahnen geschrieben, das klang nicht allzu schlecht. Danach verlor ich Musk etwas aus den Augen, trotz seines Raumfahrtprogramms SpaceX. Für mich war er irgendein Technikvisionär, der prinzipiell brauchbare, wenngleich dezent utopische Ideen hatte. Spätestens die jüngste Vergangenheit beweist: Ich lag daneben.

Ende Oktober 2022 hat der Multimilliardär meinen Lieblingskurznachrichtendienst übernommen. Sein Image hat bei mir schon im Zuge des Wirbels um die Tesla-Fabrik in Brandenburg gelitten, doch was er als Twitter-Chef zumindest bis zum Redaktionsschluss unseres Magazins veranstaltet, stößt bei mir auf blankes Unverständnis. Zunächst proklamiert er, auf Twitter die Redefreiheit stärken zu wollen, dann sperrt er willkürlich Nutzerkonten, darunter zahlreiche Journalisten. Hatespeech will er auch bekämpfen. Da wirkt es auf mich durchaus befremdlich, wenn Musk beispielsweise den Account Donald Trumps reaktivieren lässt.

Ein anderes Phänomen, das sich beim Überfliegen der Tweets des selbst ernannten “Chief Twit” offenbart, ist sein Hang dazu, die Community abstimmen zu lassen. Das sieht ja so schön demokratisch aus. Beim Verkünden der Resultate antwortet Musk gern mit “Vox populi, vox Dei” [1]. Die Stimme des (Twitter-)Volks ist also die Stimme Gottes? Da fehlen mir tatsächlich die Worte und ich bin vollends verwirrt. Ein echtes Highlight markiert in diesem Kontext das Ergebnis seiner Umfrage, ob er Twitter-Chef bleiben sollte. Die Nutzerschaft aka Gott ist wohl dagegen.

Als gleichsam bizarr, absurd und traurig unterhaltsam empfinde ich Musks Technik- und Personalentscheidungen. Nachdem er zahlreiche Entwickler feuerte (um festzustellen, dass kaum noch welche für den Betrieb seiner Plattform übrig blieben), meldete “Der Standard” am 14. Dezember, dass Twitter-Angestellte wohl zumindest teilweise keinen Zugriff mehr auf wichtige Github-Repositories hätten [2]. Angesichts dieses Wirrwarrs ließ mich ein Post einer meiner Twitter-Kontakte kürzlich doch etwas schmunzeln. Sinngemäß stellte der die Frage danach, was schneller zum Ende von Twitter führen würde: hausgemachte technische Probleme oder der anhaltende Nutzerschwund?

Das Abwandern der Menschen zu freien Alternativen wie Mastodon kann ich gut nachvollziehen. Als Alternative erscheint auch mir Mastodon interessant, nicht allein wegen seines Open-Source-Konzepts. Mich interessieren dort auch Instanzen wie social.linux.pizza [3]. Obendrein ziehen viele meiner Twitter-Kontakte dorthin um. Zudem gibt es komfortable Tools, mit deren Hilfe Sie Ihre Follower und Personen, denen Sie selbst folgen, mitnehmen können, wie Fedifinder [4] oder Debirdify [5].

Ob und wann ich meine Zelte bei Twitter abbreche, kann ich noch nicht sagen. Aus meiner Sicht lohnt es sich aber auf jeden Fall, noch tiefer in die Welt von Mastodon und Co. einzutauchen – schließlich entsteht mit dem Fediverse gerade etwas, was in seinen Anfängen an die des Internets erinnert.

Herzliche Grüße,

Carina Schipper

Redakteurin

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